Dienstag, 17. April 2012

4. Moffen







Auf dem Kieseldamm, welchen die Polarstürme aufgeworfen hatten, lagerte seit Tagen eine Walrosssippe. Das Meer seufzte. Pausenlos trieb es unter dem opalgrauen Himmel das Eisgeschiebe vorüber, vom öden Strand zum Horizont ein blendender Strom. Mehrere hungrige Eisbären, welche die schurrenden Schollen abgeladen hatten, streunten paarweise oder allein auf der Insel herum. Wenn sie sich allzu ungehobelt an unserem Vorratsschuppen zu schaffen machten, griffen wir zur Eisenstange und machten ein paar energische Schritte auf sie zu, bis sie sich davontrollten und dabei missmutig grunzend den Kopf zurückschwenkten.

Die Insel war eine flache Kieselbank mit einer vereisten Lagune in ihrer Mitte. Nichts als Kiesel, grau oder hellbraun. Das Grau erinnerte an schmutzigen Schwefel, das Braun an vergammelte Milchschokolade. Im Innern der Insel hatte sich eine Rostflechte in die Kieselsteine geätzt. Ein knittriges graues Moos wand sich aus den Fugen zwischen den Steinen und schickte sich an, den Nährgrund einer zukünftigen Tundra abzugeben. Man hatte den postglazialen Bewuchs schon Ende des letzten Jahrhunderts als Boten der Erderwärmung kartographisch registriert.

Die Insel war das Gebeinhaus von Robben und Walen. Zehntausende der wehrlosen Tiere waren vom 17. bis zum letzten Jahrhundert harpuniert, erschossen oder am Strand erschlagen und auf ihren flachen Rücken geschleppt worden, um gehäutet, zerlegt und ausgeweidet zu werden. Den Speck der Wale und Walrosse hatten dänische und holländische Pioniere in den Trankochereien auf einer südlicheren Insel verarbeitet. Ihre Sommerstadt war schon vor dreihundert Jahren aufgegeben worden und bis auf die russigen Grundmauern ihrer Öfen zerfallen. Es hiess, wer die Polarnacht auf jener Insel verbringe, könne ihre Geisterscharen vor den Funken sprühenden Ofenlöchern hantieren sehen. Die Walfängerschiffe späterer Zeiten waren mobile Fabriken, welche ihre Beute an Bord zu Rohstoffen verarbeiteten. Die Wal- und Robbenpopulation hatte sich von der Massenschlächterei nie mehr erholt. Aus wirtschaftlichen Gründen lohnte sich der Fang nicht mehr.

In Moffen lebten wir einen Polarsommer lang auf einer improvisierten Beobachtungsstation. Chris, ein Biologe aus Oxford, untersuchte die überlebenden Robbenbestände jenseits des achtzigsten Breitengrades. Weiter südlich drohte sich offenbar eine Virenkrankheit auszubreiten, weil die Nahrungskette der Robben teilweise zerstört war. Ich begleitete Chris, um für die BBC in Kooperation mit unserer Zeitung einen Dokumentarfilm zu drehen.



Ich hatte eines Tages, als Chris allein auf seiner Beobachtungstour war, den Vorratsspeicher betreten und die Eisenstange vor der Türe an die Wand gelehnt. Ein Bär belagerte mich vier Stunden lang. Er war ein ausgehungerter Macho. Ich erfror beinahe im Schuppen, bis Chris zurückkehrte und ihn vertrieb. Ich erinnere mich, dass er zum Schuppen hinüberrief, ob ich denn da drin ein Date mit einer Bärin hätte. Er würde mich vorsichtshalber lieber nicht stören. Er liess mich noch eine Weile zappeln, dann schlug er Lärm. Der Bär desertierte von seinem Posten, trottete zur Walrosssippe hinüber und fiel über eine junge Kuh her. Als sich diese seinem Biss entwand und wie die anderen über den Kieseldamm ins Wasser schlitterte, machte er sich an den Bullen, welcher den Zweikampf über die Störung verdrossen annahm. Der Bär hockte sich auf seinen Nacken und verbiss sich im dicken Fettgewebe. Der Bulle wuchtete sich auf seine Vorderflossen und schüttelte ihn ab. Der Bär wich den Querhieben seiner Stosszähne aus und erklomm von hinten erneut seinen Nacken. Dreimal wiederholte er seinen Angriff. Doch den Bullen schien der ungleiche Rangkampf bald zu langweilen. Er liess seine anderthalb Tonnen Landgewicht in die Gischt schlittern. Der rittlings mittauchende Angreifer krabbelte ans Ufer, schüttelte sich und zottelte mit seinem ungestillten Bärenhunger fort.

Ich war mir nicht sicher, ob der Bär es auf mich oder unsere schwindenden Vorräte abgesehen hatte. Chris meinte, an seiner Stelle hätte er es auf mich abgesehen, denn ich hätte in den paar Monaten auf Moffen Fleisch angesetzt und saftiges Mark in den Knochen.

Ich dankte ihm für das Kompliment, einen ausgesuchten Bärenfrass abzugeben, und fragte ihn, ob er die Geschichte von der Eskimofrau kenne, deren Ruf sich um die ganze Hudsonbay herum verbreitet hatte, da sie sich vor keinem Bären fürchtete. Chris hatte Rasmussens „Thulefahrt“ nicht in seiner Bibliothek stehen. Weil er bloss knurrte, ging ich davon aus, dass er die Geschichte nicht kenne und schmückte sie im Stil einer Jägeranekdote aus:

Der Pfeilvolk-Häuptling und Zauberer Igjugarjuk vom Hikuligjuaq-See, erzählte ich, hat sich nach Jahren des Jagdglücks und Ehekrachs eine junge Zweitfrau zugelegt, welche vom Kazanfluss stammte. Die ältere seiner Frauen nannte er fortan Kivkarjuk, was „abgenagter Knochen“ bedeutet. Die jüngere rief er gurrend Atquaralaq, „die Kleine, die zu einem hinabsteigt“. Die entthronte Erstfrau legte ihre Fügsamkeit ab und redete öffentlich daher, seit ihr Mann sie Kivkarjuk nenne, gebe es für sie keinen Grund mehr, sich vor einem Eisbären in Schrecken versetzen zu lassen. Sie wurde eine kühne Bärenjägerin und hat auf diese Weise das  Jagdglück ihres Mannes vermehrt und seinen Respekt zurückgewonnen.

Chris Knurren verwandelte sich in ein trockenes Lachen. Wenn er so lachte, dachte ich manchmal, er sei verrückt geworden. Aber sein Scharfsinn war unübertrefflich. Er blödelte los: Der Mann hätte zwei Frauen gehabt und wir zwei Männer hätten nicht einmal eine Frau, die wir miteinander  teilen könnten, wozu ich gesetzten Falles wohl bereit wäre. Wärst du doch, oder? fragte er grimmig und ich antwortete, der Ueberlebenswille würde mich gesetzten Falles zwingen ihn umzubringen, bevor es ihm glücke, mich als Konkurrenten aus dem Weg zu räumen.

Jetzt bist du der Wahrheit näher als mit deiner verlogenen Anekdote, erwiderte er und schaute mir mit verkniffenen roten Augen ins Gesicht. Du hast Rasmussen ungenau gelesen und von den Inuit keine blasse Ahnung. Hast du ihn überhaupt gelesen? Wenn schon, dann hast du die Vor- und die Nachgeschichte wohl nicht einmal unterschlagen. Nein, du hast sie verdrängt, weil dich die banale Pointe vom „abgenagten Knochen“ kitzelt, die du als Europäer platt metaphorisch verstehst, wie sonst?

Chris stemmte einen Eisblock auf den Tisch, den er zuvor aus dem Schuppen herübergetragen hatte. Ein Trumm von einer Flunder war darin eingefroren. Ihre roten Hautdornen schimmerten durch den blasigen Sarg und die zwei Schielaugen über ihrem schiefen Mund glotzten zu uns herauf. Platt! wiederholte Chris. Eindimensional!

Er griff nach einer Spitzhacke und zerschlug den Eisblock. Die Flunder legte er zum Auftauen auf einer Emailleplatte neben den Spritofen. Während er die Eissplitter mit der Hand zum Tischrand schob und in einen Kübel klirren liess, brummte er: Die Polarjäger kennen ein halbes Wörterbuch für Eis. Damit  bezeichnen sie ein paar Dutzend wechselnde Aggregatszustände ihrer Umwelt, über die sie sich aus praktischen Gründen verständigen müssen. Du kennst Eis als Einerlei zwischen Eisschrank und Eiskunst. Ausserdem Eis am Stiel, sonst nichts.

Er ging zum Schrank, griff eine BottleTallisker heraus und schenkte zwei Gläser voll. Heute Abend gibt’s einen Leckerbissen, sagte er, habe den Rest einer Fischladung, die ein norwegischer Kutter auf Svalbard gelöscht hat, letzten Frühling aufs Eis gelegt.

Er stiess mit mir an: Auf deinen heldenhaften Ueberlebenskampf! Den trinken wir im hohen Norden pur, zum Aufwärmen! Stehend kippte das Glas in einem Zug. Dann hockte er sich hin, rülpste, schaute mich durchdringend an, wie wenn er sich die Tatsache zurechtlegen müsste, dass ihm in der Eiswildnis auf dem 80.Breitengrad ein Landsmann gegenüber sass, und begann mich aufzuklären:

Eine Frau zu gewinnen war für die Inuitjäger eine Frage von Ueberleben oder Tod. Ausserdem eine Ehrensache. Notfalls raubten sie sich ihre Frauen. Der Notfall war verdammt normal. Zwangen ökonomische Gründe dazu, dann wurden die Töchter nach ihrer Geburt umgebracht. Die statistische Folge war fatal: Es gab immer zu wenige Frauen. Manchmal teilten sich zwei Männer in eine Frau. Das ging selten gut. Manchmal rottete eine Jägergemeinschaft  die Männer einer anderen Gruppe aus, um an deren Frauen zu kommen. Das ist verbürgt. Wozu ihr Ueberlebenswille die Inuit aber trieb, wenn die Vorräte zu Ende gegangen waren und die Göttin der Fruchtbarkeit keine Beute mehr durch  ihre Jagdgründe schickte? Keinen Knochen, ha! Davon hast du als verwöhnter Europäer gar keinen Begriff.
 
Was Igjugarik betrifft:  E r   hat seine erste Frau, welche er später „abgenagter Knochen“ nannte, geraubt. Natürlich. Ihr Vater verweigerte sie ihm, schlug seine Werbung ab. Das verletzte Igjugariks Ehrgefühl. Er kehrte mit seinem Bruder zurück, schlachtete die ganze Familie ab, den Vater, die Mutter, die Brüder und deren Frauen sowie die Schwestern, und verschonte nur die eine, die er mit sich nahm.

Chris begann mit der Spitze seines Taschenmessers den schwarzen Kufentran herauszukratzen, der unter seinen Fingernägeln klebte. Heute hatte er mit dem leichten Transportschlitten über die Eisdecke und den gefrorenen Schlick um die brackige Lagune seine Geräte eingeholt. 

Gib zu, fuhr er fort, das mit der Bärenjägerin hast du erfunden. „Abgenagter Knochen“, den hingeworfenen Uebernamen, musste Kivkarjuk als Drohung verstehen! Das Renwild hatte einen anderen Wechsel gewählt, daher machte Igjugarik vor dem Wintereinbruch keine Beute. Die Familie war von der erfolglosen Jagd entkräftet, die Vorräte waren verbraucht. Ein eisstarrer Winter legte sich über die Ebenen und die Seen. Die alte Kivkarjuk verliess den Wohnplatz, über welchem der Hungertod lauerte. Und sie schleppte sich ohne Proviant mit einem Ziehschlitten und einem kleinen Pflegesohn zum grossen See. In einer ihr aus der Jugend bekannten Bucht schlug sie mit ihrer letzten Kraft ein Angelloch. Es wimmelte von Lachsen. Sie machte unerwartet reiche Beute und rettete so ihre Familie, auch die Zweitfrau ihres Mannes, vor dem Verhungern.

Ich hatte keine Mühe, Chris einzugestehen, dass er die Geschichte von Kivkarjuk nicht nur besser kenne als ich, sondern sie möglicherweise tiefgründiger analysiert habe als Rasmussen selbst, der zweifellos ein passionierter Polarforscher und Ethnologe gewesen sei. Du glaubst also, fragte ich, dass Kivkarjuk im Zustand äusserster Verzweiflung zum See aufbrach, weil sie ahnte, dass Igjugarik sie töten und zusammen mit Atquaralaq verspeisen würde?

Ich vermute, präzisierte Chris, dass Igjugarik in seiner Not die Geister um Rat befragt und aus der Luft die Erlaubnis dazu erhalten hatte, durch das Opfer sein eigenes Ueberleben und das seiner Familie zu sichern. Er gab der älteren seiner beiden Frauen zu verstehen, was ihm die Geister eingeflüstert hatten, indem er sie mit dem Namen Kivkarjuk anredete. Als er dies tat, war er nicht von den Geistern, sondern vom Hunger besessen. Sie verstand die Warnung und brach zum See auf.

Dann waren die Geister nicht böse, sondern gut, da sie durch den schauerlichen Ratschlag den Entschluss auslösten, welcher die Rettung herbeiführte, meinst du nicht? 

Du hast hier die Luft klirren gehört, auch wenn kein Wind blies, sagte Chris und in seinen Mundwinkeln zuckte für einen Augenblick sein irres Lachen. Nun, das ist eine Schutzbehauptung zugunsten der Geister. Die Ereigniskette war natürlich zufällig, doch symbolisch hast du damit immer Recht. Wäre die Hungersnot katastrophal ausgegangen, dann hätten seine Geister Igjugarik, der ja ein Schamane war, für die Tötung Kivkarjuks gerechtfertigt. Wir können allerdings annehmen, dass es zum Mord nicht gekommen wäre. Kivkarjuk hätte wohl ohne Beute weder die physische Kraft noch den Willen aufgebracht, zur Wohnstätte zurückzukehren. Sie wäre zusammen mit ihrem Pflegesohn, noch bevor der Hungertod sie übermannt hätte, in einem Schneeloch am See erfroren.

Seine eigene Frau als „abgenagten Knochen“ zu bezeichnen ist doch reichlich makaber, warf ich ein, und moralisch gesehen böse, gleichgültig wie man es sieht, nämlich ob der Geisterrat oder seine eigene Fantasie Igjugarik diesen Namen eingegeben hat.

Ueberhaupt nicht! Diese Auffassung beweist, dass europäische Empfindsamkeit bloss Krücken unterschiebt, welche Missverständnisse verfestigen. Empfindsamkeit ist eine Art von  Mangelerscheinung. Wir sind empfindsam, weil die Not nie an unserm Mark gesaugt hat.

Sehe ich anders! erwiderte ich. Du extrapolierst die Weltkriege, die Revolution, Greuel und Hunger, das Verrecken im Schnee bei minus 40 Grad Celsius, Stalingrad!

Du hast Recht, wir haben überhaupt keinen Grund, uns auf unsere europäische Kultur etwas einzubilden. Sogar der Kannibalismus kam vor, doch es gab noch weit Schlimmeres. Deine kultivierten Europäer haben die Tanks, die Bomben, die Konzentrationslager erfunden. Und die Sublimation des Mitleids zugunsten mörderischer Ideologien!

Einer hat die These vertreten, die Atombombe werde den Menschen dazu zwingen, sich zu seiner Humanität zu bekennen, weil er ihre finale Gewalt aus vitalstem Selbstinteresse nicht anwenden dürfe. Er entwickelte die Wasserstoffbombe. Seine These ist bis heute nicht widerlegt.

Chris antwortete postwendend: Die Atombombe ist die Kapitulation der Vernunft vor einem Gespenst. Ein Kurzschluss des militärischen Kalküls. Wer all das macht, hat das Gewissen schon abgetötet, weil er die Macht will. Nicht die Not macht gefühllos!

Er griff beim letzten Satz in den Brustausschnitt seines Anoraks und zog eine Schnur aus tierischem Leder heraus. An ihr baumelte ein starker gekrümmter Zahn und eine Stück grauer Pelz. Beide Objekte lagen auf seinem Handteller.

Mit deiner logischen Navigation bist du am 80.Breitengrad verloren, begann er.  D a s  brauchst du! Aber du wirst den Kopf schütteln und mich missverstehen. Was ist schon an einem Bärenzahn oder an dem Fetzen Fell von einem Karibu, selbst wenn es von einem Pfeil durchbohrt ist? Magische Kraft mag darin stecken. Für mich ist es zwar ein Andenken. Doch weit mehr als ein Anhängsel. Denn es steht für eine Art zu denken. Eine Art, die auf dem Zusammenhang gerichtet ist.

Chris steckte das Amulett wieder in seine Brust, nahm einen tiefen Atemzug und schaute mich dann mit seinen zusammengekniffenen Augen scharf an: Ich nehme mir die Höflichkeit heraus, dich in dieses Denken einzuführen, indem ich deine primitive These widerlege. Aber ich mach’s kurz, denn wir haben Hunger.  F r e s s e n  ist das vitalste Selbstinteresse, merk dir’s!

Er stand auf, beugte sich über die Platte beim Spritofen und wurde poetisch: Sie schwimmt bald wieder und träumt von den Schären. Der Frühling ist angebrochen.

Er schraubte die Flamme höher und sagte: Du liegst falsch, Igjugarik ist nicht gefühllos. Auch nicht Ataguvtaluk, die Frau, welche ihren Mann und ihre verhungernden Kinder verspeiste.

Dann kontrollierte er beim Containereingang den Aussenthermostat, stellte fest: Verdammte 43 Grad minus! und setzte sich wieder an den Tisch. Er rieb sich mit den Handballen die Augen und strich über das Gesicht und den Bart. Er sah eine Weile ziemlich wild aus, als ob er um sein Gleichgewicht ringen müsste, bevor er anfing:

Wir würden die Inuitseele missverstehen, wenn wir glaubten, der Mörder aus Not würde nicht von grausigen Schuldgefühlen und Angst gepeinigt. Im Gegenteil. Jene, welche der Grenzzustand zur Tötung ihrer Angehörigen trieb, drohten wahnsinnig zu werden. Sie waren irr vor Hunger und fürchteten sich zugleich vor der Rache der Getöteten. Wurden sie nach der Tat von anderen gemieden und fanden nirgends Zuspruch, so schützten sie auch die Geister nicht mehr. Dann vereinsamten sie schrecklich und brachten sich um. Aber ihre Umwelt war nicht verständnislos. Der Ueberlebenswille des Starken unter den extremsten Bedingungen war auch eine Macht. Sie forderte von den Lebenden Anerkennung. Denn sie war von den Geistern inspiriert, ja die Geister verkörperten sie. Und die Mörder wussten, dass sie mit den Knochen der menschlichen Opfer genau so umzugehen hatten wie mit jenen der Jagdtiere. Es gab strenge Regeln und einen haushälterischen Dämon. Die Inuit nannten ihn Pinga, eine weibliche Gottheit. Pinga verlangte von den Menschen, dass nichts verloren gehen durfte. Wer ihre Tabus verletzte, störte den Kreislauf der Regeneration. Die abgenagten Knochen mussten säuberlich gesammelt und im Haus oder an einem Ort bei der Wohnstätte aufbewahrt werden. Jetzt hast du wohl eine Ahnung, dass die Wendung  vom „abgenagten Knochen“ nicht die banale Bedeutung hat, welche ihr dein moralisierender Verstand anhängt. So!

Chris erhob sich, klatschte die Flunder auf das speckige Brett neben dem Herd und bellte mit dem Schmiss eines Schlagers: Unser Eiland ist so platt wie eine Flunder!

Er zog zwei Schnitte über den hingefletzten Fischleib und kommentierte: Ueberhaupt gleicht sie ihm, wie sie daliegt. Moffen! Eine vereinigte Republik der Kiesel, verdammt! Und der Knochen. Die Niederländer, die damals auf Svalbard Tran kochten, haben sie so getauft. Auf Deutsch heisst das etwa: Stinken. So wie Leiden oder Schielen. Modert nach Walross, Bracke und Fisch. Wenn du den Muff loswerden willst, dann schaffst du es nicht mit einem Bad Rosenöl. Sogar  bei den Eskimofrauen hast du keine Chance mehr. Die sind wählerisch geworden, seit so viele Nationalitäten wie Robbenbullen um die Rohstoffe unterm Polareis buhlen.   

Er griff nach seiner Worcestershire-Flasche auf dem Küchentablablar und begann die Pickelhaut mit der braunen Sauce einzureiben. Dabei zündelte er über den kontinentalen Rassismus: Die Deutschen müssen gestunken haben. Wahrscheinlich haben alle Trankocher gestunken. Doch die niederländischen Wal- und Robbenfänger nannten bloss die Deutschen „Moffen“. Den Uebernamen hängten sie ihnen auch am Niederrhein an und meinten ungefähr dasselbe wie die Franzosen, welche den Deutschen ihr „Boches“ verpassten. Schweine waren sie dann ja auch, die Nazis. Aber die niederländischen Alkaan-Fans schreien heute immer noch „Moffen“, wenn sie gegen die Deutschen an die Meisterschaft ziehen. Und die Dynamo-Fans aus Dresden schreien wieder „Juden“ und „ans Gas“. Dass die Niederländer im Takt ihr „Nazis raus!“ loslassen ist ja wiederum verständlich, aber immer weniger Deutsche wagen da im Block solidadarisch gegen die schwarzen Glatzköpfe und Schnürstiefel einzustimmen. Sogar die Polizei zieht sich vor den Hundertschaften zurück, wenn die Randale losgeht. Kommt bald nicht mehr drauf an wo. Muss man den Rückzug gelegentlich schon als Kumpanei interpretieren?

Es kommt mir auf, wie wir bei einem Treffen in Nottingham um ein Haar den Schlagstöcken und Fusstritten einer walisischen Combat-Gruppe entkamen. Womit hatten sie Mike und mich verwechselt? Die Schutzmacht war nirgends. Mike hatte die CANON vorsorglich unter seiner Lederjacke versteckt.  Ihre Messer hatten die schon gar nicht mehr in den Aermeln stecken. Sie müssen an unserm Schweiss gerochen haben, dass wir Journalisten waren. Ein Kollege von der Sunday Post wurde bei der Randale erstochen und in einen Kanal geworfen.

Ich sagte: Die braune Kacke dampft doch auch bei uns in Britannien, ja?

Chris schnitt eine Schwarte Walrossspeck in Würfel und streute sie über die Warzenhaut der Flunder.

Ach, wie eh! antwortete er. Schon die Trankocher und Robbenfänger hatten doch da oben ihre Messerstechereien. Und damals gab’s am Nordmeer keine Polizei. Was meinst du, wie viele niederländische oder deutsche Knochen unter den modernden Walrossgerippen herumliegen! Ein paar Schotten und Waliser werden den Robbenschlägern auch nicht entronnen sein.

Das Fett brutzelte jetzt.

Schade, dass wir keine frische Petersilie haben, sagte Chris, und liess die Flunder vom Brett in die Riesenpfanne gleiten.

Er schaute ihr zufrieden zu, wie sie an den stachligen Flossen zu schmoren begann: Die wiegt gut fünf Pfund! Hast du gesehen, ziemlich selten: Sie ist eine Linksäugerin und kein Bastard. Eine mollige Lady aus den norwegischen Schären. Die knuspern wir gemeinsam. Bin zu teilen bereit, wie du siehst. Aber nicht mittendurch. Sie kriegt eine dezente Sonderbehandlung.

Wir verspeisten sie und tranken dänischen Aalborg. Chris hatte ihn von draussen hereingeholt. Die Flunder war lecker. Der Korn dampfte vor Kälte und heizte ein. Auf Rasmussen! prostete Chris. Und auf deine Lady, fügte ich bei.

Hör mal, begann Chris, kennst du die fatale Geschichte vom Rentier, das zweimal erlegt wurde?

Das klingt nach Geistergeschichte.

Mitnichten. Ich könnte sie zwar wie ein Märchen anfangen lassen: An einem nördlichen See lebten vor langer Zeit Eskimos, sie jagten noch mit Pfeil und Bogen. In diese Gegend kamen durch die Luft zwei Männer in einem fliegenden Zelt… Etwa so. Aber es handelt sich um Non-fiction. Weißt du, was das ist, ein fliegendes Zelt?

Ich kenne das Märchen von einem fliegenden Teppich. Tausend-und-eine-Nacht.

Da oben ist bald nur  e i n e  Nacht, sagte Chris und goss sein viertes Glas Korn herunter. Dabei verzog sich kein Muskel seines Gesichts. Er fuhr fort:

Ja, und tausend Nächte sind tausend Jahre. Man muss sich das einmal vorstellen! Der Lift auf dem Teppich ist übrigens eine Opiumgeschichte. Das fliegende Zelt war dagegen nichts anderes als der Luftballon. Also: Die zwei Männer kamen im Luftballon herauf zum Dubownt-See, tief im Mackenzie-Distrikt. Die Rentiereskimos schnitten aus der Ballonhülle später Zeltplanen. Doch sie durften darüber nicht sprechen, weil es sich längst herumgesprochen hatte und die Polizei im folgenden Sommer in ihrer Gegend nach den Leichen der beiden Männer fahndete. Die Eskimos hatten sie nämlich auf dem Gewissen. Sie machten sich aber keins draus, denn sie glaubten sich im Recht.

Der Wind machte sich an unserer Kajüte zu schaffen. Ein loses Ende Wellblech scharrte an einer Kante und stiess, wenn der Druck anhob oder nachliess, einen Ächzer aus, der in die Knochen fuhr.

Hör zu! Sagte Chris. Die Geschichte ist ein Krimi. Die Ballonfahrer hatten nämlich Gewehre bei sich und kamen herauf, um Rentiere zu jagen. Die Bewohner der Siedlung hatten aber noch nie einen Ballon gesehen und kannten auch das Gewehr nicht. Als ein Rentier auf der Flucht vor den beiden Weissen in die Nähe ihrer Siedlung kam, schoss ein Inuit wie gewohnt einen Pfeil los und traf es ins Herz. Doch einer der beiden Männer, welche ihm nachstellte, knallte das Ren in der gleichen Sekunde mit seinem Gewehr ab und reklamierte es für sich. Das verstanden die Inuit nicht, obwohl aus einer kleinen Fellwunde Blut sickerte. Wie konnte der weisse Mann das Tier auf so grosse Distanz erlegt haben? Unmöglich. Sie bekamen Streit. Und die Inuit beschlossen die zwei Männer zu töten. Sie waren schliesslich in ihr Jagdrevier eingedrungen und wollten sich ihrer Beute bemächtigen. Die Expedition, welche nach den Verschollenen suchte, war bewaffnet. Beamte der Distriktpolizei verhörten die Angehörigen der Sippen. Doch sie stiessen auf Verstocktheit und undurchdringliches Schweigen.

Ich unterbrach: So funktioniert es nicht, Chris. Wenn du einen Krimi erzählst, was ich annehme, dann müssen die Mörder nach der Regel überführt werden. Die Fahnder entdeckten also Spuren.

Spuren - nach einem langen Winter in den grenzenlosen Weiten der nordischen Tundra?

Schnee und Eis konservieren doch Spuren. Vielleicht Teile der Leichen, welche nicht von den Wölfen verschleppt und verzehrt wurden. Blut. Oder die Gewehre der Opfer. Ausrüstungsgegenstände, welche die Eskimos sich angeeignet hatten…

Natürlich. Da waren die verwendbaren Stücke der Ballonhülle. Doch kein Gewehr. Keine Leichenteile, nicht einmal Knochen.

Hör schon mal! Geht die Kriminalpolizei von der Hypothese aus, der Ballon sei abgestürzt, dann müssen die Eskimos die Absturzstelle gekannt und sowohl die Toten als auch Stücke ihrer Ausrüstung gefunden haben. Durch Kreuzverhöre werden die Fahnder die Leute mit ein paar Tatsachen konfrontiert haben, deren Zusammenhang sie erklären mussten. Ist das nicht der Fall, dann ist dein Tatsachenkrimi frei erfunden.

Hast du dir als Teenie die berühmte Schulregel gemerkt: “There simply must be a corpse in a detective novel, and the deader the corpse, the better“? Ist wohl dein ganzes kriminologisches Rüstzeug, na! Die Ballonfahrer sind nun mal schlicht verschwunden. Spurlos. Willard Huntington Wrights “Rules for writing a detective novel“ sind in diesen Breiten ausser Kraft gesetzt. 

Damit stützst du bloss vorbeugend deine Behauptung, an deinem stümperhaften Krimi sei nichts erfunden.

Du unterstellst mir, ich hätte das behauptet. Das Gegenteil trifft zu: Fast alles an der Story  ist Fiktion. Abgesehen von der Tatsache, dass die beiden Jäger verschollen sind, gibt es praktisch nur Hypothesen zum Fall. An dir liegt es, sie zu widerlegen, was aber ein paar intime Kenntnisse voraussetzt.

Nämlich?

Die Mörder (so bezeichnen sie die County-Polizei und die Yellowknife Evening Post) wollten sicherstellen, dass die Opfer nicht auf ihr Territorium zurückkehrten. Sie beschlossen unter dem Vorsitz ihres Schamanen, sie der Luft zu übergeben, aus welcher sie zu ihnen heruntergekommen waren. Deshalb wickelten sie die beiden Leichen in Stücke ihrer Ballonhülle ein, nicht anders als sie es mit ihren Toten taten, nur dass sie zu deren Beisetzung Karibufelle verwendeten. Dann legten sie ihre Opfer an das schon vereiste Ufer des Mackenzie, und zwar mit den Füssen zum Wasser. Als das Eis im Frühling schmolz, holten ihre Körper nicht die Luftgeister, sondern der anschwellende Strom. Das machte keinen Unterschied, denn die Natur und das, was wir aus Gewohnheit als das Jenseits bezeichnen, waren in der Vorstellung der Eskimos eine Einheit.

Aber wo blieben die Flinten, der Besitz der Opfer?  

Die Flinten und die ganze persönliche Ausrüstung legten sie neben die Leichen. Keiner der ihren durfte irgendeinen Gegenstand behalten, denn die Toten waren Fremde und deren Geister blieben an ihren Besitz gebunden. Man musste die Regeln streng einhalten, wenn man verhindern wollte, dass die Toten sich rächen konnten.

Wie konnten sie es aber wagen die Ballonhülle zu zerteilen und zu gebrauchen?

Die seidene Hülle gehörte den Luftgeistern, nicht den Männern. Vielleicht sind die Eskimos in ihnen durch die Lüfte getragen worden wie die Märchenhelden auf den fliegenden Teppichen, wenn sie in der langen Winternacht Whisky tranken und die Luftgeister um ihre Zelte schnaubten.

Eine Trägheit kroch in die Glieder. Sie war nicht lähmend wie wenn der Kornbrand mit Methylalkohol versetzt worden wäre, sondern belebend. Chris steckte sich eine Zigarre an und saugte ihren Rauch ein. Dabei waren seine brennenden Augen lange auf den Haufen Haut und Gräte in der Platte gerichtet, doch er schien in sich hinein zu blicken, als er den Rauch wieder ausstiess.

Dann sagte er, ohne die Richtung seines Blicks zu ändern: Die Polente, welche von Yellowknife heraufkam, war bewaffnet. Und sie kamen mit einem Schneemobil. Die Uniformierten waren nicht zum Shakehand gekommen, nicht wie Gäste. Sie durchstöberten alle Winkel der Siedlung, auch die Vorratslager, und zerrten selbst den Haufen Tierknochen auseinander, welchen sie als Abfallhaufen betrachteten. Nach den Verhören gingen sie grusslos weiter. Zwei Wochen später kehrten sie wieder zurück und zogen ohne Ergebnis wieder fort nach Süden. Manchmal kamen Pelzjäger, Fischer oder auch Goldgräber den Mackenzie herauf. Aber die Gegend um den den Bärensee war zu der Zeit noch sehr abgelegen.

Vor unserem Container krachte eine Tonne um und rollte in eine Mulde.

Er hat sich hinter die Abfälle gemacht, sagte Chris. Aber die Tonnen sind hermetisch verschlossen. Vielleicht hat er unsere Mahlzeit gerochen. Das ist kein Bärenfrass. Die Polarsommer dauern länger. Er muss von seinem eigenen Fett zehren, solange ihn diese melancholische Kiesbank festhält.

Er blickte auf die Reste der Flunder, dann nahm er einen tiefen Zug und schwieg. Nach einer Pause Pause holte er aus und erzählte:

Damals waren die Veränderungen beinahe unmerklich. Im Nordosten, wo die Hudsonbay-Company ihre Stützpunkte und Lager hatte, tauschten die Rentierjäger Fuchsfelle gegen Gewehre und Munition ein. Anders als die Leute am Bärensee jagten sie zu der Zeit ihre Rentiere mit Gewehren. Das war bequem. Man musste sich nicht mehr mühsam an die Herden herananpirschen oder lange in einem Engpass ihres Wechsels auf dem Anstand liegen, bis sie herantrabten. Man schoss auf Distanz. Wenn die Tiere auf Augenhöhe waren, wurde wild herumgefeuert. Die Knallerei trieb sie in die Flucht. Einige blieben wohl niedergestreckt liegen, doch die erschreckten Herden mieden im folgenden Jahr ihre alten Wechsel. Die Jäger waren Halbnomaden. Sie jagten in ihren angestammten Revieren, wo sie Fleischdepots für den Winter anlegten. Doch was geschah, wenn die Herden nicht wie gewohnt vor Wintereinbruch ankamen? Du kannst dir ausdenken, welches Risiko die Sippen gegen den Fortschritt eintauschten. Es ist paradox, der Hunger suchte sie am heftigsten in der Zeit heim, wo sie sich schon mit den Gütern zu versorgen begannen, welche die Handelskompanie an den Grenzen ihrer Jagdgebiete feilbot. Immer mehr Jäger verlegten sich auf die Fallenstellerei und den Handel mit Fuchsfellen. Daher vernachlässigten sie die Ren- und Robbenjagd. Mit den billigen Holzplättchen, welche sie als Zahlungsmittel für die Fuchsbälge einhandelten, kauften sie überteuerte Lebensmittel, etwa Fleischkonserven, Brot oder Tee. Auch Luxus, vor allem Whisky. Und Kleider, gelegentlich ein Grammophon oder sogar ein Schneemobil. Wenn ihre Fleischdepots aber leer waren, dann reichte der hölzerne Reichtum nicht, um die Familien zu versorgen. Das Gewehr und der Kapitalismus waren der Untergang der Nomaden. Sie wurden schliesslich als Rentierzüchter sesshaft. Oder sie heuerten auf Walfängern an. Und sie arbeiteten in den Bergwerken. Sie schürften Silber, Zink oder Blei. Auch Pechblende! Daraus wurde das Uran gewonnen. Los Alamos und der Anfang. Die Geschichte kennst du ja. Ihre Siedlungsgebiete wurden in Interessenkonflikte hineingezogen. Sie wurden Opfer der Ausbeutung im Krieg um Rohstoffe.

Chris versteinerte im Halblicht des polaren Spätsommertages. Vielleicht verbarg sich hinter seinem gelegentlich irren Blick und seinem aufflackernden Zynismus eine bodenlose Melancholie. Ich dachte, Chris versinke in der Kieselmasse, welche uns trug. Dass er nach etwa sieben Gläsern Aquavit didaktisch wurde, machte mich krank. Ich hörte den Bären draussen und Chris wurde taub, hatte sich, während er redete, verinnerlicht.

Glaubte ich. Doch ich war für eine Ueberraschungsattacke gerade gut. Er blitzte mich plötzlich an und seine Brauen zuckten, als ob er mich fressen könnte:

Du meinst, du jagst die Wirklichkeit durch den Sucher der Kamera. Das Leben. Life! Was produziert ihr da an der Front des Programmkriegs? Was glaubst du, was das ist, was die Einschalter konsumfix geschnitten in die Wohnhöhlen zoomen? Sie zappen dort auf ihren Fernbedienern herum und leben in einer total anderen Zeit. Sie haben keine Ahnung, dass sie als Hightech-Reproduktion von Höhlenbewohnern auf einem fremden Planeten existieren. Wenn sie überhaupt existieren.

Ich erkundigte mich, ob ich eine ethisch fragwürdige Berufsauffassung hätte, wenn mich, was ich offen bekenne, das Zielpublikum meiner journalistischen Tätigkeit, ihre Adressaten eben, nicht im Geringsten interessierten. Ich verstünde meinen Job nicht als die weltverbindende Konsequenz der Aufklärung. Um die Wahrheit gehe es mir allerdings, ergänzte ich beiläufig, bemüht so wenig Pathos in die Feststellung zu legen, wie nur möglich. Aber da hatte ich ihn.

Dein Film über das Liebesleben der Walrosse ist doch der Knüller auf dem Programm, gib’s zu. Mit solchen Schwarten sülzt ihr die Empfänger ein. Mit Wissenschaft sind keine Einschaltquoten mehr zu machen.

Der Knüller ist eine Konzession an das Unterhaltungsbedürfnis. Mit ihm und der Werbung finanzieren wir doch die Aufklärung. Auch deine Forschung, deinen Talisker oder die Garantie, dass sie dich von dieser gottverdammten Insel wieder zurückholen.

Die Insel ist ein Walrossfriedhof. Genau wie die Walrosskiller verfahrt ihr mit der Wahrheit. Du leistest einen der namhaften Beiträge zur Zertrümmerung der Zusammenhänge. Du hättest auf dieser gottverdammten Insel die Chance, über das was du tust nachzudenken. Aber du bist hergekommen, um deinen gottverdammten Job sogar am Arsch der Welt zu erledigen.

Ich wollte gerade antworten, ich hätte eben eine pragmatische Auffassung von meinem Beruf - denn wenn ich schon von journalistischer Wahrheit damals noch den selbstgefälligen Begriff eines Karrieristen hatte, so war der immerhin realistisch - als draussen dreimal spröde und anhaltend ein Schiffshorn dröhnte.

Zeit für einen strammen Jack, grunzte Chris.

Wir traten ans Fenster. Eine Luxusfähre steuerte das Südkap der Insel an. Sie hatte eben signalisiert, dass sie den achtzigsten Breitengrad überquert hatten. Der Whisky, eisgekühlt, war im Buchungspreis inbegriffen. Adrette Kellner servierten ihn für die Luxusklasse auf dem Oberdeck. Für die Lowerprice-Class gab es auf dem Heckdeck bloss eine Lage norwegischen Aquavit. Und die Brassband.

Schon war etwa ein halbes Tausend Zoom-Objektive auf das Walrosscamp an der Südspitze gerichtet. Und etwa ebenso viele Ferngläser. Mit unseren Zeiss-Ferngläsern standen wir, Glas in Glas mit dem Spektakel, in unserem Ausguck. Der Liner näherte sich mit erheblicher Geschwindigkeit. Ich machte eine Hundertschaft kleingewachsener Chinesen aus, welche das Vorderdeck für sich reserviert hatten. Wir vernahmen den Lautsprecher. Die Fähre drosselte ihre Motoren, machte eine sanfte Wendung und stand längsbord zum Kap. Es war die  COSTA  AMADEA.

Der Herdenbulle benahm sich vorbildlich. Er stellte sich auf die Vorderflossen und dröhnte gegen die dümpelnde Fähre zurück. Diese war vorschriftswidrig nahe ans Riff getrieben, aber die tranigen Kühe liessen sich nicht beeindrucken. Sie lagen in ihren wulstigen Pelzen hingestreckt und dösten.

Der Eisbär hatte uns entdeckt und trieb sich jetzt heisshungrig schnuppernd vor dem Fenster herum. Trotz seiner Fressgier trollte er sich vor der wippenden Stange und Chris warf die Reste der Flunder und ein Becken voll Fett und Hühnerknochen in eine vereiste Kiesmulde. Das war für einen ausgewachsenen Bären kaum viel mehr als eine Lockspeise. Er würde wohl vor gesteigertem Hunger durchdrehen. Ein aufgereizter Bär war gefährlich.

Als Chris in den Container zurückkehrte, sagte er: Jetzt bin ich bei You Tube demnächst weltweit als der wohltätige Bärenwärter von Moffen vom Internet herunterzuladen.

Ich gab zurück: Wow! Vielleicht auch als der Bärenkiller Dartbar in einer Horrorsequenz.

Chris schaute mich grimmig an und knurrte: Krrrck! Als Dartbar, der Menschenverfütterer! 



Als sich das Packeis um die Insel allmählich festigte, war das Hungern vorbei. Die Bären verliessen das Asyl und zogen auf Jagd in die grenzenlose Eiswüste hinaus. Die Robben hatten sich vor dem Packeisrand nach Süden verzogen, wo die Ansteckungsgefahr wuchs. Wir aber waren von der Seeversorgung endgültig abgeschnitten und Gefangene des Polareises geworden. Wir warteten auf den Helikopter, der uns zum nächsten freien Hafen bringen sollte, wo wir uns vor dem Anbruch des Winters zur Rückkehr einschiffen konnten. Die Temperatur fiel plötzlich und der Frosttau goss die Schuppen, unsere Pelze, die Gesichtshaut und die Kiesel der Insel in Eis. Auf den glasglatten Kieseln konnten wir kaum mehr einen Fuss absetzen ohne wegzuschlittern. Der Anblick ihrer Glasur erinnerte mich an die Marrons glacés, welche eine Tante meiner Mutter und mir regelmässig in Lüttich zu Weihnachten geschenkt hatte.

Der Eistau verbannte uns in den Wohncontainer. Die Stangen nahmen wir jetzt zu Hilfe, um im Torkelgang zum Vorratsschuppen zu staken. Wir fühlten uns schrecklich allein in der arktischen Wüste und die Vorräte neigten sich zu Ende. Zu allem kamen jetzt auch die Polarstürme auf und pfiffen unnachgiebig um unser Camp. Trotz meiner Reisebibliothek - ich hatte Chaucers „House of Fame“, Poes Erzählungen, Joyces „Portrait of the Artist as a Young Man“ und einen viel zu dicken Band Irving dabei - hätte ich den Alptraum ohne Chris britischen Mutterwitz wohl nicht durchgestanden. In der Tat hatte sein Mutterwitz einen bösen Knacks. Er wurde nämlich zunehmend zynischer.



Als unser Rückflug nach Longyearbyen sich schon um zehn Tage verzögert hatte, sagte ich eines unerträglich anödenden Tages: Auf Barentsburg haben die Russen den modernsten Stützpunkt ihrer U-Bootflotte ausgebaut.

Chris liess bloss sein irres Grinsen los: Du könntest dich ja in Longyearhjemme einnisten und an einen russischen Spion heranmachen. Sie treiben sich dort wie die Bären herum und man kann sie von den übrigen Bewohnern schwer unterscheiden. Flinten tragen alle, aber auch schallgedämpfte Pistolen unter dem Pelz. Wenn du an den richtigen gerätst, kannst du im Austauschservice einiges erfahren. Aber du riskierst auch was.

Was denn?

Pass und Ticket.

Ticket? Du meinst wohl, ich werde in ein Eisloch abtauchen.

Wahrscheinlich. Vor allem, wenn sie herausschnuppern, dass du ein Journalist bist. Für einen Journalisten geben die Russen überhaupt keine Garantie. Schon gar, wenn er eine vorwitzige Niete ist wie du.

Hm. Was empfiehlst du mir?

Mach dich an einen Spion des geteilten Königreichs heran. Einen Schotten identifizierst du da oben nicht am Kilt, sondern an seiner Einsilbigkeit. Du bist zwar nicht auf die Klappe gefallen und redest britisch mit schottischem Akzent. Sing ihm doch: It’s a long, long way to Tipperary! Allerdings sind die Franzosen geiler, wenn es um Anbiederung geht. Ils prennent mesure.

A quoi?

Aux présidents de la République. Du wirst keine Scherereien haben, zumal du ja auch französisch sprichst.

Doch mit wallonischem Akzent.

Tant mieux. Tu n’auras rien à craindre. Wenn du viel aufschnappst, bist du bald Gold wert.
Trippleagent - une carrière!

Chris war in dritter Ehe mit einer Kanadierin verheiratet gewesen. Sie hatten sich auf einer gemeinsamen Forschungsexpedition am Grossen Bärensee kennengelernt. Jeanne war bei  einem wissenschaftlich völlig sinnlosen Tauchexperiment ums Leben gekommen. Chris hatte mir in einem seiner seltenen sentimentalen Augenblicke anvertraut, was sie verbunden habe, sei mehr gewesen als die Wissenschaft. Das war während der ganzen Zeit sein einziges Statement über seine privaten Beziehungen zum anderen Geschlecht gewesen.

Als ich später in Erfahrung bringen wollte, ob er seither eine neue Beziehung eingegangen sei, wich er aus: Das müsse eine Beziehung der besonderen Art sein, wenn er es sich leiste, ein halbes Jahr ohne sie da oben zu verbringen. Im Interesse der Wissenschaft wäre die Anwesenheit einer Frau auf Moffen sicher begründeter als meine.



Ein anderes Mal, als er gerade unseren letzten gedörrten Lofoten-Hering präparierte - in Sachen Fisch war er der Experte -, stellte Chris fest:

Wir sind hier die einzigen Eskimos. Auf ganz Svalbard sind wir die einzigen. Von ihnen gibt es, von gelegentlichen Walfängermatrosen abgesehen, da oben keinen Knochen.

Es fiel mir auf, dass Chris die Bezeichnung Eskimos gebrauchte. Als ich zu Beginn meines Aufenthalts einmal von Eskimos geredet hatte, war er ziemlich biestig geworden und hatte mir klar gemacht, dass die Indianer sie so bezeichnet hätten. Rohfleischesser! Sie hätten mit dem Namen ihre Verachtung ausgedrückt. Zwischen den Indianern, welche in Stammesverbänden lebten, und den nomadischen Inuit-Familien habe ein ständiger Kleinkrieg um die Jagdreviere geherrscht. Unter den Inuit selbst, erklärte mir Chris, galten die Indianer als Kojotenmenschen, als geschwänzte Vierbeiner mit menschlichem Kopf. Inuit dagegen bedeute nichts anderes als: Mensch.

Mir fiel ein ihm zu sagen: Wären wir hier auf Svalbard die einzigen Eskimos, Chris, dann müssten wir uns wohl fragen, ob auf irgendwelchen anderen Eilandwelten auch Eskimos lebten.

Eine metaphysisch tiefschürfende Frage, antwortete Chris. Wahrscheinlich wüssten wir nicht einmal, dass es noch ein anderes Geschlecht gibt.

Du meinst, die Frau, die uns ja geboren haben muss, müsste von uns geradezu erschaffen werden.

Natürlich. Die Mutter alles Lebendigen. Der Tiere und des Menschen.

Ich weiss, dass eine Frau mich auf diese unaussprechlich freudlose Insel geschickt hat.

Um das Moffen-Ressort eures Blattes zu betreuen, hm? Du kannst sie ja auf Verletzung der Menschenrechte verklagen, empfahl Chris. Die gelten doch auch für Journalisten, nicht?

Wenn du meinst? Ich habe mich bisher darum nicht bekümmert.

Falls sie dich nicht bloss zum Zweck da hingeschickt hat, dass du dir die brutalsten Moffen-Witze einfallen lässt, dann könntest du dich immerhin einmal etwas mehr um die Zusammenhänge bekümmern.

Chris hatte den Hering fertig entgrätet und schnitt ihn in Tranchen, um diese dann mit Worcester-Sauce anzumachen. Mir wurde mit der Zeit kotzübel, wenn ich nur schon an die Sauce dachte. Doch es blieb uns an Zugaben kaum mehr eine Wahl. Wir hatten angefangen auf unsere Reserven an Vitamintabletten zurückzugreifen.

Nach einer Weile brummte Chris: Du kannst froh sein, dass wir zwei die einzigen Eskimos auf Svalbard sind.

Ich fragte ihn, weshalb ich froh sein solle.

Er antwortete: Falls die uns vergessen, weil im Mittleren Osten der Krieg ausgebrochen ist, dann werde ich dich ganz sparsam Stück für Stück verzehren.

Als es nach drei stürmischen Wochen noch einmal aufklarte, kam endlich der Helikopter und holte uns mit unseren Geräten von diesem gottverdammten Kieselfleck, auf welchen die Virenkrankheit der Robben sich noch nicht ausgebreitet hatte. Im Frühjahr darauf erfolgte der Angriff auf die britische Küste. Der atomare Fallout und die Aufstände führten zur automatischen Verlängerung des zuvor verhängten Kriegsrechts über Grossbritannien.  

Das Kriegsrecht ist seither nie aufgehoben worden. Aber einige scheinbar liberale Modifikationen haben es im Prinzip überflüssig gemacht. Es bezweckt nicht mehr die Sicherung von Ruhe und Ordnung, welche damals wenig mehr als die Friedhofsruhe des Ausnahmezustandes war. Inzwischen wurden nämlich die Kräfte des Marktes entfesselt und das modifizierte Kriegsgesetz lässt den gesellschaftlichen Krieg zu. Natürlich stattet es jene politische Gruppe, welche schon zuvor die Macht innehatte, mit den komfortablen Mitteln und Rechten aus, den zugelassenen Krieg erfolgreich zu führen, um ihre Macht und ihre Privilegien zu sichern.

Die ereignislosen Wochen am Ende nagten an meinem Ehrgeiz. Während des Wartens überfiel mich das Nachdenken. Ich begann mir einzureden, ich litte an einer Depression. Vermutlich traf es auch zu, denn es war während der Stürme dunkel geworden. Ich spürte am Ende meines Aufenthalts auf Moffen einen Ueberdruss und so stark wie nie zuvor die Sehnsucht, meine Karriere an die Wand zu pinnen, welche mich in der Londoner Redaktion erwartete. Die mit Devisen zur journalistischen Bewusstseinsläuterung und anstehenden Aufträgen für die Nummern der nächsten Woche vollgesteckte Wand.

Ich ahnte nicht, dass ich gefeuert wäre, wenn ich in die Redaktion zurückkehrte.





3. Notate und Fragmente eines Berichts ohne Zukunft







Die Glasgow-Wynds enthalten eine fluktuierende Masse, fünfzehn bis dreissigtausend. Contain: fassen, festhalten. Militärsprachlich: fesseln, einschliessen. Menschen! Ich sitze bei schlechtem Licht bis über die Ohren zwischen englischen Dokumenten. Es gab sie in Menge, die Wynds, lese ich im stockfleckigen Monthly-Report aus der Mitchell Library. Endlose Labyrinthe enger Gassen, in welche zwischen hochgetürmten Häusern Höfe und Sackgassen einmünden. Die Häuser, nach Raumbedarf aufgestockt, sind schlecht ventiliert und wasserlos. Obwohl sie verfallen, sind sie vollgedrängt von Bewohnern. Drei, vier Familien hausen je Stockwerk und viele Zimmer, als Schlafstellen vermietet, enthalten aufeinander gepackt zwanzig Personen. Quellen furchtbarer Epidemien, Container! Ich blättere Seiten mit grau-schmuddeligen Rändern, die sich aus dem Band lösen, und compiliere.

Die Mitchell Library enthält unter ihrer neoklassizistischen Kuppel 4 Millionen Dokumente. Industrieluft und Meersalz haben eine grüne Patina über die Kupfersegmente geworfen. Die Portale krönen Puttenfriese. Schlanke Säulen mit Akanthuskapitälen tragen die Decken der Säle. Die sitzende Allegorie der Weisheit im stillen Hof hält eine steinerne Schriftrolle auf ihrem Schoss entfaltet. Wissen lagert in den Bibliotheken wie die aus der Erdrinde geschlagene Fossilien in den Vitrinen naturhistorischer Museen. Ihre Bände dokumentieren eine post-diluviale Epoche: die Geistesgeschichte, solange es sie, als etwas Deutbares und Zusammenhängendes, noch gab. Als etwas Lebendiges, bevor sie von Frost überzogen zu erstarren begann.

Im Ausleihesaal stehen, zwischen Zettelkästen aus Eichenholz und düsteren Gestellen, welche mit endlosen Jahrgangsreihen bibliographischer Enzyklopädien angefüllt sind, moderne Arbeitstische, deren schwarze Glastafeln platingraue Bildschirme spiegeln. Hinter einem altertümlichen Pültchen in der Mitte der hohen Fensterfront sitzt, über eine mechanische Schreibmaschine gekrümmt, ein zerbrechlicher Mann. Sein seidenweisses Haar ist zu einer gepflegten Mähne zurückgekämmt und er trägt eine viel zu weite hellgraue Strickjacke, als ob er in diesem Saal sein privates Wohnzimmer eingerichtet hätte, in dem er sich den Spleen einer Schreibmaschine leisten kann. Seine Nase ist zierlich und vornehm gebogen.

Als ich ihm, noch etwas unsicher über die geltenden Vorschriften, mein Bestellformular zur Visierung vorlegte, blickte er mit fragenden Aeuglein durch seine schwarzrandige Brille in das Gesicht eines Ratsuchenden. Dabei reckten sich seine Backen und Kinnfalten aus dem steifen Kragen und ich sah, dass sein Rücken einen Buckel bildete, starr wie ein Panzer. Mit einem Bleistiftstummel deutete er auf die Zeile des Formulars, wo der Zweck der Ausleihe zu deklarieren ist. „Research“ hatte ich dort eingetragen. Ich wusste, dass ich die Forschungsabsicht spezifizieren musste: Entweder forschte ich privat oder im Auftrag einer Institution. Das Attribut „privat“ kann alle möglichen Interessen umschreiben, welche die Aufmerksamkeit zentraler Stellen auf sich ziehen. Die Institution ist dagegen genau zu bezeichnen. Der alte Mann hatte Erfahrung und spürte mein Dilemma. Ich solle doch einfach „scientific“ dazuschreiben, auch wenn es sich dabei um einen Pleonasmus handle, riet er mir aufmunternd mit einem leisen Zwinkern. Dann sagte er und beugte sich schon wieder über seine Schreibmaschine: „Sie wundern sich mit Grund über unsere Umständlichkeit.“ Und plötzlich erhob er sich, indem er ein Blatt von der Walze zog, und schäkerte: „Doch betrachten sie die Usancen als einen Dienst an den Büchern, mein Herr. Gewiss trifft zu: das Buch ist nutzlos geworden. Aber es ist greifbar. Der Mensch wird immer wie zufällig ein Buch aufschlagen und in seine Tiefe hineinsinken wollen.“ Dann schob er das Blatt auf einen Stapel, den er rollte und in die Rohrpost steckte. 

Bücher seien greifbar, aber nutzlos geworden, hatte er gesagt. Er sass wohl seit dem letzten Jahrhundert hinter dem Nussbaum-Pültchen und klapperte auf seiner Underwood. Im ersten Jahrzehnt seit der Jahrtausendwende war es definitiv geworden: Das NET löste die Bibliothek ab. In den Quantenspeichern des NETS lagert zwar heute, in Bites gemessen, hunderttausendmal mehr Information als in den grössten Bibliotheken des 20.Jahrhunderts. THE NET CONTAINS: eine Mega-Enzyklopädie, fluktuierend, global, von der Basis der Nutzer laufend produziert. Es hiess: Das NET sei die Erfüllung der Aufklärung als Progress. Die Information sei nicht mehr fremdbestimmt, lautete die Werbung, sondern in das Eigentum aller übergegangen, permanente Kommunikation. Aber die Schockwelle dieses Evolutionssprungs war vor den Marmorstufen der ehrwürdigen Mitchell-Library verebbt. Sie drang nicht in die Nische, in welcher das Wissen des kleinen Ausleihebeamten unentbehrlich blieb.

Ich hatte das Bestellformular ergänzt und reichte es dem alten Herrn zur Visierung. Da murmelte er, wie wenn er meine Gedanken gelesen hätte: „Die Information ist kommunisiert - und kommun! Und die Geschichte ist in diesem Kommunikationskreis zu Ende wie die verwegene Fahrt der Gallonen im Gallertmeer. Sie wissen“, fügte er bei und hob dabei wieder seinen Kopf, „damals, am Ende des Mittelalters, als die Schiffe in eine ungewisse See stachen und der Buchdruck in Europa gerade erfunden wurde.“

Wozu brauche ich die Bücher? Ich kann zwar im NET herumzappen, mich in die Beliebigkeit der Totalität abstürzen lassen. Verfolge ich aber einen Weg, dann ist kein Schritt mehr dem Zufall überlassen. Das SYSTEM ist die Abschaffung des dialogischen Prinzips. Es hat sich, ohne dass wir es merkten, zur ultimativen Ratio in ihrer hybridesten Gestalt aufgebläht (technische Perfektion purer Hochstapelei!). Ich brauche die Bücher und die Zeitschriften, damit mir das System den Zweifel nicht raubt, damit es aus meinem Leben die Beschwerlichkeit des Zufalls nicht extrapoliert. Ich brauche sie auch deshalb, weil ich der Authentizität ihrer virtuellen Kopien misstraue. Und ausserdem mache ich mir keine Illusionen: Das SYSTEM kontrolliert jede Bewegung, es registriert meinen Weg, es durchfiltert meine Welt, um sie zu absorbieren.
 





Es herrscht eine feuchte Hitze in meinem Dachzimmer. Ich bin durstig. Das bräunliche Rinnsal aus der Leitung riecht faulig. Wahrscheinlich ist wieder ein Pumpwerk ausgestiegen. Die Wasserversorgung ist korrupt. Das ist ein alltägliches Geheimnis. Die Wahrheit hat keine Lobby. Angst besetzt ihren verwaisten Platz.

Ich habe einen Pot of Tea bestellt. Ein schwarzes Zimmermädchen trägt ihn auf einem Plastiktablett herein und bleibt zögernd stehen, weil mein Tisch mit Zeitungen und Büchern belegt ist.

Das Mädchen hat einen schwarzen, kaum knielangen Pli-Jupe an. Sie hat eine adrette Schürze umgebunden und trägt eine weisse Bluse mit frisch gestärktem Kragen. Der Glamour eines Grand-Hotels der vorletzten Jahrhundertwende erstrahlt in meinem miesen Zimmer bei ihrem Erscheinen wie in einem alten Film. Das Rascheln der gesteiften Wäsche ist  bloss in der Vorstellung hörbar. Es ist möglicherweise die Uniform der Bedienten und ihr jugendliches Zögern, welche einen Anflug pädophiler Begierde in mir wachrufen. Weit mächtiger ist jedoch mein Erstaunen über ihren hochgewachsenen, grazilen Körper und den Ewigkeitsblick ihrer ägyptischen Mandelaugen, welche jetzt vom königlichen Emblem einer aufgeschlagenen Zeitschrift und von den Schnörkeln des mit ihm verwirkten Titels, wie vom Anblick eines exotischen Tiers, gefangen sind: THE ROYAL MORNING POST.

Auf mein Kopfnicken stellt sie das Tablett auf meinem ungemachten Bett ab. Sie stammt aus Darfour. Wahrscheinlich hat sie die Heimat ihrer Eltern, welche selbst in England aufgewachsen sind, nie gesehen. Was ist überhaupt Heimat? Gibt es Darfour noch auf der Landkarte?

Der letzte Gentleman unter den Gästen dieses heruntergekommenen Hotels ist vor etwa einer Generation ausgestorben, damals, als die Zimmer an Dauermieter vergeben wurden. Vermutlich war er ein verarmter Kaufmann oder pensionierter Dozent für Elektronik indischer Abstammung. Ich bin kein Gentleman, nicht einmal ein britischer Bürger. Ich bin ein Fremder mit britischen Wurzeln. Mein Visum weist mich als Journalist aus. Ich habe das Zimmer auf unbestimmte Zeit gemietet.

Der Tee ist nicht bernsteinfarben, duftet nicht nach Jasmin. Er hat auch kein Crown-Signet und kein berühmtes Label, das für ihn wirbt. Er ist schmutzigbraun wie das Leitungswasser und wässerig, aber wenigstens heiss und gezuckert geniessbar. Und er hält mich wach. Ich notiere.



Gott bedeutet: Cotton und Stahl. Progress: Hochdruckkessel, Treibriemen, Mechanik, System, Eisenbahn, Flotte, Militärmacht, Kapital. Und Wohlstand: Upperclass-Arroganz, Manorhaus, Gestüt, Clubs mit Marmortoiletten. Indern, welche das Tuch nicht kaufen, sondern selbst spinnen wollten, wurden die Daumen abgehackt.

Die Assoziierten zogen die Kesselventile, legten Brände und Bomben, erschlugen die Knot-sticks. Doch die Plug-Plots brandysüchtiger Baumwollspinner sind gegen den Fortschritt so hilflos wie die puritanischen Waffen des Glaubens, die engines of wonder. John Bunyans Zion, das Endziel des progress of salvation, ist: die City, die Planstadt, die automatische Produktions- und Konsummaschine und die Metropole aller Börsen, das British Empire.

There is no way out of the city of destruction. Kapital zieht Kapital an. Und die Fabriken aus der Namenlosigkeit provinzieller Hörigkeit: Menschen. Dunkle Sklaven aus dem Kongo, aus dem Kamerun, aus Darfour; dann Hochländer, Juden, Iren; dann Asiaten und Afrikaner aus den Kolonien und aus dem Commonwealth. Ihrem Boden entfremdete Mäuler, ihrer hölzerner Räder und Stühle beraubte Arbeitssubjekte, agglomeriert unter der Botmässigkeit des Kapitals.

Was Tätigkeit des lebendigen Arbeiters war, wird Tätigkeit der Maschine. So tritt dem Arbeiter grob-sinnlich die Aneignung der Arbeit durch das Kapital - die lebendige Arbeit in sich absorbierend, als hätt es Lieb im Leibe - gegenüber.  

Die auf der Viktorianischen Insel in Gang gekommene neue Glorious Revolution befreite die lebendige Produktivkraft von der Botmässigkeit des Bodens, um sie im System mechanischer Automaten zu absorbieren und ihrer Lebendigkeit zu entfremden. Doch diese Glorious Revolution hatte etwas hinreissend Tänzerisches und verdrehte dem Barmer Fabrikantenspross die Augen, als er vom Kontinent übersetzend die Themse hochfuhr: „Nichts Imposanteres als die Häusermassen, Werfte, Schiffe, immer dichter und dichter, alles zusammengeschlossen, grossartig, massenhaft. Weltstadt! schrieb Engels damals.“

Auf dem Kontinent indessen schossen Cavaignacs Tireurs die zu einem Zweckbund vereinigten Republikaner und Proletarier zusammen, fegte die wrangelsche Strassenkehrmaschine Barrikaden und Nationalversammlung mit preussischer Intransigenz weg und entlarvte die Solidarität im Namen der Freiheitsrechte als Hohn. Marx rekapituliert in London die Pariser Ereignisse: Revolutionäre Erhebung der französischen Arbeiterklasse, Weltkrieg! Das lächerlich verstiegene Wort zu seiner Zeit spiegelt hochgespannte Erwartungen. Es maskiert die Resignation nur schlecht! Zwei wirkliche Weltkriege wurden im folgenden Jahrhundert um koloniale Märkte, Kohle, Erdöl, Ressourcen, Mythen und Macht geführt. Nicht um soziale Gerechtigkeit: Die Weltrevolution wurde zur Luftspiegelung.

Als über der Clydebank vor einem Menschenalter, das sind fast genau hundert Jahre, die Destillery von Dalmuir aufflackte, steckte sie den Himmel über Glasgow in Brand. Denn über diese Signalfackel peilten die deutschen Bomber die Docks an und klinkten zeitgenau ihre Last aus. Diese stampfte die Werft des Empires in den nebelverhangenen Fluss. Die Bomben rissen die Arbeiterquartiere in Trümmer und verkohlten die Hoffnungen. Blau züngelten die Lagerreserven des creamy-smooth tasting Auchintoshan den Kanal hinab in das Inferno, welches erst nach sieben Tagen verrauchte. Zehntausende zogen fort, der Niedergang der Schwerindustrie hatte begonnen.

Der geteilte Weltfriede verlängerte ihre Agonie. Keine  Friedensmassnahme wechselnder Regierungen stoppte die Serie der Pleiten. Die Zukunft Glasgows wollte in der Mündung seines Flusses verschlicken. Aber der Zusammenbruch und die Aussicht auf einen neuen Krieg war die Stunde des Konzerns. Dem Kalten Krieg folgte der Krieg um die sogenannte liberale Weltordnung. Es war  d e  f a c t o  der Krieg um die Herrschaft über die Reserven des Wohlstands. Der Crescent der Jahrtausendwende war die Revolution der digitalen Vernetzung, der integrierten Systemtechnologie, wie eines der Reizworte lautete, welches die Manager des Aufschwunges in Umlauf brachten. In den Top-Etagen dachten sie in Plusminus-Kategorien wie shares, profit accounts, bites. Die Technologen konzipierten die nanomuskels, stealth-shape-vehicles, tripple-head-missiles, vacuum-bombs und die Perversion der intelligenten Munition.

Der Kapitalismus entfaltete seine alles mitreissende Gravitation nocheinmal am Ende des zweiten Jahrtausends. Die am Anfang des dritten durch die Attacke des Terrors unter ihrer Masse implodierten Zwillingstürme auferstanden als schwindelnde Brillantnadeln über Manhattan. Neue Megapolen griffen mit stählernen Krallnägeln nach dem Himmel. Doch während die Broker die Gewinne hochtrieben, versank der Techno-Krieg gegen den reaktionären Terror der Glaubenskrieger in blutigen Schlächtereien. Der Einsatz atomarer Missile gegen die revolutionäre Vormacht der Weltarmut hob die Weltgeschichte aus den Angeln, setzte die Dialektik ausser Kraft. Die Detonation der Sprengköpfe über den Engines der Weltrevolution, über dem Aufschrei der fanatisierten Massen enthauptete die Metropole aller Börsen selbst. Die schmutzigen Nukes waren die Antwort. Und der vorbereitete Angriff auf Sellafield aus der irischen See.

Der Weltmarkt brach ein, die Produktion wurde gedrosselt. Das soziale Netz zerriss. Unter der globalen Depression zerfielen die Gemeinschaften, teilten sich die Städte in Ghettos. Ihre Bewohner, arbeitslos, von Strassengangs beherrscht und terrorisiert, leben im permanenten Aufstand gegeneinander und gegen die Polizeimacht. Konkurrierende Konzerne haben das staatliche Sicherheitsmonopol aufgespalten. Die Regierung ist der auswechselbare Arm des tiefen Staats. Zwischen Militärs, Polizei und paramilitärischen Verbänden schwelt ein Machtkampf. Das ist der Zustand dieses elenden geschichtslosen Jahrhunderts.



Ich habe den Bogen des Berichts notiert. Aber ich werde ihn nicht ausführen und niemals zu Ende bringen. Sein Material ist in meinem Kopf nicht druckfertig geordnet. Mir fehlt die Passion, welche die Schraube der ökonomischen Analyse an die Verhältnisse setzte.

Damals waren die Verhältnisse real. Marx konnte die Childrens Employment Commission zitieren: Nichts ist das Produkt ihrer Beschäftigung in Geldwert verglichen mit der Verwüstung von Lebenskraft. Und die Verjagung der Highland-Aborigines aus den öden Mooren und Gebirgsweiden des Herzogtums Sutherland zur Förderung der Schafzucht, einer schottischer Woll-Monokultur, erregte den Denker. Doch er verliess sich auf gedruckte Berichte. Weder fasste er ein Herz, die Glashütten und Spinnereien von innen zu inspizieren, noch erwanderte er je das schottische Ödland. Den Sporen des Elends der Glasgow-Wynds gab er keine Chance, in die Windungen ökonomischer Systemkritik einzusickern und sein Denken zu kontaminieren. Die revolutionäre Theorie hielt ihre bildungsbürgerlichen Erzeuger nicht davon ab, ihre Domestiken zur englischen Weihnachtsfeier Truthahn, gekochten Schinken, Plumpudding auftragen zu lassen. Die Verhältnisse waren für Marx gerade so real, dass er sich nicht scheute, das Geld für solche Köstlichkeiten auszuleihen, falls es erforderlich war.





Die Realität ist einerseits verhältnislos geworden, entzieht sich - als Ganzes - der Abstraktion sozialer oder ökonomischer Theorien. Andererseits erleichtert das Angebot des NETS die Verdrängung; es steigert die Versuchung, sich der Herausforderung der Realität zu entziehen. Wer begreifen will, muss sehen. Das heisst aber nichts anderes, als dass er hineingeht, sich dem erosiven Sog der Wirklichkeit aussetzt. Er wird sein Seelenheil riskieren. Und sein Leben. Zweifel holen ihn ein, bevor ihn vorgefasste Konzepte erleuchten. Wenn er Durst hat, kann er sein Wissen nicht verdrängen, dass atomarer Fallout und Arsen das Wasser vergiftet. Durst ist eine Voraussetzung des Lebens. Ist seine Stillung ein Menschenrecht? Kann es Dinge geben, die wir nicht wissen sollen?

Physisch real ist in der Glasgower Nacht das Hundegebell. Sein Echo in den Gallowgates bohrt sich, den Gehörnerv sezierend, ins Hirn. Die Pakistaner halten die verwilderte Rasse in den öden Höfen zwischen den gigantischen Hochhauszeilen ihrer Satellitenghettos zum Selbstschutz. Und sie züchten sie für die Kampfarenen. Mit Wetten ist Geld zu machen. In den neuen Ascots peitschen farbige Jokeys halbwilde Heidepferde. Staub und Schweissgeruch der Pferde sättigen die feuchte Meerluft. Spleenige afrikanische Damenhüte und  Turbans schwärmen im Gedränge um die Wettstände. Drogen im freien Handel, Bier und billiger Sekt putschen die Gewinne der Veranstalter auf und die bleierne Trance belebt die Geschäfte der Buchmacher. Für sie werden die Pferde gnadenlos zu Tode geritten. Wetttickets für Hippodrome und für die blutigen Hundekämpfe sind so gefragt wie Konjunkturprognosen und Börsentipps. Die Städte sind ausgebrannt. Der Belagerungszustand ist permanent. Merry Christmas wird nicht mehr gefeiert. Aber die Protzvillen in den Wohlstandsghettos demonstrieren den Reichtum einer korrupten Oligarchie. Die Börsen bestätigen unbeirrbar das Recht neu emporwachsender Märkte. Gerüchte von Uebernahmen und vereitelten Putschversuchen schaukeln die Aktienwerte hoch. Die Finanzjongleure haben die Welt im Griff, sie haben ihre sattelfeste Lobby, sie sitzen in der Regierung.



Vier Wochen lang habe ich jede Nacht Tee bestellt. Seit drei Tagen bringt das Zimmermädchen den Tee ungefragt nachts um elf auf mein Zimmer. Ich finde dies nicht ungewöhnlich, da das Personal besserer Hotels bei Zeitmietern auf individuelle Wünsche achtet, worauf sich gewisse Förmlichkeiten einspielen. Jedoch überrascht mich die Tatsache, dass der Tee seit vorgestern einen intensiven Jasminduft verströmt. Ausserdem halte ich mein Hotel nicht für eines der besseren.

Meine Notizen füllen pocketgrosse Hefte bis zu den Rändern. Datenlose Eintragungen, Entwürfe oder besser Vorsätze eines Entwurfs. Dieser wird vielleicht einmal vom Netz aufgefangen und mit anderen Entwürfen an virtuellen Ufern angeschwemmt werden. In Fragmente und Partikel aufgelöst wird er dann ins Gegenstandslose abtreiben. Die Halbwertzeit seines Fallouts wird im Vergleich zu jener von Plutonium und Cäsium verschwindend sein.

Ich verdiene mein schlechtes Geld unehrlich mit dem Verfertigen von Reportagen, die in meist zweifelhaften Wochen- und Monatszeitschriften erscheinen. Sie zahlen mir die Honorare unter der Hand für den heissen Balllauf. Die Linien sind verwischt, die Richter bestochen. Ich grabsche nach den zerknitterten Scheinen unter flüchtig hingestreckten Händen und riskiere meine Selbstachtung. Ich lauere wie meine Gegner, die mir zwischen die Beine fahren, auf den Coup. Den verkauft man teuer, vielleicht um das Leben. Das miese Leben eines freien Reporters. Meine Form von Recherchen hat keine Konjunktur. Ich gebe aus Trotz nicht auf, notiere. Die Not macht einen wie mich pathetisch. Vielleicht warte ich ja auf die Gelegenheit mich abzusetzen - wohin? Aber ich halte mich daran, dass abzubrechen sinnlos wäre.

Der Jasminduft widert mich schon am dritten Abend an. Der Tee riecht nach Vorzugsbehandlung. Ich würde bald mit weiteren Vergünstigungen rechnen können und einmal - zu spät wohl - merken, dass ich dafür bezahlte. Nicht mit Geld. Abgesehen von diesem Unbehagen ziehe ich den herben Gunpowder dem süsslichen Jasmin ohnehin vor. Inzwischen kenne ich den Vornamen des Zimmermädchens. Ich habe sie nach ihrer Herkunft befragt und sie sprach von ihren Eltern. Sie sind aus Gorbal nach East End gezogen und leben in einem Schachtelblock hart am Motorway-Kreuz. Die meisten Bewohner ihres Blocks sprechen arabisch. Als Joe gestern den Tee bachte, fragte ich sie, woran sie gemerkt zu haben glaube, dass mir der Jasmintee besser schmecke. Ich dachte, sie wäre verlegen. Sie antwortete bloss, die teure Sorte sei zwar rar, aber das Hotel könne sie beschaffen. Ich fragte, ob sie der Direktor beauftragt habe, mir meine Wünsche von den Lippen abzulesen. Sie lachte und zeigte ihr weisses Gebiss. Wenn es so wäre, dann würde sie mir weiterhin Gunpowder bringen. Sie habe mich wohl richtig eingeschätzt, aber der Direktor bestehe auf Jasmin. Uebrigens würde sie mir noch heute in der Küche Gunpowder holen, falls ich es wünsche. Da ich die billige Sorte nur halbherzig wünschte, sagte ich nein. Doch heute Abend servierte sie mir Gunpowder. Pur, von der feinsten Qualität. Ich hatte keine Chance mehr, die Liebenswürdigkeit ihres Chefs auszuschlagen. Vielleicht war mein Eindruck subjektiv. Ich roch es, fühlte es im Gaumen, im Magen: Auch das Wasser war einwandfrei, Quellwasser aus dem Spey-Tal, weich, torfhaltig, rein. Es wurde seit der Katastrophe von der Company in Tankwagen nach Glasgow transportiert, aber nur für eine Sonderkundschaft, welche dafür seinen Preis zahlte. Inzwischen hat  die Company die Brennereien an der Whiskystrasse in den Highlands aufgekauft. Mit britischem und australischem Kapital. Ich bin schon in Liverpool in den Filz eingedrungen. Es roch darin nach Whisky und Plutonium. Die Spur zerrann, sie wurde vom Filz aufgesogen. Aber ich wusste, wer das seidenglänzende Garn spann.

In der Mitchell-Library habe ich inzwischen die Recherchen wieder aufgenommen. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, aber ich tat es so beiläufig wie möglich. Gestern hat mir der bucklige Beamte im Ausleihesaal mit anscheinend unverfänglichem Datenmaterial über internationale Joint Ventures in der Textilbranche einen Zettel zugeschoben, auf den er einen Satz gekritzelt hatte, den ich als Warnung auslege: „Chain smokers burn their fingers.“



Das Aufleuchten einer Koinzidenz veranlasst mich eine biografische Randnotiz anzuhängen. Vor dem Einschlafen nachts um eins entdecke ich auf dem Deckglas meines Nachttischs ein Flacon. Auchintoshan. Joe wird es hereingeschmuggelt haben. Gestohlen? Macht sie mich auf diese Weise zum Teilhaber kleiner gemeinsamer Geheimnisse? Stellt sie mich auf eine Probe? Die Probe ist kostbar, ich öffne und rieche. Und koste sie ohne Zögern auf der Zunge: echt!

Ich war wohl siebzehn gewesen, als Alphege uns in Lüttich aufsuchte. Unangekündigt, unvermutet. Er gab sich als der jüngere Bruder meines Grossvaters aus, war mein Grossonkel aus Glasgow, von dem ich nichts wusste. So erfuhr ich, woher mein Grossvater kam, meine Mutter hatte darüber nie geredet, ihren Onkel, wenn sie von seiner Existenz wusste, auch nie gesehen. Alphege war bei der Invasion nicht dabei gewesen. Er hatte von der Kunst gelebt und die Royal Army setzte ihn im Krieg an der Heimatfront ein.

Joes Flacon erinnert mich an den Geruch, der über der Wilderness und über dem Dalnottar-Cemetary hängt. Besonders intensiv bei Nebel, draussen in der Umgebung der Destillerie am Rand von Glasgow, wo ich Jahre nach Alpheges Besuch in Lüttich hinzog. Und er erinnert mich an die Erzählung meines Grossonkels.

Als die Destillerie während des Kriegs lichterloh brannte und die deutschen Nachtbomber über  blaue Flammen die Glasgower Werft anpeilten, schlugen auch über London und Coventry deutsche Bomben versengend nieder. Alphege peilte mit seinem Stift die lodernden Skelette der getroffenen Gebäude Londons an, denn die Royal Army hatte ihm den Auftrag erteilt, auf Londons Dächer zu steigen, um den Brand der City zu malen.

Alphege, der mir diese Geschichte erzählte, hatte die Kränkung weggesteckt, dass die Militärverwaltung über die unter der Emphase des riskanten Kriegsabenteuers entstandenen Produkte seiner Kunst verfügte. Er erwähnte wie beiläufig, die Aquarelle seien heute im Commenwealth War-Museum von Canberra archiviert. Sie waren also in registrierten Ziehschubladen in irgendwelchen klimatisierten Kellerräumen des Museums an der pazifischen Küste versorgt, um dem öffentlichen Blick entzogen zu vergilben. Ich spürte, dass ihn der Entzug schmerzte, wo er doch gezwungen war, den konventionellen Geschmack der Londoner Gesellschaft zu befriedigen, sofern er von der Kunst leben wollte. Dieses nächtliche Experiment aber hatte ihn zu einer Werkserie befreit, welche den dokumentarischen Charakter kühn verleugnete.

Mein Grossonkel hatte als Reporter auf seine Weise den Krieg, den er künstlerisch dokumentieren sollte, überlebt. Ich sollte ihn nicht wieder sehen. Als ich nach dem frühen Tod meiner Mutter, sie starb an Gebärmutterkrebs, nach Glasgow zog, war Alphege bereits tot. Er hatte sein kleines Atelier in East-Dalmarnock mit einem Restbestand an Bildern liquidiert und mir ein kleines Vermögen vererbt, das ich für meine Ausbildung brauchte. Ausserdem vermachte er mir ein Ölporträt seiner Mutter. Und einen Brief meines kriegsverschollenen Grossvaters, welchen ich seither immer bei mir trug.