Während ich an der Garderobe den grauen Shawl um den Hals hängte und meine Mac Cool-Mütze in die Stirne zog, spürte ich, dass James mir aus der Stube mit einem Lachen auf den Stockzähnen zuschaute, wie ich mich für den angesagten Kirchgang rüstete.
Eben hatte ich den polierten
Messingknauf der Haustüre gedreht und stand noch auf der Schwelle, als ich
hinter mir das genüssliche Glucksen seiner Stimme nicht überhörte. For whom the
belle tolls! rief er mir nach. Natürlich, James witzelt über die Frömmler. Während
ich aber den Garten durchschritt, wurde mir klar: Das Zitat war mehr als eine
Wortspielerei. James ist belesen. Er ahnt vermutlich, dass mich etwas ganz
anderes umtreibt als die Suche nach geistlicher Erbauung. Mit meiner Geschichte
bin ich heute Morgen noch nicht herausgerückt. Dass er neugierig darauf ist,
hat er mir gestern auf seine Weise unter die Nase gerieben. Er hat den
Verdacht, dass mich ungewöhnliche Umstände in sein friedliches Exil getrieben
haben. Ausgerechnet zu ihm nach Gatelochport, in dieses wie Gottes Augapfel
bewachte kleinbürgerliche Paradies!
Halb elf ist vorüber. Die See
dringt durch die Arme des Clydemouth in die Lochs, steigt und zieht sich durch
das Netzwerk von Rinnen im Uferschlick wieder zurück. Der Meeresspiegel hat
sich seit dem Einbruch der Warmzeit wieder gehoben, mit ihm auch der Schlick,
den die Flut heraufspült. Aber der Sog der Gezeiten ist unwiderstehlich, ihr
Rhythmus verändert sich nie. Die Boote liegen in der Tiefe der Bucht verankert.
Sie scheinen mir heute träger, trödeln kaum an ihren Leinen. Während dem
gestrigen Aufruhr hat sich in ihren Bäuchen Wasser gesammelt.
Zwar ist der Uferpfad matschig.
Doch die Verbindungsstrasse vom rechten Lochufer zum Dorf werde ich nicht
benützen. Da ich keinen Schuh aus dem Morast ziehen will, suche ich Tritt auf
Grasbüscheln. Spazieren durch den Sumpf ist tänzerische Schwerarbeit.
Letzte Nacht gewann
ich endlich Gelegenheit für einen Rückblick. Der Druck der Ereignisse hatte
mich gezwungen, die Analyse unserer Situation aufzuschieben. Im Schutzraum, den
James Haus mir bot, fand ich mich schreibend wieder. Die Stille der Umgebung
löste die Spannung der vergangenen Tage.
Ich speicherte die folgenden Eintragungen
in meinem Notebook:
Clydemouth. Eine labyrinthische
Geografie. Sounds und Lochs krümmen und verzweigen sich in abenteuerlichen
Richtungen. Sie stossen an verlandete Durchpässe, manchmal treffen sie sich
wieder. Aus- und Umwege öffnen dem Zufall Spielräume. Wer die Winkel nicht
kennt, verrennt sich. Das Exil der Lochs, anders als der langweilige
Kieselhaufen, auf welchen das Eismeer mich und die Bären verbannte, ist ein
verlockender Generator unvorhersehbarer Verbindungen.
Ich bin zwar aus der Zeit, aber
nicht in die Paralyse einer Depression gefallen. Meine Neugierde ist hellwach.
Die Herausforderung stimuliert. Ich spüre die Leichtigkeit einer elementaren
Gewissheit: der Widerstand gegen die Verfallenheit von Macht und Lüge ist
gerecht. Das alte Parteiengefüge ist längst auseinandergebrochen. Dem Notstand
wurden Demokratie und parlamentarische Macht aufgeopfert. Eine mit raffinierten
Machtmitteln ausgerüstete Elite steht der Ohnmacht einer fraktionierten
Gesellschaft gegenüber. Deren Mehrheit ist kulturell verroht und politisch
lenkbar. Nach Bedarf der Staatsmacht
erzeugt sie den Druck der Strasse. Eine in sich selbst gespaltene
intellektuelle Minderheit lebt zwischen Opportunismus und Resignation. Viele
fühlen sich um ihre Zukunft betrogen. Arbeitslos und verbittert kaprizieren
sich Gruppen in kulturellen Nischen auf ein spleeniges Aussenseitertum. Andere
verfallen einem oppositionellen Aktivismus oder - oft zugleich - dem Konsum billiger Drogen. An
ihrer blinden Wut oder ihrer Sucht reiben sie sich auf.
Als wir nach der langen
Wurlitzer-Nacht aufbrachen, liefen die Schlagzeilen-News über die schmutzigen
Screens der Terminals: GEHEIMES HEADQUARTER IN BRAND GESTECKT. Die
regierungskonforme Durchgabe repetiert die Aktualität im Dreiminutenrhythmus.
Die Security habe in einem Bunker Sprengstoff, Waffen und Dokumente
sichergestellt. Diese bewiesen den Plan einer Verschwörung gegen die
Staatsordnung. Die Terroristen hätten in den Kellerräumen der Connection-Bar
den Brand gelegt, um ihre Entdeckung zu verhindern und sich abzusetzen. Der
Brandschutz des Sicherheitskommandos habe die Katastrophe (in unerschrockener
Fürsorge!) im letzten Augenblick verhindert. Die Fahndung nach einer
bewaffneten Bande untergetauchter Terroristen sei im Gang. Fahndungsbilder ergänzen
die Meldung: Craig und fünf der Gefolgsleute seiner Gruppe sind als Kopf der
Bande ausgeschrieben. Auch Gay!
Sprengstofflager. Die
Anschuldigung ist nicht zu widerlegen. Keine Chance, die Willkür potentieller
Schlussfolgerungen und Massnahmen des Geheimdienstes durch eine Kommission
überprüfen zu lassen. Es gibt keine neutralen Instanzen. Unter Anklage steht
die Organisation: die CONNECTION
selbst. HEADQUARTER nennen sie die Bunkerräume im Untergeschoss
der Bar. Sie differenzieren nicht, führen eine Offensive gegen den Terrorismus
schlechthin und enthüllen eine
VERSCHWÖRUNG gegen den
Staat. Somit leben wir alle im
Untergrund, gelten als Mitglieder einer terroristischen Organisation.
Unausgeschrieben: Andrew, Rudy, Reg, Dan, auch ich und alle andern. Wer von uns
nicht? Wer von den andern? Wer von uns gilt im Sinn der Anklage als militant?
Wer identifizierte sich mit der Connection aus Interesse an ihrer Sonderkultur?
Wer war aus anderen Gründen dabei, zugezogen weil er in ihrem Kollektiv Obdach
fand. Wer war von der Security eingeschleust, als Denunziant, und blieb, weil
er dabei eine andere Identität fand? Sie klären die Öffentlichkeit nicht auf.
Sie lassen die Anhänger, uns alle, im Ungewissen. Vielleicht leisten sie sich
Langmut. Sie können sich wie gewohnt alle Zeit leisten. Denn sie wissen, sie
haben uns zerschlagen. Die Connection ist zerrissen. Doch war es nicht immer so gewesen? War sie nicht immer aufs
Neue andersartig, heterogen, verwandelbar und darum attraktiv?
Und Gay, die präparierte Provokation? Gay ist
ausgeschrieben: als Top-Terroristin!
Gay, geköpfte Trute der Security.
Die Wahrheit ist: Sie hat sich von Craig abgesetzt, lange vor ihrer Verhaftung
schon. Wenn sie überhaupt je mit ihm oder seinen Zielen zu tun hatte. Sie war
die enge Vertraute Lucies gewesen. Und sie wollte Ana beschützen, mit Ana
zusammen losziehen. Sie lachten zusammen drunten im Flucht-Shelter, in unserem
Unterschlupf, schminkten sich poppig, zogen die roten T-Shirts der
Liverpoolfans über, steiften die Haare und setzten rosarote Spiegelglas-Brillen
mit viel Flimmerbrillanten auf.
Gay und Ana gingen im
Morgengrauen weg, zum Park-and-Ride-Gelände, wo die Busse zum Match gegen die
Rangers nach Newcastle starteten. Sie hatten sogar Transport-Tickets, von Reg
glaube ich, und Eintrittskarten. Auch ihre Spiegelbrille konnte Gay kaum
schützen. Gegen die Radarscanner war nichts impermeabel. Ich hoffte, Gays
Scharfsinn und der Zufall würden beide beschützen, rechnete damit, sie würden
die Eintrittskarten weiterverkaufen, im Gedränge um das Stadium untertauchen
und nach dem Anlass einen der ersten Coachs nach Glasgow erwischen,
unterwegs ihre Fanshirts tauschen.
Andrew und ich haben uns nach
unserem geplanten Zusammentreffen in Preston getrennt. Ich bestieg in Blackpool
einen Küstenfrachter, welcher Schlachtvieh in den Süden transportiert hatte und
Container mit Knochenmehl und Ersatzteilen hochfuhr. Über Umwege gelangte ich
auf ihm nach Oban.
Der Kahn stank. Ich teilte eine
Kajüte mit einem irischen Schiffsmechaniker und einem Rinderhändler aus Argyll.
Da die Kajüte über den Engines lag, war es die ganze Nacht brütend heiss. An
Schlaf war nicht zu denken, zumal es keinen Schalter gab, das Neonlicht
auszumachen. Der Frachter war schon ein Menschenalter auf der Route im Einsatz.
Das Stampfen der Kolben dröhnte durch die Spanten und Böden. Der Rinderhändler
schimpfte gegen den Terroristengang. Wie Shrimps sollte man diesen Craig und
sein Pack in brodelndes Wasser werfen und rot brühen. Worauf der Ire
seelenruhig erwiderte: Er glaube nicht, dass man das machen müsste, sie wären
ja schon rot und darum ausgekocht.
Gatelochport erreichte ich am
folgenden Tag mit einem Lieferwagen über Arrochar. Die Visite bei James liegt
nicht einfach nahe, sie ist eingeplant. Ich werde später mein Mietzimmer im
vergammelten Hostel aufsuchen, wo Joes Betreuung und mein Gunpowder mich
erwarten. Zuvor aber erwarte ich Kontakt. Wir müssen die Risiken testen, haben
wir ein Wahl? Erfahrung lehrt: Die Normalität ist die beste Tarnung.
Die Botschaft des Widerstands
Die Tide ist heute gegen elf Uhr
flach. Das kräuselnd wegziehende Wasser glitzert in den Rills. Dieser Sog! Als
ich den Steg überquere, dampft das Watt im Gegenlicht. Vom Bucklerhill höre
ich, überraschend kurz und trocken, Kirchengeläut. Ich bleibe auf der Brücke
stehen. Blicke ans Geländer gelehnt auf das Loch. Unter mir kreist die
Schaumspirale. Der Service wird begonnen haben, wenn ich mich auf eine der
leeren Hinterbänke setze.
Als die Türe hinter mir zufällt,
verklingt das erste Chorlied und die Orgel setzt mit gedehntem Nachdruck den Schlussakkord. Das Häufchen Kirchgänger, welches sich in den Vorderbänken um den
Opfertisch geschart hat, wirkt in der eingetretenen Stille hilflos. Ich setze
mich und lege die Mac Cool-Mütze neben mich auf die Holzbank.
Der Reverend lässt eine Pause
verstreichen, bevor er vom Chorgestühl im Altarraum lockeren, fast sportlichen
Schritts mit pendelnden Armen vor die Versammlung tritt und die Anwesenden in
seinen heiteren Blick nimmt. Er trägt einen schwarzen Rollkragenpullover. Verstohlene
Neugier spielt in seinen Augen. Als er beide Hände hebt, zuckt für einen Moment
die Lust an der Provokation in seinen Mundwinkeln. Ihr steckt doch nicht alles
kritiklos ein, was die Welt euch zumutet, scheint er zu fragen. Dann grüsst er
und beginnt ohne Umschweife.
Ich bin Atheist. In Lüttich als
Katholik getauft und erzogen, hatte ich die Beichte besucht. Meine Grossmutter
war eine fromme Frau, meine Mutter hielt an der Konvention fest, denn sie hatte
mich, einen Sohn ohne Vater, hatte keinen anderen Halt im Leben als mich und
die im Gewissen des bigotten kleinbürgerlichen Milieus eingegrabene Furcht vor
der Geschwätzigkeit der Leute und dem Verlust unserer Ehrbarkeit. Ich erwartete
in der Parish-Church den Gottesdienst einer Konfession, deren Ritual und
Bekenntnis mir durch meine Erziehung nicht vertraut war und betrat den
Kirchenraum ausserdem nicht zum Besuch eines sakralen Anlasses, sondern in einer
Absicht, welche mit Religion nichts zu tun hatte. Auf die Glaubensbotschaft in irgendeiner
protestantischen oder freikirchlichen Auslegung war ich nicht eingestimmt. Ich
war vielmehr gespannt in der Erwartung einer Botschaft ganz anderer Art. Wir
hatten den Gottesdienst der Kirche von Gatelochport als unbedenkliche Gelegenheit
zum Austausch von Informationen vorgesehen. Ich erhoffte mir an dem Sonntag eine
Chance, dass sich die vor unserer
Trennung getroffene Abmachung erfüllen würde.
Doch nun trat etwas Unerwartetes
ein. Ich hatte mich im Raum umgesehen und den Anfang der Predigt des Reverend
nur mit halbem Ohr mitgehört. Doch ich vernahm Sätze mit Angeln, welche sich
nicht in meinem Fleisch, aber in meinem Verstand festhakten. Darauf war ich
nicht gefasst. Ich wurde neugierig, wahrscheinlich weil ich es von Natur aus
bin. Und ich hörte eine Predigt vom Abgrund der Hoffnung. So will ich sie
bezeichnen. Obwohl ich den liberalen Glauben des Reverend nicht teile, nahm
mich seine Predigt wohl gerade wegen ihrer erstaunlichen Liberalität gefangen.
Was ich zu hören bekam schärfte
meine Wahrnehmung. Ich will einräumen, ich speicherte seine Essenz nicht nur in
meinem Verstand.
Der Gottesdienst dieses Sonntags wurde
nicht - wie andere gelegentlich - in einem Videoformat des kirchlichen Internet-Portals
publiziert. Ich bin im Besitz einer Audiokopie, welche der Reverend mir auf
meine Bitte anvertraute. Ich füge die Predigt - leicht gekürzt - im Wortlaut an
dieser Stelle in meine Aufzeichnungen ein.
Das Transkript der Predigt:
Meine lieben Brüder und
Schwestern! Das erste Buch Samuel erzählt im ersten Kapitel: Hanna, die Mutter
des Propheten und Richters fällt in eine schwere Depression. Ich verrate kein
Geheimnis: Nicht wenige von uns kennen das Grau dieser Qual. Gott hat Hannas Bitte
um ein Kind jahrelang nicht erhört. Luther übersetzt, der Herr habe ihren Leib
verschlossen. Ihr Körper ist nicht empfänglich, meint die Stelle. Sie könnte auch
bedeuten: Hannas Gefühle sind taub, Schwermut erstickt ihre Seele. Benennt sie,
falls wir sie so auslegen, nicht einen natürlichen Grund für Hannas
Unempfänglichkeit? Ich gehe als Philologe nicht so weit. Doch wie immer, die
Schwere ihres Kummers raubt Hanna die Lebensfreude, die Hoffnung und die
Stimme. Ihr Mann, der sie liebt, ist bestürzt. Die Zweitfrau ihres Mannes,
welche Söhne und Töchter geboren hat, verspottet Hanna, kränkt sie. Ihr
Priester, der sieht, wie sie stumm vor dem Herrn ihr Herz ausschüttet, hält sie
für betrunken.
Hanna geht durch eine Hölle
lähmender Trauer, Demütigung und Zweifel an der göttlichen Gnade. Doch sie anvertraut
ihre Not dem Priester. Er zeigt sich verständig. Seine Antwort erfüllt sie mit
Zuversicht. Sie wird schwanger und gebärt Samuel. Mit seinem Taufnamen - der
von Gott Erhörte - verspricht sie ihren Sohn dem Herrn, weil er ein Kind seiner
Gnade ist.
Die lähmende Schwere hat sich
gelöst. Aus Hannas freudigem Psalm am Anfang des zweiten Kapitels, wähle ich
als Motto meiner Predigt den sechsten Vers:
Der Herr
tötet und macht lebendig,
Er führt in die Hölle und
wieder heraus.
Dieser Psalmvers verweist deutlich
auf eine Stelle im fünften Buch Moses. Wenn ihr ihn aus der soeben erzählten
Geschichte herausgreift und für sich allein zu verstehen versucht, dann werdet
ihr über das Bild Gottes, welches darin erscheint, möglicherweise ebenso
bestürzt sein wie Hannas Mann und der Priester über das stumme Ausser-sich-Sein
der Frau. Was ist das für ein Gott, der tötet und durch die Hölle führt, um
Leben zu schenken? Und was ist das für ein Zustand: das Unerhörtsein des
Menschen? Ich frage: Wer denkt denn darüber noch nach, wo uns im täglichen Lärm
der Medien so vieles als unerhört erscheint?
Luther zitiert den Vers aus
Hannas Psalm und umschreibt das unfassbare Wesen Gottes in seiner Sammlung
widersinniger Sätze:
Wenn Gott lebendig macht, dann
tut er das, indem er tötet. Wenn er rechtfertigt, so tut er das, indem er
schuldig macht, wenn er in den Himmel bringt, so tut er das, indem er in die
Hölle führt.
Luther ergänzt die Reihe von
Paradoxen durch eine theologische
Erklärung im knappen Satz: So verbirgt Gott seine ewige Güte und Barmherzigkeit
unter der Ungerechtigkeit.
Der Reformator kennt die
Botschaft der Bergpredigt genau: Der gerade Weg der Gesetzestreue führt wohl zu
Macht und Reichtum, aber nicht zu Gott hin. Warum? Kann einer nicht Karriere
machen und gerecht sein? Doch, aber gerecht vielleicht nach menschlichen
Begriffen. Nach der Ordnung, welche eben die Beziehungen der Menschen
untereinander regelt. Ihr fragt zu Recht: Wonach soll sich der Antwort suchende
Mensch dann richten? Ich überlasse euch euren Gedanken über Gottes Widerspruch.
Über einen Gott, welcher sich nach Luthers Erfahrung hinter dem schrecklichen
Antlitz der Geschichte verbirgt und den Menschen - gerade wenn dieser ihn noch
so verzweifelt sucht - allein lässt.
Ich versuche jetzt aber, wo
Antwort ausbleibt, einige der Lücken zu hinterfragen und versteckte Wegzeichen
zu entziffern. Eure berechtigte Frage fordert Gott heraus. Ich gehe sogar so
weit zu sagen: An ihr entscheidet sich, ob wir Gott überhaupt brauchen.
Vielleicht hat dieser ferne Gott
- wenn er mit uns noch etwas zu tun hat oder je etwas zu tun hatte - den Umweg
über die Verfallenheit gewählt, damit die unbegreifliche Macht seiner
Gerechtigkeit, welche Gnade vor Recht gelten lässt, überhaupt wirksam werden
kann. Wie anders könnte es geschehen, dass uns Gottes Wahrheit - welche seinem
Begriff gemäss absolut sein muss! - auch ergreift, geschweige denn erreicht?
Wie anders als über das tiefste Zerwürfnis mit uns selbst und mit dem Schicksal
drohender Auflösung der menschlichen Beziehungen könnten wir die ganz andere
Wahrheit auch nur unzulänglich verstehen? Wie sonst könnten wir - wenn
überhaupt! - begreifen, dass die wahre Verfassung der Welt nicht konform ist
mit unseren normativen menschlichen Vorstellungen?
Ich stelle heute die Frage, ob
dieser unbekannte Gott, welcher doch sein Vater und Erzeuger sein muss, dem
einzelnen Menschen - also dir und mir - nicht die Verantwortung für sein
Handeln überbunden hat. Ist im Alleingelassensein, welchem er uns aussetzt,
nicht jeder einzelne herausgefordert, sich nach seinem persönlichen Gewissen zu
entscheiden? Was heisst das aber: sich entscheiden?
Ich mache euch auf eine Stelle im
Brief des Apostels Jakobus aufmerksam. Jakobus fordert seine Brüder im Glauben
auf:
Seid aber Täter des
Worts und nicht Hörer allein.
Luther verschmäht den
Jakobusbrief als eine stroherne Epistel, weil er meint, Jakobus stelle die
Werkgerechtigkeit über die Kraft des Glaubens, welche ja bekanntlich ein
Schlüsselbegriff seiner Theologie ist. Der Reformator zieht über die
Gesetzesfrommen vom Leder, denn sein Widerspruchsgeist hält es mehr mit den Sündern
als mit den Frömmlern und Pharisäern.
Fragt euch aber selbst, meine
Brüder und Schwestern: Ist nicht jede Entscheidung schon in ihrem Wesen ein auf
das Handeln gerichteter Akt? Muss eine Entscheidung, welche vom Glauben
inspiriert ist, ihre Wahrhaftigkeit nicht durch das Tun bekräftigen? Ihr werdet
mir zustimmen, wenn ich sage: Ich verstehe unter notwendigem Handeln keinen blinden
Aktivismus. Und erst recht alles andere als einen Tatendrang, der sich selbst
bestätigen muss oder von Hass und Auflehnung geleitet ist. Jakobus begründet
seine Ermahnung eindringlich, wenn er sagt, wer bloss Hörer des Worts bleibe,
der betrüge sich selbst. Und er beweist Menschenkenntnis, wenn er warnt, dass
Wut und Hass als Motive des Handelns bloss in die Irre zielen.
Mit dem Hinweis auf Jakobus will
ich die Frage nach unserer Verantwortung präzisieren: Kann der Glaube das
Handeln unter Umständen nicht zur Pflicht machen? Ich will ausdrücklich einen
Grund erwähnen, der mich - als Christ und als Staatsbürger - zwingt, die Frage
zu bejahen.
Wenn die Staatsmacht nicht mit
den Mitteln, welche ihr anvertraut sind, verhindert, dass Hass in die Seelen
eindringt und Menschen gegeneinander aufhetzt; und wenn sie besonders Hass
nicht nur zulässt, sondern - vielleicht in der Absicht, die Menschen zu
beherrschen! - selbst aktiv verbreitet, dann ist ein dämonischer
Ausnahmezustand erreicht. Dieser Zustand erlaubt nicht nur, sondern erfordert
den Widerstand, weil er - mit Jakobus zu
sprechen - in die Irre führt, indem er die moralische Ordnung unter den
Menschen zerbricht.
Ich sprach von der Entscheidung.
Widerstand ist in einem solchen Fall entschiedenes Handeln.
Das ist der Schluss der Predigt.
Ich hörte in den zwei Sätzen einen Aufruf. Er war für mich wie wahrscheinlich
für die andern Zuhörer unmissverständlich, auch wenn der Reverend von Gatelochport dessen
Ziel nicht konkretisiert.
Der Prediger schweigt. Er zieht
sich aber nicht in das Chorgestühl zurück, sondern bleibt, als die Orgel
einsetzt, auf dem Treppenabsatz stehen. Die strammen Messingpfeifen lassen den
leichtfüssigen, aber spröden Auftakt eines altenglischen Gotteslobs erschallen
und die kleine Gemeinde stimmt gut trainiert, von der kräftigen Stimme des
Reverend geleitet, mit dem Gesang ein:
Praise to the Lord,
the Almighty,
the King of Creation.
Mein Blick schweift während dem
Chorgesang über die Bankreihen auf die linke Seite des Raums.
Ein älterer Mann hat in einer der
leeren Reihen Platz genommen. Er brummelt wohl mehr als dass er mitsingt und er
beugt sich, weil er bucklig oder kurzsichtig ist, über das Gesangbuch. Er hat
von seinem Platz aus zuvor kein einziges Mal auch nur zufällig Blickkontakt mit
mir aufgenommen. Wie könnte er schon, während er unauffällig zu mir
hinüberblickt, mit der Rechten über die graue Schläfenlocke des Haarkranzes
streichen, welcher seinen nackten Schädel fast wie eine Tonsur umrahmt?
Nach dem Preislied steigt der
Reverend über die zwei Treppenstufen des Chors herunter. Er hat seine Rolle als
Vorbeter abgelegt. Er steht nun im Kirchenschiff auf der gleichen Höhe mit
seiner Gemeinde, welche sich zum Gebet erhebt. Gemeinsam rufen alle Anwesenden
Gott an und bitten, dass er sie erhöre und sein Gesicht nicht länger vor ihnen
verberge. Ich bleibe während des Gebets sitzen. Der ältere Mann in der leeren
Bank auf der linken Seite ist aufgestanden. Er steht nach vorne gekrümmt. Er
strengt sich sichtbar an aufzublicken, gegen die Krümmung seines Körpers in
sich selbst und gegen die Schmerzen. Doch er schafft es nicht.
Hinter dem schweren Altartisch im
Chor steht ein Thron mit gewundenen Säulen. Ein Scheinwerfer beleuchtet das
goldene Kreuz auf dem scharlachenen Vorhang darüber, welcher ein Mysterium zu
verdecken scheint. Das Lesepult neben dem weinroten Altarteppich ist so
verweist wie die neugotische Kanzel auf der linken Seite des Chors. Der
Reverend macht von den Einrichtungen des Chors und ihrer Symbolik keinen
Gebrauch. Er bleibt unter seiner versammelten Gemeinde stehen, welche sich wieder
auf die Bänke niederlässt. Als Stille eingetreten ist, wendet er sich mit einem
schelmischen Lächeln an seine Zuhörer:
Ihr wisst alle, wo die Insel
Sankt Kilda liegt, nicht? Aber fast möchte ich wetten, die Geschichte vom
Postboot kennt niemand. Auf dem Postboot von Sankt Kilda hatte weder ein
Kapitän, noch ein Steuermann Platz. Es war also ein Boot ohne Mannschaft, es
hatte nur Raum für eine Botschaft. Ein Robotboot, denkt ihr. Mitnichten! Trotzdem
war es ein Boot und die Geschichte ist nicht erfunden. Man kann sie aber nicht
erzählen ohne von den einstigen Bewohnern der Insel, welche keiner Heiligen
geweiht ist, zu reden und vom Zweck, der einen Reporter Namens John Sands im
Sommer 1876 auf die verlorenen Klippen draussen im Atlantik lockte, und zu
reden von der grossen Zeit, der Zeit des Empires.
Die Anwandlung von Peinlichkeit,
die mich einen Augenblick lang befiel, weil ich abseits von der unter dem Chor
versammelten Gemeinde sitze, hat sich verflüchtigt. Die Zuwendung des Reverend
umgreift den ganzen Raum und schliesst mich zusammen mit dem an Ankylose
leidenden Beter ein. Als der Reverend seine Geschichte ankündigt, widerstehe
ich meiner Neugier nicht, stecke meine Mac Cool-Mütze, welche mich nicht
unsichtbar macht, unter die Achsel und rücke näher. Die Zuhörer hängen wie verschworen
an den Lippen des Erzählers.
Ich speicherte das Transkript der
im Folgenden wörtlich wiedergegebenen Erzählung, welche der Reverend von
Gatelochport inhaltlich mit seiner Predigt verband, unter der folgenden
Überschrift:
Von den Kabeln des Empires und
der Erfindung des Lilliput-Postboots auf St.Kilda
John, unser Journalist, war in
Orniston am River Tyne, einem langweiligen Nest zwischen Kornfeldern
aufgewachsen. Er war als Reporter beim Tynekirk & Bishopsbridge Herald
beschäftigt. Von den Honoraren eines konservativen Lokalblatts konnte man
damals nicht leben, darum schrieb er auch Gelegenheitsartikel für den
Edinburgher Scotsman und den berühmten Punch. Als Reporter war er vertragslos
und schätzte seine Freiheit.
Im Mai 1876 teilte er dem Editor
des Herald kurzerhand mit, er wolle die Sommermonate auf Sankt Kilda verbringen
und die dortigen Gebräuche studieren, bis der Kutter von MacLeods vor den
Septemberstürmen wieder anlege. Die Septemberstürme sind, wie ihr ja wisst, die
Ausleger der Hurricans in der Karibik, welche die Jets nach Schottland
schieben. Da beginnt dort draussen die dunkle Zeit. Der Editor, ein dürrer
Federfuchser, dessen Hals sich bei der Neuigkeit aus seinem veritablen
Vatermörder streckte, schob seine Nickelbrille auf die Nasenspitze und
antwortete über seinen schweren mit Papierstapeln beladenen Pult hinweg: Dort
draussen verlässt du den Gesichtskreis Gottes, niemand wird dich retten, wenn
dir etwas zustösst.
John erwartete sich vom
Chefredaktor des liberalen Scotsman mehr Interesse für sein Vorhaben. Dieser
war ein glühender Verehrer Darwins und ein radikalliberaler Karrierist. Er
dozierte auf der Türschwelle: Na, die Kildaer mussten ja debil werden, denn sie
waren auf ihrer abgelegenen Insel keinerlei Konkurrenz ausgesetzt, welche dafür
sorgt, dass die Tüchtigsten sich durchsetzen und der Zivilisierung Beine
machen. Der insulare Kommunismus hat ihre Entwicklung behindert und ausserdem
schwächt sie die Inzucht. Was ist Inzucht anderes als ein verwerflicher Mangel
an Zuchtwahl! Würden die Kildaer sonst noch barfuss herumlaufen? Und das im
Winter wie im Sommer? fragte Mr. Graycock und zückte die Pocketwatch aus seiner
geblümten Weste, denn er war auf dem Sprung zu einer Sitzung mit dem
Planungsausschuss der eben gegründeten Public Health Authority von Edinburgh.
Der Reverend führt während der
Erzählung stehend vor, wie der Chefredaktor die Brauen hebt und herablassend
auf das Zifferblatt der Uhr in seiner rechten Faust späht. Darauf schlüpft er
flink in die Rolle des Journalisten, indem er angeödet die Schultern hochzieht
und macht seinen Zuhörern verständlich:
John hatte die gestopfte Agenda
des schnöden Bildungs- und Sanierungsdünkels satt und entschied sich, auf eigene
Faust zu beweisen, dass auf Sankt Kilda vollwertige Menschen unter prekärsten
Bedingungen überlebten.
Nach einer witzigen Pointe auf den
grossen Sprung von der viktorianischen Erfindung der Telegrafie zum geist- und
geschichtslosen Zustand totaler Vernetzung fährt er fort:
Im gleichen Jahr, im selben Monat
Mai, als John der Redaktion des Scotsman seinen Reiseplan eröffnete, erschien
im Punch ein Cartoon, welcher den Tory-Premier Disraeli in der pittoresken
Verkleidung eines orientalischen Krämers und Quacksalbers darstellt. Mit
verschlagener Miene und unverkennbar jüdischen Nase unter einem monströs
aufgetürmten Turban offeriert der selbstverliebte Premier der züchtigen Queen
die Krone einer Empress of India im Tausch gegen ihre minderwertige
Königskrone. Queen Victoria nahm am ersten Mai 1876 auf Disraelis Drängen den
Kaisertitel an, acht Monate später - John verbrachte die Jahreswende
unfreiwillig auf Sankt Kilda - wurde die Würde mit Pomp in der Kronkolonie
proklamiert.
Sieben Jahre zuvor hatte der
weltreisende Abgeordnete Charles Wentworth Dilke im Kapitel India seines
berühmten Buchs GREATER BRITAIN den Satz geschrieben: England im Orient ist
nicht das England, das wir kennen. Der Buchtitel kreierte das gewichtigste Schlagwort
zum Inbegriff des britischen Imperialismus. Man brauchte in diesen Zeiten die
Gallionsfigur einer Kaiserin für ein Unternehmen, bei dem es längst nicht mehr
um eine humanistisch verklärte Mission ging. Die alten zivilisatorischen Leitbilder
wurden fadenscheinig, die Aufklärung verlor
ihre Magie. Was zählte war: die tatsächliche Macht, das Prestige und rigorose
Kalkulation. Mit Sondervollmachten der East India Company hatte sich England
den Weg gebahnt, mit Eisenbahn- und Flottenbau, Kanonenbootdiplomatie, Opium
und einer modern gerüsteten Truppe wandelte England nach der Verstaatlichung
des Unternehmens seine südostasiatischen Kolonien in einen Rohstoff- und
Absatzmarkt um.
Die Situation war trotz den
segensreichen Vorsätzen der Protektoren unumkehrbar paradox. Mit der kolonialen
Expansion wuchsen die Spannungen zwischen den Mächten. Man provozierte die
Konkurrenz, wenn man ihr zuvorkam und zugriff. Zugleich begriffen sich die
Protegierten zunehmend als Untertanen und fingen zu rebellieren an. Indessen
schlugen die von ihnen selbst bezahlten britischen Truppen ihre blutigen
Aufstände nieder.
Es handelt sich bei solchen
Situationen um die Paradoxie der Fallen. Die Kolonialmächte waren durch ihre
konkurrierende Landraffgier in eine Falle geraten. Im Auge der Zukunft, welche
wir erfahren haben, ist diese Falle, gestattet mir den Ausdruck, wahrhaft
trojanisch. Doch man blieb auf Kurs. Man blendete sich mit Stapelläufen und
Weltausstellungen. Man glorifizierte die Erfolge und agierte politisch. Die
Diplomatie übte sich in der kryptischen Kunst des Makelns und ehrbaren Fallenstellens.
Und man gestattete sich einzubilden, die Welt zu zivilisieren.
John Sands hatte Dilkes
Standart-Bestseller sicher gelesen. Wir wissen nicht, ob er ahnte, worauf alles
hinauslief. Der Punch schlug als zuschauerfreundliche Alternative für die
überladenen Galerien und gläsernen Riesenhallen der Londoner Weltausstellung
mit kühnem Aberwitz das Moving Panorama vor. Doch wer hatte damals die
prophetische Fantasie sich vorzustellen, dass als Finale der gigantesken
Vorführung die Weltkatastrophe zu Programm stand? Auch John war kein Prophet.
Wir wissen immerhin, John Sands schrieb auch für den satirisch-kritischen
Punch.
Wir kennen heute die Zukunft,
welche der Revolution der Maschinen, der Schlachtschiffe und der Telegrafen
damals bevorstand, meine Schwestern und Brüder. Die Lichter gingen aus, wie es
hiess, nicht vierzig Jahre später. Wo - in Europa? Auch in China, auf der
Porzellan- und Seidenstrasse, in Armenien (was heisst das für ein Volk?), am
Nil, im Pfefferland… Können wir alle Kamel-, alle Sklaven-, alle Heerstrassen
aufzählen? Und die Meere, die Eismeere, die noch unentdeckten Eismassen und die
Erdölstrassen durch die Meere? Und die Lager, die Fluchtwege, die
Schädelstätten, die verstrahlten Ruinen? Und alle Bürgerkriege und
Revolutionen? Was sind schon dreissig Jahre oder sechzig?
Wer ist der grosse Fallensteller?
fragt ihr. Wenn Gott rechtfertigt, sagt Luther, so tut er das, indem er
schuldig macht. Darum hat er sich von den Menschen entfernt. Aus diesem Grund
und nicht erst als das grosse Sterben unter den Kugelgarben und dem
Granatengetöse einsetzte, hat er die Menschen sich selbst überlassen, sondern
schon lange zuvor. In den feierlichen Gottesdiensten und Messen war der
Angerufene nicht mehr dabei. Auch nicht realpräsent in der heiligen
Eucharistie. Er hat sich nicht feige aus seiner Verantwortung gestohlen. Er hat
sie uns überlassen. Das Geben und Nehmen geschah unter den Menschen nicht mehr
aus seiner Hand.
Die Menschen kommunizierten über
Kabel mit sich selbst. Als der deutsch-französische Krieg losbrach, hatte
Siemens für die Indo-European Telegraph Company eben die Strecke von Thorn über
Teheran nach Karachi durch ein Land- und Seekabel erschlossen. Die indischen
Hauptstädte waren schon verkabelt. 1870 schossen die ersten Telegramme von
London nach Calcutta. Innerhalb einer Stunde war der Rückruf in London.
Viele Zeitgenossen wie
Mr.Graycock vom Scotchman betrachteten die Entwicklung der elektrischen
Telegraphie als die endgültige Annihilation von Zeit und Raum. Für sie galt die
Telegraphie als der Griff nach der zentralen Qualität des Göttlichen. Die
Technologie bezwang das Meer, die Wüsten, die Gebirge wie ein Gedanke, also
besiegte sie Gott, glaubte man. Doch Gott zog sich bloss zurück.
Am ersten Mai 1876 wurde die
politisch soveräne Entscheidung des englischen Parlaments per Telegramm nach
Calcutta übermittelt: Die Königin der Briten nimmt den Titel einer Empress of
India an. Die Schlagzeilen der regierungsfreundlichen Presse Indiens trafen am
gleichen Abend schon an der Downing Street ein und segneten die in England nicht
unumstrittene Weltpolitik Disraelis ab.
Im Lauf der folgenden Zeit
tickten aber mit unerbittlicher Regelmässigkeit auch die Meldungen von der
grossen Dürre und der drohenden Hungersnot aus Indien ein. Man hatte die
Getreideexporte und den Baumwollanbau zugunsten der industriellen Entwicklung
des Mutterlands vorangetrieben und nun blieb auf dem asiatischen Subkontinent
der Monsun aus. Mit Non Food Crops und Laisserfaire-Politik liess sich die wachsende
Bevölkerung der Kolonie nicht ernähren. Innert zwei Dürrejahren starben
fünfeinhalb Millionen Protegierte Great Britains an der Great Famine. Weil man
als Gegenmassnahme den Weizenimport stimulierte, stiegen die Preise. Die
Korruption wuchs. Unruhen drohten. Zugleich eskalierte der Grenzkonflikt im
Punjab. Der Druck in Afghanistan wuchs. Grausame Strafexpeditionen und
Demütigungen würden jenseits des Khaibar Ruhe erzwingen. Ihr fragt euch: Wenn
die Dürre die Schuld für den grossen Hungertod in der Folge allein zu tragen
hatte und sie trug sie klaglos, wer hatte dann die Dürre geschickt?
Jetzt richten wir unseren Blick
von dem unfassbar grossen England im Orient, das so anders war als die
viktorianische Mutterinsel, auf das winzige englische Eiland im Atlantik:
Zum Botschaftsaustausch mit Karachi
und Kalkutta nutzte London das Land- und Seekabel. Die als Passagierschiff
unbrauchbar grosse Great Eastern hatte auch ein Seekabel nach dem Okzident
gelegt, in die Vereinigten Staaten. Doch nach St.Kilda gab es praktisch keine
Verbindung. Der Kutter von MacLeods hatte im Juni einen Passagier gebracht,
John Sands, und zurück Vogelfedern, Vogelöl, Tweed und ausserdem die Briefpost
geladen. Im September, als es galt Wintervorräte zu ergänzen und den Passagier
wieder abzuholen, legte in St.Kilda kein Frachter an. St.Kilda war nicht auf
seinem Fahrplan in diesem Herbst. Kein Boot brachte Post oder irgendeine
Nachricht, die Ergänzung der Vorräte blieb aus. Die Menschen auf St.Kilda
hatten, sofern sie überhaupt lesen konnten, keine Zeitung und nicht einmal
Briefe ihrer Verwandten zu lesen. Und es traf kein Auftrag oder eine
Bestätigung ihres Factors ein. Ihr Factor war MacLeod. Sie wussten im Frühjahr nicht,
dass ihre Königin zur Kaiserin eines Weltreichs gekrönt werden sollte. Und sie erfuhren
nicht dass die Würde in Bombay zum Jahreswechsel proklamiert worden war, welcher
nach ihrem Kalender zwölf Tage später stattfand, als sie sich am zwölften des
ersten Monats wie jeden Winter in ihrer Kirche versammelten, barfuss auf den
Holzbänken, ihre atmenden Körper dicht aneinander gedrängt und die Füsse auf
der nackten Erde, welche dampfte. Und die Wände der Kirche waren beschlagen,
Raureif bildete auf ihnen Kristalle und Eisblumen, weil die Mauern nicht mit
Torf abgedichtet waren.
Indien? Waren die Menschen dort
mit bunten Tüchern verhüllt oder waren sie nackt wie in Afrika, fragten die
Insulaner von St.Kilda. Und waren die Frauen in Afrika, wo einer ihrer Männer
in den Goldgruben arbeitete, wirklich schwarz? Keine Nachricht traf je von ihm
ein. War er tot?
So sassen sie, Männer und Frauen,
dicht nebeneinander, an diesem besonderen Sonntag sechseinhalb Stunden wie
jeden Sonntag, damit sie nicht der Sünde verfielen, sangen und beteten, auf
ihren vom Schiffswurm zerfressenen, aber vom Sitzen ihrer Generationen
geglätteten Bänken. Und wenn eine oder einer von der Mühsal der Arbeit
übermüdet einschlief, rief der Pastor
die Sitznachbarn zur Wachsamkeit und sie pufften die Schläfer mit den Ellbogen
wach, damit sie weiter zuhörten, beteten oder sangen. Eine Kirche mit Bänken
hatten sie, die fünfundsiebzig Menschen, die zu der Zeit auf St.Kilda in
strohbedeckten Steinhäusern noch lebten, aber sie besassen kein seegängiges
Schiff für Mannschaft und Fracht zur Versorgung, nur ein geräumiges Ruderboot
mit Bänken, um Gruppen von Männern oder Frauen zur Schafinsel oder zur
Vogelinsel überzusetzen.
John Sands hatte im Herbst
vergeblich auf den Frachter von MacLeods gewartet, der ihn wie abgemacht nach
Greenock zurückbringen sollte. Darum blieb er bei den Leuten der Insel, hatte
keine Wahl, während die späten Herbststürme mit Gewittern heranbrausten und der
Winter hereinbrach. Er lebte mit ihnen, teilte ihre Gedanken und Sorgen und
erlebte die Härte ihres Lebens am eigenen Leib.
Die Bewohner der Insel hatten
weder Sicheln noch Sensen zum Mähen von Futtergras und Getreide noch Scheren
zur Schafschur. Sie rupften ihre Crops mit kräftigen Händen. Sie rupften und
brachen die Hafer- und Roggenähren. Sie gruben mit einem Scheit auf den Knien
und rupften ihre Kartoffeln aus der Erde. Die Frauen rupften barfuss auf ihren
Knien die Grasbüschel auf den Stufen der steilen Cliffs, rupften mit beiden
Fäusten das Futtergras, an dem sie sich festhielten, denn tief unter ihnen lechzte
das Meer schäumend nach Opfern. Die Männer rupften und zerrten die Wollflocken
ihrer Schafe schnell und mit sicherem Gefühl. Die Frauen zerrten und zupften die
Wollstränge, um sie zu Garn zu verspinnen, während die Männer wiederum am
Webstuhl ruckten und das Garn zu Zwilch verwoben. Die Männer rupften die weissen
Federn der mit einem Stockschlag getöteten Solangänse und pressten das Öl aus
ihren Mägen. Die Frauen rupften wiederum die farbigen Federn der Papagaitaucher.
Waren die Finger vom Federrupfen entzündet, dann nahmen sie ihre Zähne zu
Hilfe. An Rosshaarstricken seilten sich die Männer an den steilen Klippen
herunter, um die Eissturmvögel zu fangen. Ihre Seile rissen nicht selten und
das Meer kam auf seine Rechnung. Gemeinschaftlich rupften und sammelten sie den
Ertrag ihrer Ernten in Körben und Tüchern und schleppten ihn auf dem Rücken zur
Siedlung auf Hirta. Das Fleisch der Vögel salzten sie als Vorrat für den
Winter, das Öl und die Federn verkauften sie an ihren britischen Factor.
Die Arbeit der Männer mit ihrer Schafherde
auf der Insel Boreray, wo eine Arbeitsgruppe zu diesem Zweck zwei Wochen lang
weilte, hiess nicht Schafschur, sondern Wollrupfen. Die Arbeit der Frauen in
den Cliffs hiess nicht Grasmähen, sondern Grasrupfen. Ihre Ernte von den Solangänsen
oder Papagaitauchern, welche Frauen und Männer über den Abgründen von Hand oder
mit Netzen aus Pferdehaar fingen, hiess das Vogelrupfen. Und sie benannten
alles, was sie gemeinsam nach gemeinschaftlicher Absprache taten, in ihrer
gälischen Sprache, in der einzigen Sprache, die sie kannten. Sie waren hart und
fleissig in der Arbeit und sie rupften wohl auch bisweilen ihre Kinder, wenn
sie diese zu schweigsamem Arbeitsfleiss und folgsamem Beten erzogen.
Eine Generation nach John Sands
Besuch wurden sie selber aus den strammen Binden ihrer Bräuche herausgerissen.
Als im neuen Jahrhundert der grosse Krieg ausbrach, stationierte die Royal Navy
weit draussen im Atlantik eine Abteilung auf St.Kilda und versorgte mit den
Soldaten auch die Ureinwohner der Insel. Die Kräftigen ihrer jungen Glieder zogen nach Ende des Kriegs mit der Besatzung
fort auf die Mutterinsel. Da versiegte die kollektive Wirtschaftskraft und die
Klammer der Tradition zerbrach. Als man die letzten Verbliebenen zwölf Jahre
nach Ende des Weltkriegs auf ihre eigene Bitte nach Harris und Argyll
verpflanzte, blieb die schroffe Inselwelt mit einer kleinen militärischen Garnison
sich allein und den Stürmen überlassen. Die gälischen Insulaner wurden zu industrious
britischen Bürgern zivilisiert. Ein Bomber raste im Nebel während dem Zweiten
Weltkrieg gegen einen Berggipfel. Das Ereignis reihte sich nicht mehr unter
ihre Geschichten. Unsere schon, die Geschichte von John Sands und der Erfindung
des Postboots.
Am 17.Januar 1877 geriet der
österreichische Frachter Peti Dubrovacki auf seiner Fahrt nach New York vor
St.Kilda in schwere Seitenlage, weil die Fracht sich bei hoher See verschoben
hatte. Der Kapitän erreichte mit acht Seeleuten im Beiboot die Inselbucht,
sieben Matrosen gingen nachts, als der Frachter zerschellte, mit ihm unter. Die
neun katholischen Schiffbrüchigen fanden Aufnahme bei den getauften Präsbyterianern
von St.Kilda. Doch die Versorgungslage war schlecht. Darum reifte Johns
Entschluss, den Gestrandeten und mit ihnen sich selbst zu einer Chance auf Rettung
zu verhelfen. Auch John war durch das Ausbleiben des Kutters ein Gestrandeter,
denn er hatte seit acht Monaten weder mit seinen Angehörigen noch der Redaktion
des Herald oder des Scotsman Verbindung.
Anfang Februar 1877 rüstete John
ein Kanu, welches er aus einem angeschwemmten Holzblock gehauen hatte, mit zwei
Botteln aus, in die er Briefe der Gestrandeten steckte. Mit einem kleinen Segel
getakelt wurde das Kanu bei günstigem Wind ins Meer gesetzt. Der Nordwest sollte
es nach Uist treiben. Doch er war kräftiger als errechnet und trieb es durch
die Passage des Sound of Harris, so dass es jenseits des Minch in den
Flaschenhals des Loch Ewe driftete, wo die erlahmenden Winde es bei Poolewe auf
eine Sandbank spülte. Dort entdeckte es Mr. John Mackenzie bei einem
Strandspaziergang am 27.Februar, zweiundzwanzig Tage nachdem es auf St.Kilda in
See gestochen war. Er trug es ins Dorf und übergab alle Briefe der ordentlichen
Post. Doch ein Rettungsring der Peti Dubrovacki, an welchem John die
Flaschenpost mit seinem Notruf festgebunden hatte, dümpelte bereits seit Ende
Januar im Atlantik und trieb vom Golfstrom erfasst weit nördlicher als
errechnet am schottischen Nordkap vorbei. Er wurde schon nach neun Tagen bei
Birsay auf der Insel Orkney aufgegriffen und dem Agenten von Lloyds in
Stromness übergeben, welcher schnell eine Rettungsaktion organisierte. Am 22.
Februar kreuzte ein Steamer ihrer Majestät Queen Victoria, Königin der Briten
und Kaiserin von Indien, in der Bay von St.Kilda auf und rettete mit der
österreichischen Mannschaft auch den Journalisten via Harris auf die
Mutterinsel. John erreichte zwar barefoot und pennyless, aber gesund am
26.Februar Greenock, den Hafen von Glasgow. Beim übereilten Abschied rief er
seinen Gastgebern auf St.Kilda winkend zu: Ihr habt doch noch Witze gemacht,
ihr Kleingläubigen, aber die Life-Boye hat den Steamer hernavigiert!
Nun, John war kein
wundergläubiger Mensch, bewahre. Er war sich im Klaren, dass Gott sich in die
fernste Ferne zurückgezogen hatte, und handelte nicht aus Gottvertrauen,
sondern in nüchterner Einschätzung der Wahrscheinlichkeit, dass die zwei
divergierenden Kraftvektoren, der Golfstrom und der Nordwest, sein Postboot
vereint auf einem mittleren Kurs an die Strände der Äusseren Hebriden lenken
würden. John war weder ein Hörer des Worts, noch ein Täter aus dem Antrieb des
Glaubens. Er war kein Prophet und nicht einmal ein Held. Vielleicht war er einfach
ein neugieriger Mensch. Er handelte aus Hilfsbereitschaft und Eigennutz zugleich.
Er war auch fantasiebegabt und baute ein Boot in der Art Robinson Crusoes, an
den er dabei dachte. Er war wohl ein grosser Junge und zugleich ein solide
gebildeter Mensch seiner Zeit. Ich will aber einmal annehmen, er war kein
Anpasser und Karrierist, sondern einer, der die Welt auch von einer anderen
Seite sehen wollte. Darum steckte in ihm auch ein Aussteiger. Und ich will
annehmen, er hatte abgesehen von seiner Neugier und Abenteuerlust auch ein
Gerechtigkeitsgefühl. Möglich, dass auch dieses ihn dazu bewog, nicht nur die
äussern Hebriden, sondern die äusserste und allereinsamste der britischen
Inseln aufzusuchen, von der er ahnte, dass der Reeder und Faktor MacLeods die
Arbeitskraft ihrer Bewohner ausbeutete. Er erfuhr selber, dass MacLeods sie
auch im Stich liess, wenn es ihm passte. Und John besuchte danach, wie wir
wissen, eine Reihe anderer heimischer Inseln, um deren Verhältnisse zu
studieren.
John Sands wusste durchaus, als
er über Harris nach St.Kilda aufbrach, dass auch die Highlands und die Inseln -
genauso wie die Kolonien - nicht das England waren, das die Bürger der urbanen
britischen Mutterinsel kannten. Er ahnte, dass sie die Verhältnisse möglicherweise
lieber nicht genauer kennen wollten, so wenig wie jene in den düstern Lanes der
eigenen russigen Industriestädte. Denn das Kapital hielt sie in Bann und im
Hamsterrad. Reichtum und Luxus blendeten und der Machtzuwachs durch die
Kolonien blähte ihren Geist.
Die kapitalkräftigen Investoren
aus London und Manchester verwandelten als gemachte Landlords das England der
kleinen gälischen Crofters und Schafhirten in Herrschaftsgründe ihrer Jagdlust
und Grossmannssucht, indem sie die verarmten und überschuldeten Familien mit
Tricks und Gewalt von ihren Pachthöfen vertrieben. Sie räumten die Ländereien
des anderen England zuhause und schufen sich durch solche Methoden ebenso sichere
wie feudale Wertanlagen auf der Mutterinsel.
Die wenigen, welche nicht nach
Übersee oder in die Industriestädte auswanderten, waren immer noch zu viele,
als dass sie - jenseits der Wildzäune und fetten Weiden riesiger Schafherden auf
Felseiländer und schlechte Böden verbannt - mit Anstand, den sie dabei
bewahrten, überleben konnten.
In der Zeit anhaltender
Depression von 1873 bis 1896 floss besonders viel Kapital als Wertanlage nicht
nur in die kolonialen Unternehmungen, sondern auch in Landvermögen und
Herrschaftssitze. John erfuhr nach seiner Heimkehr von St.Kilda, dass der junge
Grossinvestor Herbert Wood, dessen
Familie durch ihre Potteries und den Pozellanhandel mit China reich geworden
war, Raasay House, den Herrensitz der dortigen MacLeods aus dem 18.Jahrhundert,
und das Landgut, welches nunmehr fast die ganze Insel Raasay umfasste, im
Vorjahr erworben hatte. Wood erweiterte die Hirschzucht für seine Jagdgründe.
Seine Jacht für grosse Gesellschaft lag in Sichtweite des Parks seiner
stattlichen Mansion vor Anker. Er taufte sie auf den Namen Rona. Rona war die
Felseninsel im Norden, auf welcher einige Dutzend der landvertriebenen
Crofter-Familien kaum die Mittel zum Überleben hatten und gezwungen waren, sich
für einen Zusatzverdienst zu verdingen. Zum Beispiel als Fischer oder als
Grubenarbeiter in einem Erzbergwerk der Landlords.
Es widersprach dem Bekenntnis eines
hochliberalen Blatts sowie dem gängigen Opportunitätsprinzip, die herrschenden
Verhältnisse zu kritisieren. Mr. Graycock, den unser Robinson wieder traf, trug
jetzt ein neumodisch kariertes Gilet. Der schwammige Mensch hatte sich mit
Theorien vollgesogen und aus zeitgemässen Schlagwörtern seine radikale
Überzeugung fabriziert. Spencers idealistische Sicht, dass die Evolution das
Recht auf ein Maximum an Glück für alle zum Ziel habe, hatte er auf dem
Friedhof der Theorien entsorgt. Seit die Aufstände in Indien ein blutiges
Durchgreifen der britischen Ordnungsmacht herausforderten, seit nationalstaatliche
Konkurrenz auf dem Kontinent mit Imponiergehabe und hartem Stahl provozierte,
blieb vom liberalistischen Credo die militante Theorie vom Recht der Stärkeren
auf ein Maximum an Glück. Damit sah sich Mr.Graycock als Neoliberaler bald in
guter Gesellschaft. Natürlich legte man - innenpolitischen Krisen vorbeugend - Wert
auf soziale Wohlfahrt und Bildung. Sie galten in tonangebenden Kreisen auch nach
wie vor neben Reichtum als Privileg
zivilisatorischer Grösse.
Man muss dem Redaktor des
Scotsman zugestehen: Er war ein Selfmademan der Tat, wenn man darunter die
Förderung seiner politischen Karriere versteht. Er wurde als Abgeordneter
seiner Partei ins Edinburgher Stadtparlament gewählt und war später
Staatssekretär für koloniale Fragen im schottischen Ministerium. In dieser
Funktion warb er wie schon in seinem Colonist-Weekly während der anhaltenden
Wirtschaftskrise für die britische Besiedlung der Kolonien. Gladstones
Kommission für eine Wiedergutmachung gegenüber den Opfern der
Highland-Clearance aberkannte er daher jede realpolitische Stringenz.
Lasst mich zum Schluss unserer
Geschichte kommen, meine Brüder und Schwestern!
So steht es mit unseren Wörtern
und Sätzen. Unser gegenwärtiger Zustand ist babylonisch. Wie können wir, jeder
einzelne Mensch, in unserer grenzenlosen Einsamkeit und Gottferne damit
rechnen, dass die Sprache unserer Botschaft , die eine persönliche ist, je
verstanden wird, geschweige denn ankommt?
Vielleicht liegt ihr Sinn darin,
dass sie unterwegs ist. Durch das Zusammenspiel von Wasser-Wärme-Wind
ausgelöste Strömungen werden unsere Post irgendwo auf eine Sandbank oder in ein
ausgelegtes Netz spülen, wo der Zufall wahrscheinlich bloss Fragmente einem
noch fiktiven Empfänger zuspielt, welcher sich, während er sie entziffert, ein
Gesicht denken möchte. Ein Gesicht, das - anders als die wechselnden Facebook-
und Publicrelations-Gesichter - unverwechselbar wäre wie seines, nicht weniger
und nicht mehr!
Ja, in einem sich auflösenden
Zeithorizont besteht der Sinn der Botschaft möglicherweise sogar einzig darin,
dass sie getragen von Wogen-Wind-Wolken unterwegs ist. Denn unter keiner
anderen Bedingung hat sie eine Chance, einen anderen Menschen, der sie findet,
aufliest, liest und vielleicht aufhebt, zum Adressaten zu machen, weil er in
ihr unser Gesicht, meines und seines, erkennt.
Der Kirche ist zur Zeit des
Apostels Jakobus, den ich zitiert habe, die Autorität zugewachsen, den ganz
anderen Blick auf die Wirklichkeit zu richten. Wenn sich unsere Kirche aber an
einer unzeitgemäss übersetzten Offenbarung festklammert und die Inhalte ihrer in
die Gegenwart gesprochenen Sprache nicht auch hier und jetzt auf das
Tatsächliche hin überprüft, setzt sie die ihr zugewachsene Autorität aufs
Spiel. Das Tatsächliche schliesst die gesamte Wirklichkeit des Sprechens ein.
Daher darf die Überprüfung seiner Inhalte den Menschen - sein Verständnis und
seine Bedürfnisse - nicht aus dem Blick verlieren. In diesem Sinn - wie zu seiner
Zeit durchaus politisch - verstehe ich Jakobus Ermahnung, nicht nur Hörer oder
Leser, sondern Täter des Worts zu sein.
Vergesst dabei nicht: Unsere
Botschaft ist an den einzelnen Menschen gerichtet - das heisst immer an ein Du.
Kontakt
Ein stilles Gebet beendet die
Versammlung in der Parish Church. Es folgt weder ein meditatives Orgelnachspiel
noch das übliche Geläut. Einige verlassen den Raum, andere bleiben noch sitzen
oder stehen in Gruppen zusammen. Der Reverend beugt sich zum Gesicht des an
Ankylose Leidenden herunter und legt dabei die Hand auf seine Schulter. Als ich
nach einer Weile aufstehe, kommt er auf mich zu.
Er kommt einfach und fragt, ob er
in diesen Zeiten etwas für mich tun könne. Ich erwidere seinen unaufdringlichen
Blick, der jeden Zweifel zerstreut, dass er etwas anderes meint als die Sache
selbst, welche seine Frage anspricht. Ich brauche keine Ausflucht. Ich danke und
sage, wenn ich in die Lage käme seine Hilfe zu benötigen, was jederzeit
eintreten könne, dann würde ich ihn darauf ansprechen. Er antwortet, er wäre
immer zu einem Gespräch bereit.
Während er sich schon in die
Richtung eines andern Wartenden wendet, fügt er noch bei:
Übrigens, wir machen im Office einen
guten Tee, wenn sie wollen, sind sie herzlich eingeladen.
Roybos? frage ich etwas
hintersinnig.
Oh, nein, Gunpowder!
Als ich mit einem Ausdruck der
Überraschung zögere, ergänzt der Reverend:
Wenn sie bei anderer Gelegenheit wiederkommen,
für Gäste machen wir ihn jederzeit.
Ich setze meine Mac Cool Mütze
auf und trete aus der Stille auf den Bucklerhill hinaus. Eine Kakophonie von Schwirrtönen
schlägt an mein Ohr. Sie schrauben sich in pausenlos jagendem Wechsel zum
Dröhnen herunter, stottern und schwellen wieder zu einem bohrenden Brummen und
Sirren an.
Der Radau kommt von drüben.
Whistlefield nannte James gestern die Gegend hinter Gatelochport. Dürres
Falchgras, Sumpf, dahinter Wald und der Sperrzaun. Findet dort eine
Sonntagsrallye statt? Ein Rallyecross oder ein Bergrennen? Eher kreisen Karts
um eine Bahn, toben in einem
geschlossenen Zirkel herum, testen Reifenprofile, Beschleunigung, Gelenke,
Turbobremsen, Einspritzpumpen.
Der Weg führt zum Lochufer
hinunter. James will diese Woche noch seinen Bootsmotor zerlegen und ölen,
korrodierte Teile ersetzen. Mechanik ist nicht meine Stärke. Aber ich kann mit
Farbe umgehen, Planken lackieren, Bootswand malen. Auch wenn ich eine
unwiderstehliche Abneigung gegen Giftklassen und den beissenden Geruch von
Lacken, Motoröl und Benzin habe, ich kann das. Wir werden arbeiten, bis wir
abends todmüde umfallen. Wir werden eine Woche lang bloss in Stichworten
kommunizieren, nichts zerreden. Die notwendigen Stichworte werden uns zufallen,
während wir unsere Werkzeuge zu ihren bestimmten Zwecken im Griff haben. Wir
werden den Himmel beobachten. Vor drohenden Unwettern werden wir uns
rechtzeitig in den Bungalow zurückziehen. Ich werde James mit den zureichenden
Stichworten angeln. Nicht aufs Mal alles preisgeben, zuwarten und wirken
lassen, die Neugierde reizen. Ich werde in seinem alten Overall stecken, den er
mir zur Arbeit ausleiht. Der blaue Overall wird mir etwas von James Bootbaueridentität
leihen. Das ist gut und ich werde Spannungen abbauen. So werde ich die Ungeduld
des Wartens, die aufreibende Ungewissheit durchstehen.
Alle, die sich in der Frühe nach
der Wurlitzer-Nacht in unserem Notbunker trennten, haben einer Vereinbarung
zugestimmt. Ihre Bedingungen sind strikt. Reg und Rudy haben sie festgelegt. Es
gab Fragen, eine erregte Diskussion zu einem Punkt, aber keinen Einspruch. Die
mediale Steinzeit wäre angebrochen, hatte Reg erklärt. Elektronische Kontakte
wären seit dem Augenblick unserer Entscheidung verboten. Alle Hardware wäre
ausgeschaltet. Ortung ausgeschlossen. Keiner trüge auf seinem Körper weiterhin
verbindungsrelevante Informationen, besonders keine Namen und Daten.
Konnte man gespeicherte Namen,
Daten, Adressen spurlos löschen? Andrews riet radikal die Passwörter zu
löschen, die Identität aufzuheben, aus dem Netz auszusteigen! Gay legte zu und rief
gespielt überdreht in die Runde: Aus der Identität aussteigen - bloss
technisch? Warum nicht überhaupt?! Dass die Mehrheit der Gruppe Andrews
Suggestion mit Applaus zustimmte, überraschte mich, zumal er sie mit
sarkastischem Unterton vorgebracht hatte. Gay inszenierte auf dem Lamafell
einen wirbelnden Indianertanz für ihre absolute Version. Doch Reg und Rudy
riefen zur Besinnung.
Reg sagte, das wäre zu auffällig.
Stopp! warnten beide. Wir müssten die Verbindungen für den Notfall reservieren.
Für den äussersten Notfall. Und vielleicht für eine jetzt noch nicht voraussehbare
Zeit, wo sie für eine geplante Aktion entscheidend wären. Andrews ergänzte: Für
eine Cyber-Attacke würde Chuck mit ihm zusammen sein geniales
Kombinationsvermögen einbringen. Das war keineswegs ironisch gemeint. Gay
klatschte: Chuck, du knackst ihr perverses System! So etwas konnte man unter
Umständen gebrauchen. Na ja, wir werden mal sehen, meinte Rudy nüchtern.
Später.
Es existiere eine geheime Organisation,
verriet Reg. Sie arbeite mit dem Ziel, die Connection im Untergrund aufzubauen.
Eine Kerngruppe würde die Verbindung der medialen Steinzeit organisieren. Den
Zusammenhang, sofern immer möglich, durch Kuriere herstellen. Die Isolation sei
in der Illegalität bedrohlich. Physische Kontakte hätten den Vorteil, dass sie
die Solidarität festigten. Aber die Gewissheit, dass es gelinge, wäre
ausschlaggebend, damit die Verschwörung eine Zukunft hätte, sagte Reg. Denn wir
hätten uns auf ungewohnte Zeiträume einzustellen, müssten uns Gelassenheit
antrainieren, uns ernsthaft in anachoretischer Geduld üben. Wir würden es sehr
bald zu merken bekommen.
Bevor wir einzeln
auseinandergingen, sprach Rudy den Satz aus, den ich mir einprägte. Die
Normalität sei die beste Tarnung, sagte er. Wer konnte über diese Erfahrung
mehr erzählen, als Rudy? Ich schlug vor: Dieser Satz ist unsere Devise.
Entschieden! sagte Reg. Und sie bleibt unter uns gültig, solange sie inhaltlich
zutrifft. Alle pflichteten bei, sie geheim zu halten.
Die Luft vibriert über den Hills.
Der Himmel ist bleiern. Nebel liegt jetzt dicht über dem Wasser,
durchscheinend, aber zäh. Die Zeit ist ein Loch. Woran klammere ich mich fest?
Würde ich loslassen, ich würde in den Abgrund der Zeitlosigkeit fallen.
Abtauchen wie der glücklose Filmreporter mit dem Gewicht seiner Kamera, auf den
Grund. Nie hat mich der Sog ergriffen wie jetzt, auf dem Weg von der
Parish-Church zum Kieselstrand, zum Liegeplatz, wo James seine gestrandete Lady
überholt.
Beim alten Landesteg, den nur
noch Sonntagsfischer benützen, ist ein Motor-Fashionevent im Gang. Ich schlage
einen Umweg zum Uferpfad ein. Auf dem Kies, zwischen Ladungen Schwemmholz vom
Sturm, lagert ein Gang Vermummter. Die Gesichtslosen stecken die Köpfe
zusammen. Sie haben sie unter übergezogenen Kapuzen bis auf die Augen mit Schals umwickelt und wummern sich die Ohren
mit Drumkaskaden aus einer schwarzen Box zu. Sie sehen mich nicht. Ich habe
Glück. Durch einen von Schilf bewachsenen Süsswassersumpf sichern
Schwemmholzplanken meinen Schritt. Jenseits des Schilfgürtels mache ich die
Brücke aus. Jemand sitzt auf dem Geländer. Am Ende einer morastigen Wegschlaufe
bleibe ich stehen und öffne meine Wasserflasche. Seit dem Frühstück habe ich
nichts getrunken.
Die Person auf der Brücke trägt
Jeans und eine schwarze Jacke. Ihr Haar ist schwarz. Ein Mann, eine Frau? Auf
Distanz und den ersten Blick nicht zu entscheiden. Doch ein Mann sitzt anders
auf einem Brückengeländer. Ein Mann hockt und stützt den Oberkörper auf seinen
Knien ab. So sitzt nur eine Frau: aufrecht, in fast schwebender Balance.
Die Nähe bestätigt mich. Als ich
den Brückensteg betrete, streicht die junge Frau sich mit ihrer Rechten durch
das kurzgeschnittene ungezähmte Haar, wirft ihren Kopf zurück und fasst mich
prüfend in ihren Blick.
Sie ist schlank und hat ein
volles, rundliches Gesicht. Die Pupillen ihrer asiatischen Augen sind dunkel.
Eine Strähne ihres schwarzen Haarschopfs fällt über die rechte Wimper. Die
kräftigen Lippen ihres schmalen Mundes sind geöffnet. Ihr Ausdruck ist gespannt
und zugleich träumerisch. Ihre Handgebärde - unser Erkennungszeichen - und ihr
Ausdruck lösen bei mir einen sanften Schock aus. Bashing! Den Film hatte ich
mit zwanzig gesehen. Die Erinnerung an das Gesicht der Hauptdarstellerin war
nie ausgelöscht. Sie war in meinen Träumen erschienen: Fusako!
Ich bin vom Gesicht der jungen
Frau, die mich anblickt, wie damals gefangen. Doch gleichzeitig bin ich
gespalten. Wäre die Person, die vor mir sitzt, eine Agentin der Security, dann
wären dieser Blick und der Sinn ihrer Handgebärde - das vereinbarte Zeichen -
nicht das Urbild des Wiedererkennens im Anderen, sondern das ebenso vollkommene
Urbild der Verstellung. Das Zeichen des heimlichen Einverständnisses und der
Verbundenheit durch die gemeinsame Sache wäre das Zeichen des Verrats.
Ich habe keine Wahl. Ich weiss in
diesem Augenblick und das brennt sich ein: Es gibt keine absolute Sicherheit.
Lasse ich mich auf sie ein, dann nehme ich das Risiko in Kauf.
Ich bin Yuko, sagt sie.
Sie muss mich kennen. Sie hat ein
Foto von mir, das mich identifiziert. Ich schliesse im Bruchteil einer Sekunde,
dass sie mich in der Nähe der Kirche ungesehen beobachtet und gewusst hat, dass
ich auf dem Weg über die Brücke zurückkehre. Doch ich stelle keine Fragen. Ein
Mann hätte mich an ihrer Stelle zuerst in ein belangloses Gespräch ziehen
können. Als Frau kann sie das nicht. Sie muss sich über meine Identität sehr
sicher sein.
Yuko, sage ich.
Ihr Blick ist wachsam. Er weicht
keine Sekunde aus, doch ich habe das Gefühl, er gehe durch mich hindurch. Er
verrät nicht, was in ihr vorgeht.
Du kennst mich, stelle ich fest.
Ja, antwortet sie direkt. Ich bin
deine Verbindungsperson. Ich gehöre zur Organisation.
Ich frage sie: Du kennst unsere
Devise?
Normalität ist die beste Tarnung.
Ist sie weiterhin gültig?
Ja.
Also auch inhaltlich?
Alles ist okay. Pass auf: Andrews
wird dich treffen. In acht Tagen werden wir dich genauer orientieren. Merk dir
Ort und Zeitpunkt: Montag um 19 Uhr, Glasgow-Necropolis Ecke John Knox-Strasse.
Dein Hostel ist nach unserer Einschätzung unbedenklich. Merk dir das Kennwort:
Joker!
Ich habe verstanden.
Wir haben nicht mehr Zeit. Ana
und Gay sind provisorisch in Sicherheit. Und noch eines: Die Organisation
weiss, wohin Lucie verbracht wurde. Mehr weiss ich nicht.
Juko hat die Information sehr
schnell und ohne ein Anzeichen von Erregung an mich weitergegeben. Sie springt
mit beiden Füssen auf den Steg und löst ihre Hände vom Geländer. Ihre dunklen
Augen blitzen mich für eine Sekunde an und ihr Mund verzieht sich zu einem fast
schmerzlichen Lächeln. Dann sagt sie:
Andrew lässt dir noch ausrichten:
Das Wurlitzer-Piano ist unterwegs.
Sie wendet sich rasch und geht
grusslos in die Richtung des Dorfs. Ich schaue auf den Stream hinunter,
betrachte gedankenverloren das Kreisen der Schaumspirale, in welcher sich vor
elf noch die Sonne gespiegelt hat.
Joker ist das Kennwort. Joker!
Ich spüre, dass ich tief aufatme. Der Körper erinnert sich, dass er atmet. Und der Atem löst die Klammer, welche sich zwischen Stirn und Zwerchfell spannt. Jukos Botschaft ist kurz. Kurze Sätze sind zu entschlüsseln. Das Wurlitzer-Piano ist unterwegs, sagte sie eben. Drei Wörter! Wo ist Lucie? Die Frage zu einem Vexierbild! Lösungen brauchen Zeit. Ich habe sie.
Ich spüre, dass ich tief aufatme. Der Körper erinnert sich, dass er atmet. Und der Atem löst die Klammer, welche sich zwischen Stirn und Zwerchfell spannt. Jukos Botschaft ist kurz. Kurze Sätze sind zu entschlüsseln. Das Wurlitzer-Piano ist unterwegs, sagte sie eben. Drei Wörter! Wo ist Lucie? Die Frage zu einem Vexierbild! Lösungen brauchen Zeit. Ich habe sie.
Juko ist im Nebel, der jetzt das
Ufer erreicht, verschwunden. Sie wird unsichtbar sein, wenn sie an den
Vermummten vorbeigeht. Sie wird nur das Wummern der Drums hören.
Das bohrende Brummen der Boliden
dringt auf einen Schlag wieder in mein Gehör. Hat sich mein Tinnitus verstärkt?
Der Zahnnerv! Holt mich die Versatzstückwelt meiner Vergangenheit ein? Ist Juko
der weibliche Samurai aus meinen Comics? Oder ist sie die verkörperte Schande
der japanischen Gesellschaft? Ist sie die Geächtete aus dem kaum mehr als fünf
Jahre vor Fukushima geächteten Film? Ist die Sequenz, in welche ich heute
selbst nach einem harten Schnitt hineingeraten bin, real?
Es gibt keine Sicherheit. Doch
Juko ist mit der rechten Hand nicht wie zufällig durchs Haar gefahren. Der
Weltschmerz, ihr Gesicht, ist kein Phantom. Ich habe zu meiner Vermutung Grund:
Juko ist ein militantes Mitglied von ANA.
Abolish Nuclear Armament operiert
seit mehr als einem Jahrzehnt in der sogenannten Illegalität. Sie ist eine
Vereinigung von Abolish und Women for Peace. Es gab in der Connection viele,
welche sich geheim zu ANA bekannten. Niemand wusste wieviele, niemand kannte
sie. Andrew hat sich mir in Preston vor acht Tagen anvertraut. Er ist einer von
ihnen. Reg - in Bezug auf Reg bin ich mir sicher - gehört wohl zur
Führungsstruktur der Organisation.
Meine Hand greift wie zufällig in
der Tasche meines Blazers nach dem Smartie. Es gibt den unbewusst gelenkten
Zufall. Handy hiess das Phone einmal, weil es sich griffbereit in die Hand
schmiegte. Smarties benützten damals auch die schwarz verhüllten Kämpfer der
Nusra, als sie in einem blutigen Bürgerkrieg nach der Macht in Syrien griffen.
Heute nennen wir sie SMR und sprechen den Namen aus wie SUMER , machen ihn zu
einem Wort unserer Turbosprache. Die Sumerer, assoziiere ich, haben die
Keilschrift erfunden. Vor 5000 Jahren. Seit die Menschheit die Summe der
Gesetze und Schulden aufschreibt.
Unsere SUMER sind stumm.
Ausgeschaltet. Kein einziges Palaver mehr. Aber auch keine Verbindung. Weil
ihre Verbindungen gescannt werden. Weil ihre Kommunikation der totalen
Kontrolle unterworfen ist.
Ich hole wieder Atem. Meine Hand
spielt mit dem hyperfunktionellen Biest. Beetle nennen es einige zärtlich. Ich
könnte es in den Stream schmeissen. Das Ekel loswerden. Vielleicht würde es ein
anderer im Sand auflesen. Doch ich wäre nicht klug. Besser ich mache es zum
Fetisch, zur Zauberpfeife. Halte es griffbereit für den Notfall. Wir sind
ausgebootet. Wer die Mittel nicht zu nutzen weiss, welche ihm das
sprichwörtliche Märchenglück in die Hände spielt, hat keine Überlebenschance.
Hat sie nicht verdient.
Ausgebootete halten sich am
Realen fest. Das Biest, das ich wie zufällig in meiner Blazertasche in der Hand
halte, welche mit ihm spielt, ist real. Ist der Schmerz real, der Schmerz im
verdammten Nerv meines linken Molars? Sicher ebenso wie das Sausen im Ohr und
das fiese Brummen in der Luft über Whistlefield. Yuko ist weggegangen. Sie ist
im Nebel verschwunden. Doch ihr volles Gesicht vor dem steigenden Nebel,
welcher das Lochufer einhüllt, ist real.
Genauso wie der Nebel selbst und die Brücke, auf der sie mich traf, um
mir ihre Botschaft zu überbringen. Der im Nebel versunkene Kieselstrand und das
Boot, welches James aus der Tiefe hochgelotst und vom Schlamm befreit hat, um
es jetzt wieder fahrtüchtig zu trimmen. Sie sind real. Und die Hills darüber.
Und in ihrem Inneren das surreale Arsenal, welches den Weltuntergang speichert,
den es verhindern soll.
Ich gehe gedankenverloren durch
den Nebel auf dem aufgeweichten Pfad zum Strandplatz der Lady. Unterwegs sehe
ich Yukos Gesicht. Und ich denke zugleich an Mike. Gibt es eine Beziehung
zwischen Juko und Mike? Bis heute bringe ich sein Romanfragment und dessen
abreissendes Ende nicht mit Mikes Tod zusammen. Es muss ein Missing Link geben.
Doch wahrscheinlich ist das ein literarischer Wunsch. Ich mache mir nichts vor.
Der Satz war nicht an das
aufdringlich anschwellende Noteboard unserer Redaktion angeheftet. Jill hätte
ihn konfisziert. Ich glaubte damals, Mike hätte ihn erfunden. Jedenfalls war
der Satz in der am Ende von Zynismus aufgeladenen Zwischenkommunikation der
Belegschaft präsent und Mike agierte in dieser als Provokateur. Unlängst zitierte
Chuck den Satz zu meiner Überraschung während einem Anfall seines
philosophischen Spleens. Es geschah in der Connection-Bar und ich weiss nicht,
woher er ihn hatte. Der Satz lautet: Das menschliche Hirn hat die Freiheit
zwischen Varianten der Selbsttäuschung zu wählen.
Jills Gnade hätte der Satz nicht
gefunden. Denn nach ihrem hochgestochenen Berufsethos vollstreckte sich
Pressefreiheit im Leistungsauftrag, welcher darin bestand, Tatsachen zu
produzieren. Simply food, simply facts! lautete ihre Devise. Sie war Jills Echo
auf den Erfolgs-Slogan der Marc & Spencer Stores.
Ich erinnere mich gerade jetzt -
weshalb? -, dass ich Chuck in einer spielerischen Laune widersprach.
Wittgenstein, sagte ich, würde dir einen anderen Satz entgegenhalten: Das
menschliche Hirn hat die Freiheit, zwischen Varianten der Selbsttäuschung und
der Realität zu wählen. Und er würde dich auffordern, beide Sätze auf ihren
tatsächlichen Gehalt hin zu prüfen.
Am Abgrund der Zeit gibt es nichts
ausser der Realität, woran ich mich festhalten kann. Die Realität ist
allerdings von einer Schönheit, nach der ich vor Sehnsucht verrückt werden
könnte.
Das Wurlitzer-Piano ist
unterwegs! Ich versuche es mir vorzustellen und sehe Jukos Augen für eine Sekunde
schalkhaft aufleuchten.







