Montag, 28. April 2014

14. Necropolis - downside up






L’espoir voit un défaut de la cuirasse des choses. Paul Valéry, 1941









Streetwalk on the wild side


Die Ladywell Strasse ist eine Sackgasse. Auf James Computer habe ich mich letzte Woche bei einem  Streetviewstroll in der Umgebung der Necropolis verfahren. Ich beabsichtigte den Ort des Treffs an der Ecke John Knox Street zu rekognoszieren. Die Ladywellstrasse zweigt an dieser Ecke unmittelbar neben dem Portal der Necropolis ab und folgt deren Aussenmauer in östlicher Richtung. Wer die Strasse betritt, kann die Situation erst nach einer Kurve einschätzen. Dann erkennt er die Falle. Die efeugekrönte Stützmauer am Fuss des Totenhügels stösst nach kaum hundertfünfzig Metern in einem stumpfen Winkel mit der stacheldrahtgekrönten Umfassungsmauer des benachbarten Brauereiareals zusammen. Man sieht keinen Durchgang, erkennt keinen Sinn. Vielleicht verband die Ladywell einmal durchgängig die John Knox Street mit einer anderen und erfüllte den Zweck einer Verbindungsstrasse. Als die Brauereigesellschaft das Revier bebaute, beanspruchte sie den Raum und die Strasse diente wohl noch als Zugang zum Ladywellbrunnen. Der Brunnen steht in einem blinden klassizistischen Portal an der Necropolismauer und zwar genau im toten Winkel der Strasse, welcher er den Namen lieh.

Der gehorsame Lenkpfeil des Systems, welcher auf Klick beharrlich der Fahrbahn folgt, stottert an dieser Stelle. Ende. Ein Wagen muss im Winkel unter zischenden Kesseln und Rohren des Betriebs zur Rechten und dem Mauerbrunnen unter den schattigen Baumkronen der Necropolis zur Linken mühselig wenden. Mein Klick auf dem Kompass von Streetview wendet ganz simpel die Strasse selbst. Dabei huscht der virtuelle Schatten des Kameraturms auf dem Mobil unter meinen Sohlen zurück und der Pfeil dreht in die Gegenrichtung. 

Dank der digitalen Kapriole entkomme ich dem toten Winkel, entspringe mit Siebenyardstiefeln, schlüpfe ungehindert zwischen einem schief geparkten Fahrzeug der Stadtgärtnerei und dem antiken Ladywellbrunnen durch und gelange zurück zur Kreuzung. Bevor mich das Schattenhütchen des Kameramobils einfängt, entscheide ich mich zum Ausbruch in die Necropolis. Der Pfeil stottert, aber ich schleuse mich flink durch das spaltoffene Portal in das gepflegte Green der Glasgower Totenwelt.

Der Zug ist regelwidrig, trotzdem stehe ich vor dem herangezoomten Grabstein. Entziffere die anfangs des letzten Jahrhunderts auf körnigem Granit aus den Southern Uplands eingemeisselte Inschrift:

                                        35188  PRIVATE
                                        GEORGE CAMERON
                                        HIGHLAND LIGHT INFANTRY
                                        AND ARG 6 SUTH’D HIGHRS
                                        14 TH OCTOBER 1918 AGE 19
                                                             +
                                              Fondly remembered
                                                

Hätte doch der junge Private 35188 so easy wie ich durch einen Seitensprung vor dem gewissen Tod zwischen den Stacheldrahtsperren der Grabenfront desertieren können! George starb im Augenblick, als das feindliche OKH den BREITEN MASSEN endlich das Recht zugestand, NÜCHTERN NACH DEM LEBEN VERLANGEN zu dürfen, statt sich IN SCHÖNHEIT DER EHRE zu opfern. Als Held kehrte er schwerverwundet im Bauch eines Lazarettschiffs zurück und wurde im Scottish General Hospital zu Aberdeen vom Tod besiegt. Die Überreste seines erloschenen Lebens liegen in einer Ehrenreihe von Kriegsgräbern beigesetzt.

Keinen forschen Siebzigyardsprung unterhalb der Kreuzung der John Knox mit der Wishart und Ladywell Street stehen zwei Alte an einer Bushaltestelle. Er breit und etwas schwerfällig, sie mit zwei Tragtaschen, beide mit ausgewaschenem Gesicht. Eine junge Blonde in eng anliegenden Casual Jumpers schreitet am schütteren Baumbestand auf der Höhe der Kreuzung vorbei und verschwindet plötzlich. Ihr sportlich-wendiger Körper ist im Sprung von der Bildfläche wegtuschiert. Ist sie in die Ladywellstrasse eingebogen?

Die Quelle ist nicht versiegt. Doch als die Necropolis angelegt wurde, so erzählte mir James, da  verschloss die Stadtbehörde den Brunnen, denn man befürchtete, dass sein Trinkwasser als Folge der Leichenverwesung vergiftet würde. Die Brewery der Tennents entlieh später dem Ort ihren sinnigen Namen. Wellpark klang vornehm und verschwieg, dass die Quelle stillgelegt und der baumreiche Park nicht Glasgow Green, sondern die benachbarte Schädelstätte der City war.

James hatte spätabends einen Whisky aus dem delikaten Sondervorrat seines in eine Kaderposition des Konzerns hochgestiegenen Bruders geöffnet. Wir tranken die edle Bouteille, auf welcher ein Hirschgeweih aufgeprägt war, langsam und genussvoll leer.

Gerste und Malz wären vor langer Zeit den Toten geopfert worden, sinnierte James. Durch das Opfer hätten die Lebenden endlos an den Konvivien der Toten teilgenommen. An geweihten Tagen aber hätten die Lebenden die Toten zu ihren Konvivien eingeladen. Durch die Rituale sei der Austausch zwischen der Welt der Lebenden und dem Reich der Toten als ein Kreislauf des Gebens und Nehmens erhalten geblieben.

James hob das Glas und schwieg eine Weile mit sabberndem Mund. Dann erklärte er mit funkelndem Blick, die Tennents seien die Pächter an dem Recht zur Teilnahme an den ewigen Konvivien mittels Gerste, Malz und Musik. Tinverpackt in den schillernden Konserven würden diese Medien weltweit in Umlauf gesetzt, um als Tintinnabulation das Leben zu erhalten und erträglich zu machen. Diese Wirkung könnten sie aber nur erzielen, solange das Gleichgewicht zwischen den Welten der Toten und der Lebenden Bestand habe. Die Erhaltung des Gleichgewichts sei indessen die eigentliche Arbeit der dampfenden Kessel und Rohre.

Ob ich mir eigentlich vorstellen könne, wie die Wikinger und Waräger die Unbill aufreibender Kriege und den Stress ihrer eigenen Streitigkeiten ohne Gerste und Malz je überstanden hätten. Und zwar nicht bloss im Diesseits, sondern auch in dessen Kontinuität im Jenseits, wo ja niemals von Ruhe die Rede sein konnte! Ja, wir brächten die Toten zum Schweigen und liessen sie ruhen. Sie hingegen hätten sehr wohl gewusst, weswegen ihre Toten nicht nur nach dem Opfer von Gerste und Malz, sondern auch nach der Mitgabe aufwendig geschmiedeter Waffen sowie Mannschaft, Tross und Schiffen verlangten. Und niemand hätte bezweifelt, dass die gekrümmten Kriegshörner, welche sie ihnen ins Grab legten, auch drüben geblasen würden.






Die Barracks standen früher in den Städten. Was historisch einleuchtet, wäre heute strategischer Unsinn. Stadtkasernen wurden zweckentfremdet oder abgerissen, ihre Areale verwandelten sich in öffentliche Parkanlagen oder in Bauland. Wer von der Gallowgate die Barrackstreet hochgeht, sieht sowohl zur Highstreet hin wie stadtauswärts viel aufgelassenes Gelände und altes Brickmauerwerk darin. War das Gelände für eine zukünftige Regeneration ausgespart, so blieb diese aus. Was sich darin ansiedelte, blieb provisorisch. Das billig Erworbene soll Geld abwerfen. Darin erfüllt es seinen Zweck.

Der Waren-Discounter auf der linken Seite der Strasse beansprucht ein riesiges Parkgelände für Kunden, deren PW’s am Tag aus purer Bequemlichkeit auch die Barrack Street vollstopfen. Auf der rechten Seite und im oberen Viertel, um die Einfahrt in die Duke Street, hat sich in Ramschbauten das Auto-Zuliefer- und Reparaturgewerbe niedergelassen: Motoring Discount, Tyres, Traylers, Distributers. Der Secondhand-Autohandel parkt sein Kapital in videoüberwachten Höfen und - wenn das Geschäft nicht läuft - auch der Strasse entlang. Auf der Spanne zwischen den Betriebszonen, welche das tiefer liegende Bahngeleise kreuzt, erstrecken sich beidseitig der Barrack Street grosse Geländelücken. Brache. In der verstrauchten Wildnis dösen sinnlose Mauerruinen, wirbelt Staub auf, ist nichts.

THE BUTTS  hiess das Gelände früher, die Kolben. Wer versteht das heute? In längst verstrichenen Zeiten fanden auf dem offenen Gelände Waffenshows und bunte Truppenparaden statt. Bürgerliches Schauvergnügen, Anlässe zu Sonntagsbummeln vor die Tore.

Als in Calton die Dampfhämmer wummerten und der Industriequalm durch die engen Gassen strich, war die Behaglichkeit ausgetrieben. Wahrscheinlich verhöhnten die unruhigen Industriearbeiter an der Gallowgate und drüben in den Gorbals, am Gegenufer des Clyde, das Kasernengelände als  THE BUTTS. Jedenfalls liehen sie dem alten Namen einen zu ihrer Zeit einfühlsamen Sinn. Wenn immer sie die Maschinen und das Kapital büssen liessen, was sie selbst litten, dann schickte das Regiment die Gewehrkolben. Auf den  BUTTS  standen die Truppen in Bereitschaft, von dort zogen sie zum Strafritual los. Schon in der Revolutionszeit knallten sie in einen Demonstrationszug ausgemergelter Weber. Um die Stahlwerke Caltons pflegte das politische Regiment während der Fieberkrisen der mechanischen Revolution die Empfindlichkeit der Werktätigen regelmässig zu testen. Sie waren auf Kolbendresche geeicht und gestempelt und hatten Anlass genug, die Streiks als ihre Waffe unermüdlich zu trainieren.







Am Montag, Stunden bevor ich mich zum Treffen am Necropolis-Corner aufmache, frühstücke ich spät im Forck ‚n‘ Knife Sitin & Takeaway. Winzige Bude, Bar und Café in einem. Am Ende der Theke, wo man durch die Putz- und Gerümpelkammer zur Toilette abzweigt, hockt Brokenglasseye hinter dem schwärzesten Stout, das ich je gesehen habe. Es ist schaumlos. Es fliesst nicht gärig, sondern ölig aus dem Hahnen und bildet keine Schaumkrone. Es hat die Farbe schwarzer Lakritze und riecht ätzend.


Es ist flüssige Lakritze, raunt Brokenglasseye heiser und kneift ein Auge zu. Schmeckt bittersüss und brennt den Gaumen runter. Es ist das einzige Bier, das meine Träume aufhellt. Empfehle ich gegen Depression. Trinke es darum morgens. Immer wie andere öden Kaffee. Es ist meine schwarze Milch der Frühe.


Brokenglasseye ist ein sporadisch während kürzern oder längern Intervallen abwesender Dauergast meines Hostels an der Galowgate. Die ihn eh kannten, sagen, sein hübscher Rotschopf sei mitten im Leben auf einmal silberweiss geworden. Silbern ist seine eitel gepflegte Frisur noch heute, aber nicht mehr füllig und mit einem Gelbstich. Ein weisser Rabe war seit je sein Signet. Mit Schwarzstiften krakelte er seine berühmten Comic-Helden. Die Naivlinge blickten mit riesigen Stauneaugen aus ihren magersüchtigen Gesichtern. Man wusste allerdings nie, ob in einem süssen Träumer nicht ein vor Selbstmitleid triefender Zombie steckte, in den er sich unversehens verwandeln konnte. Die Fieslinge, welche ihrer Rolle gemäss als solche zu agieren hatten, schauten fahrig und warfen stechende Blicke aus ihren Kullerglotzen. Vielleicht, wer weiss, waren sie nur irregeleitete Idealisten, die nicht wussten was sie taten und daher auf Gnade hoffen durften, fragte sich nur von wem. Den an seinem Kreuz schmachtenden Leidensmann bewarfen die römischen Söldner mit Hohn (du Wehleider, du aufgenagelter grosser Idiot!) und stichelten umso ärger, je verzagter er nach seinem Vater rief und die bedeutenden Sätze in diese nekrophile Welt schrie. Doch wo blieb denn der Vater, der ihn in einem spermafreien Akt mit seiner Mutter erzeugte? Der ihn im Augenblick der Todesnot im Stich lässt und gnadenloser Verspottung aussetzt? Wo, wenn es ihn überhaupt gab, versteckte sich sein Vater? Diese Frage stellte Brokenglasseye in seinem berühmten Comicstrip. Dachte er - wie ich - an seinen eigenen Vater und die befleckte Empfängnis seiner im Stich gelassenen Mutter? Im Söldner, welcher unter seinem römischen Helm frotzelnd zum Leidensmann hochgrinst, karikiert er sich selbst.

Zu reiferen Einsichten brauchte Brokenglasseye nicht zu gelangen, er hatte sie schon in jungen Jahren und hätte sich ruhig gehen lassen können, als er sich verliebte. Doch er nahm damals die Liebe so ernst wie das Leben, das ihm seine Visionen schenkte. Er konnte seine Augen nicht daran hindern zu sehen, wie die Welt beschaffen war. Genau hinzusehen mit staunender Neugier wie seine naiven Helden mit ihren Scheinwerfern. Oder so wie seine Fieslinge mit ihrem Röntgenblick, aber nie unverschämt, nie aufgeblasen, sondern tieftraurig. Er selber wusste, was er tat. Und er tat es, obwohl er wusste, dass da keiner war, der ihm seinen Scharfsinn verzeihen würde.







Und sie verziehen ihm auch nichts, das erfuhr ich von ihm selbst. Brokenglasseye twitterte seine beissenden Kommentare und Strips in die blasierte Welt hinaus, bis er sein junges Leben beinahe an einer Milzvergiftung vollendet hätte.

Das hatte keine äussere Ursache. Man erzählt, sie hätten seine Website mindestens achtmal gelöscht. Doch er habe sein Pseudonym nicht verleugnet. Habe jedesmal wieder eine Masche oder Lücke erwischt und sich einen Zugang aufgeklickt. Habe sich für seine Domain gewehrt, habe das allein für ihn bestimmte Portal mit einem cleveren Fusstritt aufgesperrt. So lange bis sie genug hatten, seinen Anspruch sperrten, seine digitale Existenz endgültig löschten. Der Zutritt zum virtuellen Paradies blieb für ihn von da an verboten. Für ihn war klar, dass es kein anderes gab. Er hatte sich längst in der Wirklichkeit eingerichtet und keine Ansprüche auf Alternativen, darum fiel es ihm leicht.

Der Rauswurf hatte eine entscheidende Konsequenz. Er festigte seine Leidenschaft, an diesem Leben festzuhalten, sein Menschenrecht auf dieses für ihn allein bestimmte Leben falls notwendig mit den Zähnen zu verteidigen.

Das erzählte er mir einmal selbst beim siebenten Tennent. Auf jeder Etikette der Flaschen, die er vor sich aufreihte, war eine andere aufreizend schöne Dame abgebildet. Er nahm ihre Parade ab und sein Blick war unvernebelt. Er fantasierte nicht, als er mir die letzte Episode seines Kampfs mit dem Polypen erzählte:


Ich hatte meine Identität wirklich gelöscht. Hatte mir eine neue Identität verschafft. Offiziell, es funktionierte, ich verrate dir nicht wie. Als ein anderer legte ich mir ein neues Passwort zu, um mich ins verbotene Netz einzuschmuggeln. Ich nannte mich Bleedingnose, will nicht verschweigen weshalb. Als Junge bin ich immer auf die Nase gefallen. Bin nie liegen geblieben, sondern habe mich mit blutender Nase aufgerappelt. Bin nicht weinend zur Mutter gerannt, selbst wenn ich wusste, dass sie zu Hause war und das war selten der Fall. Das Nasenblut tropfte und verkrustete, ich putzte es mir nicht weg. Darum haben mir meine Klassenkumpels den Namen angehängt. Und weil ich so hiess, zielten sie beim täglichen Gerammel oder in den Zweikämpfen, die jeder wie ein Ritual provozieren musste, immer auf die Nase. Sie trafen, bis sie einmal nicht mehr nur blutete, sondern brach. Von da rührt der Knick meines Nasenbeins. Es wurde nicht verarztet. Aber ich schlug fortan zurück und zielte genau auf das Nasenbein meiner Gegner. Und ich blutete nie mehr aus der Nase. Und ich fiel nicht mehr hin.

Ich richtete mir eine schöne neue Page ein. Aber als ich mein neues Passwort beim nächsten Mal korrekt eingab, gab mir ein Link Bescheid, dass entweder mein geniales Passwort oder meine neue Adresse falsch wären. Sie schützten Sicherheitsgründe vor, doch eine korrekte Version gab es nicht und meine Page war verschwunden. Weg! Das Netz liess mich im Stich. Sonst aber geschah nichts. Ich lebe unbehelligt draussen. Als ein anderer, mit meinen alten Schuldgefühlen. Man nennt mich hier Brokenglasseye. Ich stehe zu meinem Namen, weil ich scharf sehen gelernt habe. Vielleicht ist es die Folge meiner Milzvergiftung, ich weiss nicht.


Unbehelligt? Brokenglasseyes Wortwahl war ein Euphemismus. Er erzählte mir damals seine Geschichte. Natürlich geschah alles, was einen normalen Menschen zerbrechen musste und was viele zerbrach. Brokenglasseye verlor seinen Job, verlor sein Medium, seine Sponsoren, seine Lobby, seine Fans, seinen sogenannten Freundeskreis. Er wurde ein Obdachloser, lebte von der Suppenküche, von ein paar einschlägigen Diensten und dem winzigen Quantum schwindender christlicher Nächstenliebe, mit der ihm andere die Aufmerksamkeiten vergalten, welche er ihnen frei von jeglichem Selbstinteresse zukommen liess. Er wohnte nach der Katastrophe jahrelang  in einer Gammel-WG im Umkreis der Necropolis. Der abbruchreife Block befand sich gegenüber dem Wellpark-Areal. Brokenglasseye lebte in der süsslichen Ausdünstung der Brauerei und gab - wie schon früher - die Necropolis als seine offizielle Wohnadresse aus. Er schaute vom vierten Stock seiner verbarrikadierten Wohnzeile hinunter auf den Tennent-Slogan an der Umzäunung jenseits der Strasse: Naturally brewed. Und er las täglich die Empfehlung der Bank of Scotland: Banking on your mobile, because we all lead busy lives. Brokenglasseye hatte weder ein Mobile noch ein Bankkonto
.



  


Ich verspeise im Fork ‚n’ Knife Sitin & Takeaway mein Gabelfrühstück. Der Speck ist aus embrionalen Stammzellen im Labor gezüchtet. Gabeltauglich. Originaler Schweinespeck ist rar, daher teuer. Brokenglasseye muss mir zugeschaut haben, wie ich die in urbanen Terrassenkulturen erzeugte Gentech-Tomate sorgfältig vierteile. Als ich den ersten Bissen aufspiesse und zum Mund führe, bemerke ich seinen Blick. Seine Augen haben einen hungrigen und zugleich belustigten Ausdruck, als er den Vorgang beobachtet. Er leert sein Glas Stout mit einem Schluck, kommt schwankend, setzt sich neben mich und lässt einen Sermon vom Hocker:


Du wirst dich auch einmal daran gewöhnen müssen, ohne Messer und Gabel zu frühstücken. Wie kann man eine Tomate zerschneiden! Das ist undecent, mein Freund, nicht anders als einen Fisch mit dem Messer traktieren. Die Suppenwürfeltomate für das Fingerfrühstück ist auf dem Markt. Und den In-Vitro-Knusperspeck im Snackformat kannst du wie einen Riegel anbeissen. Sogar den Kipper gibt es heute grätenlos als Riegel. Beim Zustand der Meere wohl auch bald aus der In-Vitro-Zucht. Müsste sich eigentlich durchsetzen. Wäre die Welt nur nicht so gleichgültig geworden! Wir vernachlässigen den Markt. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen hat Innovation keine Zukunft. Du wirst von Glück reden. Fork ‚n‘ Knife ist eine konservative Breakfastkabine. Aber ich will dir mit meinen Laborfood-Visionen nicht den Appetit verderben.


Al! - ich spreche Brockenglasseye mit seinem Taufnamen an, den er mir damals bei seiner Tennent-Parade anvertraute: Die Mädchen nennen mich Al, so heisse ich wirklich, damit du es weisst, hatte er damals gesagt und seinen Namen wie eine Liebkosung betont.


Al, sage ich also, lass in Teufels Namen das Retorten-Ei aus dem Spiel! Damit könntest du mir nämlich die Frühstückslaune gründlich verderben. Ich geniesse das traditionelle Spiegelei. Und ich bin dabei nicht indecent at all, denn ich schneide das Eigelb sauber aus dem Eiweiss und verzehre es ganz. Schau!


Ich lasse das Eigelb auf die Zunge schlittern. Al schluckt einmal leer, rülpst und sagt:


Dein pedantischer Kult ehrt, woraus wir alle kommen. Zwar wird das Huhn invitro-fertilisiert als Klon gezüchtet, aber mit dem Ei bleibt vorläufig alles beim Alten.

Du machst mich glücklich, danke Al!


Al lässt seine elektronische Zigarette aufglimmen, blinzelt zu den Spots hoch und doziert:


Unter den gegenwärtigen Umständen ist Futurologie ohnehin eine Farce. Ich versichere Dir, wir werden bei der Humanzeugung den Hightech-Sprung nicht hinkriegen. Nicht weil der biotechnische Standard unterentwickelt oder die ethische Hemmschwelle zu hoch wäre.

Sondern?

Na, weil die Natur rebelliert und uns eine späte Erkenntnis aufzwingt: Dass nämlich unsere Spezies auf Dauer degeneriert, wenn wir das natürliche Prinzip der Selektion austricksen.

Mir scheint, wir sind dabei schon weit fortgeschritten.

Und merken’s nicht. Der Fortschritt beginnt mit der Maschine und dem Irrglauben, dass wir sie beherrschen, während wir uns von ihr unterkriegen lassen.

Du meinst in andern Worten, dass wir ihre Macht unterschätzen.  

Die Maschine ist an sich weder gut noch böse.

Aber dumm ist die Einbildung, dass wir uns mit ihrer Energie die Welt unterwerfen können.

Ja. Das Paradies ist eine Illusion. Kehr diesen Satz einmal um!

Die Illusion ist ein Paradies?

Genau. Für mich stimmen beide Sätze gleichermassen. Der Irrglaube besteht darin, dass wir uns einbilden, das Paradies zu erschaffen. Die Einbildung ist der Antrieb des Fortschritts. Wir lassen uns vom Tempo verführen. Dabei schrumpft die Zeit. Das geht schief. Der Fortschritt macht uns zu Sklaven und wir merken‘s nicht oder zu spät. Die Zeit ist nicht eintauschbar.

Du bist ein Moralist.

Dann ist auch Shakespeare ein Moralist. Gehst du immer noch davon aus, dass der Fortschritt uns hilft, den Bogen zu schlagen, um unsere Probleme zu bewältigen? Wo wir uns doch durch kopflose Gier die Probleme selbst erschaffen!

Mag sein. Nimm bloss die Neugier von deinem Schuldkatalog aus. Ich halte sie für unsere beste Eigenschaft. Allerdings räume ich ein, wir haben die dumme Neigung, unsere Antwort auf Fragen vorschnell mit der Lösung zu verwechseln.

Shakespeare ist mit dir einig: Wir überstürzen durch jähe Eil das Ziel, nach dem wir rennen und gehn’s verlustig. Ja, wir sprinten, haben das Stehen verlernt. Warten nicht einmal mehr auf die Antwort. Könnten wir das Innehalten zulassen - ein Augenblick würde reichen -, dann würden wir die entscheidende Frage stellen.

Du meinst die Frage worauf wir eigentlich warten?


Al nimmt einen tiefen Zug und fällt in ein träumerisches Nachdenken. Der Ärmel seiner Lederjacke rutscht herunter. Der Bernstein eines Manschettenknopfs schimmert opak. Steinzeitmode. Die Zigarette glimmt und Als Schultern sind nach vorn geknickt. Sein rockiger Rotschopf ist flächsern geworden und über der Stirn gelichtet. Im Nacken fällt er knitterig bis auf die Schulter. Al, ein vergammelter Dandy. Al schweigt. In eine lange Pause hinein sagt er in einer Art von Selbstgespräch einen einzelnen Satz. Seine Stimme ist tief und dünn, sie tönt wie Glas, das bricht:


Wir wissen bis heute nicht genau, wer der Mann war. Aber er war der, welcher am genauesten wusste, dass wir Briten blind sind.


Draussen fallen Schüsse, zwei, drei, vier, fünf. Es folgt ein greller Pfeifton, dann das metallische Summen eines Vans, der wendet und beschleunigt. Laserpanzer. Das Pfeifen schlägt von der Häuserfront zurück und erstirbt in einer Seitenstrasse. Wir halten den Atem an, horchen. Der Barkeeper trocknet die Hände und geht zur Glastüre, äugt schräg zur nächsten Kreuzung. Nach einer Weile kehrt er zurück, zuckt mit den Schultern, setzt eine gelassene Miene auf, die sagt: vorbei. Wendet sich Al zu, fragt: Ein Ale gefällig? Wartet Antwort nicht ab, sondern öffnet den Hahn und füllt ein hohes Stielglas mit dem schwarzen Lakritzbier.

Al hockt wie zuvor, in ein stummes Selbstgespräch versunken. Ich hatte vorgesehen, ihm die Frage zu stellen. Ich frage und merke, meine Stimme ist gedämpft:


Al, sag mir, habe gehört, sie hätten im Hostel vor ein paar Tagen eine Razzia durchgeführt.


Gut möglich, sagt Al, während der Kellner das Glas vor ihn hinstellt. Er nimmt einen langen Schluck und wendet sich mir zu:


Razzien sind nicht mehr langweilige Routine. In den letzten zehn Tagen habe ich mich nicht mehr im Hostel aufgehalten. Zuvor schon habe ich‘s darauf angelegt, mein Domizil öfters zu wechseln. Erwarte jederzeit, dass der Besitzer mein Zimmer räumt. Ein paar alte Klamotten! Ist nicht viel wert, was er in den Keller schmeisst. Lebe selbst im Keller. Du warst nicht hier. Also auch nicht in Shettleton? Dann bist du nicht im Bild.






Al inhaliert einen Zug durch das lange Mundstück seiner Zigarette. Dann schiebt er den Unterarm auf den Tresen und beugt sich zu mir rüber:


Am Wochenende gab es Unruhen in der Shettleton Street. Die meisten Shops haben dort dicht gemacht. TO SALE - die Tafeln spotten. Nur das Tauschgeschäft rentiert noch, clothes for cash, food, drugs. Hinter Bretterverschlägen findest du Unterschlupf. Nein, du bist nicht im Bild. Sie haben nachts in Shettleton die Robos ausschwärmen lassen. Nicht nur die Spycops, auch die Killer.


Al zittert, als er das Glas an die Lippen hebt. Er stellt es auf den Tresen zurück.


Ich war dort, bin Zeuge. Laser-Slogans waren durch Löcher auf die Fassaden projiziert: GILLETTE, IN EASTEND KÜSST UNS DER TOD MIT FÜNFZIG! Flinke Skater wie Schatten auf der Strasse hängten Transparente: Gebt die Jahre, tauscht die Arbeit zurück, die ihr uns gestohlen habt! Die Sozialleichen krochen aus den Appartement-Ruinen und rotteten sich zusammen, begannen zu plündern. Steine flogen und Brandsätze. Abfall flackte, Bretterverschläge fingen Feuer und Häuser standen in Flammen. Die Killrobos liquidierten darauf gezielt die Rädelsführer. Der Aufruhr war schnell ein Roulettegame mit dem Tod. Und es war sehr bald still. Die Kehrichtabfuhr war seit Wochen nicht nach Shettleston gefahren. Doch Armorvans sammelten in der Frühe die Toten. Niemand zählte sie. Die Medien schweigen sie tot. Die Medien kehren heute die Geschichte um: Demonstranten warfen nicht nur Brandsätze, sie waren bewaffnet und schossen auf die Polizei. Ich weiss, was sie wirklich taten: Sie füllten in der Drogerie Flaschen mit Alkohol, stopften Watte in deren Hälse und zündeten die primitivste Waffe gegen Kampfroboter. Aber die Roboter sind feuerfest, Brandsätze richten nichts gegen sie aus.      


Al leert sein Glas. Dann sagt er:


Hör mal! Die Stille ist verdächtig. Besser ich verdufte.


Er legt einen abgegriffenen Schein auf die Theke, und verschwindet mit einem konspirativen Zwinkern durch den Besenkorridor, der zur Toilette führt.


Der Barmann steckt den Schein ein und  räumt mit wendigen Griffen Als Stielglas und das Gedeck meines Gabelfrühstücks. Als sein Lappen flüchtig über die Theke kreist, raunt er:


Es kommt vor, dass die Police auch den Müll im Hof kehrt.


Dann wirft er den Lappen über den linken Unterarm, beugt sich, indem er das Tablett hochstemmt, mit einem aufmunternden Blick über die Theke und fügt hinzu:


Die Strasse ist für Leute wie dich sicherer. Noch ein Bier gefällig?


Bestürzt über Als plötzliches Verschwinden durch die Hintertüre nicke ich, zucke mit den Schultern und schaue über die Strasse. Vor einem Geschäft laden zwei Transporteure  einen Bügelständer mit einer Stange schlenkernder Jacken in einen hellblauen Camion. An der Glastüre geht ein junges Paar vorbei. Als die Männer einen zweiten Ständer heraustragen, kippt die Stange weg und die Bügel gleiten mit den Jacken auf den Asphalt. Während sie die Stange einrenken, die Jacken zusammenlesen und wieder an die Stange hängen, trinke ich das Bier aus und bestelle ein zweites. Lakritz tut meinem Magen wohl. Aber das Bier versetzt mich in einen Zustand, in welchem die Zeit still steht. Ich merke die Veränderung erst, als ich aufstehe und hinaustrete.

Ich öffne die Glastüre und verlasse das Lokal auf der Strassenseite. Der Breakfast-Barkeeper, der mein Stielglas wegräumte und das Trinkgeld einstrich, hat Recht: Es ist jeden Tag wieder wie wenn nichts geschehen wäre. Du gehst auf die Strasse und die Ambulanz fährt gerade vorbei oder ein Streetview-Mobil. Oder wie jeden Tag die Entsorgung. Du siehst nicht hin, bemerkst sie nicht mehr, hörst nicht einmal mehr das Geschepper, wenn die Greifer die Container leerrammeln, und nicht einmal das hässliche Knirschen der Schredder nervt dich. Warum? Weil du die Abläufe und Geräusche nicht mehr wahrnimmst. Denn deine Sinne separieren sie nicht mehr. Sie haben ihre Schärfe verloren.  Sie wehren sich nicht mehr. Ihre Waffe ist stumpf. Im Prinzip hat der Barkeeper Recht.







Sag, wie kannst du, wenn du das Verkehrsrauschen und den Fluss oder Stau der Automobile nicht wahrnimmst, ein Bewusstsein für die Tatsache entwickeln, welche die mobilen Nutzer längst internalisiert haben, dass der Verkehr sich mittlerweile automatisch regelt, also zentral gesteuert fliesst oder steht? Keiner regt sich mehr auf über Stau. Die Fahrzeit zum angepeilten Ziel wird gleitend berechnet, der Wagen spurt, zweigt blinkerlos ab, die Abstände gleichen sich lückenlos aus, der Fahrer pennt, surft, telekommuniziert oder frühstückt aus der Retorte. Was hat sich geändert? Es ist, wenn du den Fluss in den Fahrbahnen von aussen betrachtest, als ob nichts geschehen wäre, nur dass der Automat den Fahrer ersetzt, um ihn als Passagier zu befördern, wohin er will.  

Ich aber, kaum bin ich durch die Glastüre ins Freie getreten, erstaune, dass der Augenschein sich verändert und mein Bewusstsein aktiviert. Es ist schon Mittag. Keine Frage, dass ich heute die Strasse und die Fassaden schärfer sehe. Die Wirklichkeit erscheint mir luzider, aufregend hell, fast blendend, durchsichtig und doch klar. Fassaden, Strasse, Verkehr  präsentieren sich mir in einer Art von Rundumblick perspektivisch verzerrt, etwa so, wie wenn sie sich in einer galvanisierten Kugel spiegeln. Aber ich betrachte die Kugel nicht nur von aussen, vielmehr bin ich als der Sehende ohne mich selbst zu spiegeln auch in der Spiegelung drin, stecke im Inneren der galvanisierten Kugel, teile Aussensicht und Innensicht in einem Blick. Vierdimensional? Man wird das als verrückt bezeichnen.

Ob die veränderte Disposition meiner Wahrnehmung sich durch die Tatsache erklärt, dass ich die Fork & Knifebox verlassen habe. Hat sie das Draussensein ausgelöst, die Luft und die Sicht auf die Strasse und den Himmel darüber? Es ist mir, wie wenn alle Tauben aufflattern und die viktorianische Simse der Häuser auf mich herunter stürzen und die Häuser selbst ins Wanken geraten. Doch gleichzeitig erlebe ich mit gelassener Klarheit, dass alle Mauern an ihrem zugehörigen Platz stehen. Ich überquere die Strasse, gelange durch eine stehende Autokolonne auf den gegenüberliegenden Gehsteig. Die Blaumänner haben die weggerutschten Anzüge sorgfältig aufgebügelt versorgt, inzwischen ein Dutzend Stangen mit Anzügen in die Patenthalterungen ihres Lieferwagens eingeklinkt und darauf über dem Eingang des leergeräumten Kleidershops die Tafel TO LET befestigt. Sie steigen gerade ein, lassen den Motor an, schwenken aus und klinken sich in die Kolonne ein, welche vor einer Ampel steht, deren Rotlicht gelegentlich auf Gelb und Grün umstellen wird, nichts Besonderes.

Ich gehe zu Fuss der Kolonne entlang in die Richtung der City. Die Passagiere liegen oder sitzen in ihren dreh- und rückklappbaren Sesseln in kuriosesten Haltungen im Inneren ihrer mobilen Boxen. Sie schlafen oder kommunizieren untereinander oder mit anderen Personen ausserhalb, welche mit ihren Sumers verbunden sind. Oder sie lesen, tippen, spielen, snacken, trinken und sehen fern. Die Bildschirme leuchten in den Kabinen, alle Monitoren sind auf beliebige Programme eingestellt, welche nach Wahl Werbung, News, Kriminalfilme, Horror oder Erotik senden. Ich gehe den bald stehenden, bald fahrenden Boxenkolonnen entlang, habe diese seltsame Aussen-, Innen- und Rundumsicht der Strasse als einer Welt der lebenden Automaten. Und ich ziehe während meinem tänzerisch schwebenden Gang den Schluss, dass meine hellsichtige Disposition etwas mit dem Lakritzbier drauf habe und daher die vierte Dimension drin stecken müsse, fühle mich der Logik meiner Einsicht allerdings nicht gewachsen.   

Doch auf der Strasse herrscht radikale Ordnung und sie scheint mir auf den ersten Blick ökonomisch zweckvoll. Beim Wechsel des Ampellichts auf Grün fahren alle Wagen gleichzeitig in ausgeglichenen Abständen weiter. Wozu dient das Signal? Reagieren Farbsensoren am Wagen auf Rot und Grün oder sind sämtliche Funktionen ferngelenkt? Falls Letzteres zutrifft, dann haben die Ampellichter, sofern der Fahrer überhaupt hinschaut, nicht mehr als eine psychologische Funktion. Ich kenne mich da ungenau aus. Da aber die vollautomatische Steuerung den Verkehr bloss tagsüber regelt und sich nachts partiell ausschaltet, scheint es logisch, dass der Ampelbetrieb durchgehend weiterläuft, damit sich die Verkehrsnutzer nicht ganz ihrer eingeschränkten Eigenverantwortung entwöhnen. Aber ich weiss auch: Der Verkehr fliesst zu keiner Zeit autonom, die elektronische Verkehrskontrolle ist rundum total. Keiner entrinnt ihr. Jeder Wagen ist ohne Unterbruch - nachts genau so wie  tags - auf Direktverbindung mit der Zentrale geschaltet. Standort, Betrieb und Fahrverhalten werden pausenlos automatisch verfolgt. Alle Nutzungsdaten und die Identität der Nutzer werden laufend registriert. Die Wagen halten sich unverrückbar an ihre zielprogrammierte Bahn. Die Erziehung zur Verkehrssicherheit scheint perfekt, doch sie ist ein Vorwand, denn die individuelle Entscheidungsfreiheit ist auf wenige Funktionen reduziert. Ausschwenken auf einen Parkplatz, Unterbrechung und Umprogrammierung der Fahrt sind möglich. Fehlverhalten löst aber sofort eine automatische Warnung aus. Überholungsmanöver sind strikt verboten und auch schlicht nicht möglich. Die freie Fahrbahn zwischen den Kolonnen ist in beiden Richtungen reserviert für Emergency oder Streetkontroll-Robots. Und für die Schnelleinsätze der Security. Zum Beispiel mit ihren Schützenpanzern.





  

Ich gehe leichtfüssig und mental leichtsinnig auf dem Gehsteig der Strasse entlang. Über meinen Leichtsinn bin ich mir im Klaren, aber unwillig oder unfähig zum Widerstand. Ich lasse mich gehen und geniesse die gesteigerte Klarsicht und Gelassenheit. Geniesse unbekümmert meine vollkommene Streetview.

Als die Kolonne erneut stoppt, bleibt vor meinen Augen ein solide gebautes Wunderkabrio mit funkelnden Bremslichtern stehen. Auf seine Karosserie ist das leuchtfarbene Bild zweier nackter Liebender gespritzt, welche sich auf einem Pfau reitend umarmen. Der Liebhaber greift von hinten mit der linken Hand eine der prallen Brüste der Geliebten, während seine Rechte über dem Flügel des Pfaus ihren kokett gestickten Slip berührt. Sie umschlingt hinter ihrem Kopf mit wendigen Armen seinen Hals. Ornamentale Palmwedel streicheln die geschmeidigen Lenden des Paars. Mit einem Pflanzenornament auf dem Heck des Wagens sind die Namen der Liebenden verwoben: Krishna und Rana.

Aus dem rot erleuchteten Innern des Wagens dringen sanfte Sitarklänge und ich glaube im Vorübergehen den süssen Duft von Räucherstäbchen zu riechen. Die Kabine ist mit farbigen Kissen ausgestattet. Ein Hindu sitzt in Gebetshaltung auf einem grünen Lilienteppich. Er ist in einen zimtbraunen Arbeitsserwani gekleidet und um seinen Hals hängt ein golddurchwirkter orangefarbener Schal. Sein Kopf ist unbedeckt und seine Füsse sind nackt. An seiner Seite steht eine schwarze Ledermappe mit goldenem Schloss.

Der dem göttlichen Paar geweihte rollende Altar erinnert mich an die ferngesteuerten Stundentaxis, welche auf den Strassen der City ihre fahrenden Dienstleistungen anbieten. Eine wachsende Kundschaft lässt sich von den Betreibern auf regelmässigen Rundfahrten oder frei gewählten Strecken ihre seriösen oder ordinären Bedürfnisse hochfahren. Besondere Bus-Taxis verkehren als Meditations- oder Liebestempel mit Altar-Illumination, Sitarklängen und exotischen Duftnoten auf den frequentierten Rundstrecken. Mit säkularem oder esoterischem Komfort luxuriös ausgestattete Privat-Taxis befriedigen die verbreitete Nachfrage nach Heil und Heilung, nach kulinarischen Erquickungen, Musik, Spiel und Entspannung oder Psycho- und Sexualtherapie zu jedem Preis. Anspruchsvoll oder dubios. Sie stehen rundum zu ihrem steuerfreien Strassenservice bereit.

Ich muss mich in meinem alterierten Zustand an mein Erinnerungsvermögen erinnern. Denn was der Sog des durchdringenden Lichts dem Blick zuspielt, erscheint einmalig und einzigartig. Auch die Projektionen meines Erinnerns und der Fantasie täuschen indessen eine Präsenz vor, welche die Zeit auflöst und sich der Realitätskontrolle entzieht. Der reale Raum und der Raum der Vorstellung durchdringen sich fortwährend, verlieren sich ineinander und werden in ihrer Grenzenlosigkeit trotz überscharfer Kontur ihrer Realien ununterscheidbar.

Wohl eine Stunde oder zwei - die Zeit lässt sich nur schätzen - bin ich der  zäh zur City fliessenden Boxenkolonne entlang gegangen, als ich wahrnehme, dass sich die Wirkung des mysteriösen Halluzinogens, welches Brokenglasseyes Lakritzbier meinem Körper einflösste, verflüchtigt. Über den irisierenden Chrom- und Lackglanz der mobilen Welt legt sich wieder der schmierige Dunst der Normalität, welcher ihren stumpfen Objekt- und Warencharakter hervorkehrt. Und die entzauberte Umgebung der Strasse ruft die Verschleissanfälligkeit und Servicebedürftigkeit der robotererzeugten mobilen Automaten ebenso irritierend ins Bewusstsein wie ihre Luft und Raum verschlingende Menge.







Take a walk on the wild side, ha! Links von dir die schmutzigen Oasen: Secondhand-Park, Carwash, Motorcare, Tyreservice, Gasstation, Stockdiscounter, Snackbar, Fastfood, Bettingoffice, Cashdispenser. Rechts von dir die Schnellfahrbahn, Fliessverkehr oder zäher Staufluss, fernreguliert. Und jenseits der Road die endlose Brickmauer. Das Bruchstück eines Umfassungswalls der abgerissenen Parkhead Steelworks für Panzerplatten und Kanonen begrenzt heute das Gelände des Forge Shopping Paradieses zur Strasse hin und setzt einen nostalgischen Akzent. Die Blendbögen der alten Mauer coupieren das Echo des Verkehrsstroms und werfen es als gestreichelten Takt zurück ins Rauschen der Fahrbahn. Die Geräuschsynthese erzeugt eine gestreichelte Schlagzeugcombo. Walk on the wild side, Joe, flüstert sie, walk where fuel rides.

GLAZE-GAZE & AMAZE. Bin ich nicht deine Marke?! Mit der 3-D-Net-Brille erlebst du mein komfortables Interieur und mein unwiderstehliches Fahrgefühl. Luxus und Sicherheit vom  Kalahari- bis zum Eismeerklima! Hurricanes tosen gegen die Küste, draussen. Das Klima läuft Amok. Seit Jahrzehnten kann ich - auch in normalen Sinneszuständen - Automobilwerbung von meinen Alpträumen kaum mehr unterscheiden. Denn sie wirbt mit Risikoszenarien. Sie wirbt heute mit der unterschwelligen Katastrophenangst.

Garnichts steht jetzt und in der Zukunft dagegen, dass die Technologie dem menschlichen Hirn die Kontrolle über die Maschine total aus der Hand nimmt und Automobil ist, was sein Name immer schon verheisst. Rechnerkapazität und Sensorik haben die Risiken des Verkehrs eliminiert, Hirn und Hand aus der Cloud steuern Takt und Melodie der Motoren und der zu sich selbst befreite Mensch verkriecht sich entblösst in seiner automobilen Karkasse. Er will keine Stimme mehr hören, welche ihn ruft. Er hat die Verantwortung abgetreten. Warum soll er antworten und wem schon?

Er verkriecht sich, als einer der Schutz sucht, in seiner klimatisierten Box. Lebt im Wahn. Das Produkt ist stark, widersteht den tödlichen Bedingungen.

Doch das Energiegesetz ist nicht ausser Kraft gesetzt. Es beweist seine Gültigkeit. Der Mensch in der Box lebt raum-und selbstenthoben in seiner Sphäre und ist doch nicht unwissend. Er weiss, sein mobiler Shelter ist gemäss dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik niemals ein Perpetuum Mobile. Es wird auch in Zukunft auf Autofriedhöfen enden, welche sich zu gigantischen Wiederverwertungs-Nekropolen entwickelt haben. Und seinem menschlichen Kadaver widerfährt im totalitären Verwertungssystem dasselbe Schicksal, er weiss. Was bleibt von ihm nach der in Zukunft gesetzlich verfügten Organausweidung noch für eine ehrbare Bestattung übrig? Es ist vorbei, auch mit dem Friedhofgrün. Die traditionellen Nekropolen werden in absehbarer Zeit ausschliesslich archäologische Bedeutung haben und durch Memory-Tempel ersetzt werden, in welchen elektronische Datenarchive dem Andenken und dem Bedürfnis persönlicher Trauerarbeit auf rationelle Weise Rechnung tragen.

Ich gehe am rostroten Metallbunker der New Life Church vorbei. Sehe ein liegendes Kreuz: eine Riesenbox mit kreuzförmigem Grundriss und fensterlosem Innenraum für den Kult und die Verwaltung. In der bombensicheren Krypta unter seinem Altar, heisst es, sei der elektronische Memory-Tempel eingebaut, der alle Daten der zum Neuen Leben Erweckten speichert. Und es geht die Rede, er sei mit dem universalen Toten- und Lebendenregister der christlich Getauften vernetzt, aller Getauften bis zurück zu den Siegeln des neuen Bundes.

Und hinter dem New Life Tempel steht karbonschwarz, von einem Auto-Parkgelände umschlossen und durch eine elektronische Mauer gesichert, der Kubus der Börsenzentrale. Er umschliesst einen glasfaservernetzten, total isolierten Geisterraum: In seinem Inneren, im Granit unter der Erde, summen die Giganten, welche in elektronischer Partnerschaft mit den Börsen des Planeten automatisch die globalen Finanzströme regulieren. Nichts steht der Absicht entgegen, ahne ich, dass Börse und Tempel miteinander vernetzt, dass sie zu  EINEM  Reich vereinigt und dem Auferstandenen einverleibt werden sollen.









Rede des Emeritierten. Akademische Salon-Groteske


Durst quält mich, meine Füsse sind beim Gang durch die Wüste wund gelaufen und mein Knie ist k.o.. Ich verbringe den verbleibenden Nachmittag bis zum Termin des Treffens in einem Akademikercafé im Umkreis des Universitätsviertels. Das Etablissement ist heruntergekommen, seine staubgraue Fassade ist nobel, benötigt aber längst einen Lift.  Die gewölbte Stuckdecke seines ovalen Salons ist grell-rosarot beleuchtet. Pink! Purpurrote Satingardinen sind die stilgerechte Assoziation zum neoklassizistischen Dekor, die billigere Variante wäre Plüsch. Doch Gardinen fehlen, sie wurden wohl abgehängt und nicht mehr ersetzt. Die schlanken Fenster wirken umso kahler, als niemandem einfiel, die Rüschen-Verkleidung ihrer Vorhangschienen zu demontieren. Die falsche Fleece-Tapete des Salons ist stockfleckig, ihr florales Rautenmuster vergilbt. Im Scheitelraum des Saals sind Fauteuils um eine verschlafene Bar gruppiert, ihr Polster ist in einen grauen Überzug verpackt. Ein Piano steht vom selben Grau textil umhüllt abseits.

Purpurrot aber fadenscheinig ist der Plüschvorhang zur Anrichte. Auf Augenhöhe ist in ihm ein Guckloch eingelassen. Ich fühle mich erspäht und erwarte, dass ein Butler in Nadelstreifen erscheint, doch ein Junge mit Küchenschürze nimmt die Bestellung auf. Ich sitze hinter einem wackligen Marmortischchen mit gusseisernem Sockel. Etwa vierzig weitere davon stehen in der Runde. Alle sind mit einer Ausnahme unbesetzt. Am übernächsten Tischchen links von mir brütet ein zweiter Gast über einem zyanblauen Likör. Seine Lippen bewegen sich, er führt einen stummen Monolog.

Meine Augen machen einen Ausflug durch die Kuppel und bleiben eine Weile am ovalen Loch in ihrem Zentrum hängen. Das Loch ist ein offenes Fenster, welches den Durchblick in das artifizielle Ätherblau eines Raums darüber öffnet. Auf dem Spaziergang durch den Saal streift mein Blick diskret den zweiten Gast. Er murmelt konzentriert vor sich hin und hat bisher kein einziges Mal aufschaut, als ob er mich nicht wahrgenommen hätte. Fünf Minuten sind wohl verstrichen, als ein veritabler Kellner - er trägt ein  massgeschneidertes Gilet und riecht nach billigem italienischem Parfum - ein Glas Wasser und einen doppelten Espresso auf die runde Marmorplatte setzt. Ich frage nach einem Reader. Mit dem Daumen deutet er über die Schulter zu einem in die Wand eingelassenen Bücherbord. Auf dessen Tablaren lagert neben einer bibliophilen Enzyclopaedia Britannica im kostbaren Ledereinband ein Stapel Tablets. Der Kellner verschwindet durch den Vorhang. Ich bediene mich selbst und klicke mich in die Bibliothek.

Auf dem schwarzen Display erscheint für Sekunden ein pinkfarbenes Oval. Ich deute es als die komplementäre Projektion des ätherischen Lichts im Ausschnitt des Kuppelfensters auf meiner Netzhaut. Mir fällt bei, dass der Kellner vorhin ein Gilet vom selben poppig-schillernden Blau trug. Fast zugleich habe ich den gar nicht witzigen Einfall, er hätte sein Kontor im künstlichen Himmel über dem Guckloch in der Kuppel und zöge sich jeweils - wenn er durch den roten Vorhang verschwinde - dorthin zurück. Da sich aber das künstliche Himmelsguckloch assoziativ mit dem Spion im Vorhang verknüpft und der Blick des Kellners eine kalt-observierende Gleichgültigkeit ausstrahlt, scheint es mir unmöglich, ihn zum Spass mit einem eleganten Himmelsboten identifizieren zu wollen, wie viktorianische Salonfresken solche in antiker Manier gerne beflügelt in Szene setzen. Das Türkis des Kunsthimmels und des Vestons ist zudem so stechend, ja geradezu giftig-grell, dass mir der Gedanke alles andere als erheiternd erscheint.







Ich fühle mich in diesem Salon ungemütlich und flüchte mich durch das virtuelle Angebot des Readers. Eine Menge Fantasy-Literatur blüht im Stoppelfeld der Billigklassiker. Die Apps wissenschaftlicher Zeitschriften sind abgelaufen, der Boulevard ist von vorgestern. Aber aktuelle Comics sind serienweise hochgeladen. Ich zocke mich mit dem Finger durch die schlingernde Geisterbahn ihrer Aufmachung, habe aber bei der Stimmung keine Lust nach dem Stoff. Auf dem Bummel durch das virtuelle Angebot stosse ich schliesslich auf die bunten Casino-Bonbons, die Burnout wegblasen. Candycrush, das Spiel, welches die Intelligenz schärft - die mobile Hormonbombe werde von 70 % der britischen Bevölkerung in den Verkehrsmitteln benützt, wirbt der Reader - würde mir vielleicht helfen die Zeit totzuschlagen und durch Ablenkung meine Spannung zu dämpfen.

Ich widerstehe den Comics und Bonbons und ziehe mein Notebook aus der Seitentasche in der Absicht zu schreiben. Da fängt der Brüter am übernächsten Tischchen laut zu denken an. Seine Augen sind mit nachdenklicher Faszination auf eine goldgerahmte Kopie von Courbets  DER URSPRUNG DER WELT  gerichtet. Da das berühmte Bild links von der Bar im Halblicht über dem verhüllten Piano hängt, habe ich es zuvor wohl als Bestandteil des  um die Bar eingemotteten Inventars übersehen. Ich schalte mein Notebook auf Aufnahme und lausche auf die rhetorisch brillant, aber mit unerträglichem Pathos vorgetragene Rede:



GILETTE hat den Silver Touch, GILETTE gleitet, GILETTE ist sensitiv. Die schärfste Klinge der Welt ist sanft. GILETTE heisst Fortschritt. Keiner wird einer Klinge widerstehen können, welche die mirakulöse Schärfe hat, eine Kehle durchzuschneiden ohne dass Blut fliesst. John Stuart Mill sagt: Der Geist des Fortschritts ist nicht immer der Geist der Freiheit, denn er kann darauf hinzielen, einem Volk Fortschritt gegen seinen Willen aufzuzwingen. Ich frage: Hat sich Fortschritt je aufgezwungen?

Falls er verführt, dann weil er - frei nach Mill - durch seinen kurzfristigen Nutzen und den damit gekoppelten Lustgewinn überzeugt. Der Fortschritt ist unwiderstehlich. Seine Freiheitsverheissung besticht. Numerik ist bloss sein Spiel. Nicht Mehrheiten, sondern das Kapital, seine argumentative Schlagkraft und der Sog, den Entwicklung auslöst, haben den Widerstand, der sich dem Fortschritt entgegenstemmt, seit je gebrochen. Auch die Unterdrückten wollen am Fortschritt teilhaben, weil sie sich von ihm die Freiheit erhoffen. Sie wissen nicht, dass sie am Ende die Chance auf Freiheit als Preis für seine Segnungen zahlen.

Seinen wahren Charakter demonstriert das Produkt erst durch die Folgen seines massenhaften Gebrauchs. Im Nachhinein enthüllt sich der Fortschritt als Zwang. Dann aber hat er sich etabliert. Er hat die Bremsen gelöst, verordnet Beschleunigung. Komplexe Undurchsichtigkeit ist seine infernalische Kehrseite. Wenn er unvermeidbar geworden ist, dann erzwingt er hemmungslos Wachstum. Er dividiert die gewonnene Freiheit, er zerschreddert den Lebensraum. Am Ende wird er die Person liquidieren und mit ihr das       Gefühl der Gerechtigkeit und den Willen ermorden. Dann ist Krieg, wie die Welt ihn aus Blut und Erde erschuf.

Wer den technischen Fortschritt als verkappte politische Gewalt anklagt, in ihm eine moderne Form des Faschismus verkörpert zu sehen glaubt, kann nicht behaupten er hätte sich gegen den Willen einer Minderheit aufgezwungen. Denn alle, die als Begünstigte durch ihre Nachfrage den Markt konstituieren oder von seiner Anziehungsmacht erfasst ihre Hoffnungen auf ihn setzen, haben seinem Angebot zugestimmt.

John Stuart Mill erfasste vor zweihundert Jahren, dass der Fortschritt nicht bedingungslos das Glück aller vermehrt. Er sah und begriff die korrumpierende Macht des Privatinteresses, welche sich in der fiebrigen Konjunktur des frühen Hochkapitalismus entfaltete. Und er erlebte die trügerische Faszination einer Schaustellung technisch-industrieller Schöpfungen in einer aus Glas und Metall gegossenen architektonischen Vision. Kristallpalast nannte man die Kathedrale der Moderne, welche in der schnelllebigen Epoche nicht für die Ewigkeit gebaut worden war.

Mill dachte sich aus, dass eine Maschinerie von Automaten menschlicher Gestalt potentiell die Arbeit von Menschen übernehmen könnte: Sie würde Häuser errichten, Getreide anbauen und ernten, Schlachten schlagen, Prozesse führen und sogar Kirchen erbauen und Gebete sprechen. Er erdachte sich die abenteuerliche Zukunft als Hypothese, um den Schluss zu ziehen, dass der Inhalt des Fortschritts nicht die Perfektionierung der Maschine, sein Ziel nicht die technische Restitution des Paradieses zu sein habe, sondern vielmehr die Erhaltung der Perfektibilität des Menschen als Individuum, als unteilbare und einzigartige Person gegen die Zwänge der Konvention und das moderne Prinzip einer gleichmachenden technischen Zivilisation. Damit zog er jene Arbeitsethik in Zweifel, welche auf der Grundlage der calvinistischen Botschaft den Eigenwillen als Sünde geisselt und die Unterwerfung unter die kollektiven Ziele forderte.     

Mill ist sich der Zwiespältigkeit des Fortschritts bewusst - man wird darin immer die historische Grösse seines Denkens erkennen dürfen! Er ahnte, dass die Menschen mit ihm keinen vernünftigen Umgang zu pflegen wüssten. Doch es scheint, er habe in seinem kritischen Statement die blendende Wirkung des Fortschritts und die sozialen Konflikte seiner Zeit im Blick. Die Konsequenzen der Freiheit, durch welche der Fortschritt die Zeit vorübergehend beglückt, um seine Macht zu etablieren, waren nicht kalkulierbar. Darum zog er sie nicht in Rechnung. Er konnte die unheilvoll-eigengesetzliche, sinnverwirrende und Ressourcen vernichtende Allmacht des technischen Fortschritts, konnte seine Abgründe, sein gigantisches Zerstörungspotential, das sich schon anfangs des folgenden Jahrhunderts entladen würde, nicht vorhersehen, damals, zur Zeit der ersten glorreichen Weltausstellung im viktorianischen London.

John Stuart Mill ahnte, dass der Kollektivismus den kritischen Geist der Aufklärung exorzieren und Europa in einen geschichtslosen Zustand zurückwerfen könnte. Die Union erreichte hundertfünfzig Jahre nach Mills Essai über die Freiheit die Grenze ihres wirtschaftlichen und geografischen Wachstums. Auf den Exzess der Ansprüche und seine Folgen -  Überschuldung, Arbeitslosigkeit und Korruption - strapazierte sie ihr Hebelwerk bürokratischer Kontrolle. Nachdem man Steuermilliarden in marode Banken gepumpt und mit dem scharfen Sparkurs den Rückwärtsgang eingelegt hatte, gingen radikalisierte Bürgergruppen auf die Strasse und hissten nationale oder rote Flaggen. Unbehagen und fatale Angst vor schleichender Entmündigung schlug in eine Stimmung von Resignation und Wut um. Mit der schleichenden Regression in einen primitiven Nationalismus lebten in den ersten Jahrzehnten des  neuen Jahrtausends überwundene Vorurteile und alte Schuldzuweisungen wieder auf. Die Absetzungsbewegung begann, das geteilte Grossbritannien brach aus der Union heraus. Innere Schwäche und Bedrängnis von aussen zersetzte ihre gestalterische Kraft. Die schrumpfende Gemeinschaft bereinigte ihre Grenzen, regenerierte ihre Struktur und blieb, was sie von Anfang an gewesen war: Eine Idee, welche die Uniformität des Denkens und Verwaltens auflösen und Regionen lebender Menschen miteinander verbinden sollte. Es war die grossartige Idee einer europäischen Gemeinschaft, der es aber an etwas Elementarem mangelte: An Zeit und einer historisch gewachsenen Verfassung, welche es mit Leben zu erfüllen galt, so dass der Union ausreichende Autorität zuwuchs, ihre Geschäftsführer zu ermächtigen. Eine historische Gruppenaufnahme zeigt eine Versammlung von Damen und Herren, welche ihre Sache ernst nahmen, ohne dem Ernst der Lage zum Trotz ihre wunderbare Heiterkeit zu verlieren. Dem alternden Schwarzweiss-Porträt gelang es, seinen Grautönen - als Symbol der pazifistischen Gesinnung der Porträtierten und ihrer Sorge um Verteilungsgerechtigkeit und Ökologie - einen Hauch der Regenbogenfarben einzuflössen.






Die feinen weissen Hände, welche zu seinem struppigen Gesicht und seinem ungepflegten Anzug so gar nicht passen, ruhen mit locker gespreizten Fingern auf den Oberschenkeln des Redners. Er sitzt aufrecht auf der schwarzen Metallkopie eines Wienerstuhls. Keine Regung des Körpers unterstreicht die Dramatik der Deklamation. Doch sein ohne Unterbruch auf das Bild gerichteter Blick scheint sich im Lauf des Vortrags verschleiert nach innen zu wenden.

Der Kellner serviert mir einen zweiten Espresso und ein Kännchen dunkler Schokolade. Als er das Geschirr vom Silbertablett auf die Marmorplatte stellt, um die heisse Schokolade in die Tasse zu giessen - ich gestatte mir mit dem Rest meines Kapitals einen bescheidenen Luxus -, beugt er sich an mein Ohr, gibt sich aber kaum die Mühe zu flüstern:


Er sitzt immer da, Tischnummer 9, und redet oder schweigt. Dozent, emeritiert. Wenn er redet, hält er weitläufige Ansprachen, Seminare vor einem imaginierten Publikum. Manchmal kommen Gäste seinetwegen, doch es existiert kein Vorlesungsprogramm. Er spricht mit niemandem und ausserdem redet er auch nicht, weil zufällig etwa Hörer anwesend sind.


Der Kellner hat eingeschenkt. Er setzt die Kanne auf das Tablett und fährt über der Runde der Marmortischchen mit der Linken durch die Luft, als ob er die nicht vorhandene Zuhörerschaft herzaubern wolle. Dann schaut er mir bedeutsam ins Gesicht, sein ölig graues Haar ist in der Mitte akkurat gescheitelt, und zischt:   


Er ist schizophren.


Der Redner hat seine Blickrichtung nicht geändert, aber seine Lider sind geschlossen. Er sitzt versteinert, stumm. Auf einen Schlag fährt es aus seiner Versteinerung heraus, schreit in die Runde:


Vielleicht muss ich ja erblinden, weil die Wahrheit durch mich sieht. Keine Peepshow, die nackte Wahrheit! Falls da noch ein Fetzen von Vorhang herumhängt, zieh ihn endlich und knall die Scheinwerfer weg, sie blenden mich!


Er dreht sich nicht um, blickt nicht zum Adressaten herüber, der mit den Fingern durch die Frisur streicht, sein Gesicht zu einem vielsagenden Grinsen verzieht und mit der Bemerkung, der Mann habe selbstverständlich auch einige heimliche Bewunderer, heimliche, sage er, im Separee verschwindet.

Als er das Glas mit dem zyanblauen Likör zum Mund hebt, zittert die Hand des Redners heftig. Es ist, als wolle sein Arm nicht gehorchen und ausschlagen, da kippt er den Likör mit einem Ruck in die Kehle und stellt das Glas klirrend zurück. Er schnalzt mit den Lippen, rülpst und brummt:


Hechler! Früher hast du mir nach meinen Vorlesungen noch schottischen Wildlachs mit Buttertoast und Kapern serviert. Heute graulen in euren Vorratsspeichern nicht einmal mehr gedörrte Kippers. In Tut-anch-Amuns Totenkammer sind die köstlichen Mitgaben zu Staub zerfallen.


Nach einer längeren Pause richtet sich der Emeritierte auf, streicht mit beiden Händen über sein Revers und fährt in gefasstem Ton fort:



Fortschritt macht frei? Dass ich nicht lache! Nichts als Mythologie. Wo waren wir stehen geblieben? Ja, dass ihm keiner widerstehe, weil er Freiheit verspricht, dass er blende war unser Thema.

Nein,  ER  überrumpelte die Menschen nie, platzte nicht plump mit grossen Sprüngen herein, um sie in seine Systeme zu zwingen. Er erzeugte zwar Rumor, aber er liess mit sich reden, lockte mit Besserung, kaufte sich Zustimmung, lebte sich ein und setzte sich langsam fest, etwa so, wie der Engländer seine Maulweite auf eine wuchtige Mutter einstellt und viele Hände seinen Griff anpacken, stossen und zuziehen, bis die Mutter sitzt.

ER  hat die Manufakturen und den Landbau mechanisiert. Dann Generationen von Maschinen und Millionen von Fertigungsgriffen am Fliessband durch Automaten ersetzt, Spielzeuge zuerst, etwas linkisch und lächerlich, nicht bedrohlich, sondern pflegebedürftig wie Kleinkinder. Doch darauf hat er - schrittweise fortschreitend - Produktionsstrassen mit Robotern gerüstet, die unheimlich gelenkig, flink und plangenau programmiert Serien komplexer Erzeugnisse fertigstellen, welche wiederum über gigantische logistische Netze gesteuert die Zielmärkte oder direkt die Endverbraucher erreichen.

ER  hat die Kolonien befreit und durch Arrangements in den freien Weltmarkt eingespannt, um ihre Rohstoffe zu Preisen zu fördern und zu vermarkten, welche die Verarmung ihrer wachsenden Bevölkerung nicht aufhalten. Die mit den Konzernen verbandelten Mächtigen schicken ihre Kopfjäger und Heckenschützen gegen aufständische Gold- und Mangangrubenarbeiter ins Feld und ihre Kindersoldaten gegen abtrünnige Stämme. So untergraben ihre Herren die Selbstbestimmung der Völker, zerstören ihre Umwelt und verwickeln sie in blutige Kriege, die sie mit erkauften Waffen austragen. Wie kommt es, dass die Entrechteten Leib und Leben riskieren, um ihre Körper dort hin zu transportieren, wo ihre geschäftstüchtige Oberklasse ihr geplündertes Geld investiert?

ER  mobilisierte die Massen, befreite die Sklaven und die Leibeigenen, emanzipierte die Frauen. Er verhiess Befreiung von sklavischer Arbeit und Selbstbestimmung. Er rief zur Verantwortung. Doch er spannte die Befreiten in ein hochkomplexes System von Produktivität und Konsum ein, in welchem sie die Orientierung, den Sinn und ihre kreative Selbstbestimmung auf Dauer einbüssen. Sie geraten unter Inflationsdruck, denn sie werden ersetzbar und bekommen zu spüren, dass ihre Arbeit an Wert verliert und ihre Meinung nicht mehr gefragt ist. Aber weiterhin schicken die Werber des Fortschritts ihre Headhunter und Snipers ins Feld, damit sie eine Elite rekrutieren, deren Mitglieder als unersetzbar gelten, weil sie die Veränderungen in seinem Sinne planen und durchsetzen und ihre Unersetzlichkeit durch ihre unersättlichen Ansprüche manifestieren. Und die etablierte Allgemeinheit wirft den kritischen Eigenwillen der Karriere, dem Komfort und der Konformität zum Frass vor. So ist der Gang der Welt: UNRECHT IST DAS THEMA DER GESCHICHTE!



Den letzten Satz, schleudert der Redner in einer Übersteigerung seiner Kräfte so heftig in die Runde, dass ich beim Abspielen meiner Aufnahme sämtliche leeren Metallstühle singen zu hören glaube, ein Eindruck, welcher vermutlich auf einer Rückkoppelung im Sensor meines Geräts beruht. Ich merke an, dass ich den Satz in meiner Transkription seines eruptiven Vortrags wegen heraushebe.

Es scheint, der Emeritus habe seine Spannkraft durch seine unüberbietbare rhetorische Hyperbel überreizt. Seine Rede bricht an der Stelle ab. Schon in den Wörtern Headhunter oder Sniper zittert seine Stimme vor Erregung so sehr, dass sie zu versagen droht. Als er das Wort  UNRECHT durch einen Stossakzent in den Raum stellt und kurz pausiert, so dass es unter der emotionalen Ballung zitternd im Kuppelraum steht, fasst er mich - seinen einzigen Zuhörer - wie wenn er nach einem Halt suchte, erstmals ins Auge. Die Weissglut des Blicks ist in eine durchdringende Leere gerichtet. Die Stoppeln des Barts sprossen wild in alle Himmelsrichtungen. Die struppige Erscheinung erinnert mich an den keltischen Riesen Isbadadden, der vom Recken Khwlch mit der unübertrefflichen Schärfe einer Eberknochenklinge bis auf die Knochen rasiert wird.

Über seinen Marmortisch geknickt füllt er rosarote Soda ins leere Glas und führt es bis zum Rand gefüllt - seine Hand zittert dabei nicht einmal leise - an die Lippen. Während er sich die Soda schlückchenweise zuführt, blickt er stumpf vor sich und ignoriert das Bild vom Ursprung der Welt. Nach einer langen Pause schaut er, sich wieder fassend, zum Eingang des Salons hinüber, der ihm als Auditorium gedient hat, und grummelt:



Früher lasen wir in diesem Lokal die Zeitung. Es gab sie, alle bedeutenden Blätter der Welt. Sie empfingen uns jeden Tag frisch im Klemmstock an einem drehbaren Ständer bei der Garderobe, wo wir beim Eintreten unsere Mäntel und Hüte ablegten.



Er wechselt den Ton und erklärt jetzt unmissverständlich an mich gewendet:



Ja, da hing noch die öffentliche Meinung zum akademischen Diskurs versammelt. Doch heute hält der Markt nichts als poppige Vermeintlichkeit feil, die Peepshow hinter nanostrukturiertem Glas, High-Performance hinter Saphir!



Der Alte schüttelt sich, als ob ihn das Wort Saphir gekitzelt hätte. Ein Lachen, das vom Zwerchfell aufsteigend sich in seinem Körper ausbreitet, durchschüttelt und entkrampft ihn zu einer beinahe lasziven Heiterkeit.

An der ausladenden Garderobe hängt sein abgewetzter Cashmere-Mantel. Er wäre in seinem zerknitterten Zustand vielleicht einmal trendig gewesen. Der alte Valéry, der mir beim Anblick einfällt, schrieb einmal, die menschliche Haut trenne die Welt in Schein und Schmerzen.

Munter zu mir hinüber blinzelnd fängt er zu moralisieren an:



Wissen sie, die Philosophie ist ein Friedhof von Systemen. Mill schrieb zwar sein berühmtes Werk System of Logic, ratiocinative and inductive. Er formulierte zusammenfassend die von der klassischen Nationalökonomie als dauerhaft gültig erklärten Naturgesetze der Wirtschaft. Aber er erschuf sich kein System, um darin sein Monument zu setzen. Nein, er baute keinen Käfig um sein Denken herum, sondern hielt seinen kritischen Verstand für jede Erfahrung geschärft, bereit sich selbst zurückzunehmen und neu zu erfinden, wenn er es als erforderlich einschätzte. Und aktiv, wie er blieb, zog er noch in späten Jahren seine Konsequenz. Nicht nur die Bedingungen machen den Menschen, sondern der Mensch erschafft und verändert seinerseits die Bedingungen. Weil er sich als Subjekt nicht endgültig konditionieren lassen will, macht der Kapitalist seinen Einfluss geltend, indem er den Anspruch auf die Güter und ihre Verteilung seinem wirtschaftlichen Selbstinteresse unterordnet. Dadurch unterläuft und gefährdet er das höchste Ziel der Ökonomie: den Anspruch aller auf Sicherheit und Wohlfahrt. Mill gelangt zur Einsicht, dass soziale Gerechtigkeit sich nur auf der Basis von Produktivgenossenschaften verwirklichen lässt. Fünf Generationen später hat sich aber das System dahin entfaltet, dass Mobility das einzige ist, was Dauer zu haben scheint, und die Wohlfahrt aller sich in Konsum und Verbrauch erschöpft. Der allgemeinen Mobilität und dem Verbrauch bringt man jedes Opfer dar, ihnen opfert man auch die nicht erneuerbaren natürlichen Ressourcen. Ergo! So kam es, dass die Interessenverwalter und Opferpriester des Konsums die Erforschung der Grundlagen einer dauerhaften Versorgung preisgaben. Die Lehrstühle wurden aus den Fakultäten der Universität ausgelagert, die öffentlichen Fach- und Forschungsgemeinschaften wurden schleichend aufgelöst und privatisiert. Die Forschung und ihre besten Exponenten wurden von den Konzernen abgeworben. Die Konzerne hatten das Kapital, hatten in ihrem privaten Campus Spitzensaläre, Karriere und Komfort zu bieten. Natürlich war das dem Anschein nach ein wechselseitiges Geschäft. Doch weil es dem Anschein anheim fiel, ist das Allgemeingut Wissen käuflich geworden. Und für seine Geheimhaltung zahlen die Konzerne jeden Preis! Mill würde sich in seinem Sarkophag umdrehen, wäre sein Geist darin eingesperrt.






Der Emeritierte hebt seinen Arm und schwenkt seinen Daumen locker wie ein Hitchhiker in die Richtung hinter seinem Rücken:



Wir auf dem Hügel verpassten den Anschluss. Ja, der kümmerliche Lehrstuhl der Philosophie blieb als einziger zurück, weil er nicht einsteigen wollte, weil er sich ohnehin nie darum gekümmert hatte, wie man ins Geschäft kommt. Naturwissenschaften, Technologie oder Ökonomie rissen sich mit Radau darum. Um die Grundlagen scherten sie sich kaum mehr, zumal ihnen stets das Geld ausging. Aber sie waren ja gerade nicht erfolgreich, weil es ihnen  um nichts anderes als  ums Geld ging, das ist die erbärmliche Wahrheit! Das Geld rann ihnen unter den Fingern weg, darum verhökerten sie sich schliesslich nicht nur an die Konzerne, sondern auch an den pädagogischen Darwinismus der Online-Universitäten, welche schon je der Image-Pflege zudienten. Wir Philosophen hingegen hielten dort oben als die Letzten die Stellungen der Geisteswissenschaften. Ja, ausgerechnet im Incubator. So paradox es tönt, der Incubator, vom betörenden Duft der Rottenrow Gardens umhüllt, war zum Bunker der Philosophie geworden.

Ich war Dozent und Dekan des Fachs Philosophie. Gelesen habe ich über Wille und Wahn sowie über die Auflösung der Kontinuität in der absoluten Beschleunigung der Entscheidungsprozesse. Mein Buch Fragmente aus der Kriminalgeschichte des Denkens ist ein prominentes Opfer der Zensur.



Er wirft den Kopf in den Nacken, zeigt mit dem Finger zum Kuppel-Fenster hoch und wird im Causeur-Ton persönlich:



Was ich unter dem wachsamen Auge dieses Auditoriums mache? Wissen sie, das ist so eine Art von Spontan-Training der philosophischen Intuition. Andere in meinem Alter besuchen Kurse für automatisches Schreiben, für Gedächtnismassage oder sportliche Profilschärfung durch Temposteigerung in Moderieren. Ich weiss, man hält mich hier für verrückt. Der Eindruck ist natürlich beabsichtigt. Doch selbst wenn ich meine List durchschaubar machen würde, was ein methodisch angewandter Trick leicht zustande brächte, würde unser Aufwärter an seiner Meinung festhalten. Gefasste Meinungen zu exorzieren ist etwas vom Allerschwierigsten. Aber ich lasse ihn gern in seinem Glauben, denn ich treibe das Spiel ja zu meinem Selbstschutz. Ich habe gesehen, dass sie sich gerade nach dem Guckloch im Vorhang umschauten. Gewiss weil sie zahlen wollen. Sie müssen gehen, ich will sie nicht länger aufhalten. Doch gestatten sie mir, dass ich ihre Rechnung übernehme. Übrigens habe ich neulich einen kurzen Essai über das Verhältnis von Meinung und Markt verfasst. Es geht darin um die Königsmacher der ungekrönten öffentlichen Meinung, die Publizisten, Journalisten und Moderatoren. Ich gebe ihnen gerne eine Kopie davon auf den Weg und danke ihnen für ihr Zuhören. Und übrigens möchte ich ihnen nicht ausreden, mich für verrückt zu halten. Wenn die Welt es nicht ist, dann trifft es mit einiger Wahrscheinlichkeit auf mich zu. Im Bereich der psychischen Diagnostik von Tatsachen zu sprechen ist zwar wissenschaftlich nur unter der Voraussetzung eines kohärenten Bezugssystems statthaft. Wenn sich aber die gesellschaftliche Kohärenz auflöst…


 
Anmerkung: An dieser Stelle bricht die Aufnahme des Monologs ab, da ich die Stopptaste bediente, um das Tablet in der Seitentasche zu versorgen. Mit einem Händedruck verabschiedete ich mich vom Emeritierten und dankte ihm für sein Manuskript. Er hielt meine Finger für einen Augenblick in seiner schwitzenden Hand fest und schaute mir mit einem beherrschten Blick in die Augen.









Annäherung an die Toten


Ich baue meine Spannung ab. Als ich die Barrack-Street betrete, lasse ich mich in den Schlendergang fallen, lockere die Kiefer, schlüpfe in Mokassins, gehe weich wie ein Underdog, der zur Pinte steuert. Die Uhr zeigt 18.30. Ich stelle die Zeit auf 0, obwohl der Countdown läuft.

Fast im gleichen Moment pocht im Gehörgang und unter dem Zwerchfell der Rhythmus. Und ich spüre über meinem Kopf die leichte Last der Decke, unter der wir hocken, indem wir sie gemeinsam im Kreis mit unseren Köpfen hochstützen. Die schwere Decke im Camp von Sellafield, welche wahrscheinlich einmal als Tarnplane eines Panzers gedient hat! Schräg mir gegenüber erblicke ich Joshua, höre ihn aufrecht im Yogasitz seinen Slam vortragen, während er  mit Knöcheln und Fingerspitzen auf das Fell seiner Bongo trommelt. Er erzählt die Ballade von den Afro-Slaves und dem Mann, welcher im Toxteth hängen bleibt und in einer Wellblechbude unterschlüpft. Der hanging man ist Joshua, er selbst, der Herumhänger, der am Ende gehängt wird, er erzählt die Geschichte als seine. Und ich sehe mit scharfer Kontur unter der Plane Lucie, blass und schön an Joshuas Seite. Habe sie genau vor meinem Blick und höre ihren Satz scherzhaft und spitz in die Runde geworfen: Er, Joshua, habe doch ungebührlich viel Selbstmitleid, eine so schnulzige Lügengeschichte über sich erfinden könne nur jemand, der sich selbst nicht liebe.

Ich weiss nicht, warum sich die Szene so plötzlich wie ein Filmstill vom Strahl einer starken Taschenlampe aus dem Dunkel gerissen, in die Life-Sequenz meines Streetstrolls einblendet.

Darauf rollt in einem ultraviolett belichteten Saal eine sarglange Stahlschublade aus einem wandbreiten Korpus mit nummerierten Fächern heraus. Darin liegt, mit den nackten Füssen zum Saal, der aseptisch gefrorene Leichnam Joshuas, nur bedeckt von einem weissen Lendentuch, sein Gesicht ist von ebenso scharfer Kontur, wie jenes von Lucie, aber steril, graublau, blutlos. Ich bin entsetzt nicht über das Antlitz des Toten als vielmehr über die mit ihm assoziierte Tatsache, dass die Security in ihren gerichtsmedizinischen Verliesen den Tod verwaltet.

Auf die Zunge legt sich ein säuerlicher Geschmack. Wohin gehst du, frage ich mich.

Ich bin dankbar, dass das simple Angebot am Hofeingang einer Werkstätte meine Aufmerksamkeit auf die Gegenwart zurücklenkt:



                                                    GENERATIVE
                                                    FERTIGUNG
                                                            von
                                                    Stossdämpfern
                                                    Motorhauben
                                                    Kotflügeln
                                                    Karosserieteilen und
                                                    Ausstattungselementen
                                                    jeder Art aussen/innen


Auf einer angrenzenden Brache von aufgerissenem Asphalt, Sand und Gras sind etwa zwei Dutzend ausgeweidete Wagen geparkt, während  sich zur Strasse hin Haufen assortierter Karosserie- und Chassisteile stapeln, dazwischen auch Kabel und Elektronik. Im Vorübergehen streift mein Blick das Augenpaar im Gesicht eines Jungen, der sich auf ölig verschmierten Beinstümpfen und Fingerknöcheln flink wie ein Affe zwischen den rostenden Haufen bewegt. Er stöbert nach Verwertbarem. Unter seine Achsel hat er zwei kurze Krücken geklemmt. Ich bleibe eine Weile hinter einem Betontrümmer stehen und beobachte, wie er sie jedes Mal benützt, um sich aufzurichten, wenn er mit einem Arm ein Stück Blech, eine Feder oder eine Kardanwelle aus dem Haufen zerrt und mit Schwung zu einer Zaunlücke schmeisst, vor der ein dreirädriger Karren steht. Ich höre, dass er bei seiner raschen Arbeit vor sich hinsummt und bei jedem Wurf Wörter oder Laute ausstösst wie: Whoom! Devil! Scrap! Als ich weitergehe, fällt mir der Satz von Lawrence ein: Nie habe er ein wildes Tier gesehen, das Mitleid mit sich selbst hatte.

Mein Puls schlägt plötzlich zum Hals. Ich schnuppere den Malzgeruch der Wellpark-Brewery und weiss, dass ich mich der Kreuzung an der Ecke der Necropolis nähere. Nicht virtuell, sondern real. Nicht umherkreuzend, auf einem zeitlosen Streetview-Stroll irgendwo, sondern auf der Gleisüberführung kurz vor der Abzweigung Hunter Street und jetzt. Ich schaue auf meine Armbanduhr: es ist 18 Uhr 45.

Unter einer Brickwand, von deren Verputz die Firmen-Anschrift Jas. D. Galloway Tyre Distributors abblättert, läuft der kleine Mike genau vor mir über den buckligen Asphalt der Hunter Street. Er streift in seine Fantasien versunken durch die Lanes von Mosside. Ich folge und sehe ihn Brauchbares aus den Müllhaufen fischen, während der Geruch von Abfallmoder und Malz aus der nahen Brewery süsslich zwischen verwaschenen Mauern in der Luft hängt.

Das Manuskript von Mikes Roman trage ich täglich in digitalem Format auf mir. Meine angespannte Vorstellung verbindet die autobiografischen Partien des Fragments und den abrupten Schluss, wo Rob im Kugelhagel zusammenbricht, mit Mikes Leben und seinem rätselhaften Ende. Die Virtualität umkleidet die Realität, enthüllt und verhüllt sie zugleich.

Jetzt, wo ich mich dem Treffpunkt beim Eingang der Necropolis nähere, erlebe ich für eine panische Sekunde die Identifikation mit Mike und zugleich das Unauflöslich-Reale und Verstörende im Rätsel um seinen Tod. So absolut er erscheint, der Augenblick verflüchtigt sich ebenso schnell, wie er eintrat, und der Selbstschutzreflex wird wirksam. Meine auf die nächste Zukunft gerichtete Neugier verdrängt die Todesangst. Kein Lebender erträgt ihre lähmende Präsenz. Ist Normalität etwas anderes als die Tarnung gegenüber dem Tod? Der kleine Mike ist indessen in irgendeinem dunkeln Hauseingang verschwunden.







Brick. Sträucher schiessen aus Ritzen in Mauern langer Reihen liquidierter oder auf Abriss verlassener Betriebe. Zugespitzte Metallzäune versperren die von wackligen Rolläden und Schiebetoren aus Wellblech schlecht vermachten Eingänge. Gehortetes Kapital verstaubt und vergammelt, doppelt gegen Gangs gesichert, in kommerziellen Kontoren und Lagern. Kein Rolladen scheppert mehr auf und nieder. Das Parkverbot vor kaum mehr benutzten Eingängen ist zwecklos.

Ich überquere die Duke-Street und fasse den Glanz der Alutanks auf dem eingezäunten Gelände in meinen Blick. Die Brewery arbeitet. Saubere Rohre dampfen. Drei oder vier Stockwerke hoch stapeln sich auf Paletten Biercontainer in Reih und Glied. Ein solides Rolltor aus stählernen Speeren öffnet den Betriebszugang nur für autorisierte Transportmittel.

Verstrauchte Baumwildnis säumt die Strasse, deren Namen den Reformator ehrt. In der Abendsonne erkenne ich die Bushaltestelle, welche das automatische Froschauge zum Zeitpunkt passierte, als das alte Paar dort wartete, er weiss- und sie schwarzhäutig, beide mit gelöschten Gesichtern. Sie macht aus schmerzenden Hüften mit baumelnden Einkaufstaschen an beiden Armen einen unbeholfenen Schritt ins Blickfeld des geisterhaften Mobils: Was kommt daher? Fast scheint sie zu stolpern, stammelt einen Bannspruch oder Gebetsvers.

Von dieser Höhe der Strasse sehe ich die Seufzerbrücke und weiss: Zwischen dort und hier, an der Kreuzung, wo die Ladywell-Street um das Gehölz nach rechts abzweigt, ist der Eingang der Necropolis.

Wenn je ein Mann, der ihr folgte, und es wird ihr immer einer folgen, die blonde Schöne am Gehsteigrand, wo sie kurz zögert, überholt und einen Blick zurückwirft, dann ist sie fort! Verschwunden wie Melusine im Märchen, zwischen Tod und Leben entrückt. Nein, sie ist nicht in die Sackgasse der Ladywell eingebogen. Wozu auch? Ihre Ohren verbergen keine Kiemen und ihr silbergraues Casual keine Schuppenhaut. Und wäre sie doch die Quellnixe, der Brunnen wäre ihr Tod, denn er führt kein Wasser mehr. Sein Zufluss wurde amtlich infolge Vergiftung durch Leichenverwesung geschlossen. Und keine Schöne bettelt an seinem Rand einen Mann mit inbrünstiger Klage um einen Kuss, der sie erlösen soll, wofür sie ihm Gold oder ihre Liebe verspricht, was sie niemals einlöst, weil ihr Kuss ihn unter ihre Macht zwingt. Was kriegt der zurück, welcher von ihr nicht geküsst wurde, ausser: sein Leben?

Schwarze Abfallsäcke liegen am Gehsteigrand. Ich überquere an der Stelle, wo sie zögerte, die Kreuzung und sehe auf einem Plakat neben dem Portal der Necropolis das Bild einer blonden jungen Frau mit gepflegtem Teint. Darunter lese ich die Schlagzeile: GOTT ERKENNEN - ZWANGLOS SCHÖN. Daneben wirbt der Titel  DAS TODESTHEMA ZUM  ANFASSEN  für eine Vortragsserie an der theologischen Fakultät der Strathclyde Universität.

Als ich einen Moment unschlüssig stehen bleibe und über die goldenen Lanzenspitzen des Zauns ins Friedhofsgrün hineinschaue, höre ich in meinem Rücken Rudys schnarrende Stimme und drehe mich um. Im Wildwuchs an der Ecke der Ladywell-Street, die ich gerade passiert habe, steht er versteckt und grinst. Nur ein paar Schritte von der Stelle, wo sich die junge Lady ins digitale Nichts auflöst, funkelt mich sein Blick aus den Augenhöhlen an und schimpft er mit seiner Metallstimme los:


Du willst doch nicht in die Necropolis rein, willst du bei Gott? Die Toten wollen unter sich bleiben. Hast Augen im Kopf und siehst nicht das Schild BITTE NICHT STÖREN ?


Er ist inzwischen aus seinem dürren Schrumpf-Dschungel auf die Strasse getreten, küsst mich, gibt mir ein paar streichelnde Klapse auf die Schulter und macht eine halb spassige, halb grimmige Miene: 


Das Portal schliesst automatisch um 19 Uhr, genau ab jetzt ist das Betreten der Totenwelt verboten. Es ist nicht unsere Zeit! Falls du denkst, dass du über die Seufzerbrücke wieder raus kommst, täuschst dich. Bricht die Nacht an, sind alle Ausgänge zugesperrt, dass du’s weisst. Nachts kommt kein Untoter raus, wenn ihn der Hafer sticht. Die Lebenden sorgen vor. Denn Unordnung schätzen sie nicht, so wenig wie in der Stadt auf ihrer Seite die Toten sie wünschen.


Rudy schaut mir tief in die Augen und sagt beschwichtigend:


Du bist okay, ich spür es. Und die da drüben sind auf unserer Seite! Der Ort ist gut.


Dann blickt er zum Hügel auf der andern Seite der John Knox-Street, wo hinter Baumkronen die Sonne untergeht:


Es gibt nicht nur Friedhofgrün in unseren Städten, wie die Grünen einst prophezeiten. Da oben gibt es noch viel liebevoll gepflegtes Grün, heilsam durchwachsen von blühender Verwahrlosung. Ich werde dich jetzt auf ein paar diskreten Umwegen durch die hängenden Gärten von Rottenrow führen, komm!


Der Abendverkehr ist vorbei. Rudy überquert die John Knox. Er schwenkt nach kurzem Anstieg in einen Seitenweg, der zwischen Buchsbaumgestrüpp verwilderter Gärten verschwindet. Es ist still. Ich folge und stelle meine Frage nach Lucie: ob er mir heute sagen könne, wo und in welchem Zustand sie sich befinde. Rudy erwidert ohne sich umzudrehen:


Nicht hier. Warte, wir haben Zeit. Unsere Zeit die entscheidenden Fragen zu stellen.






Wir hocken auf einer Bank. Das Abendlicht streift unter uns den Hügel. Die letzten Strahlen durchleuchten eine Kolonie von Mammutblättern und wärmen die dunkeln Teiche eines Schildkröten-Biotops. Auf ihren Uferkieseln sind gelb gezeichnete Krabbel-Panzer zu einer späten Siesta versammelt. Aus unbestimmbarer Richtung duftet ein namenloser Strauch herber und betörender als Jasmin. Grasteppiche und blaue Kaskaden von Wisteria fallen über Terrassenmauern. Eine verwinkelte Treppe führt hinunter zu einem von zartem Baumgrün verdeckten Towerblock, in dessen westlichen Glasfront sich die Sonne kupferrot spiegelt. Rudy nickt mit dem Kopf in die Richtung:


Das zerbrochene Glashaus.


Ich schaue ihn verblüfft an, unfähig seinen Hinweis zu übersetzen, obwohl ich mit seiner Sprache, in welcher die Mythen seiner Herkunft anklingen, vertraut bin. Ich frage nicht nach dem Sinn, denn ich spüre, dass Rudy sich in einen meditativen Zustand versetzt. Er beherrscht die Technik der Sekunden-Meditation und da, so weiss ich, ist er für Augenblicke unbestimmter Dauer nicht ansprechbar. Er schaut eine Weile in Schweigen versunken auf den Biotop. Dann beginnt er, wie wenn er sich der Zeit versichert hätte, ruhig und vollkommen präsent:


Sobald es dunkelt, gehen wir da runter. Es ist eine Nacht der Entscheidungen. Doch geniessen wir diesen Augenblick! Rottenrow ist ein kleiner Paradiesgarten. Unbeaufsichtigt aber nicht unbehütet gedeiht in ihm eine wundersame Biodiversität. In den Tagen, seit ich hier bin, habe ich ihn entdeckt. In seiner Stille haben mich die Erinnerungen heimgesucht. Ich will dir erzählen, woran ich mich erinnerte. Falls du von der Geschichte schon gehört hast, was ich annehme, dann war es in diesem Leben.

Im Land, wo mich meine Mutter unter Schmerzen geboren hat, baute ein amerikanischer Konzern Genmais an. Maschinen rollten regelmässig über die bewachten Kulturen. Sie zogen Staubfahnen hinter sich her und arbeiteten in der Ferne schnell und geräuschlos. Damals begann ein Unkraut zwischen den Maisstengeln zu sprossen. In wenigen Jahren frass es den Mais. Wir vernahmen, es handle sich um ein giftresistentes Super-Unkraut und es wachse direkt aus der Hölle. Ach, was wissen wir heute noch, warum und wohin die verstossenen Crofters der Highlands vor Generationen auswanderten? Und wer fragt, wohin die Crofters meiner spanischen Muttersprache vor einer Generation fortzogen, als sie uns die Bäume stahlen und die Hügel flach machten? Unsere Wurzeln haben sie ausgerissen. Doch über die Hölle haben sie keine Macht. Hier, im gepflegten Garten von Rottenrow, dessen Natur die Betreuer in Grenzen halten ohne sie zu zähmen, hat die Schönheit ein Zuhause. An diesem Ort, inmitten der Stadt, hat die Hölle keinen Raum. Wo wir jetzt zusammen sitzen, erinnerte ich mich an eine Zeit, welche mir vorkommt wie ein früheres Leben und es ist doch meines. Und hier oben traf ich vor einigen Tagen Menschen, mit denen ich verbunden bleibe, auch wenn sie längst verstorben sind.

Ja, ich habe mich eines Abends in diesem Garten mit ihnen beraten. Sie kamen aus dem Land, in dessen Erde sie ruhen, den Weg über die Weite des  Ozeans zu mir. Der Rat der Ältesten unseres Dorfes versammelte sich um mich, einer nach dem andern erschienen sie. Mein Vater und zwei meiner verstorbenen Brüder, von deren Tod ich nie erfahren hatte, sassen unter ihnen. Wir blickten uns in die Augen und ich erzählte, weshalb ich ihren Rat benötige. Sie hörten mir zu und nickten. Dann befragte ich jeden einzeln. Und jeder sagte mir: Tu, was du tust. Als ich mich von jedem verabschiedet hatte und der letzte fortgegangen war, sah ich meine Mutter auf der obersten Stufe der Treppe stehen und neben ihr meine Frau, welche zu ihr trat und sich in ihrem Arm einhakte. Meine Mutter legte ihre Hand auf die Hand meiner Frau und sie sahen mich an. Ich weinte vor Glück, denn ich wusste, dass sie sich liebten. Doch ich sah unsere Kinder nicht, die ich am selben Tag wie meine Frau verloren hatte und fragte nach ihnen. Sie sagten, ich solle nicht mehr um sie weinen, denn es gehe ihnen gut.

An einem anderen Abend, es dunkelte schon, kam Joshua zu mir herauf. An seinen Augen, die suchend vor ihm auf dem Kiesweg herwanderten, erkannte ich, dass er seine Ruhe nicht gefunden hat. Ein Toter, welcher nicht begraben ist und der nirgends ruht, wo er beklagt und besucht werden kann, so sagen wir, der kehrt als ein Suchender zurück, denn um ihn ist in dieser Welt etwas nicht zur Ordnung gebracht. Ihm ist die Aufmerksamkeit nicht zuteil geworden, welche jedem Menschen zusteht, und somit ist ein Recht verletzt, auf das er Anspruch hat. Es kann sein, dass er sich selbst nicht liebte und sich darin verschuldete, dass er seinen Anspruch auf das Leben absolut setzte. Wenn es aber aus Ehrgeiz und Verzweiflung geschah, so ist das niemals ein Grund, ihm das erwähnte Recht zu verweigern.


Rudy erzählt mit einer verhaltenen Glut in den Augen. Ich spüre, dass er seine Worte genau abwägt und Joshuas geniale, aber zunehmend haltlose Radikalität gleichsam vor einem Totengericht rechtfertigt. Ich nehme seine letzte Bemerkung auf, denn ich habe das Bedürfnis, meinen Blick auf die prekäre Realität und das Scheitern eines sozialen Konzepts, für welches Joshua eine prominente Verantwortung trug, nicht zu verschleiern:


Joshua war verzweifelt, weil er sich selbst und jedes Mass verlor. Er war ein hinreissender Musiker, aber du weisst, dass er seine Lebensrolle am Ende nur durch Heroin und seine teuren Designerdrogen ertrug.


Rudys Antwort überrascht mich:


Dass Joshua sich selbst verlor, hat etwas mit dem Zustand der Welt zu tun. Das Ausmass der Verzweiflung entsprach dem Ausmass an Gewalt in der Welt und dem Gewicht der kollektiven Schuld. Die Gewalt wuchs und Joshua war verwundbar. Die objektive Gewalt bewirkt, dass Menschen wie Joshua sich selber Gewalt antun. Das ist schwer verständlich. Ich erkläre es mir so: Wenn ein verletzlicher Mensch sich selber der Gewalt aussetzt, dann wirkt dabei ein verführerischer Reiz, die Macht herauszufordern, welche sich hinter dem Verhängnis verbirgt und ihr das Geheimnis zu entlocken, welches sie totschweigt.


Ich vernahm in Rudys Formulierung nicht das Diktat einer gottgegebenen Rechtssatzung, sondern eine Analyse, die den Aufstand rechtfertigt. Ich sehe wieder den schlammbedeckten Körper Joshuas  und die Sonne, welche Gay mit dem Finger auf seiner Brust eingravierte, und zitiere:


                                           LORDS PRAYER WAS NUCLEAR
                                           SMOOTH WAS HIS GLARE
                                           BUT HE GAMBLED WITH WARFARE
                                           AND NURSED US WITH FEAR

Du erinnerst dich?

Ja, antwortet Rudy. Ich war nicht dabei, aber Joshua probte und sang die Strophe erstmals auf dem Meeting von Sellafield.

Für mich sind die Verse ein Code für das verschworene Mitwissen Joshuas. Er kannte das Eingeständnis von Lucies Vater. Du warst nicht in Sellafield, Rudy, aber du warst mit mir zusammen im Bunker und Andrew war dabei.

Ja, Gay gewann unter dem Einfluss der Droge, welche Craig in ihre Arterie pumpte, die Macht über ihren Verstand zurück. Craig arrangierte ein Verhör, doch Gay befreite sich und berichtete in luziden Bildern über die Verbindlichkeiten des elitären Lebensstils und Lucies Beziehung zu ihrem Vater.

Und da erfuhren wir vom Tagebuch. Du weisst, es enthielt Andeutungen über die Proliferation von Komponenten zum Bau von Mini-Nukes an eine islamische Macht. Die Nukes kamen beim Terrorangriff auf Grossbritannien zum Einsatz. Der Vater bekannte seine Mitschuld. Nachdem er geisteskrank in die geschlossene Abteilung der psychiatrischen Klinik eingeliefert worden war, las Lucie sein Tagebuch.

Wir wissen nicht genau, was darin stand. Du sagst, es enthalte Andeutungen. Es verhüllt also die Tatsachen, gibt nichts offen preis. Der Vater verliess die Klinik nicht mehr bis zu seinem Tod. Hatte Lucie den Code, die Zusammenhänge auszudeuten? Kennt sie die Hintergründe? Und wir, vergiss nicht, wir wissen vom Inhalt eines Tagebuchs nur durch die Zeugin, Gay.

Das Tagebuch ist seit der Verhaftung Lucies, kurz nach Joshuas Tod, in der Hand der Security. Unsere Vermutung liegt nahe, dass die Kenntnis seines Geheimnisses tödlich ist.

Selbst wenn ich dir beistimme, kann ich meine Zweifel nicht ausräumen. Hat das, was wir durch Gay erfuhren, die geringste Beweiskraft? Und wenn es um die Wahrheit geht, so kann ich mich einer anderen Frage nicht entziehen: Gäbe es eine Rechtsinstanz, welche heute die Indizien verfolgen und die Hintergründe aufklären würde? 


Wir sitzen lange schweigend nebeneinander und blicken auf den Schildkröten-Biotop, in welchem sich kaum etwas rührt. Die letzte Sonne schärft  inzwischen die Konturen. Das moorige Wasser des Teichs ist dunkler, die beleuchteten Ufersteine glänzen in seinem Spiegel und das gelbe Muster auf den Schildpanzern leuchtet kräftiger als zuvor.   

Ich habe auf Rudys Fragen keine Antwort bereit, er zwingt mich nachzudenken. Die Konturen deutbarer Fakten verwischen. Und vermutbare Zusammenhänge verlieren sich unter ergrauenden Schichten des Erinnerns. Ein Bild taucht aber mit überwältigender Präsenz vor mir auf:

Da bläht und kontrahiert sich seine monströs ins Licht geworfene Mimik. Ich sehe die grelle digitale Blaupause des Forschungsdirektors über dem schattenhaften Miniaturzirkus eines Presseanlasses im Konzernzentrum. Doch es gelingt mir nicht, die Partien des bewegten Gesichts in meiner Vorstellung zu einem Ganzen zu fügen. Ich sehe bald die kühn geschwungene Nase, bald die Augenschlitze unter den schweren Lidern. Ich sehe den Habichtblick vorschnellen, wenn der Arm eine programmierte Frage aufruft. Und ich erspähe, wie die fleischigen Lippen sich zuspitzen, wenn sie sich anschicken, eine Frage und den Frager selbst aufzuspiessen. Mike sitzt neben mir. Er hat wie ich eine laufende Nummer, die ihn berechtigt, das pointierte Pathos fachwissenschaftlicher Abfertigung durch seine Frage loszutreten. Selten ist ein Unterton blasierter Arroganz herauszuhören. Die Antworten sind geschmeidig und präzise. Elegant vermeiden sie Widerhaken und lassen Widerspruch an ihrer sachlichen Kompetenz auflaufen. Mühsam aber erfolglos versuche ich meine Fantasie spielen zu lassen, um das alternde Gesicht von Lucies Vater, das ich nicht kannte, und den Blick eines in Wahnzuständen verirrten Patienten zu reproduzieren.

Längst habe ich mir eingestanden, dass Mikes und meine gemeinsamen Recherchen damals gescheitert sind. Wieviel Authentizität darf ich einem Roman und einer Figur wie Rob zuschreiben? Wollte ich die Frage nach den Hintergründen von Mikes Tod aufwerfen, dann würden die Elemente des Thrillers - etwa die Spaltung der Figur Mowles oder die dramatische Bruchstelle des Fragments  -  als Indizien vor dem Scharfsinn eines Richters wie Rudy kaum bestehen. Mikes Leichnam ist wohl vor oder nach seiner Heimkunft im Bleisarg einer gerichtsmedizinischen Autopsie unterworfen worden. Wären die amtlich beglaubigten Fakten anfechtbar? Falls ich ausschliessen will, dass er freiwillig Selbstmord begangen hat, könnte ich dann die These mit ausreichenden Gründen belegen, dass er keinen Ausweg sah, weil man ihm keinen offen liess? Könnte ich beweisen, dass er sich verfolgt und vom Tod bedroht fühlte? Die Fragen sind mit dringlicher Ungewissheit behaftet. Und sie bleiben für mich, der ich Mikes engster Freund war, belastend offen. Welchen Erfolg hatte Mike mit der Fortführung unserer Recherchen auf eigene Faust? Ich besitze ja ausser dem Romanfragment aus Mikes Erbschaft noch die rätselhafte Agenda einer Anzahl geheimer Treffen von Schlüsselpersonen eines Deals. Und  als Beilage dazu einige technische Details zum Bau von Mini-Nukes sowie Zahlenmaterial zum Brennstoffkreislauf. Es sind Bruchstücke - nicht mehr? Die Agenda würde wohl als Dokument eines Falls anerkannt, dessen Verknüpfungen allerdings in der Grauzone der Verjährung und ihrer Unwägbarkeiten versanden.

Ich bin mir heute wie nie zuvor im Klaren, dass nur die Gegenwart zählt. Und meine Erfahrung versichert mich, dass in jeder Sekunde selbst des Zerbrechens Hoffnung auflebt.

Rudy bezweifelt, ob Lucie den Code hatte, wie er sich ausdrückt, ob sie in der Lage war, die fatale Logik der Entscheidungen zu verstehen, welche die Schuld ihres Vaters begründen. Zweifeln zum Trotz ist aber gewiss: Lucie ist die einzige unter uns, welche die Existenz der Eintragungen bezeugen kann - und sie dürfte sich an den Wortlaut der Tagebuch-Bekenntnisse erinnern.


Rudy, der immer noch mit verschränkten Armen vorgebeugt auf die Schildpanzer des Biotops herunterblickt, wo das Abendlicht verblasst und zögernde Bewegung in Gang kommt, weckt mich aus meiner Nachdenklichkeit:


Du hast mich nach Lucie gefragt. Ich verrate dir jetzt, was wir über ihr Schicksal wissen. Durch unser geheimes Informationsnetz haben wir erfahren, dass Lucies Familie ihren Einfluss ausspielte. Es gelang ihr, sie aus ihrer Haft unter der Kontrolle der Security in die psychiatrische Klinik zu überführen, welche der Konzern im Large Mansion House auf der Insel Raasay betreibt. Du weisst, dass der ehemalige Herrensitz nach dem grossen Brand mit Kapital der Firma restauriert und seinem neuen Zweck zugeführt wurde. Lucie lebt seit etwa acht Tagen auf der Insel interniert unter medizinischer Betreuung. Sie lebt dort nicht nur vor der politischen Macht der Security, sondern auch vor ihrer Drogensucht geschützt im therapeutischen Entzug. Sie lebt!

Lucie ist schwanger.

Sie wird ihr Kind, falls es überlebt, gebären. Unsere Organisation hat eine geheime Verbindung zum medizinischen Personal. Du wirst ermessen, was dir meine Information auferlegt.  


Rudy wendet seinen Kopf. Eine brennende Sekunde lang dringt sein Blick aus tiefen Augenhöhlen in mich ein. Darauf sagt er:


Du willst wissen, ob Gay und Ana sich durchgeschlagen haben. Wir sind auf Ungewissheiten gefasst. Ich hoffe, Andrew weiss mehr, sofern er heute Nacht zu uns stösst. Machen wir uns allmählich auf, es ist Zeit!

Ich habe heute von Shettleston gehört! Da war ein Aufruhr, weisst du mehr?

Freitagnacht. Die Medien sprechen heute von Provokation. Doch nichts ist klar. Wer provoziert hier schon einen Krieg? Dass Provokateure ins Milieu eingeschmuggelt werden hat Methode.  

Man sagt, es habe zahlreiche Tote gegeben. Ist das eine Übertreibung?

Wahrscheinlich. Zahlen kennt niemand. Auch keine Namen. Wir haben Gründe anzunehmen, dass einige Leute gezielt getötet wurden.

Es war also ein provozierter Anlass für Hinrichtungen?

Möglich. Es gab in der Vorwoche den Bombenanschlag auf eine Trade-Messe in London und darauf wohl spontane Unruhen in Manchester und Birmingham. Offiziell - gemäss der Version der Medien - steckt die fremdgesteuerte fünfte Kolonne dahinter. Vielleicht erfahren wir über den Zusammenhang der Ereignisse Genaues. Es ist vernünftig, wenn wir nicht spekulieren, denn durch Selbsttäuschung schaden wir uns am meisten.






Rudy hat sich erhoben. Ich folge ihm auf dem Kiesweg zur Gartentreppe. Auf ihrem obersten Absatz zögert er und steht eine Weile nachdenklich still. Dann überrascht er mich mit der Bemerkung:


Die Frau, welche aus freier Entscheidung, also aus Liebe, ihr Leben mit dir teilt - ihre Beziehung zu dir ist ein Wunder, kann ich es anders sagen?


Ich fasse mich und antworte:


Ich denke, du sprichst von deiner Frau. Du bist ihr hier begegnet.

Sie wurde ermordet, ich habe sie begraben. Ja, doch umso mehr weiss ich heute, dass Liebe das Unbegreifliche ist. Es ist die tiefste Beziehung zwischen zwei lebenden Menschen. Denn sie übersteigt jeden Zweck, für den wir unsere Zeit aufbringen.


Er legt zum ersten Mal seinen Arm um meine Schulter und schaut mir von nahe direkt ins Gesicht:


Du wirst sagen: Ein Kind ist die natürliche Evolution einer Verbindung zweier Geschlechtszellen.

Ja, würde ich.

Unter dem abstrakt biologischen Aspekt der Fortpflanzung ist der Satz korrekt. Doch…du bist dir bewusst, kein einziger Mensch gleicht einem anderen, nicht?  


Wir steigen die Treppe zwischen Wisteria-Kaskaden hinab. Ihre Blüten duften nach roten Weintrauben. Rudy bleibt noch einmal stehen und sagt:


Meine Kinder haben gelebt. Ihre Blicke, ihre Fragen leben in mir. Ich überhöre keines. Ich werde nicht aufgeben, jedem von ihnen zu antworten.