Der nächste Sonntag ist wieder
trüb. Als ich abends am Hangfuss den Aufgang zur Station erreiche, umschliesst
mich Dunkelheit. Zwischen Laubbäumen und Gestrüpp hängt ein beissender Geruch
von Falllaub und Hundekot. Die Treppe ist glitschig. Auf dem moosigen Pflaster
ihrer Stufen lagert eine Schlammschicht. Seit dem Frühjahr ist sie wohl nicht
mehr geschrubbt worden.
Willkommen in Gatelochport. Die
Schirmlampe über der angerosteten Tafel hat kein Licht, wahrscheinlich ist ihre
Birne ausgebrannt. Die Schrift kann ich zwar halbwegs entziffern, die
Begrüssung scheint mir indessen auf der verkehrten Seite der
Trassee-Unterführung angebracht. Doch ich sehe keinen Grund, darüber
nachzudenken. Im Halbdunkel markiert immerhin der weisse Stabzaun auf den
Mauerbögen den Durchgang zur Bahnsteigrampe.
Das Bahnhofsgebäude ist ein
schmaler Pavillon im britischen Kolonialstil. Eine Art von indischem Kiosk
unter einem apart schwebenden Fusswalmdach. Der Architekt hat das zierliche
Monument in ein ziegelrotes Kiesbett gesetzt. Säuberlich abgehoben sollte es
auf der Plattform neben dem Geleise stehen. Seine bescheidene Eleganz wirkt im verwahrlosten
Umfeld allerdings arg heruntergekommen. Als sommers täglich Kurgäste in Gatelochport
eintrafen, wurde der Perron von einem blau uniformierten Bahnbeamten mit
goldenen Tressen wohl jeden Morgen geharkt. Heute schiesst Unkraut aus Kies und
Mauerfugen. Eine eingeknickte Gleisdraisine vor dem Bahnhof ist vom
Museumsstück zur Gartenlaube verwildert.
Im Schalterraum ist Licht. Ich
stehe vor der Bahnhofsuhr. Am römischen Zifferblatt frisst Rost. Unter der
Tafel mit dem roten Pfeilsignet der Bahngesellschaft hängt ein Anschlag:
Achtung! Sie haben eine CCTV-Zone
betreten. Die 24-Stunden CCTV ist im Aufnahmebetrieb zum Zweck des
Kundenservice, der Verbrechensverhütung und der öffentlichen Sicherheit.
Ich kann einen Lacher nicht
verklemmen. Der Stil ist so zeitlos wie aus der Zeit gefallen. Wenn etwas
politische Wenden überlebt, dann sind es die Satzagglomerate bürokratischer
Verordnungen.
Da ich ein Ticket benötige, trete
ich in den weiss getünchten Schalterraum. Seine Beleuchtung ist grell. Weder
hier noch im Office ist ein Mensch. Ich setze mich auf die Holzbank. Auf der
Zufahrt draussen knallt eine Autotüre und ein Wagen fährt weg. Dann höre ich
Schritte auf dem Kies. Jemand wartet auf dem Bahnsteig und brummelt vor sich
hin.
Die Züge auf der Strecke sind
unpünktlich. Verspätungen sind die Regel. Wenn ein Zug von Mallaig ankommt, ist
eine halbe Stunde Verspätung und mehr nicht ungewöhnlich. James hat mir eine
Handvoll Railcoins zugesteckt. Ich werfe eine in den Automaten und klicke ein
Ticket nach Glasgow-Central. Dann setze ich mich wieder. Das Licht schmerzt.
Ich schliesse die Augen.
Stichwort Eastend, Ecke John-Knox-Road.
Montagabend. Andrew bestellt mich durch Juko zum Eingang des viktorianischen
Totenreichs. Weshalb treffe ich ihn nicht in einem der Pubs im Zentrum, im
Cobra oder in der Pinte von St.Enoch bei den Obdachlosen? Eintauchen ins
Banale, untertauchen im Biotop der harmlosen Abnormitäten! Könnte man sich
fallen lassen in das Urvertrauen, dass alles Ungeheure am Ende gut ist? Im
Glaubensmotto der Grossmutter auf Uist sammelt sich die Erfahrung von
leidgeprüften Seeleuten und Bauern. Soll man sich zurückziehen, ein Boot bauen
oder wieder flott machen wie der Enkel? Wie James?
James ist kein Insulaner. Die
Ambition des Frontreporters frisst seine Seele. Er ist ausgebrannt und altert
zäh. Das Boot ging auf Grund. Das Boot ist die Garantie für seine
Ungebundenheit. Seine Überlebensgarantie. James der Ketzer. Der Tüftler. Der
rückhaltlose Perfektionist. Sein Ketzertum ist vielleicht eine Insel-Erbschaft.
Aber James ist auch ein rückhaltloser Pessimist. Ein Einzelgänger. Für unsere
Sache habe ich ihn nicht gewonnen. Trotzdem weiss ich: Wenn es drauf ankommt,
wenn alles daran hängt, dann ist er dabei.
Sechs Tage Zimmerarbeit an James
Arche fährt höllisch in die Knochen. Und heute kam wieder die Sintflut. Ich
könnte der Müdigkeit nachgeben und in einen Halbschlaf sinken. Könnte mir
augenzwinkernd die Wartezeit stehlen lassen. Der kurze Pfeifton, durch den der
Zug sich ankündigt, würde mich rechtzeitig wecken. Ich horche auf. Ein Schauer
ergiesst sich jäh auf das Zinndach. Er hält an und ich horche mit geschlossenen
Augen entspannt in den Trommelwirbel.
Doch mit einem Scharrgeräusch
schwingt die Türe in mein meditatives Schweben. Ein schwarzer Schalenkoffer
wird hereingeschoben. Ihm folgt ein Junge. Er trägt eine marineblaue
College-Uniform und buckelt einen prallen Rucksack. Mit dem Koffer blockiert er
die Türe und geht mit breitem Schritt zum Schalter.
Er beugt sich über die Theke vor
und ruft ins Office:
Wo zum Teufel ist der Service?
Ein Beamter tritt aus dem
Nebenraum, späht durch die dicken Gläser seiner Hornbrille.
He! sagt der Junge: Wenn mein Zug
nicht bald ankommt, habe ich in Glasgow keinen Anschluss mehr nach Dumfries
oder habe ich etwa?
Du kannst doch die Hauptstrecke
nehmen und von Lockerbie locker den Bus rüber.
Da komme ich zu spät, wenn der
Bus überhaupt fährt.
Was kann ich da ändern, wenn du
keinen früheren Zug nimmst?
Den Bummel-aber-sicher-Zug führt
ihr ja gar nicht im Internet.
Den musst du in deinem Kopf
anklicken, Querkopf!
Der Junge kehrt sich zu mir hin
und ruft aus, als ob ich ein Publikum wäre:
Wenn der Zug mal gar nicht mehr
ankäme, dann würden die Schalterficker nicht einmal nachfragen, warum er
ausbleibt. Die verstehen ja nichts als Bahnhof.
In diesem Augenblick ertönt von
Whistlefield her der Pfiff. Asthenisch, doch diesmal anhaltend. In der langen
Kurve von Whistlefield ist dies, zumal bei Regen, vielleicht Vorschrift.
Na, sagt der Bahnbeamte und geht
auf den Fahrsteig hinaus. Nicht zwei Minuten später schnarren die Bremsen und
der Zug steht im Platzregen still.
Der Junge schiebt hinter mir
seinen Koffer an Bord, zerrt ihn über die Gangschwelle und lässt ihn bei der
ersten Bank stehen. Obwohl der Wagen fast leer ist, platziert er mir gegenüber
seinen mächtigen Rucksack und setzt sich daneben.
Lewis
Ich täusche mich nicht, es ist
der Junge, welcher am Sonntagmorgen vor einer Woche von der Rasenterrasse
seiner Mutter nachwinkte, als diese vor der Garage ihren Sportwagen bestieg und
davonfuhr. Ich schaue ihm ins Gesicht.
Der Junge spricht mich sofort an:
Du hast doch die Woche über am
Strand zusammen mit James an der MIST gearbeitet.
Er kennt James und er kennt den
historischen Namen des Boots, das James bloss seine Lady nennt.
Ich habe euch beobachtet. Letztes
Wochenende schon. Tolles Boot. Ist es bald wieder seetüchtig?
Es ist dicht. Aber in der
Steuerkabine ist noch einiges zu tun. Und unter Deck.
Die Ausstattung. Ziemlich
altmodisch. Ist der neue Bordradar schon installiert?
Er wird geliefert.
Ich habe vor drei Wochen drunten
zugeschaut. James hat mir einen Kaugummi gegeben. Der war kotzscharf. James hat
gelacht, als ich ihn ausspuckte. Aber abends hat er mir einen alten
Seefunkempfänger geschenkt. Telefunken. Der sei für das Boot nicht tauglich,
sagte er, aber noch brauchbar. Er hat nur gezwitschert. Vater hat die
Frequenz einer Vanguard eingestellt, welche in den
Atlantik hinausgelaufen war. Wir hörten einen Brummsound wie von einer tiefen
Basssaite, aber alle anderen Saiten schwangen mit, es waren mindestens fünf
Töne und ein langer, ganz, ganz langsamer Takt. Ich habe lange hingehört. Vater
sagte, dass wir einen Decoder bräuchten, um den Funkverkehr mitzuhören. Den
hätte aber nur das Kommando.
Dann arbeitet dein Vater auf der
Navy-Werft?
Ja. Er ist Physiker und
Ingenieur.
Er munitioniert sicher die
Tridents mit der Bombe.
Klar. Er justiert nicht gerade
die Schrauben.
Dann macht er die
Zielprogrammierung.
So ungefähr.
Todsicher präzise. Meinst du
doch, wenn er Navy-Ingenieur ist.
Bestimmt. Aber mit mir und Mom
spricht er nicht über seine Aufgabe.
Verständlich.
Weisst du, weshalb die MIST auf
Grund tauchte?
Sie war nicht mehr dicht. Da
dringt Wasser ein, wenn man nicht zuschaut. Sie ist ja kein U-Boot.
Mein Vater hat es mir anders
erklärt. Sie ist eine alte Holzkonstruktion. In ihrer Kategorie so gut wie ein
U-Boot, sagte er. Aber während der Stürme überdreht sich die Kette. Wenn man
nicht zuschaut, zieht sie die Yacht herunter, bis Wasser über Deck einbricht.
Woher weiss das dein Vater?
Das weiss man doch.
Glaubst du, James hat sein Boot
im Stich gelassen?
Ich weiss nicht. Er war oft lange
weg. Und dann die Stürme. Sie marschierten im Frühling reihenweise an.
Wo war er denn?
James? Weiss nicht. Er hat in
Gatelochport wenig Kontakt. Und seine Frau war nicht mehr da. Du kennst ihn,
frag ihn doch!
Wir kennen uns nicht so gut. Ich
bin ja nur so eine Hilfskraft. Aber du! Wohin fährst du denn noch in dieser
Nacht? Es wird spät, bis du in Dumfries bist.
Pa hat mich auf die Station
gebracht. Ich hab viel Gepäck, die Urlaubswoche ist vorbei, ich fahr zurück ins
College.
Was willst du denn mal werden?
Ich? Ingenieur.
Für Schiffbau?
Nein. Ich werde Automobile bauen.
Wieso gerade Automobile?
Am Wochenende nimmt mich der
Vater immer auf Autorennen mit oder auf Training-Camps. Wir sind meistens in
der Box, bei den Rennmonteuren. Oder dort, wo sie die heissen Öfen testen. Da
kann ich mithelfen und in die Motoren reinschauen.
Muttern anziehen beim
Reifentausch?
Auch mal.
Da atmest du den Spritdunst und
den Rubberqualm.
Ja. Das ist Parfum! Und wenn die
Boliden in die Kurve röhren, wieder
hochbrummen und auf der Strecke hybrid vorbeizischen, das ist Musik. Als der Wagen unseres Teams siegte, haben mir
die Monteure auf die Schulter geklopft und ein Bier in die Faust gedrückt. Wir
haben gefeiert. Unsere Elektrokomponente hatte den Durchbruch geschafft.
Dann gehörst du zum Team?
Mein Vater ist Sponsor bei Sir
Williams Formula 1, weisst du. Er investiert in den Nachwuchs der Champions.
Macht sein Anwärter Karriere, dann ist Pa finanziell beteiligt.
Deine Mutter ist an Wochenenden
wohl viel allein. Oder kommt sie auch mit?
Nein. Mom hat ihre Freunde. Sie
arbeitet unter der Woche in Edinburgh, weisst du. Dort betreibt sie eine
Galerie. An den Wochenenden geht sie auf Ausstellungen oder einkaufen. Dann
sind die Auktionen, in London oder Brighton.
So warst du ja allein, wo beide
Eltern arbeiten. Wie schlägst du die Zeit tot, wenn du eine ganze Urlaubswoche zu Hause verbringst?
Falls auch meine Kollegen Urlaub
haben, bin ich abends oft an Parties. Mom will das. Übrigens, sie nennt mich
Bill the Rabbit. Ich weiss, ich hab abstehende Ohren und das linke steht etwas
mehr ab.
Der Junge strahlt mich an:
Wenn ich laufe, sagt Mom, dann
mache ich immer eine Kurve nach links, weisst du. Sie sagt, ich müsse halt
damit leben.
Er schaut mir mit einem breiten
werbenden Grinsen ins Gesicht, dann etwas verlegen zum Fenster. Der Zug fährt
gerade durch einen Tunnel. Da blickt er auf und sagt:
Aber ich habe trotzdem eine
Freundin.
Ist sie hübsch?
Wir treffen uns an Parties und
tanzen. Da hat jeder ein Girl. Ohne eine feste Beziehung wirst du ignoriert,
das geht nicht. Sie ist zwar älter als ich, aber aus guter Familie. Und sie
sieht toll aus. Sie schielt nicht wie die von Tob und sie hat feine weisse
Hände. Beim Tanzen legt sie die Rechte mit dem goldenen Armreif auf meine
Schulter.
Besucht sie dich zu Hause?
Nein, sie ist viel beschäftigt.
Wenn ich ihr telefoniere, hat sie immer einen Termin. Ich zwar auch. Ich wollte
sie am Samstag zum Camp des Schiessclubs einladen, wo wir trainieren. Aber sie
hatte Textprobe für die Prüfung an der Schauspielschule.
Sie probt Rollen und du gehst
schiessen?
Ja. Sie hat einmal gesagt, für
Spezialaufnahmen zu einem Film würden sie einen Stuntman brauchen, der
schiessen könne. Willst du meine Waffe sehen?
Hast du sie an einer Traggurte stecken?
Ich habe zwei. Aber eine davon muss
griffbereit sein.
Er greift mit der echten Hand
unter sein Jackett und zieht eine kurze Handfeuerwaffe:
Eine SMART. Kleinkaliber. Sie ist
leicht, aber sie schiesst Serie.
Ist sie geladen?
Ja. Aber gesichert. Hier ist die
Blockierung.
Kannst du den Colt einfach ins
College mitnehmen?
Klar, wir haben strenge
Kontrolle. Waffen, Drogen! Wenn wir das College betreten, geben wir unsere
persönlichen Waffen, sofern wir sie dabei haben, am Eingang ab. Sie werden
verwahrt. Jeder unterschreibt den Depotschein. Für die Kontrolle ist die
College-Polizei zuständig. Sie schickt jeden durch den Scanner. Aber wir werden
im College auch geschult: Umgang mit der Waffe, Feinderkennung, Teamgeist,
Sicherheit und Verantwortung. Schulung und Training leitet der Kommandant.
Wie erkennt man denn einen Feind?
Es gibt doch Leute, denen du von
Natur misstraust. Die haben auch dieses Profil, dass sie fremdes Gedankengut
vertreten, das mit der nationalen Überzeugung unverträglich ist. Sie verachten
auch unsere Staatsorgane und Gesetze und machen sich durch geheime Vorbereitung
von Anschlägen verdächtig. Sag nicht, dass du das nicht weisst!
Woran erkennst du denn einen
Staatsfeind, wenn er sich dir gegenüber als ein solcher nicht durch Parolen und
sein Gerede zu erkennen gibt?
Du bist doch schlau! Du kennst
ihren Umgang, sie leben in ihrem Milieu und dealen auf einem schwarzen Markt
mit allem Möglichen. Es gibt dort Drogen und auch Waffen. Zu ihrem Milieu und
auch sonstwo, wenn sie in Gruppen auftreten, hältst du Distanz.
Echte Terroristen leben doch
nicht in Ghettos wie Zuchtfische im Bassin. Ausserdem operieren sie nicht immer
in Gruppen, es gibt auch Einzelgänger.
Klar, das sag ich ja. Du kannst
zum Beispiel ein Muslim sein und in einem muslimischen Stadtteil leben, aber du
bist kein Terrorist. Auch ein getaufter Christ kann ein Terrorist werden, ganz
gleich, ob er ein Weisser ist oder von einer anderen Hautfarbe. Einer kann zum
Terroristen mutieren ohne dass man es an äusseren Anzeichen erkennt. Aber er
hat seine heimlichen Verbindungen. Die legt eine Datenanalyse bloss. Das ist
Spezialwissen. Man gehe da
multidimensional heran, sagt unser Kommandant. Er sagt aber auch, dass sie
nicht immer organisiert sind, sondern es gibt unter ihnen einsame Wölfe.
Dann kannst du doch nie sicher
sein, ob du es mit einem Terroristen zu tun hast, wenn sein Milieu und sein
Umgang ihn nicht definieren.
Ob du das geografisch verstehst
oder nicht, beides ist richtig. Das ist Sicherheitssache. Darum müssen wir uns
Respekt verschaffen. Jeder muss es wissen. Ich bin siebzehn und trage eine
College-Uniform und ich bin möglicherweise bewaffnet, weil ich dazu berechtigt
bin. So hältst du die Bedrohung auf Distanz. Das haben wir gelernt. Im Notfall
- aber nur dann! - schiessen wir.
Dann hast du einen persönlichen
Waffenschein.
Natürlich. Zum Selbstschutz. Das
steht darauf ganz genau. Und mit siebzehn bin ich ausgebildet und zum Tragen
einer Waffe legitimiert.
Gibt es denn solche, die haben
Waffen ohne Waffenschein?
Du bist doch nicht naiv, dass du
fragst!
Und du bist kein bisschen naiv,
denn du verstehst, dass meine Frage so lautet: Gibt es welche, die kriegen
keinen Waffenschein?
Natürlich, wie auch? Du kriegst
ihn schliesslich nur, wenn du Staatsbürger bist und dich zu offiziellen Kursen
verpflichtest und du hast ein Diplom und bist Mitglied eines Clubs. Dass du das
nicht weisst!
Das war bloss eine Probe. Dass du
Leuten über dreissig misstraust, ist völlig richtig. Ich denke du hast die
Probe bestanden!
Der Junge steckt seine SMART
wieder in die Traggurte unter seinem Veston. Er lacht mich eine Weile liebenswürdig
und etwas verlegen an. Dann fragt er:
Hast du auch eine Waffe?
Natürlich. Zum Selbstschutz.
Ich hab es doch gewusst. Dir
misstrau ich nämlich nicht.
Ich sehe, du hast über der
Brusttasche deiner Uniform ein Wahrzeichen aufgenäht. Da ist am Rand eine
Devise eingeprägt.
NISI DOMINUS FRUSTRA.
Kannst du sie mir erklären?
Klar. Das ist lateinisch und
bedeutet, dass wir dem Herrn dienen, weil er gut und zugleich mächtig ist.
Beides zusammen, das eine nicht ohne das andere. Und darum will er Ordnung,
denn ohne die Ordnung ist das Chaos. Das bedeutet FRUSTRA! Wenn wir zum
Beispiel etwas Verdächtiges oder Unordentliches beobachten, dann melden wir es
unserem Kommandanten. Das ist unsere Dienstpflicht. Darauf haben wir einen Eid
abgelegt.
Aha, ich sehe, man hat euch den
Sinn und die Methoden der Terrorbekämpfung lehrplangemäss beigebracht.
Sicher. Wir haben auch
Sonderinstruktion.
Als Schulfach?
Der Kommandant unterweist uns im
Fach Staatskunde speziell zum Thema Führungseinsatz und Sicherheit.
Dann weisst du wohl genau
Bescheid in den Methoden, welche zur Überwachung der gesamten elektronischen Kommunikation
zum Einsatz kommen, nicht?
Natürlich. Ich habe auch den
freiwilligen Sonderkurs in Scan- und Kodifizierungstheorie
absolviert.
Und die Prüfung bestanden?
Ja, wir haben vom Kommandanten an
der Abschlussfeier auch ein Diplom gekriegt.
Der Junge greift mit Daumen und Zeigfinger in den Schnitt seines Revers und
hält mir seinen Ausweis unter die Nase. Am Kopf des Ausweises ist das Logo.
Drei durch eine Mauer verbundene Türme, dahinter das Andreaskreuz und darum das
Motto: NISI DOMINUS FRUSTRA. Ich überfliege den Ausweis. Dann schaue ich dem
Jungen in die Augen. Sie glänzen. Der Blick des Musterschülers ist auf mich
gerichtet. Er liest in meinen Augen die Anerkennung, welche er erwartet. Doch
über den Wimpern und um den leicht geöffneten Mund erspüre ich einen Schatten
von Scheu. Ich gratuliere, sage ich. Augenblicklich ist mir speiübel. Als der
Teenager (ich brauche das Wort noch!) auf der Dachterrasse der Garage im Pyjama
gehorsam, aber gequält und etwas wehleidig seiner Mutter nachwinkte, hatte ich
Mitleid mit ihm. Ich empfinde es auch jetzt nicht weniger, obwohl ich weiss, dass
er mich an seinen Kommandanten verpfeifen und der Security ausliefern würde,
wenn ich ihm dazu Gelegenheit böte Verdacht gegen mich zu schöpfen.
So, sage ich, du heisst also
Lewis Allen. Ich habe dich noch gar nicht nach deinem Namen gefragt, Lewis, und
du hast gleich zwei schöne Namen.
Mein Vater spricht Lewis immer
deutlich aus und betont das -iu- so ganz besonders ernsthaft.
Magst du das etwa nicht?
Oh, doch. Ich meine, dass er
seinem Freund und Vorbild die Ehre antut, denn er hat mich nach dem Champion
Lewis Hamilton taufen lassen. Pa hat es mir verraten. Natürlich ist der Name eine grosse Schuhnummer, um sich ihm verpflichtet
zu fühlen, aber ich verehre Lewis auch. Meine Mom nennt mich dagegen Gigi,
weisst du, das kommt von Luigi. Mom hat in Cannes gelebt. Sie spricht
französisch ebenso fliessend wie ihre Muttersprache Italienisch, aber das
Englische findet sie abscheulich. Also meine Eltern haben sich an der Riviera
kennengelernt. Lewis Hamilton ist jedes Jahr Ehrengast in Monaco. Letzten Mai
hat mich mein Vater zum Formel 1-Rennen nach Monaco mitgenommen und Lewis
vorgestellt. Pa hat das Patent an einer verbesserten Version der Turbozündung,
welche die Beschleunigung verkürzt. Mom interessiert sich nicht für die
technischen Details von Hybridmotoren, sondern unterhält sich bei den
Event-Parties in Monaco mit reichen Kunden. Oder sie tourt im Ferrari eines
Freundes zu Auktionen. Sag und wie heisst du?
Jake.
Im Umgang mit Menschen, welche
ich nicht persönlich kenne, stelle ich mich seit Jahren mit wechselnden
Pseudonymen vor. Ich halte mich daran, selbst wenn sie mir vertrauenswürdig
erscheinen und ich keinen Grund sehe, meine Identität zu tarnen. Natürlich
unterlasse ich Lewis gegenüber die Bemerkung, dass Hamilton mein Jahrgänger
ist. Dass ich mich für Hamilton und Rennfahrerkarrieren ausserdem nie
interessiert habe, auch nicht in Lewis Alter, brauche ich nicht zu erwähnen.
Lewis ist wohl anständig genug, mich nicht nach meinem Alter zu fragen. Er
redet gern, doch er ist nicht auf eine aufdringliche Weise neugierig. Ich
könnte wie Hamilton sein Grossvater sein. Daher und auch weil ich mit James
zusammen das Boot flicke, bin ich für ihn wahrscheinlich eine natürliche
Respektsperson. Würde er sich nach meinem Beruf erkundigen, dürfte ich allerdings
nicht verlegen schweigen. Bootsbauer würde ich wahrscheinlich antworten. Und
Allrounder würde ich beifügen, was heute in gewisser Weise auch zutrifft.
Weiteren Fragen komme ich mit der Gegenfrage zuvor, von der ich mir Einblicke
in das elitäre Erziehungsregime einer vom Staat exklusiv geförderten
Privatschule erhoffe:
Lewis, könntest du mir einen
Beruf nennen, welchen du bestimmt nie ausüben willst?
Tiefseetaucher.
Lewis antwortet entwaffnend
schnell. Ich schüttle den Kopf, weil ich seine Antwort ebenso überraschend wie
kurios finde. Kaum verwundert wäre ich gewesen, hätte Lewis spontan
geantwortet: Turnlehrer. Oder auch: Rennfahrer. Lewis hat alles andere als das
Zeug zum Athleten oder Draufgänger. Es scheint mir jedoch abseitig,
Tiefseetaucher für eine akademische Karriere überhaupt in Betracht zu ziehen.
Wie er denn darauf komme, will ich wissen. Lewis erklärt, seine Klasse habe in
diesem Schuljahr einen Berufswahlkurs besucht, den gleichfalls der
College-Kommandant erteile. Sein Klassenkollege Tom wolle Meergeologe und
Tiefseetaucher bei der Marine werden. Der Kommandant habe Tom schon als
Anwärter zur Teilnahme an einer studienbegleitenden Expedition vorgemerkt,
welche neue Offshore-Technologien zur Erforschung von Rohstoffquellen erprobe.
Soviel er wisse, gehe es um seltene Metalle in den Tiefseesändern des
afrikanischen Festlandsockels. Toms Vater, ergänzt Lewis, arbeite in der
Forschungsabteilung eines Rohstoffkonzerns. Spannend, sage ich. Weshalb er den
Job eines Forschungstauchers ausschliesse, wenn er doch gefördert werde. Weil
er Angst vor der Tiefe habe, bekennt Lewis offen. Der Job sei zwar gut bezahlt,
aber er verlange Todesmut, an dem es ihm fehle.
In Lewis Geständnis verrät kein
Unterton, dass er seine Disposition als Blamage empfindet. Der Kommandant habe
gesagt, auch das Worldwide Web sei im Grunde ein Meer und sein Rohstoff die
Information. Wer gleichsam als Taucher in den Tiefen des Webs diesen begehrten
Rohstoff fördere, benötige eine überdurchschnittliche Kombinationsgabe. Nur
Ausgewählte verfügten über das Profil, die dazu nötigen Instrumente zu
entwickeln. Es gehe heute nicht mehr nur darum Codes zu entschlüsseln, habe er
gesagt, oder Beziehungsnetze einzukreisen um Personen zu identifizieren, welche
zum Beispiel Terroranschläge planten.
Weisst du, sagt Lewis mit einem
verschwörerischen Lächeln - eine schwer im Zaum gehaltene Erregung zuckt in
seinen Mundwinkeln -, weisst du, der Kommandant hat uns in das grosse Projekt
eingeweiht.
Lewis erzählt. Das Netz dringe in
die Psyche der Menschen ein, habe der Kommandant gesagt. Mit Hilfe von
Psychologen entwickelten Internet-Spezialisten solche komplexen Algorithmen,
welche automatische Psychoprofile von Personen erstellen könnten, erklärt er mir
freimütig. Das sei seit mehreren Jahren im Gang und neuartige Personenraster
seien schon erfolgreich erprobt, habe der Kommandant gesagt.
Auf meine Frage umschreibt mir Lewis
den Zweck des Projekts. Die Devise des Wahrzeichens an seinem Revers erklärt, was er mir sagen will. Mit
den Mitteln, welche dem Terrorismus heute zur Verfügung stehen, werde er die
Gesellschaft ins Chaos hineinreissen, weil er es darauf angelegt habe. Also
müsse man die Menschen zur Ordnung und zur Wachsamkeit erziehen. Wenn man sie lenken
wolle, dann müsse man ihre Seele kennen, ihre Bedürfnisse und Schwächen
erforschen, genauso, wie man einen Körper auf die Symptome einer Krankheit
durchleuchte, habe der Kommandant gesagt. Diesem einzigen Zweck, nämlich dem
Schutz der Ordnung - und das heisse nichts anderes als zur Sicherheit der
Menschen und der Gesellschaft - diene die Auswertung der Daten.
Ja, eine solche Aufgabe zu
erfüllen könne er sich allerdings für seine Zukunft vorstellen, meint Lewis und
schaut mir mit hellen Augen eine Weile ins Gesicht.
Dann sagt er, er wolle mir eine
Geschichte erzählen. Sie handle von einer persönlichen Erfahrung. Ja, die
Entscheidung über seinen Beruf sei offen. Er könnte auch Datendiagnostiker
werden. Er wolle, sagt er, dass ich verstehe, weshalb er über seine berufliche
Zukunft noch unentschieden sei, und er gibt mir mit seinem Blick zu erkennen,
wie wichtig ihm diese Geschichte ist:
Im letzten Mai hat Jack Coltrane
Pa und Mom in Antibes zu einer Seeparty eingeladen. Sie durften mich mitnehmen,
ich war dabei. Jacks Yacht ist wie ein Raumschiff und so gross, dass
zweihundertfünfzig Gäste an weissgedeckten Rundtischen in ihrem Kristallsaal
Platz hatten. Wir blickten durch das Panzerglas des Saals von der Bucht her auf
die blendende Fassade der Luxusresidenz. Sie erhob sich mit ihren Terrassen und
hängenden Gärten über den Strand. Und Polizeiboote umringten die Yacht. Du
musst dir vorstellen: Alle Gäste gingen durch die Scanner am Eingang der
Residenz und wurden noch einmal kontrolliert, als sie über die Brücke das
Beiboot bestiegen, welches sie gruppenweise zur Yacht brachte.
Die Buffets im Kristallsaal waren
blau beleuchtet. Jack hatte Elvis Winterfeldt mit seiner Mannschaft engagiert.
Elvis hat die Delikatessen kreiert. Eine dicke Kröte knurrte in meinem Magen,
als ich die Gänseleber mit dem silbernen Puderüberzug und den kandierten
Sonnenblumenkernen auf meinen Teller lud. Die Eisknusperillos mit Safranschaum
daneben sahen im blauen Licht aus wie die bunten Krustentiere, an welchen ich
mich in der Marina nicht satt sehen konnte. Aber deshalb erzähle ich dir die
Geschichte nicht, sondern weil… Verstehst du, spätnachts landete nämlich der
Helikopter unseres Innenministers auf dem Hinterdeck der Yacht. Zu seinem
Empfang mit Champagner ging ein fantastisches Feuerwerksspektakel los. Das
Gerücht ging unter den Gästen herum, der Minister sei wegen dem Attentat am
selben Tage nach Monaco geflogen.
Du weisst: Um Mittag des Vortages
explodierte während dem Rennen ein britischer Bolide. Mit dem jungen Piloten,
Charly Cross, riss die Explosion einen weiteren britischen Rennfahrer, sechs
Leute von Charlys Mannschaft und mehrere Zuschauer in den Tod. Bis dahin war
nicht klar, was geschehen war. Der Bolide hatte keine Bombe an Bord, sondern
möglicherweise ein hoch explosives Gemisch im Tank. Zuerst dachte man an einen
tragischen Unfall und rätselte. Doch bald sprach man von einem Racheakt, von
der Mafia. Abends gab es Spekulationen, Insider müssten den Stoff reingefüllt
haben, wahrscheinlich Komplizen einer terroristischen Organisation. Der
Innenminister kam daher nachts an Bord und hielt vor den Gästen eine Rede. Du
musst wissen, viele von denen waren Grossinvestoren oder Manager der Rennorganisation
und der Teams. Der Minister versicherte den Gästen, dass unsere Staatsorgane
mit der französischen Polizei die Spuren gesichert hätten. Die Security werde die
Terroristen - damit gab er den Hintermännern einen Namen - jagen und verhindern, dass sich Anschläge gegen die Organisation der Rennen
je wiederholen könnten. Die Security sei im Begriff, den Kern der bekannten
Terrorzelle zu spalten, verkündete der Minister.
Lewis hält inne und schaut lange
mit träumerischen Augen und geöffneten Lippen zum Fenster hinaus auf das träge
Wasser der Clydemündung, welches das letzte Licht der Dämmerung spiegelt.
Hat die Security die Auftraggeber
des Anschlags und ihre Komplizen gefasst? frage ich.
Ich bin sicher, dass sie das
Versprechen erfüllen. Sie können nichts verraten. Sie gehen planmässig vor. Sie
haben die Schlüsselfiguren im Visier. Sie warten den entscheidenden Moment ab, dann
schlagen sie zu. Ich möchte es genau wissen.
Das Programm rollt. Bestimmt. Lewis,
hör mir zu, ich hoffe, dass du heute Nacht rechtzeitig in Dumfries ankommst. Die
Lichter der Towerblocks von Yoker tauchen gerade auf, schau, und ich habe mich über
deiner Erzählung beinahe vergessen. Werde
in Yoker aussteigen, da ich noch einen Freund besuche. Pass auf dich auf! Ich wünsche
dir die richtige Entscheidung bei deiner Berufswahl. Hör auf deine innerste
Stimme. Nimm dir Zeit, du hast sie.
Wirst du James wieder besuchen?
Vielleicht, wenn er mich braucht.
Jedenfalls werde ich dann nach dir fragen, Lewis. Mach‘s gut inzwischen.
Obskure Verzweigungen
Floskeln, denke ich, als ich in
der Dunkelheit auf dem leeren Bahnsteig stehe. Eigentlich hätte ich sie mir
gerne erspart, denn ich mag den Jungen. Er interessiert sich für das Boot. Er
wird James am Strand aufsuchen, wenn er nach Gatelochport auf Urlaub kommt.
Vielleicht wird er nach Jake fragen. James wird sich nicht beirren lassen, ich
habe ihm mein Pseudonym anvertraut. James wird wortkarg sein, schon weil es
seine Art ist. Er wird nicht über unsere wahre Beziehung plaudern.
Der Bahnsteig ist nicht
beleuchtet. Eine Schirmlampe wirft trübes Licht auf die Stufen der Überführung am
Ende. In ihrem Gegenlicht erkenne ich die Löcher im Asphalt und die
Schlagschatten der Buckel. Es ist feucht. Die feuchte Luft setzt meinen
Gelenken zu. Das Knie sticht wieder. Weil sich die Muskeln versteifen, laufe
ich wie auf Scherben.
Ein Pfeil in meiner Gegenrichtung
weist auf den Übergang zur John Knox Street. Für einen Augenblick bin ich
bestürzt. Yoker ist nicht East End! Ein zweiter Pfeil zeigt das Ziel des Bahnübergangs
vor mir an: Yokerburn Terrace. Als ich mich der Metalltreppe nähere sehe ich im
Gras unter ihrem Sockel einen Körper. Da liegt einer, der nicht auf einen wie
mich wartet. Er deliriert zwischen Plastik, Wurstpapier und Bierdosen. Ich
zünde mit dem blauen Strahl meiner Halogenleuchte in ein nasses Gesicht.
Schwarze Haare und Brauen. Erbrochenes fliesst aus Mund und Nase. Es riecht
nach Alkohol. Ob dabei Blut ist, kann ich im Blaulicht nicht entscheiden. Blut,
vielleicht aus einer Wunde unter dem Haarschopf? Ich kann ihm nicht helfen, keine
Rettungsnummer anrufen oder die Polizei. Mit einem leichten Stoss sorge ich
dafür, dass er auf den Bauch zu liegen kommt. Dann steige ich hoch und warte
eine Weile auf dem Brückensteg. Sollte ich Bowles aufsuchen? Rettung ist sein
Beruf. Er kennt sich hier aus. Er könnte ihn zu einem Spital transportieren.
Doch wahrscheinlich ist der Mann bloss stockbesoffen. Bäume säumen die
Yokerburn Terrace, ich errate die schattenhaften Umrisse ihrer Kronen. Die
Towerblocks sind spärlich beleuchtet. Sparstrom. Schummrige Gegend. Durch die Baumkronen
blicke ich auf einen Parkplatz. Ein einziger Wagen steht dort, wahrscheinlich
eine Schrottkarre. Es ist still, der unter der Brücke stöhnt nicht mehr. Ich
gehe weiter, runter zur Mill Road.
Ich war entschlossen, Bowles
nicht aufzusuchen, nicht jetzt. Ich möchte ihn keinem Risiko aussetzen, falls
ich beobachtet werde. Doch ich rechne nicht damit, in Yoker jedenfalls nicht.
Ich will mein Hostel mit einem Nachtbus erreichen, vermeide die
Central-Station. Darum bin ich ausgestiegen.
Ich rieche den Clyde, sehe ihn
nicht. Aber die Nebelbank über dem Gegenufer leuchtet. Sie ist wie von innen
illuminiert. Hinter dem Navy-Hafen drüben liegt der moderne Komplex der Werft. Der
Konzern. Die Nebelbank wirft das grelle Licht ihrer Anlagen zurück.
An der Busstation hängt kein
Fahrplan. Wahrscheinlich weggerissen. Alle halbe Stunde fährt ein Bus vorbei.
Die Haltestelle ist ein Skelett, die Scheiben sind weg. Im Eingang des Blocks daneben
ist Licht. Dort steht einer an einem Automaten. Altes Modell, wahrscheinlich
vom Hausmeister betrieben, der beim Eingang wohnt. Eine Dose fällt dumpf in die
Ausgabekule. Die Klappe schnellt zu. Der Mann zieht den Verschlussring der Dose
hoch. Es knallt. Der Mann steht und schaut mich an. Er trinkt einen Schluck,
steht und schaut.
Ich bilde mir nicht ein, dass er
auf mich gewartet hat. Ihm sagen, dort drüben liege einer im Delirium, blute
vielleicht. Wahrscheinlich sinnlos. Ich gehe trotzdem auf ihn zu, weil mich die
Neugier reizt mir zu beweisen, dass die Normalität beruhigend real ist.
Vielleicht weil ich auch die normale Frage stellen könnte, ob der letzte Nachtbus
gerade vorbeigefahren sei oder wann ich den nächsten erwarten könne. Oder weil
ich mir auch eine Dose mit dem ekelhaften Durstlöscher herausklicken könnte.
Und mir die Frage nicht verklemmen würde, ob der Automat auch ein normales Hausmeisterbier
hergebe.
Der Mann saugt wieder einen
Schluck aus der Dose und lässt mich dabei nicht aus dem Auge. Er ist schwer.
Wahrscheinlich nicht trainiert wie ein Ringer, aber muskulös. Alle halbe
Stunde, sagt er auf meine Frage nach dem Bus. Nach der Zeit frage ich schon
nicht. Bier? Was sonst? fragt er zurück und schaut mich an. Er hat den
Hausmeisterblick. Ich klopfe eine Dose heraus. Kein Automat, der höflich mit
dem Kopf nickt. Aber ein chinesisches Produkt. In der Faust habe ich ein
Chinkbier.
Ich stehe und trinke einen
Schluck. Es schmeckt zum Kotzen, aber ich lasse mir nichts anmerken. Er wird annehmen,
dass ich auf den Bus warte, sonst nichts. Ich sage nach dem zweiten Schluck,
dass auf dem Bahnsteig droben einer unter der Treppe liege. Ich meine, dass er
blute. Eh schon ein Untoter, sagt er, was ich denn eigentlich wolle. Nichts,
sage ich.
Ich gehe zur Haltestelle. Es gibt
keine Bank. Ich stehe mit der Bierdose in der Faust und warte. Ich lasse mich
hier in keine Sache hineinziehen. Schon gar nicht von dem Mann am Eingang. Ich
traue ihm nicht. Trotzdem bin ich froh, dass er dort steht. Ich höre wie die
Klappe ein zweites Mal zuknallt. Zehn Minuten später ist der Mann
wahrscheinlich im Hauseingang verschwunden. Der Bus rast plötzlich von der Glasgow Street
heran. Die Türe ist schon geöffnet. Wahrscheinlich schliesst sie nicht mehr.
Der Bus hält kaum, ist schon wieder in Fahrt. Der Chauffeur in der Glaskabine
hat sich nicht einmal nach mir umgedreht. Er rast die Nachtstrecke ab. Er
sammelt die Untoten.
Die Bustüre bleibt offen. Es
zieht. Ich setze mich vorn hin, auf der Gegenseite der Türe, im Windschatten
der Fahrerkabine. Ich bin der einzige Passagier. Die Linie kenne ich nicht,
merke aber bald, dass der Bus auf Umwegen über Anniesland zur City zurückkehrt.
Eh schon ein Untoter, hat der
Mann vor dem Eingang des Blocks gesagt. Ob sich in Yoker der Woodoo-Kult
ausbreitet? EH SCHON! Deutet die Wendung an, dass alle Chancenlosen gleichsam
als lebende Tote verstossen sind? Dass sie als eh schon Tote mit der Gattung
der Wiederkehrer identifiziert werden, denen man besser nicht hilft, weil sie es
auf die Lebenden abgesehen haben? Yoker kommt vom gälischen An Eochar. Das
bedeutet schlicht Flussbank. Die Kelten, fällt mir ein, lebten zusammen mit den
Untoten der Anderswelt. Die tauchten plötzlich auf, waren eh immer schon da. Die
Lebenden brachten ihnen Blutopfer dar, um Gefahr abzuwenden, denn sie konnten
sie in Unglück verstricken, ihnen eine Sucht oder den Tod anwerfen. Esoterischer
Unsinn!
Nein, die Bemerkung des Mannes
meint nichts anderes, als dass es keinen Sinn macht, Gestrauchelten helfen zu wollen,
weil es nichts mehr nützt. Gestrauchelte sind nicht zu retten. Sie sind
Aussenseiter, Paria. Sie sind eh schon tot, lebend tot. Ich teile den Standpunkt
nicht. Doch die Auslegung ist sachlich, sie leuchtet mir eher ein. Für zweifelsfrei halte ich sie indessen nicht,
nicht an diesem Ort. Es ist paradox. Gerade Ihre Sachlichkeit stört mich wieder.
Kenne ich die Seele der Bewohner von Yoker? Ich werde mit Bowles darüber reden.
Ich denke an Mary, seine Frau, an die skurrile Eigensinnigkeit in Marys Wesen
und an ihre Herkunft. Suburbane Milieus sind Treibhäuser von Mythen und
importierten Traditionen. Magische Rituale leben da wieder auf. Gewisse
politische Zustände nähren atavistische Gegenkulturen. Autoritäre Regime
fördern den Rückzug der Aufklärung, weil sie ihren Machtanspruch in Frage
stellt. Doch sie unterschätzen die erosive Macht des Verdrängten. Ihre Rechnung
geht nicht auf.
Der gerechte Gott prüfte Herzen
und Nieren. Will man die Menschen lenken, dann muss man ihre Seele kennen. Den
Satz des College-Kommandanten hat sich Lewis wörtlich eingeprägt. Bedeutet das
nicht, dass man die Menschen beherrscht, wenn man über das Röntgenbild ihrer
Seele verfügt? Automatische Psychoprofile. Wir hatten die Perspektive schon in
der Redaktion des SCAN diskutiert. Der Stoff war damals noch hypothetisch, doch
nährte er Verschwörungstheorien, denen sich einige von uns nicht entziehen
wollten. Aus einer masochistischen Lust am Krausen vielleicht. Böse Ahnungen
waren nie völlig unbegründet. Gründe zu erfinden war damals ein profitables
Geschäft, das die Medien gerne bedienten. Whistleblower hatten Konjunktur. Die
Zumutungen an Perversion waren allerdings für einen puritanisch erzogenen
Menschen oft unerträglich. Besonders wenn er sich dem Staat andiente und auf
einmal merkte, dass er festgeangelt im Verwaltungsgestrüpp drinsteckte.
Es hatte zuvor schon deutliche
Anzeichen gegeben, ausserdem schien es logisch. Was die meisten von uns bis
dahin geahnt hatten, war auf einmal unwiderleglich dokumentiert. Es wurde von
der Regierung öffentlich eingeräumt - was mit einem Eingeständnis nicht zu
verwechseln ist! - und galt seither als Tatsache, dass sich der Staat illegal
privater Daten bemächtigte. Er tat es mit schonungsloser Systematik, jedoch ausschliesslich
zum Schutz der Gesellschaft gegen terroristische Anschläge oder das organisiertes
Verbrechen und selbstverständlich unter strengster Selbstkontrolle im Hinblick
auf den Schutz der bürgerlichen Privatsphäre. So jedenfalls legitimierten die
Regierungsverantwortlichen die Aktivitäten der für Datenspionage zuständigen
Behörden. Es gehe um den Schutz der Rechtsordnung, hiess es. Es gelte letztlich
das Chaos zu verhindern, in welches der Terrorismus die Gesellschaft unweigerlich
hineinreissen würde. Von liberalen Regierungen durfte man wohl auch nicht
weniger erwarten, als die Sorge um Freiheit und Bürgerrecht. Ging es um die
Sicherheit, dann konnte es in der Wahl der Mittel schliesslich kein Dilemma
geben. Es war e i n e Sache.
Die mächtige Mehrheit der Nutzer,
welche von den Vorteilen der hochentwickelten Kommunikationstechnologie beinahe
schrankenlos Gebrauch machte, unterwarf ihre Wertvorstellungen doppelt beruhigt
der Normalität. Eine engagierte, wenn auch schwindende Minderheit von radikalen
Bürgerrechtlern probte den Aufstand gegen die usurpierte, durch kein Notstandsgesetz
je öffentlich sanktionierte Legitimität. Sie sah in den Machinationen eine
grundsätzliche Bedrohung der Meinungsfreiheit und sie hielt die Versicherungen
nicht für glaubhaft, dass die Behörden die riesigen Mengen des gespeicherten
Materials der Vernichtung zuführen würden. Wann waren denn die Verantwortlichen
in der Geschichte je davor zurückgeschreckt, profitable Stoffe, Forschungsresultate
und Erfindungen selbst dann zu verwerten, wenn sie Menschen gefährdeten und der
potentiellen Vernichtung (sogar der Massenvernichtung von Menschen und ganzer
Städte) dienten?
SCAN hatte das Problem der
Datenspionage in seiner redaktionellen Diskussionsrunde thematisiert. Wir waren
damals ein unabhängiges Medienunternehmen und die Redaktion
selbstbestimmt-demokratisch organisiert. An unseren ausgewogenen Runden
beteiligten sich durchschnittlich etwa zwanzig Redaktoren sowie eine Anzahl beigezogener
Politologen und Juristen. Über die konservative These, dass das Mittel
Demokratie zur Lösung der drängenden Probleme viel zu schwerfällig und in einer
komplexer gewordenen Welt untauglich sei, war man sich in der Runde nicht
einig.
Eine Mehrheit äusserte Zweifel,
welche in die fällige Notstandsdebatte mündeten. Der islamische Anschlag auf
die Twin-Towers galt damals als Auslöser einer in ihrer politischen Konsequenz
erst undeutlich fassbaren Wende. Ein noch aktuelles Fallbeispiel für die
Bewältigung eines zivilen Notstands durch partielle Verdrängung war der GAU von
Fukushima. Eine Minderheit stellte kritische Gegenfragen. Wovor schützten die
Regierungen die Bürger letztlich mit dem Zugriff auf die Freiheitssphäre von
Gedanken und Wort? Schützten sie sich am Ende selbst gegen die Konsequenzen von Pannen und
politischem Versagen? Gegen die Bilanz konsequenten Verdrängens?
Die Diskussion entbrannte um den
Sinn des Unternehmens. Eine Ausgangsthese lautete, dass es bei der Verwertung
des Datenmaterials (von dessen Speicherungsform und Zweck man schon damals nur
unklare Begriffe hatte) darum gehe, Erkenntnisse über die Psychodynamik ganzer
Gesellschaften zu gewinnen. Wenn man Menschen zu ihrem Wohl lenken müsse, weil ein
äusserer Notstand kein demokratisch abgesichertes Verfahren zulasse, sagten
liberal-konservativ Denkende, dann sei es erforderlich, ihre Schwächen und
Bedürfnisse genau zu kennen. Forschungsprojekte verfolgten das legitime Ziel, glaubten
sie, Methoden zu entwickeln, um die soziale Dynamik zu beeinflussen und zu
lenken.
Eine linksradikale Gruppe der
Runde warnte, die Verfügung über das enorme Datenmaterial diene voraussehbar nicht
dem Wohl der Bürger, sondern dem Zuwachs und der Zementierung der Macht einer
Elite. Die Umstände würden eintreten, denen zufolge die totalitäre Zielvorgabe
unausweichlich wäre. Eine sektiererische Minderheit verstieg sich sogar zur
Behauptung, das verhüllte, von der Geschichte selber vorgesehene Ziel sei die
totalitäre Kontrolle. Sie prophezeite, der Terrorismus würde sich in unser
Fleisch einfressen. In der Optik solcher Argumente biss sich die Schlange in
den Schwanz. Die liberale Mehrheit betrachtete den fatalistischen Schluss - historischen
Fallbeispielen zum Trotz - als spekulativ.
Die Geschichte scheint der radikalen
Minderheit vorerst Recht zu geben. Die beschworenen Umstände traten ein. Unumkehrbar spalteten Krise und Terrorismus die demokratisch formierte Gesellschaft. Die zurückwirkende Gewalt globaler Revolutionen riss ihr das Instrument aus der Hand, aufgezwungenen Notstand zu legitimieren und wieder
aufzuheben.
Mike hatte damals zu den Sektierern gehört. Ich legte mich nicht fest, weil ich an einen freien Willen glaubte. Die Theorie der historischen Fatalität widersprach mir. Und den schwer widerlegbaren Nachweis der Gehirnforschung, dass alle Entscheidungen determiniert seien, hielt ich für eine Täuschung. Doch bei der schockartigen Wendung der Dinge fand ich mich zutiefst verunsichert. Ich hinterfragte meine Überzeugung: War der Idealismus die Achillesferse der Demokratie? War Demokratie letztlich eine Selbsttäuschung und damit ein Irrweg? Der Diskurs verfing sich in einem logischen Zirkel. Gegenfragen verwiesen mich an die Hoffnung: Gäbe es ohne Autonomie den Dialog? Gäbe es ohne Mitbestimmung das dialogische Prinzip? Ist Wahrheit ausserhalb des Dialogs irgendwo aufgehoben? Wäre der Dialog nicht mehr als eine Farce, gäbe es dann überhaupt die Chance Wahrheit zu finden?
Mike hatte damals zu den Sektierern gehört. Ich legte mich nicht fest, weil ich an einen freien Willen glaubte. Die Theorie der historischen Fatalität widersprach mir. Und den schwer widerlegbaren Nachweis der Gehirnforschung, dass alle Entscheidungen determiniert seien, hielt ich für eine Täuschung. Doch bei der schockartigen Wendung der Dinge fand ich mich zutiefst verunsichert. Ich hinterfragte meine Überzeugung: War der Idealismus die Achillesferse der Demokratie? War Demokratie letztlich eine Selbsttäuschung und damit ein Irrweg? Der Diskurs verfing sich in einem logischen Zirkel. Gegenfragen verwiesen mich an die Hoffnung: Gäbe es ohne Autonomie den Dialog? Gäbe es ohne Mitbestimmung das dialogische Prinzip? Ist Wahrheit ausserhalb des Dialogs irgendwo aufgehoben? Wäre der Dialog nicht mehr als eine Farce, gäbe es dann überhaupt die Chance Wahrheit zu finden?
Ich bin überrascht, wie intim ich gerade jetzt, wo ich auf Umwegen nach Glasgow zurückkehre, mit Mike im Dialog bleibe. Es war kein schlechtes Gedicht, sondern ein Aphorismus, den er mir - auf eine blaue Karte notiert, ich erinnere mich genau! - neben meinen Computer legte. Ich habe die unleserliche Notiz aus seiner Hand als Andenken immer bei mir. Obwohl sie sich längst ins Gedächtnis eingeprägt hat, ziehe ich sie hervor und lese sie im schwachen Licht hinter der Führerkabine. Mike hat sie für mich bestimmt. Im Wortlaut der Notiz ist mir nicht nur Mikes kritische Vitalität gegenwärtig. Auf dem mysteriösen Hintergrund seines Schicksals leuchtet im flüchtigen Gekritzel auch seine divinatorische Phantasie auf:
Ihr respektloser Konsum zerfrass
die Freiheit von innen. In ihre Höhlungen kroch die Angst. Der Exzess wurde zur
Falle, provozierte den Terror. Die Angst war die unsichtbare Schwärze der
Zensur. Sie drang ins Gehirn und begann das Wort zu verdrehen. Die Diktatur
kroch aus der Karkasse der Freiheit.
Die Zeilen sprechen vom fatalen
Determinismus schleichender Selbstzensur. Mike hat in der Redaktion mit der
Minderheit der Sektierer argumentiert, aber die Notiz versichert mir: Er war
kein Anhänger ihrer fatalistischen Theorie. Ich lese Mikes Aphorismus als ein
Bekenntnis zum freien Gebrauch des Worts. Wer damals davor warnte, weil er das
auf ihn fokussierte kalte Auge und Gedächtnis fürchtete, der wurde zum
Erfüllungshelfer einer Zensur ohne Regeln.
Der Fahrer in der Kabine vor mir
führt einen Funkdialog. Ich höre ihn mit kurzen Unterbrechungen andauernd
reden, aber kein Wort dringt verständlich durch die schusssichere Glas und die
Metallverschalung seiner Kabine. Manchmal glaube ich ein Knacken der Verbindung
oder das Knistern einer Störung zu hören. Ich kann den Tonfall des
Einverständnisses vom erregten Tonfall des Widerspruchs unterscheiden. Einmal
höre ich deutlich einen Fluch, aber meist ist der Redefluss monoton. Nach einer
scharfen Kurve und einem abrupten Stopp an einer Station ohne Beleuchtung
steigt jemand zu und setzt sich ganz hinten ins Heck des Busses. Als der
Passagier an mir vorbeigeht, bleibt sein Gesicht im Gegenlicht eines
Autoscheinwerfers schattenhaft. Der Fahrer redet ununterbrochen weiter.
Ich versuche zu klären, ob ich
die Tatsache, dass sie alles über mich wissen, verdränge. Wüssten sie, wo ich
im Augenblick gerade bin, falls sie es wissen wollten? Können sie mich auf
ihrer Map geografisch lokalisieren, sofern sie es wollen: in Echtzeit, genau an
diesem Punkt auf schlingerndem Kurs zwischen den Schlaglöchern von der
Anniesland- zur Maryhill-Road und downhill zur Clidebank? Nein, ich rede mir
nichts ein. Mein SUMER ist ausgeschaltet und ich habe weder Chips-Sensoren auf der
Identitätskarte eingeprägt, noch im Fleisch meines Unterarms, in meiner Brust
oder sonst wo implantiert. Ich zähle nuklearphysikalisch zu den ungebundenen
Partikeln. Davon gibt es eine unbekannte, aber wachsende Zahl. Ich rede mir das
nicht ein. Ich glaube daran. Ich weiss, dass eine unbestimmbare Zahl von
Bürgern ihre Identitätskarten zerstört hat. Es begann in einer konzertierten
Aktion, welche die Presse totschwieg, aber der Staat heimlich verfolgte. Sie
löste eine Welle von Verhaftungen aus. Viele tauchten damals unter.
Der Bus schaukelt. Mit einer haarsträubenden
Steilvorlage schwingt er über die Zubringerbrücke in die Expressroad ein. Das
Trassee ist grosszügig angelegt, aber bucklig und verbogen wie ein überhitztes
Kuchenblech. Die Wucht des Schwungs schleudert die Eingangstüre zu und sperrt
die kühlende Nachtluft aus. Als er auf Touren hochfährt, fängt der Motor zu stöhnen
an. Die Aufhängung der Karosserie ächzt gefährlich. Hinten flucht einer. Das
Klima im Bus wird muffig und die Luft riecht nach schmutzigem Diesel.
Die Schnörkel einer riesigen
Leuchtschrift blinken: Red Bull. An der Haltestelle will ein ganzer Club in
Feiernachts-Stimmung aus dem brandrot beleuchteten Expresspub Richtung City
umsteigen, aber die Türautomatik ist jetzt blockiert. Ein Hühne im Kilt drückt
die Türe unter dem Gejohle der Menge ein und der Bus füllt sich. Die Leute sind
anständige Krawattenträger in weissen Hemden und schwarzen Socken. Weder sind alle glatzköpfig
noch sind die Krawatten einheitlich kariert. Die Kilt- und Mützenträger sind
eine kleine, aber lautstarke Minderheit. Sie haben kräftige Gesangsstimmen und
ihre Kilts sind uniform gemustert. Der Kraftmensch könnte ein prämierter Kampf-Steinschleuderer
aus dem Highlands sein. Der Geruch im Bus schlägt inzwischen auf Bierschwemme
und Bratenfett um.
Die Klimaanlage ist wohl
ausgefallen. Das Red-Bull-Klima im Bus wird unerträglich. Vielleicht ist auch
der Motor überhitzt. Nach einem Trab von wenigen Kilometern schwenkt der Bus in
das Areal einer hell beleuchteten Tankanlage. Sie liegt vor dem grauen Block
einer Distrikt-Zentrale der Polizei. Mit Maschinenpistolen bewaffnete
Polizeikommandos stehen an der Zufahrt und in den einzelnen Tanknischen. Der
Bus stoppt in der innersten Passage. Über ihrer Einfahrt steht: Bus. Der Fahrer
klappt die Kabine auf, steigt mit der Kasse aus und verschwindet im Office der
Tankstelle, während ein Tankwart die Dieselsäule bedient.
Ich habe zu schlafen
vorgetäuscht, seit der Club zugestiegen ist, und nehme die Vorgänge blinzelnd
zwischen den Augenlidern wahr. Während draussen die Säule schnurrt, höre ich im
Bus neben mir zwei der Passagiere mit gedämpften Stimmen reden:
Sie machen ihren Deal.
Der Tank war nicht aufgefüllt.
Sie zapfen einen explosiven
Fusel.
Stell dir vor, wir sitzen da drin,
sie füllen auf, ein Funke und wir gehen alle mit dieser Scheppermühle hoch.
So ein billiges Gemisch.
Ja, mit der Sorte Diesel machen
sie ihr Geschäft. Nachts betreibt die Polizei die Suburb-Linien. Müsste
eigentlich in jedem Bus ein Gunpig mitfahren.
Ein Schutzkommando für den
Fahrgast, he?
Geleitschutz für den Fahrer und die
Ware. Deckt ihr Drogengeschäft in den Suburbs.
Die Buslinien verzweigen sich in
den Tiefen des Staats.
Sie verschrotten die
ausgeleierten Dieselsäufer aus den Beständen. Der da ist ein B 6 LE. Die
Diesel-Variante.
Nein, ist der B 12 BLE, umgebaut
und frisiert.
Frisiert ist alles.
Der Schläfer neben dir gehört
doch nicht zu uns, oder?
Ich kriege einen Stoss mit dem
Ellenbogen in die Rippe.
Hei, du Kriegsbeschädigter, wir
fahren zum Horseshoe, schliesst du dich an?
Ich mime einen, der gerade aus
einem Rauschschlaf erwacht und schaue in den rosigen Teint eines akademischen
Mitvierzigers. Zwei eng gepaarte Augen blicken witzig aus seinem schmalen
Gesicht.
Horseshoe? Weisst du, sage ich,
ich kann die dort versammelten Banker nicht riechen.
Verstehe, aber weisst du, wenn
wir dort ankommen, dann zerstäubt ihr edler Duft. Du wirst gleich sehen, selbst
die Polizei verpisst sich, wenn wir brüllen.
Ein Bulle hat den Bus bestiegen
und verlangt die Identitätskarten zur Kontrolle. Der Steinwerfer stellt sich
vor ihm auf und sagt mit seinem melodischen Bass:
Wenn du Mut hast, darfst du meinen
Tartan betatschen und dir deine Arbeit ersparen.
Der Polizist grinst und zieht
sich unter dem Gejohle des Vereins zurück.
Unser Mann! sagt der Nachbar: Das
Kiltmuster eines Ranald MacDonald Clanranald antasten zu dürfen ist eine zu
grosse Ehre.
Schlau, da verzichtet ein
subalterner Schnüffler auf seine Schaustellernummer. Ein anderer hätte ihm geboten,
was er herauszupressen gewohnt ist.
Es ist unter der Ehre eines
MacDonald von Uist, sich korrumpieren zu lassen.
Dass der unser Chef ist, vom
Scheitel zur Sohle, hat ihm sein Instinkt geflüstert.
Der Mitvierziger wendet sich nach
dem Intermezzo wieder mir zu:
Na, hast du gesehen! Du wirst
doch mitmachen und heute Nacht die Banker aus dem Horseshoe vertreiben.
Danke, sage ich, ihr macht volle
Arbeit, gratuliere, aber heute Nacht trinke ich nur noch Tee.
Respektieren wir. Wenn du uns mal
brauchst, wir sind jeden Sonntagnachmittag zur Teezeit im Red Bull versammelt.
Der Fahrer steigt wieder zu und
knallt die Kasse in ihre Versenkung. Dann verlässt der Bus die Zapfboxe, fährt
abgedunkelt aus der Passage und beschleunigt. Auf einer Rampe bei der Einfahrt
der Expressroad ist ein weisser Schützenpanzer des Innenministeriums postiert.
Als ich spät in der Nacht mit
einer tollkühnen Arglosigkeit in mein Glasgower Hotel zurückkehre und Joe mir,
als ob nichts geschehen wäre, auf meinem Zimmer die gewohnte Portion Gunpowder
serviert, ist ihr Verhalten fast unmerklich anders als sonst. Sie bleibt vor
mir stehen, zeigt mit ihrer linken Hand ohne den Arm zu heben auf den Stapel
Manuskripte unter meinem Tisch. Gleichzeitig legt sie die rechte Hand an ihre
Lippen und schaut mich mit dem Ewigkeitsblick ihrer Mandelaugen an, kurz,
eindringend. Dann wendet sie sich um und verlässt das Zimmer.
Ich weiss, dass sie mich vor
einer Gefahr warnt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Leute während meiner
Abwesenheit Zutritt verschaffen, meinen Schrank durchsuchen und den Stapel
meiner Manuskripte kopieren würden, habe ich beim Betreten des Zimmers
antizipiert, weil ich stets mit ihr rechnete. Jetzt scheint sie Tatsache. Joe
blieb stumm. Möglicherweise wurde sie bedroht. Doch sie warnt mich. Ihre Zeichensprache
ist nicht anders zu interpretieren.
Wie gewohnt hat Joe das
Schlagzeilen-Konzentrat der Tageszeitung neben dem Tee aufs Tablett gelegt. Die
Print-Version, welche auf die ausführlichen Artikel der Tablet-Version
verweist, wird den Gaststätten und Hotels zu Werbezwecken gratis zugestellt.
Mein Blick fällt sofort auf die Schlagzeile der Tagesaktualität. Der Schocker
ist mit einem Grossbild aufgemacht:
TERRORISTENBANDE IN FIRE-CLASH
GEKILLT. Die Bildzeile: Top-Terrorist im Kreuzfeuer nach heftigem Schusswechsel von Kugeln durchsiebt.
Ich hätte Craigs blutigen
Leichnam auf den ersten Blick nicht erkannt. Seine linke Hand umkrallt die
automatische Waffe. Ein Sprengkörper liegt, der geöffneten Rechten entglitten,
auf den Fliesen.
Der fotografische Indizienbeweis
terroristischer Gewaltbereitschaft wirkt gestellt. Das Bild ist als Warnung
gedacht. Es propagiert den schnellen Erfolg und die unfehlbare Schlagkraft der
Security: Die Special Force macht kurzen Prozess. Vielleicht haben sie Craig
und seine Truppe im Schlaf überrascht, verhaftet, verhört, gefoltert. Den
Verdacht brauchen sie nicht zu widerlegen.
Sie haben ihr Versprechen
erfüllt. Wie auch immer. Sie haben Craig ausgeschaltet. Ich mache mir bewusst:
Auch Gay, als Terroristin ausgeschrieben, ist tödlich gefährdet.
Während meiner Abwesenheit haben Agenten
der Security meinen Schrank durchstöbert, in meinen Klamotten und in meinen
Papieren gewühlt. Lächerlich. Unter meinen Manuskripten habe ich nichts
zurückgelassen, was einen Verdacht erhärten könnte. Bloss Entwürfe von
Artikeln, Skizzen, Unzusammenhängendes, keine Fundgrube, Abfall, dessen ich
mich noch nicht entledigen wollte. Doch was bedeutete das schon? Mein Notebook
und mein Nano-Memory mit dem gespeicherten Bericht, meiner Gedankenagenda,
meinen Adressen und Informationen (sogar einer Kopie von Mikes Dokument und
seines Romanfragments) trage ich auf
mir. Als private Daten. Immer. Trug sie stets gesichert mit mir, wie Annexe meines
Hirns, meiner Organe. Waffen besitze ich nicht, keine ausser ihnen.
Die Security hat sich wohl
weniger für den Haufen Papier interessiert, als die Matratze gekehrt und das
Zimmer nach einem Waffenversteck oder nach Computer-Hardware durchkämmt.
Ein übereilter Aufbruch aus dem
Glasgower Hotel könnte als Flucht interpretiert werden. Und kann - wer weiss
schon? - auch Joe verraten. Ausserdem: Ich hatte wie andere mit Craig Kontakt
gehabt. Wenn sie Gründe erfunden haben, mich als Terroristen oder als Mitläufer
zu verhaften, dann können sie es jederzeit und irgendwo tun. Sie können ebenso
gut Gründe haben, zuzuwarten. Oder keine Gründe haben. Ich plane nicht bald
aufzubrechen. Ich rede mir ein, ich würde im Lauf von acht Tagen Anhaltspunkte
gewinnen, um mit einer gewissen Sicherheit ausschliessen zu können, dass sie
mich beobachten.
Aber morgen Abend habe ich den
Termin am Eingang der Necropolis, Ecke John-Knox Street. Das geplante Treffen
mit Andrew selbst oder einer Mittelsperson. Falls sie mich beobachten, bringe
ich Andrew in Gefahr. Und dann steht die Verbindung auf dem Spiel, die
Organisation. Das Risiko ist mir bewusst. Ich darf es nicht verdrängen. Kann
ich es einschätzen?
Ich mache mir emotionslos
bewusst, was ich möglicherweise verdränge: Alle den Systemhackern zugänglichen Daten
und Dateien sind schon gespeichert, sie wissen ohnehin genug über dich! Haben
sie nicht mein Psychoprofil? Gestehe ich es ihnen zu - oder rede ich es mir
ein? Ist es glaubhaft? Bin ich wirklich bereit, keine Einschränkung zuzulassen?
Will ich ihnen keine Unvollkommenheit zugestehen? Bin ich so verrückt?
Unsinn! Das ist die Drôle de
Normalité, sage ich mir. Sie unterwirft sich die Tatsachen. Seit sich die
idealistischen Hoffnungen ausgeträumt haben, leben wir mit ihr im Alltag, als
ob nichts geschehen wäre! Sie war und ist der Alltag.
Doch ich mache mir klar: Wenn wir
jetzt unsere SUMER und Computer nicht mehr benützen, wenn wir entschlossen
aussteigen, uns vom Gallert befreien, der unser Fleisch wie ein Mantel umgibt,
welcher uns konserviert. Wenn wir virtuell verschwinden, unser Profil löschen,
dann erst sind wir verdächtig. Dann haben wir den Status der Illegalität auf
uns gezogen. Unsinn?
Dass ich nicht lache! Ihre Macht
reicht nicht dahin, dass sie alles im Rasterlicht ihres gespeicherten Wissens
durchschauen. Dass sie uns kontrollieren, uns zur Freiheit begnadigen und als
Profillose leben lassen können, sofern sie nur wollen und solange sie wollen,
ist eine Paranoia.
Wir haben unser Leben aus uns
selbst und verdanken unser Profil nicht ihrer Gnade. Ihre Macht ist nicht absolut,
sie ist nur ein Bruchteil davon. Sie haben keine Allmacht, weil sie ihr Wissen
nicht kontrollieren. Und sie sind klug genug, das zu wissen. Sie können nur
reagieren. Und sie reagieren, weil sie die Erfahrung benötigen. Weil sie
unsicher sind. Weil sie nicht leben können im Elfenbeinturm ihres Wissens. Weil
ihre Algorithmen die Wirklichkeit nur bruchstückartig erfassen. Weil die
Wirklichkeit trügerisch ist und sich verändert. Laufend. Irritierend. Wie
zuvor. Wie immer.
Ich werde mich morgen auf das
Risiko einlassen. Ich muss planvoll vorgehen, falls ich keine Gewissheit habe,
dass sie mich nicht im Auge behalten. Bin ich vorsichtig, ist das Risiko
kalkulierbar. So haben wir uns zu verhalten gelernt, zu verhalten vereinbart.
Ich will heute Nacht noch einen
Gunpowder und ein Sandwich bestellen. Nicht bloss, weil ich neugierig bin. Ich
habe Hunger. Und ich habe das Bedürfnis, mit Joe zu sprechen.
Als sie sich vorbeugt und das
Teetablett mit dem bestellten Sandwich auf meinem Pult abstellt, wirft sie mir
von unten einen kurzen, dunkeln Blick zu.
Ich warte zu und schaue Joe in die Augen, denn ich habe das Vorgefühl,
dass sie ihr Schweigen brechen wird. Sie verlässt nicht wie sonst das Zimmer,
sondern bleibt stehen, zögert. Dann sagt
sie, ihr Chef habe sie gefeuert. Sie werde ihre Arbeit nach acht Tagen nicht
mehr antreten. Es wäre Ende des Monats. Sie hält kurz inne, blickt verlegen zu
Boden. Ob sie mir ihre Geschichte erzählen dürfe, fragt sie dann.
Falls ich nicht gerade auf eine
Sache konzentriert war, hielt i c h Joe sonst gelegentlich mit einer Frage oder
Bemerkung auf. Jetzt nicke ich und sage bloss: Sicher! Sie antwortet, wenn ich
nichts dagegen hätte, würde sie nach Ende ihres heutigen Tagesdiensts zu mir
herauf kommen. Nachts um elf klopft sie an.
Joes Geschichte
Vorbemerkung
Ich unterbrach Joe kein einziges
Mal, um eine Frage zu stellen. Sie hielt nur einmal inne und blickte lange auf
ihre Hände. Es sah nicht so aus, als ob sie sich auf eine Einzelheit oder die
Reihenfolge hätte besinnen müssen oder wie wenn ein Gefühl sie übermannt hätte.
Sie machte einfach Pause. Darauf schaute sie mich mit einem Unschuldsblick an,
als ob sie sich mein Verständnis und zugleich meine Einwilligung erbäte
fortzufahren. Ich nickte bloss. Was sie erzählte, hielt ich in derselben Nacht
aus dem Gedächtnis und in der Abfolge fest, wie sie es erzählte. Dabei hatte
ich den Tonfall und ihre Worte im Gehör und versuchte sie in meine Aufzeichnung
rüberzubringen, so gut es mir gelang:
Hab zwei Jahr Schuhe verkauft,
bei Boots in Shettleston. Immer diese Schweissmokassins, weißt du, für die
Blockirockis. Hab dieses Wort irgendwo mal gehört, wahrscheinlich von einem
ältern Herrn. Ich nannte die Jungs Blockirockis, weil Boots den Irokesenlook
auf der Schachtel hat und weil die Jungs, die sich um die Blocks herumtrieben,
wild darauf waren. Jeden starrten die zwei scharfen Augen aus dem Tatoo des
Aufdrucks an und alle Jungs, die bei uns reinschauten, manchmal stürmten ganze
Stosstrupps den Shop, wollten nur die Irokesenmarke. Und sie schauten genauso
drein. Sie hatten den Irokesenblick, weißt du, und genau so eine Bürste auf dem
Schädel.
Ich aber machte damals den
älteren Herren, die sich in den Laden verirrten, schöne Augen, weil ich sie
sympathisch fand. Die Jungen wollten immer dasselbe und benahmen sich rotzig.
Die älteren Herren waren aber etwas hilfsbedürftig, weil sie in den Gestellen
die gefütterten Lederschuhe nicht fanden, wenn sie solche suchten, oder mit den
Grössen nicht zurechtkamen. Der Manager wurde echt eifersüchtig und ich hab’s
auch darauf abgesehen ihn zu irritieren. Es war nicht der Grund, warum er mich
feuerte, er hätte das auch nicht gestanden. Ich war damals siebzehn. Es war,
weil mein älterer Bruder ein Gang-Rapper war und sie ihn erstachen, was in
Shettleton Aufruhr machte und in Glasgow Schlagzeilen. Ich glaub trotzdem, das
war nur ein Vorwand. Meinem Chef machte ich gar nicht schöne Augen, denn er war
so richtig geil, das muss ich sagen, und ich liess ihn das spüren. Er steckte
die Schuhe für die Jungs immer in vergammelte Plastiksäcke, mit den Schachteln
aber machte er noch ein privates Geschäft, weil sie damals trendy waren. Er
verkaufte sie im Nebenraum oder auf Vorausbezahlung im Versand. Die Schuhe
waren Renner, die Schachteln echt Kult.
Ich weiss nicht, warum ich den
Job im Hotel verliere. Ich bin eine ehrliche Haut, bloss schwarz, aber keine
züchtige Muslimin. Der Manager bei Boots war ein Moslem, der hier ist ein Inder
und er hat mir nicht nachgestellt. Privat macht er aber Geschäfte, nicht bloss
mit Tee, das weiss ich. Wie soll ich es verstehen? Ich hab in nichts meine Nase
gesteckt. Das Leben ist Shit, sag ich. Ich will dir meine Geschichte erzählen,
weil ich glaube, du bist einer, der das Leben versteht. Ich lass mich nicht
kleinkriegen, weißt du. Zwar, spätabends bin ich immer total geschafft und dann
fahr ich noch eine Stunde mit dem Nachtbus nach Balornock raus. Und das ist um
die Zeit ’n Abenteuer, was du nicht ohne Tricks überstehst.
Ich lass mich nicht niedermachen.
Hat Jar immer gesagt! Doch dann haben sie ihn niedergestochen. Mit
dreiunddreissig Stabs. Wo er sich doch bloss dagegen gewehrt hat, dass sie uns
und tausend Settlern auch die Shitwohnung in Shettleston wegpraktizierten und
wir in einen rotten Towerblock umziehen sollten, von dem jeder wusste, dass sie
ihn in einem Jahr oder so wie schon andere zuvor niedermachen würden. Wir
lebten in Shettleston billig, ohne Bad zwar,
das teilten wir mit andern Familien, und wir hatten uns in der Wohnstube
mit unserm Diwan und dem Kamelhaarteppich komfortabel eingerichtet und auf dem
Hof war es ruhig. Drinnen klapperten nur die Deckel der Waist-Container und die
Kids konnten Ball spielen. Doch draussen vor dem Block war der eiserne
Picket-Fence, der ein Loch hatte, wo die Junkies durchschlüpften, dahinter
totes Land voller Löcher, Erdhaufen und Gestrüpp, dann die M-74, der Tunnel und
die Gleise der Royal Rail.
Dreiunddreissig Mal haben sie
zugestochen, da war er schon dreimal tot. Müssen genau gezählt haben, denn das
war die Brand der Moods. Aber er selber gehörte zu den Moods, war ein
Moodsrapper und die Jam 74 brannte ihre Rap-Spur durch Eastend, mittendurch.
Wen du immer fragst, andere haben Jar nachts aufgelauert. Und als die
Kriminaler ihn zurückbrachten und wir seine Leiche auf der hohen Couch in Ma
und Pa’s Bedroom aufbahrten und seine Freunde kamen und sagten, wir haben’s
nicht getan, da ging schon die Verhaftungswelle los. Im Bedroom aber sang
Mahal, Jars bester Freund, zwischen den Zähnen:
LET’S NOT ASK QUESTIONS SUCH AS
WHERE OUR
FREEDOM WENT
LET’S HAVE A
GLANCE INSIDE THAT PURSE
LET’S
WATCH INSIDE THAT GLOVE-BOX
Jar war noch in Nyala geboren, wo
der Rand der Wüste herankroch. Ihr Eastend-Rap war der Desert-Rap, so nannten
ihn Jar und seine Freunde und ihre Foes waren die Janjaweeds. Nachdem die
sudanesische Armee nämlich das Lager gebombt hatte, kamen Ma und Pa zusammen
mit dem kleinen Jar auf die Insel. Es war ein humanitärer Sondertransport,
trotzdem zahlte Pa mit seinem Vermögen. Sie kamen dafür zu einer Wohnung in
Laurieston und Verwandte besorgten Pa dort in der Gegend einen Laden. Pa
bezahlte ihnen zwar mehr als die Rente, doch hatte er nun wieder einen Laden
wie damals in Nyala und Jar half ihm. Wenn Ma mit der kleinen Schwester und den
Zwillingen im Wagen einkaufen oder spazieren ging, war ich oft dort und spielte
mit den Kugeln des Zählrahmens, den Pa von Nyala mitgebracht hatte. Sie hatten
in Laurieston nämlich so eine gammle Klingelkasse, welche Jar bediente, und Pa
brauchte den Zählrahmen bloss noch hie und da, wenn Freunde kamen, welche gerne
mit ihm schwatzten. Klar, er berechnete ihnen darum auch einen Freundschaftspreis.
Ich lernte am Rahmen zählen,
bevor ich eingeschult wurde, denn Jar brachte mir in den flauen Stunden die
englischen Zahlen bei. Ich konnte sogar einfache Additionen, zum Beispiel: drei
und vier sind sieben! Und Jar hatte mir beigebracht, die Stockwerke unseres
Blocks zu zählen. Ich stand auf einem Buckel, den der Rasen wir eine braune Schwäre
bedeckte und zählte sie von unten nach oben und von oben nach unten, es waren
immer dreiundzwanzig. Auf dem siebzehnten Stock hatten wir drei Zimmer. Wenn
ich aus dem Fenster runter schaute, hörte ich hinter mir Pa seine Koranverse
murmeln und sah unten die Schwäre, auf welcher ich gestanden und gezählt hatte.
Und wenn ich aufschaute, sah ich über die Baumwipfel und den River Clyde weg
auf den Park mit dem Glashaus drüben. Jar hatte mit gesagt, das sei Glasgow
Green und der Peoples Palace mit dem Wintergarten.
Hingen nasse Flocken Schnee in
den Bäumen und Glasgow Green war nicht mehr Green, dann beamte ich mich durchs
Fenster in den Wintergarten. Ich hörte Pa’s Stimme hinter mir, er sass auf dem
Kamelhaarteppich und pendelte beim Lesen mit seinem Oberkörper vorwärts und
rückwärts, so dass seine Stimme sang. Jede Gemeinschaft, sang sie, hat einen
Termin. Kinder Adams, wenn aus euch Gesandte kommen, um euch meine Zeichen zu
künden, seid gottesfürchtig, so befällt euch keine Furcht. Aber denen, die
unsere Zeichen für Lüge erklären und
hochmütig sind, werden die Tore des Himmels nicht geöffnet und sie gehen nicht
in den Garten, bis das Kamel in ein Nadelöhr geht.
Ich war fünf. Dass man
gottesfürchtig sein und zugleich keine Furcht haben sollte, machte mich gar
nicht schlau. Und das mit den Kindern Adams und dem Kamel, welches in ein
Nadelöhr gehen sollte, hielt ich für eine Geheimsprache und wagte daher nicht
Pa zu fragen, obwohl ich genau wusste, dass er kein Zauberer war. Vielleicht
wollte ich ihn auch nicht blamieren. Jedenfalls beamte ich mich, während Pa im
Koran las, rüber zu den Kamelen, welche in meinem Wintergarten zwischen Palmen
an einer Quelle hockten und friedlich vor sich hin kauten.
Jar hatte mich also gelehrt bis
dreiundzwanzig zu zählen. Das reichte mir und ich dachte: dreiundzwanzig ist
das Ganze. Denn dreiundzwanzig war der Topfloor. Darüber gab es nur das Dach
und dort stoppte der Lift, wenn Jar auf den obersten Knopf gedrückt hatte. Das
war aber streng verboten. Dass wir oben nichts zu suchen hätten, sagte Mister
Grey, der im ersten Stockwerk wohnte und die Bewegungen des Lifts überwachte.
Im Topfloor wohnte Mister Trucklebone, der sofort runter telefonierte, wenn er
einen Toplifter erwischte. Soviel verstand ich: dreiundzwanzig bedeutete STOP.
Und es bedeutete auch: VERBOTEN.
Als die Junkies dort oben ihre
Spritzen ansetzten, weil sie im Keller nichts mehr zu suchen hatten, gab es im
Block immer Krach. Aber Mister Trucklebone überwachte im Auftrag von Mister
Gray den Lift und das Treppenhaus. Und Mister Grey sorgte für Ruhe und rief die
Polizei. Später, als wir in Shettleston wohnten, dachte ich, die Zaunlücke
hinter unserem Haus, durch welche ich Jar abends schlüpfen sah, sei das
Nadelöhr. Ich hatte um diese Zeit nichts draussen zu suchen. Jar erzählte
zuhause nie etwas von drüben und ich dachte, Ma und Pa dürften nichts davon
wissen, darum fragte ich ihn auch nicht danach aus.
Wir kamen in diesem Winter nie
von Laurieston über den River Clyde. Im Frühling kamen die orangen Männer von
Safedem. Sie trugen silberne Helme und machten sich am Schwesterblock zu
schaffen, während alle Bewohner unseres Blocks vom Groundfloor bis zum Topfloor
der Reihe nach ihre Wohnungen räumten und auszogen. Am siebzehnten Tag räumte
unser Stock und wir zogen nach Shettleston.
An einem heissen Sonntag früh
desselben Jahrs nahmen Pa und Jar mich mit nach Laurieston. Die Bobbies hatten
quer durch den Rasen ein gelbes Plastikband gespannt und versperrten alle
Zugänge zu den Blocks. Am Rand der Strasse hatte sich eine Menge Menschen
versammelt und Autos parkten, wo sie gerade Platz fanden. Die Bobbies waren mit
der Absperrung der Blocks beschäftigt und ziemlich nervös, weil sie auch den
Verkehr überwachen mussten. Orange Männer von Safedem standen mit Walkietalkies
auf Hebeplattformen über dem Rasen. Ich stellte mir vor, dass sie an den Blocks
oder dazwischen eine Trapez- oder Seiltanz-Nummer aufführen würden. Um jedes
fünfte Stockwerk hatten sie breite schwarze Plastikbänder gespannt, an welchen
der Wind zupfte, und ich sah, dass sie alle Fenster ausgehängt hatten, so dass
die Blöcke einer Höhle mit tausend schwarzen Löchern glichen. Das sah zwar
etwas unheimlich aus, aber die Leute schwatzten aufgeregt und lachten. Die
Kinder sprangen um die Beine der Erwachsenen herum und haschten nacheinander.
Die Stimmung war wie auf der grossen Fair in Govan vor der Parade.
Plötzlich hörte man einen Bang
und alle schauten zu den Blocks. Ich sah vier Vögel in glattem Schwung über
einen nahem Baum wegfliegen und jemand sagte: So vertreiben sie in Italien die
Spatzen aus den Weinbergen, du wirst sehen, jetzt geht’s gleich los! Wow, sagte
jemand anders, s’ist der programmierte Notfall! Und da blähten sich die
schwarzen Bänder und Rauchzungen stachen wie die Rollzungen eines Chamäleons
vom Top nach unten aus unserem Bau und er teilte sich in Türme, von denen einer
dem andern folgend nach links wegbrach und sich knatternd in den
hochschiessenden Staub verwandelte. Wir hörten die Bangs in rascher Folge, sie
erfassten den zweiten Bau und wir sahen immer zuerst die Türme zusammenzucken,
dann kamen die Bangs und dann das Knattern durch die stürzenden Turmreihen. Ich
schrie und war zugleich starr und dann drückte ich meinen Kopf in Pa’s Kaftan.
True! hörte ich Jars Stimme neben mir sagen, nicht laut, und eine hohe Stimme
schrie gleich vor uns: Whow! Was für ein krimineller Staubpilz! Nimm die Beine
zwischen die Arme!
Ich weiss nicht, wie wir nach
Shettleton zurückkamen. Am andern Tage konnte ich am Zählrahmen nicht mehr
zählen, ich schob bloss die Kugeln an den Stäben von rechts nach links, stellte
den Rahmen auf den Kopf und begann von vorne. Aber ich hatte die Zahlen
vergessen, sie hatten sich in mir drin verkrochen. Als sie Jar elf Jahre später
nach Hause brachten und aufbahrten, war sein Leichnam in ein grünes Tuch
eingebunden, nur sein Gesicht guckte aus einer Öffnung, ja, er guckte mit
geschlossenen Augen wie verwundert und ich hätte die dreiunddreissig Stiche in
seinem Leib nicht zählen können, obwohl ich die Zahlen in der Schule inzwischen
wieder gelernt hatte, weit über tausend sogar, aber ich presste nachts mein
Gesicht in alle seine Wunden.
Als sie dann die Shettleton-Area
plattwalzten und wir in einen Old Tower-Block in Balornock umzogen, gingen die
Zwillinge noch in die Elementary-School und Aida, meine Schwester, besuchte die
Secundary. Ich … ich hatte eben meine Stelle bei Boots geschmissen, genau, der
Manager hatte mich gefeuert, aber ich hatte mich geweigert, ihm schöne Augen zu
machen und wusste, dass er mich feuern würde. Vor dem Tag, an welchem wir in
den Block ziehen sollten, hatte ich Angst. In der letzten Nacht - ich hatte
kaum geschlafen und erwachte sehr früh mit einem schrecklichen Traum - riss ich
aus. Ich ging hinter dem Haus um die Kaninchenställe, dann schlüpfte ich durch
das Zaunloch…. Am Abend desselben Tags
griffen mich die Bobbies in der Gegend des Sportplatzes auf. Mein Vater kam auf
den Posten. Er machte einen fürchterlichen Krach. Ein Polizist und eine Polizistin
fuhren uns zum Towerblock. Als ich mich auf dem Parkplatz sträubte in den Block
hineinzugehen, wickelten mich Vater und der Polizist in eine Wolldecke und sie
trugen mich zum Lift. Ich schrie und schlug um mich und kratzte wie eine Katze
im Sack. Die Polizistin versuchte mich zwar zu beruhigen, doch ihr Kollege rief
einen Notfallarzt und der gab mir eine Spritze. So brachten sie mich hoch.
Mutter weinte und machte zugleich
ein Gezeter. Sie brachte mir eine Schüssel mit Couscous und einen Krug Tee ins
Zimmer, wo bloss meine Matratze und die Decke drin lagen. Sie weinte wieder.
Dann schlossen sie das Zimmer ab und liessen mich allein… Wie kann ich je in
einem Block drin leben ohne das Gefühl in einen Abgrund hineinzustürzen und
jede Nacht aus dem Fall aufzuwachen!
Ich durfte die Wohnung nicht
verlassen, fünf Wochen oder länger, ich habe die Wochen nicht gezählt. Nachts
sperrten sie mich ins Zimmer. Ich ging nie ans Fenster um runterzuschauen, am
Tag nicht und in der Nacht nicht. Vater redete fünf Wochen lang nicht mit mir,
tagsüber war er fort, weil er Arbeit suchte und wieder ein Lokal zu finden
hoffte, wo er seinen Laden einrichten wollte. Im Wohnzimmer hatten sie über
einem Strauss Hyazinthen, es waren Plastikblüten, eine Foto von Jar aufgehängt.
Sie hatten sie vergrössern lassen. Ich sah, dass sich Vater manchmal, wenn er
auf dem Kamelhaarteppich sass, mit der Hand über die Augen wischte. Ich half
Mutter im Haus. Sie war sparsam mit ihren Worten. Ich spürte, dass sie mich
nicht mehr bestrafte, trotzdem hätte ich wissen wollen, was sie und Vater
miteinander beredet hatten. Aida ging einkaufen, ich half der Mutter in der
Wohnung und durfte, wenn auch nicht ohne ihre Begleitung, in den Keller runter,
wo wir die Waschmaschine stehen hatten. Es fiel genug Wäsche an und ich stopfte
die Dreiangel in den Jeans der Zwillinge. Langsam gewöhnte ich mich an den
Block, aber ich wollte ihn in zu dieser Zeit selber noch nicht verlassen, weil
ich Angst hatte, wenn ich mir seine Höhe vorstellte und irgendwo winzig in der
Wand unsere Wohnung.
Eines Abends sagte Vater zu mir,
er habe in Balornock ein Lokal gemietet. Ich könne ihm einrichten helfen und
beim Verkauf im Laden gebe es für mich Arbeit. Wozu war ich sonst gut, nachdem
ich den Job bei Boots geschmissen hatte? In Balornock hatten wir aber keine Kundschaft.
Sie hatten dort ein riesiges 99-Pence-Warehouse gebaut. Vater versuchte es mit
Gemüse. Aber es wurde ihm nicht frisch angeliefert. Er versuchte es mit
geschächtetem Fleisch. Aber im 99 boten sie es für die islamische Kundschaft
delikat in Folie an.
In Shettleton hatte Vater vor dem
Eid jeweils hinter dem Schuppen am Zaun ein Schaf geschlachtet. Er schnitt ihm
die Halsschlagader durch und liess das Blut in einer Rinne abfliessen. Es rann
unter dem Zaun durch und versickerte. Einen Drittel des Tiers schenkte
Vater den Verwandten, zwei Drittel
verteilte er an bedürftige Kunden. Den Kopf steckte er auf einen Holzspiess,
den er senkrecht in die Erde einschlug, und röstete ihn am Feuer, dann tischte
ihn Ma mit Couscous und Weinbeeren auf.
Beim Opfermahl im letzten Ramadan
war Jar nicht dabei. Er war am Vorabend weggegangen, wo er blieb, wusste
niemand von uns. Er blieb um diese Zeit häufig weg und wir machten uns Sorge,
weil er darüber nie ein Wort verlor. Doch schliesslich war er alt genug und
hatte einen Job. Nur war es im Ramadan und Vater dachte: Entweder ist er unrein
und nicht würdig das Opfermahl zu nehmen oder er begeht ein Haram. Vater war an
dem Abend wütend und Mutter weinte und beide fielen ins Grübeln. Ich wollte
nicht nach der stumpfsinnigen Liste von Pflichten und Tabus über Jars Zustand
urteilen. Kurze Zeit nach Ende des Ramadan wurde Jar getötet. Vater sagte
darauf immer wieder: Wenn Jar beim Eidmahl dabei gewesen wäre…. Immer nur
diesen halben Satz sagte er. Was er dachte verriet er nicht, aber
wahrscheinlich glaubt er, Jar sei erstochen worden, weil er sich versündigt
habe. Er musste schliesslich eine Erklärung dafür haben. Ich hasse Vater und
zugleich habe ich für ihn auch Mitleid.
Im Vorjahr hatten Jar und ich
zusammen die Govan-Parade besucht. Ich fragte Jar, ob sie denn in Govan auch
Eid feiern. Gleich hinter der Brassband trugen sie nämlich einen Widderkopf auf
einem Spiess voran. Jar war sieben Jahre älter als ich und wusste die Sache zu
erklären: Ein Grundherr, heisst es, hat vor langer Zeit seiner Dienstmagd zu
heiraten verboten. Die armen Weber von Govan rächten sich darauf für die Magd.
Sie schlugen nämlich der Herde des Unterdrückers die Köpfe ab. Den Widderkopf
spiessten sie auf und zogen protestierend zum Gutshof. Jedes Jahr darauf haben
sich die Weber an ihre Rache erinnert, erzählte Jar, und so ist der Brauch von
der Parade und dem Widderkopf entstanden….
Warum ich dir die Geschichte
erzähle? Weil sie mir immer im Kopf kreist. Vater hat meine Schwester, obwohl
sie jünger ist, letztes Jahr mit einem Verwandten verheiratet. Zu mir sagte er
einen Satz, der sich mir einbrannte: Du hast Schande über die Familie gebracht,
denn du bist ausgerissen und überhaupt….
Das war alles. Vater hat die Gewohnheit abzubrechen, wenn er verbittert
ist. Vielleicht hat ihm der Manager von Boots was gesteckt,
als er mich entliess. Ich bin
zwar nicht prüde, aber das Schwein hat die Geschichte sicher erlogen. Ich weiss
jetzt, Vater wird niemals einwilligen, dass ich heirate, und wenn ich es selbst
wünsche, wird er mich verstossen. Ich bin zwar die Ältere, bin aber durch die
Zaunlücke abgehauen. Bin ihnen gerade gut genug, für die Miete aufzukommen und
für beide zu sorgen, wenn sie älter werden - und Vater ist krank. Aber wie kann
ich schon anders?
Ich will selber bestimmen, wenn
ich heirate… und wenn ich liebe! Wenn e
r aber stirbt? Meinst du, Ma hätte einen
Hauch von Chance, sich in die Pensionskasse der schottischen Witwen
einzukaufen? Pa wird bald sterben. Ich frag mich, wie es mit uns weitergeht.
Ich bin jetzt dreiundzwanzig. Von Jar habe ich die alten Platten. Er hatte
welche von Jusuf, die er oft hörte. Zum Beispiel: THE BLOCKS ARE OUR SHELTERS, THE
SHELTERS OUR SHUTTLES TO SHAME . Und
alle anderen Songs! Ich lege sie immer wieder ein. Jusuf ist blind, meint
Vater, weil Allah ihn gestraft hat. Aber es ist umgekehrt und ich glaub, wie
Jar sagte: Er ist blind, weil ihn Allah zum Seher gemacht hat. Darum.
SIE HABEN UNS VOLLGEPUMPT MIT
SONNENSCHEIN UND GARANTIEN , singt Jusuf. Aber die Stocks sind leergepumpt. Für
die Regeneration zum Beispiel sind keine Bluechips mehr drin. Und ich frag
mich, wo jetzt das Geld bleibt, die Blocks zu sanieren, die sie drum nicht
abreissen, weil sie keins mehr haben. Sie haben
GRASSROOTS-PARTICIPATION versprochen,
sagt Jusuf, und jedem ist das Gegenteil klar, denn der Zustand ist: Wir leben
zwischen faulenden Spannteppichen und schimmelnden Wänden.
Das sind die Grassroots, der
braune Schimmel! Die Leute werfen Waist aus den Fenstern. Vor einem Monat hat
eine junge Mutter ihren sechsjährigen Sohn vom vierzehnten Stock
runtergeworfen, wie einen Gegenstand. Sie war blazin, vollgepumpt mit Drogen.
Kannst du dir vorstellen, dass sie durchdrehte, weil sie keine Zukunft sah mit
drei Kindern und ohne Mann? Die Behörde hat ihr die zwei kleinern Kinder
weggenommen und versorgt, klar. Vorher hat sie sich zwar um das Programm, aber
menschlich überhaupt nicht um die Frau gekümmert. Wir haben den Platz unterm
Block, wo sie den Jungen fanden, mit Blumen geschmückt, damit wir uns selbst an
ihn erinnern, obwohl wir ihn nicht kannten. Ein Teddybär wird vom Regen grau
gewaschen und verschimmelt dort unten. Es ist in Glasgow nicht besser als es in
Afrika war, das ich nicht kenne. Wie geht es mit uns weiter und wofür leben
wir?
Jar hat mir erzählt. Er hat die
Wüste herankriechen sehen. Er hat gesehen, wie Vater im Lager am Opferfest ein
Kamel schlachtete und wie ein kräftiger Glatzkopf den toten Leib aufblies. Er
pustete, dass sich seine Adern am Kopf blähten, während zwei Männer mit Ruten
das Blut aus dem Kamel herauspeitschten.
Manchmal träume ich von der Wüste
und den zähen Gräsern, welche unter dem Treibsand wurzeln und ihm widerstehen.
Manchmal schaue ich dann heimlich
aus dem Fenster auf die Grasflächen runter, folge den Spuren im Schneematsch.
Die schwarze Piste zielt vom Blockeingang quer rüber zur Bushaltestelle. Das
ist der Karawanenpfad, denk ich. Aber in alle möglichen Himmelsrichtungen
laufen schwarze Abdrücke von Schritten, kreuzen sich, flechten ein Netzmuster von
Spuren und verwirren sich in einem Knäuel, sieht aus wie ein Sammelplatz. Dort
vertreten die Blockirockies nachts ihre klamen Füsse, rauchen ihre heissen
Joints. Wenn ich die Fährten sehe, kommen mir Boots in den Sinn. Irocky-Boots.
Die Indianer, welche früher auf jeder Tabakdose mit Kriegsschmuck drauf waren,
sind lange out. Doch Irocky-Boots sind in. Zwar sind die nicht Mocassins made
in Tobaccoland, aber d i e Marke eben, die Mocassins der Irocky-Gangs.
Ich finde Paschtunenturbans und Peschmergahosen, in denen bald alle andern herumlaufen,
zum Kotzen, die riechen flau nach Knoblauch, Ingwer und Zimt wie die jemenitischen
Gewürzläden. Die I r o c k i e s sind die echten Stammeskrieger. Sie klettern
nachts mit ihren Spraydosen an den Blocks wie an Bäumen hoch und markieren ihre
Reservationen. Die Rubberboots sind genau die richtige Marke dazu, haben das
nötige Haftprofil für ihren Todesmut. Die Blockirockies schneiden ihre
Stammestattoos auch in die Sohlen ihrer Schuhe, deren Spuren ich sehe, bevor es
dunkel wird.
Eine nachgefügte Notiz
Mit Joes Chef versuchte ich am
zweiten Tag wegen ihrer Entlassung zu sprechen. Er hatte gerade das Handy
zwischen Kiefer und Schulter eingeklemmt und blätterte in einem Register. Er
schaute mich aus dem Halbdunkel hinter dem Buffet der Rezeption mit stumpfem
Blick misstrauisch an und gab dann eine Information durch. Als ich ihn wegen
Joe ansprach, ging er nicht einmal auf die Kündigung ihrer Stelle ein, sondern
beugte sich über den vergilbten Stadtplan unter der Glasfläche vor und sagte
mit seiner Raucherstimme, er müsse mein Zimmer auf Monatsende wegen Sanierung
kündigen. Ich bekam zu spüren, dass ich nicht mehr der ehemals mit dem
Sonderservice seines Jasmintees bevorzugte Mieter, sondern niemand war. Er
machte mir weder ein Angebot noch deutete er vage Hoffnung auf zukünftige
Erneuerung des Mietvertrags an. Er schmiss mich raus.
Meine Monatsmiete war bezahlt.
Ich blieb noch sieben Nächte in meinem Hotel. Sie bestätigten mir, dass ich
mich in einer Beziehung nicht täuschte: Joe und ich waren wortlos Verschworene.
Ich nannte es scherzend unsere Gunpowder-Verschwörung. Wir waren beide
gekündigt. Joe verlor den schlechten Lohn, mit dem sie die Eltern unterstützte
und ihre gemeinsame Miete zahlte. Mein eigenes Vermögen war durch die Inflation
fast bis zum Grund geschrumpft und ein unregelmässiges Einkommen fiel von jetzt
an aus. Die Kündigung des Mietzimmers hatte ich selbst schon vorgesehen.
Joe verriet mir, die zivilen
Beamten hätten neben meinem auch andere Zimmer des Stockwerks durchstöbert. Ich
konnte nicht ausschliessen, durfte mich aber auch nicht darauf verlassen, dass
die Security eine ihrer völlig routinemässigen Razzien nach Waffen, Drogen und Schmuggelware
jeder Art durchgeführt hatte.
Immerhin versicherte mich die
kurze Zeit, welche ich nach dem Treffen mit Unterbrechungen schreibend in
meinem Zimmer verbrachte, dass meine Verhaftung kaum zu befürchten war. Nicht
jetzt jedenfalls.





