Sonntag, 25. August 2013

13. Von heissen Öfen, coolen Datenpools und ausgepowerten Towerblocks









Der nächste Sonntag ist wieder trüb. Als ich abends am Hangfuss den Aufgang zur Station erreiche, umschliesst mich Dunkelheit. Zwischen Laubbäumen und Gestrüpp hängt ein beissender Geruch von Falllaub und Hundekot. Die Treppe ist glitschig. Auf dem moosigen Pflaster ihrer Stufen lagert eine Schlammschicht. Seit dem Frühjahr ist sie wohl nicht mehr geschrubbt worden.


Willkommen in Gatelochport. Die Schirmlampe über der angerosteten Tafel hat kein Licht, wahrscheinlich ist ihre Birne ausgebrannt. Die Schrift kann ich zwar halbwegs entziffern, die Begrüssung scheint mir indessen auf der verkehrten Seite der Trassee-Unterführung angebracht. Doch ich sehe keinen Grund, darüber nachzudenken. Im Halbdunkel markiert immerhin der weisse Stabzaun auf den Mauerbögen den Durchgang zur Bahnsteigrampe.  

Das Bahnhofsgebäude ist ein schmaler Pavillon im britischen Kolonialstil. Eine Art von indischem Kiosk unter einem apart schwebenden Fusswalmdach. Der Architekt hat das zierliche Monument in ein ziegelrotes Kiesbett gesetzt. Säuberlich abgehoben sollte es auf der Plattform neben dem Geleise stehen. Seine bescheidene Eleganz wirkt im verwahrlosten Umfeld allerdings arg heruntergekommen. Als sommers täglich Kurgäste in Gatelochport eintrafen, wurde der Perron von einem blau uniformierten Bahnbeamten mit goldenen Tressen wohl jeden Morgen geharkt. Heute schiesst Unkraut aus Kies und Mauerfugen. Eine eingeknickte Gleisdraisine vor dem Bahnhof ist vom Museumsstück zur Gartenlaube verwildert.

Im Schalterraum ist Licht. Ich stehe vor der Bahnhofsuhr. Am römischen Zifferblatt frisst Rost. Unter der Tafel mit dem roten Pfeilsignet der Bahngesellschaft hängt ein Anschlag:

Achtung! Sie haben eine CCTV-Zone betreten. Die 24-Stunden CCTV ist im Aufnahmebetrieb zum Zweck des Kundenservice, der Verbrechensverhütung und der öffentlichen Sicherheit.

Ich kann einen Lacher nicht verklemmen. Der Stil ist so zeitlos wie aus der Zeit gefallen. Wenn etwas politische Wenden überlebt, dann sind es die Satzagglomerate bürokratischer Verordnungen.   

Da ich ein Ticket benötige, trete ich in den weiss getünchten Schalterraum. Seine Beleuchtung ist grell. Weder hier noch im Office ist ein Mensch. Ich setze mich auf die Holzbank. Auf der Zufahrt draussen knallt eine Autotüre und ein Wagen fährt weg. Dann höre ich Schritte auf dem Kies. Jemand wartet auf dem Bahnsteig und brummelt vor sich hin.

Die Züge auf der Strecke sind unpünktlich. Verspätungen sind die Regel. Wenn ein Zug von Mallaig ankommt, ist eine halbe Stunde Verspätung und mehr nicht ungewöhnlich. James hat mir eine Handvoll Railcoins zugesteckt. Ich werfe eine in den Automaten und klicke ein Ticket nach Glasgow-Central. Dann setze ich mich wieder. Das Licht schmerzt. Ich schliesse die Augen.

Stichwort Eastend, Ecke John-Knox-Road. Montagabend. Andrew bestellt mich durch Juko zum Eingang des viktorianischen Totenreichs. Weshalb treffe ich ihn nicht in einem der Pubs im Zentrum, im Cobra oder in der Pinte von St.Enoch bei den Obdachlosen? Eintauchen ins Banale, untertauchen im Biotop der harmlosen Abnormitäten! Könnte man sich fallen lassen in das Urvertrauen, dass alles Ungeheure am Ende gut ist? Im Glaubensmotto der Grossmutter auf Uist sammelt sich die Erfahrung von leidgeprüften Seeleuten und Bauern. Soll man sich zurückziehen, ein Boot bauen oder wieder flott machen wie der Enkel? Wie James?

James ist kein Insulaner. Die Ambition des Frontreporters frisst seine Seele. Er ist ausgebrannt und altert zäh. Das Boot ging auf Grund. Das Boot ist die Garantie für seine Ungebundenheit. Seine Überlebensgarantie. James der Ketzer. Der Tüftler. Der rückhaltlose Perfektionist. Sein Ketzertum ist vielleicht eine Insel-Erbschaft. Aber James ist auch ein rückhaltloser Pessimist. Ein Einzelgänger. Für unsere Sache habe ich ihn nicht gewonnen. Trotzdem weiss ich: Wenn es drauf ankommt, wenn alles daran hängt, dann ist er dabei.

Sechs Tage Zimmerarbeit an James Arche fährt höllisch in die Knochen. Und heute kam wieder die Sintflut. Ich könnte der Müdigkeit nachgeben und in einen Halbschlaf sinken. Könnte mir augenzwinkernd die Wartezeit stehlen lassen. Der kurze Pfeifton, durch den der Zug sich ankündigt, würde mich rechtzeitig wecken. Ich horche auf. Ein Schauer ergiesst sich jäh auf das Zinndach. Er hält an und ich horche mit geschlossenen Augen entspannt in den Trommelwirbel.

Doch mit einem Scharrgeräusch schwingt die Türe in mein meditatives Schweben. Ein schwarzer Schalenkoffer wird hereingeschoben. Ihm folgt ein Junge. Er trägt eine marineblaue College-Uniform und buckelt einen prallen Rucksack. Mit dem Koffer blockiert er die Türe und geht mit breitem Schritt zum Schalter.


Er beugt sich über die Theke vor und ruft ins Office:


Wo zum Teufel ist der Service?


Ein Beamter tritt aus dem Nebenraum, späht durch die dicken Gläser seiner Hornbrille.


He! sagt der Junge: Wenn mein Zug nicht bald ankommt, habe ich in Glasgow keinen Anschluss mehr nach Dumfries oder habe ich etwa?

Du kannst doch die Hauptstrecke nehmen und von Lockerbie locker den Bus rüber.

Da komme ich zu spät, wenn der Bus überhaupt fährt.

Was kann ich da ändern, wenn du keinen früheren Zug nimmst?

Den Bummel-aber-sicher-Zug führt ihr ja gar nicht im Internet.

Den musst du in deinem Kopf anklicken, Querkopf!


Der Junge kehrt sich zu mir hin und ruft aus, als ob ich ein Publikum wäre:


Wenn der Zug mal gar nicht mehr ankäme, dann würden die Schalterficker nicht einmal nachfragen, warum er ausbleibt. Die verstehen ja nichts als Bahnhof.


In diesem Augenblick ertönt von Whistlefield her der Pfiff. Asthenisch, doch diesmal anhaltend. In der langen Kurve von Whistlefield ist dies, zumal bei Regen, vielleicht Vorschrift.


Na, sagt der Bahnbeamte und geht auf den Fahrsteig hinaus. Nicht zwei Minuten später schnarren die Bremsen und der Zug steht im Platzregen still.


Der Junge schiebt hinter mir seinen Koffer an Bord, zerrt ihn über die Gangschwelle und lässt ihn bei der ersten Bank stehen. Obwohl der Wagen fast leer ist, platziert er mir gegenüber seinen mächtigen Rucksack und setzt sich daneben.






Lewis


Ich täusche mich nicht, es ist der Junge, welcher am Sonntagmorgen vor einer Woche von der Rasenterrasse seiner Mutter nachwinkte, als diese vor der Garage ihren Sportwagen bestieg und davonfuhr. Ich schaue ihm ins Gesicht.


Der Junge spricht mich sofort an:


Du hast doch die Woche über am Strand zusammen mit James an der MIST gearbeitet.


Er kennt James und er kennt den historischen Namen des Boots, das James bloss seine Lady nennt.


Ich habe euch beobachtet. Letztes Wochenende schon. Tolles Boot. Ist es bald wieder seetüchtig?

Es ist dicht. Aber in der Steuerkabine ist noch einiges zu tun. Und unter Deck.

Die Ausstattung. Ziemlich altmodisch. Ist der neue Bordradar schon installiert?

Er wird geliefert.

Ich habe vor drei Wochen drunten zugeschaut. James hat mir einen Kaugummi gegeben. Der war kotzscharf. James hat gelacht, als ich ihn ausspuckte. Aber abends hat er mir einen alten Seefunkempfänger geschenkt. Telefunken. Der sei für das Boot nicht tauglich, sagte er, aber noch brauchbar. Er hat nur gezwitschert. Vater hat die Frequenz einer Vanguard eingestellt, welche in den Atlantik hinausgelaufen war. Wir hörten einen Brummsound wie von einer tiefen Basssaite, aber alle anderen Saiten schwangen mit, es waren mindestens fünf Töne und ein langer, ganz, ganz langsamer Takt. Ich habe lange hingehört. Vater sagte, dass wir einen Decoder bräuchten, um den Funkverkehr mitzuhören. Den hätte aber nur das Kommando.

Dann arbeitet dein Vater auf der Navy-Werft?

Ja. Er ist Physiker und Ingenieur.

Er munitioniert sicher die Tridents mit der Bombe.

Klar. Er justiert nicht gerade die Schrauben.

Dann macht er die Zielprogrammierung.

So ungefähr.

Todsicher präzise. Meinst du doch, wenn er Navy-Ingenieur ist.

Bestimmt. Aber mit mir und Mom spricht er nicht über seine Aufgabe.

Verständlich.

Weisst du, weshalb die MIST auf Grund tauchte?

Sie war nicht mehr dicht. Da dringt Wasser ein, wenn man nicht zuschaut. Sie ist ja kein U-Boot.

Mein Vater hat es mir anders erklärt. Sie ist eine alte Holzkonstruktion. In ihrer Kategorie so gut wie ein U-Boot, sagte er. Aber während der Stürme überdreht sich die Kette. Wenn man nicht zuschaut, zieht sie die Yacht herunter, bis Wasser über Deck einbricht.

Woher weiss das dein Vater?

Das weiss man doch.

Glaubst du, James hat sein Boot im Stich gelassen?

Ich weiss nicht. Er war oft lange weg. Und dann die Stürme. Sie marschierten im Frühling reihenweise an.

Wo war er denn?

James? Weiss nicht. Er hat in Gatelochport wenig Kontakt. Und seine Frau war nicht mehr da. Du kennst ihn, frag ihn doch!

Wir kennen uns nicht so gut. Ich bin ja nur so eine Hilfskraft. Aber du! Wohin fährst du denn noch in dieser Nacht? Es wird spät, bis du in Dumfries bist.

Pa hat mich auf die Station gebracht. Ich hab viel Gepäck, die Urlaubswoche ist vorbei, ich fahr zurück ins College.

Was willst du denn mal werden?

Ich? Ingenieur.

Für Schiffbau?

Nein. Ich werde Automobile bauen.

Wieso gerade Automobile?

Am Wochenende nimmt mich der Vater immer auf Autorennen mit oder auf Training-Camps. Wir sind meistens in der Box, bei den Rennmonteuren. Oder dort, wo sie die heissen Öfen testen. Da kann ich mithelfen und in die Motoren reinschauen.

Muttern anziehen beim Reifentausch?

Auch mal.

Da atmest du den Spritdunst und den Rubberqualm.

Ja. Das ist Parfum! Und wenn die Boliden in die Kurve röhren,  wieder hochbrummen und auf der Strecke hybrid vorbeizischen, das ist Musik.  Als der Wagen unseres Teams siegte, haben mir die Monteure auf die Schulter geklopft und ein Bier in die Faust gedrückt. Wir haben gefeiert. Unsere Elektrokomponente hatte den Durchbruch geschafft.

Dann gehörst du zum Team?

Mein Vater ist Sponsor bei Sir Williams Formula 1, weisst du. Er investiert in den Nachwuchs der Champions. Macht sein Anwärter Karriere, dann ist Pa finanziell beteiligt.

Deine Mutter ist an Wochenenden wohl viel allein. Oder kommt sie auch mit?

Nein. Mom hat ihre Freunde. Sie arbeitet unter der Woche in Edinburgh, weisst du. Dort betreibt sie eine Galerie. An den Wochenenden geht sie auf Ausstellungen oder einkaufen. Dann sind die Auktionen, in London oder Brighton.

So warst du ja allein, wo beide Eltern arbeiten. Wie schlägst du die Zeit tot, wenn du eine ganze  Urlaubswoche zu Hause verbringst?

Falls auch meine Kollegen Urlaub haben, bin ich abends oft an Parties. Mom will das. Übrigens, sie nennt mich Bill the Rabbit. Ich weiss, ich hab abstehende Ohren und das linke steht etwas mehr ab.


Der Junge strahlt mich an:


Wenn ich laufe, sagt Mom, dann mache ich immer eine Kurve nach links, weisst du. Sie sagt, ich müsse halt damit leben.


Er schaut mir mit einem breiten werbenden Grinsen ins Gesicht, dann etwas verlegen zum Fenster. Der Zug fährt gerade durch einen Tunnel. Da blickt er auf und sagt:


Aber ich habe trotzdem eine Freundin.

Ist sie hübsch?

Wir treffen uns an Parties und tanzen. Da hat jeder ein Girl. Ohne eine feste Beziehung wirst du ignoriert, das geht nicht. Sie ist zwar älter als ich, aber aus guter Familie. Und sie sieht toll aus. Sie schielt nicht wie die von Tob und sie hat feine weisse Hände. Beim Tanzen legt sie die Rechte mit dem goldenen Armreif auf meine Schulter.

Besucht sie dich zu Hause?

Nein, sie ist viel beschäftigt. Wenn ich ihr telefoniere, hat sie immer einen Termin. Ich zwar auch. Ich wollte sie am Samstag zum Camp des Schiessclubs einladen, wo wir trainieren. Aber sie hatte Textprobe für die Prüfung an der Schauspielschule.

Sie probt Rollen und du gehst schiessen?

Ja. Sie hat einmal gesagt, für Spezialaufnahmen zu einem Film würden sie einen Stuntman brauchen, der schiessen könne. Willst du meine Waffe sehen?

Hast du sie an einer Traggurte stecken?

Ich habe zwei. Aber eine davon muss griffbereit sein.


Er greift mit der echten Hand unter sein Jackett und zieht eine kurze Handfeuerwaffe:


Eine SMART. Kleinkaliber. Sie ist leicht, aber sie schiesst Serie.

Ist sie geladen?

Ja. Aber gesichert. Hier ist die Blockierung.

Kannst du den Colt einfach ins College mitnehmen?

Klar, wir haben strenge Kontrolle. Waffen, Drogen! Wenn wir das College betreten, geben wir unsere persönlichen Waffen, sofern wir sie dabei haben, am Eingang ab. Sie werden verwahrt. Jeder unterschreibt den Depotschein. Für die Kontrolle ist die College-Polizei zuständig. Sie schickt jeden durch den Scanner. Aber wir werden im College auch geschult: Umgang mit der Waffe, Feinderkennung, Teamgeist, Sicherheit und Verantwortung. Schulung und Training leitet der Kommandant.

Wie erkennt man denn einen Feind?

Es gibt doch Leute, denen du von Natur misstraust. Die haben auch dieses Profil, dass sie fremdes Gedankengut vertreten, das mit der nationalen Überzeugung unverträglich ist. Sie verachten auch unsere Staatsorgane und Gesetze und machen sich durch geheime Vorbereitung von Anschlägen verdächtig. Sag nicht, dass du das nicht weisst!

Woran erkennst du denn einen Staatsfeind, wenn er sich dir gegenüber als ein solcher nicht durch Parolen und sein Gerede zu erkennen gibt?

Du bist doch schlau! Du kennst ihren Umgang, sie leben in ihrem Milieu und dealen auf einem schwarzen Markt mit allem Möglichen. Es gibt dort Drogen und auch Waffen. Zu ihrem Milieu und auch sonstwo, wenn sie in Gruppen auftreten, hältst du Distanz.

Echte Terroristen leben doch nicht in Ghettos wie Zuchtfische im Bassin. Ausserdem operieren sie nicht immer in Gruppen, es gibt auch Einzelgänger.

Klar, das sag ich ja. Du kannst zum Beispiel ein Muslim sein und in einem muslimischen Stadtteil leben, aber du bist kein Terrorist. Auch ein getaufter Christ kann ein Terrorist werden, ganz gleich, ob er ein Weisser ist oder von einer anderen Hautfarbe. Einer kann zum Terroristen mutieren ohne dass man es an äusseren Anzeichen erkennt. Aber er hat seine heimlichen Verbindungen. Die legt eine Datenanalyse bloss. Das ist Spezialwissen.  Man gehe da multidimensional heran, sagt unser Kommandant. Er sagt aber auch, dass sie nicht immer organisiert sind, sondern es gibt unter ihnen einsame Wölfe.

Dann kannst du doch nie sicher sein, ob du es mit einem Terroristen zu tun hast, wenn sein Milieu und sein Umgang ihn nicht definieren.

Ob du das geografisch verstehst oder nicht, beides ist richtig. Das ist Sicherheitssache. Darum müssen wir uns Respekt verschaffen. Jeder muss es wissen. Ich bin siebzehn und trage eine College-Uniform und ich bin möglicherweise bewaffnet, weil ich dazu berechtigt bin. So hältst du die Bedrohung auf Distanz. Das haben wir gelernt. Im Notfall - aber nur dann! - schiessen wir.

Dann hast du einen persönlichen Waffenschein.

Natürlich. Zum Selbstschutz. Das steht darauf ganz genau. Und mit siebzehn bin ich ausgebildet und zum Tragen einer Waffe legitimiert.

Gibt es denn solche, die haben Waffen ohne Waffenschein?

Du bist doch nicht naiv, dass du fragst!

Und du bist kein bisschen naiv, denn du verstehst, dass meine Frage so lautet: Gibt es welche, die kriegen keinen Waffenschein?

Natürlich, wie auch? Du kriegst ihn schliesslich nur, wenn du Staatsbürger bist und dich zu offiziellen Kursen verpflichtest und du hast ein Diplom und bist Mitglied eines Clubs. Dass du das nicht weisst!

Das war bloss eine Probe. Dass du Leuten über dreissig misstraust, ist völlig richtig. Ich denke du hast die Probe bestanden!







Der Junge steckt seine SMART wieder in die Traggurte unter seinem Veston. Er lacht mich eine Weile liebenswürdig und etwas verlegen an. Dann fragt er:


Hast du auch eine Waffe?

Natürlich. Zum Selbstschutz.

Ich hab es doch gewusst. Dir misstrau ich nämlich nicht.

Ich sehe, du hast über der Brusttasche deiner Uniform ein Wahrzeichen aufgenäht. Da ist am Rand eine Devise eingeprägt.

NISI DOMINUS FRUSTRA.

Kannst du sie mir erklären?

Klar. Das ist lateinisch und bedeutet, dass wir dem Herrn dienen, weil er gut und zugleich mächtig ist. Beides zusammen, das eine nicht ohne das andere. Und darum will er Ordnung, denn ohne die Ordnung ist das Chaos. Das bedeutet FRUSTRA! Wenn wir zum Beispiel etwas Verdächtiges oder Unordentliches beobachten, dann melden wir es unserem Kommandanten. Das ist unsere Dienstpflicht. Darauf haben wir einen Eid abgelegt.

Aha, ich sehe, man hat euch den Sinn und die Methoden der Terrorbekämpfung lehrplangemäss beigebracht.

Sicher. Wir haben auch Sonderinstruktion.

Als Schulfach?

Der Kommandant unterweist uns im Fach Staatskunde speziell zum Thema Führungseinsatz und Sicherheit.

Dann weisst du wohl genau Bescheid in den Methoden, welche zur Überwachung der gesamten elektronischen Kommunikation zum Einsatz kommen, nicht?

Natürlich. Ich habe auch den freiwilligen Sonderkurs in Scan- und Kodifizierungstheorie
absolviert.

Und die Prüfung bestanden?

Ja, wir haben vom Kommandanten an der Abschlussfeier auch ein Diplom gekriegt.


Der Junge greift mit Daumen und Zeigfinger in den Schnitt seines Revers und hält mir seinen Ausweis unter die Nase. Am Kopf des Ausweises ist das Logo. Drei durch eine Mauer verbundene Türme, dahinter das Andreaskreuz und darum das Motto: NISI DOMINUS FRUSTRA. Ich überfliege den Ausweis. Dann schaue ich dem Jungen in die Augen. Sie glänzen. Der Blick des Musterschülers ist auf mich gerichtet. Er liest in meinen Augen die Anerkennung, welche er erwartet. Doch über den Wimpern und um den leicht geöffneten Mund erspüre ich einen Schatten von Scheu. Ich gratuliere, sage ich. Augenblicklich ist mir speiübel. Als der Teenager (ich brauche das Wort noch!) auf der Dachterrasse der Garage im Pyjama gehorsam, aber gequält und etwas wehleidig seiner Mutter nachwinkte, hatte ich Mitleid mit ihm. Ich empfinde es auch jetzt nicht weniger, obwohl ich weiss, dass er mich an seinen Kommandanten verpfeifen und der Security ausliefern würde, wenn ich ihm dazu Gelegenheit böte Verdacht gegen mich zu schöpfen.


So, sage ich, du heisst also Lewis Allen. Ich habe dich noch gar nicht nach deinem Namen gefragt, Lewis, und du hast gleich zwei schöne Namen.

Mein Vater spricht Lewis immer deutlich aus und betont das -iu- so ganz besonders ernsthaft.

Magst du das etwa nicht?

Oh, doch. Ich meine, dass er seinem Freund und Vorbild die Ehre antut, denn er hat mich nach dem Champion Lewis Hamilton taufen lassen. Pa hat es mir verraten. Natürlich ist der Name  eine grosse Schuhnummer, um sich ihm verpflichtet zu fühlen, aber ich verehre Lewis auch. Meine Mom nennt mich dagegen Gigi, weisst du, das kommt von Luigi. Mom hat in Cannes gelebt. Sie spricht französisch ebenso fliessend wie ihre Muttersprache Italienisch, aber das Englische findet sie abscheulich. Also meine Eltern haben sich an der Riviera kennengelernt. Lewis Hamilton ist jedes Jahr Ehrengast in Monaco. Letzten Mai hat mich mein Vater zum Formel 1-Rennen nach Monaco mitgenommen und Lewis vorgestellt. Pa hat das Patent an einer verbesserten Version der Turbozündung, welche die Beschleunigung verkürzt. Mom interessiert sich nicht für die technischen Details von Hybridmotoren, sondern unterhält sich bei den Event-Parties in Monaco mit reichen Kunden. Oder sie tourt im Ferrari eines Freundes zu Auktionen. Sag und wie heisst du?

Jake.    


Im Umgang mit Menschen, welche ich nicht persönlich kenne, stelle ich mich seit Jahren mit wechselnden Pseudonymen vor. Ich halte mich daran, selbst wenn sie mir vertrauenswürdig erscheinen und ich keinen Grund sehe, meine Identität zu tarnen. Natürlich unterlasse ich Lewis gegenüber die Bemerkung, dass Hamilton mein Jahrgänger ist. Dass ich mich für Hamilton und Rennfahrerkarrieren ausserdem nie interessiert habe, auch nicht in Lewis Alter, brauche ich nicht zu erwähnen. Lewis ist wohl anständig genug, mich nicht nach meinem Alter zu fragen. Er redet gern, doch er ist nicht auf eine aufdringliche Weise neugierig. Ich könnte wie Hamilton sein Grossvater sein. Daher und auch weil ich mit James zusammen das Boot flicke, bin ich für ihn wahrscheinlich eine natürliche Respektsperson. Würde er sich nach meinem Beruf erkundigen, dürfte ich allerdings nicht verlegen schweigen. Bootsbauer würde ich wahrscheinlich antworten. Und Allrounder würde ich beifügen, was heute in gewisser Weise auch zutrifft. Weiteren Fragen komme ich mit der Gegenfrage zuvor, von der ich mir Einblicke in das elitäre Erziehungsregime einer vom Staat exklusiv geförderten Privatschule erhoffe:


Lewis, könntest du mir einen Beruf nennen, welchen du bestimmt nie ausüben willst?

Tiefseetaucher.


Lewis antwortet entwaffnend schnell. Ich schüttle den Kopf, weil ich seine Antwort ebenso überraschend wie kurios finde. Kaum verwundert wäre ich gewesen, hätte Lewis spontan geantwortet: Turnlehrer. Oder auch: Rennfahrer. Lewis hat alles andere als das Zeug zum Athleten oder Draufgänger. Es scheint mir jedoch abseitig, Tiefseetaucher für eine akademische Karriere überhaupt in Betracht zu ziehen. Wie er denn darauf komme, will ich wissen. Lewis erklärt, seine Klasse habe in diesem Schuljahr einen Berufswahlkurs besucht, den gleichfalls der College-Kommandant erteile. Sein Klassenkollege Tom wolle Meergeologe und Tiefseetaucher bei der Marine werden. Der Kommandant habe Tom schon als Anwärter zur Teilnahme an einer studienbegleitenden Expedition vorgemerkt, welche neue Offshore-Technologien zur Erforschung von Rohstoffquellen erprobe. Soviel er wisse, gehe es um seltene Metalle in den Tiefseesändern des afrikanischen Festlandsockels. Toms Vater, ergänzt Lewis, arbeite in der Forschungsabteilung eines Rohstoffkonzerns. Spannend, sage ich. Weshalb er den Job eines Forschungstauchers ausschliesse, wenn er doch gefördert werde. Weil er Angst vor der Tiefe habe, bekennt Lewis offen. Der Job sei zwar gut bezahlt, aber er verlange Todesmut, an dem es ihm fehle.

In Lewis Geständnis verrät kein Unterton, dass er seine Disposition als Blamage empfindet. Der Kommandant habe gesagt, auch das Worldwide Web sei im Grunde ein Meer und sein Rohstoff die Information. Wer gleichsam als Taucher in den Tiefen des Webs diesen begehrten Rohstoff fördere, benötige eine überdurchschnittliche Kombinationsgabe. Nur Ausgewählte verfügten über das Profil, die dazu nötigen Instrumente zu entwickeln. Es gehe heute nicht mehr nur darum Codes zu entschlüsseln, habe er gesagt, oder Beziehungsnetze einzukreisen um Personen zu identifizieren, welche zum Beispiel Terroranschläge planten.


Weisst du, sagt Lewis mit einem verschwörerischen Lächeln - eine schwer im Zaum gehaltene Erregung zuckt in seinen Mundwinkeln -, weisst du, der Kommandant hat uns in das grosse Projekt eingeweiht.


Lewis erzählt. Das Netz dringe in die Psyche der Menschen ein, habe der Kommandant gesagt. Mit Hilfe von Psychologen entwickelten Internet-Spezialisten solche komplexen Algorithmen, welche automatische Psychoprofile von Personen erstellen könnten, erklärt er mir freimütig. Das sei seit mehreren Jahren im Gang und neuartige Personenraster seien schon erfolgreich erprobt, habe der Kommandant gesagt.

Auf meine Frage umschreibt mir Lewis den Zweck des Projekts. Die Devise des Wahrzeichens an seinem Revers erklärt, was er mir sagen will. Mit den Mitteln, welche dem Terrorismus heute zur Verfügung stehen, werde er die Gesellschaft ins Chaos hineinreissen, weil er es darauf angelegt habe. Also müsse man die Menschen zur Ordnung und zur Wachsamkeit erziehen. Wenn man sie lenken wolle, dann müsse man ihre Seele kennen, ihre Bedürfnisse und Schwächen erforschen, genauso, wie man einen Körper auf die Symptome einer Krankheit durchleuchte, habe der Kommandant gesagt. Diesem einzigen Zweck, nämlich dem Schutz der Ordnung - und das heisse nichts anderes als zur Sicherheit der Menschen und der Gesellschaft - diene die Auswertung der Daten.

Ja, eine solche Aufgabe zu erfüllen könne er sich allerdings für seine Zukunft vorstellen, meint Lewis und schaut mir mit hellen Augen eine Weile ins Gesicht.

Dann sagt er, er wolle mir eine Geschichte erzählen. Sie handle von einer persönlichen Erfahrung. Ja, die Entscheidung über seinen Beruf sei offen. Er könnte auch Datendiagnostiker werden. Er wolle, sagt er, dass ich verstehe, weshalb er über seine berufliche Zukunft noch unentschieden sei, und er gibt mir mit seinem Blick zu erkennen, wie wichtig ihm diese Geschichte ist:    


Im letzten Mai hat Jack Coltrane Pa und Mom in Antibes zu einer Seeparty eingeladen. Sie durften mich mitnehmen, ich war dabei. Jacks Yacht ist wie ein Raumschiff und so gross, dass zweihundertfünfzig Gäste an weissgedeckten Rundtischen in ihrem Kristallsaal Platz hatten. Wir blickten durch das Panzerglas des Saals von der Bucht her auf die blendende Fassade der Luxusresidenz. Sie erhob sich mit ihren Terrassen und hängenden Gärten über den Strand. Und Polizeiboote umringten die Yacht. Du musst dir vorstellen: Alle Gäste gingen durch die Scanner am Eingang der Residenz und wurden noch einmal kontrolliert, als sie über die Brücke das Beiboot bestiegen, welches sie gruppenweise zur Yacht brachte.

Die Buffets im Kristallsaal waren blau beleuchtet. Jack hatte Elvis Winterfeldt mit seiner Mannschaft engagiert. Elvis hat die Delikatessen kreiert. Eine dicke Kröte knurrte in meinem Magen, als ich die Gänseleber mit dem silbernen Puderüberzug und den kandierten Sonnenblumenkernen auf meinen Teller lud. Die Eisknusperillos mit Safranschaum daneben sahen im blauen Licht aus wie die bunten Krustentiere, an welchen ich mich in der Marina nicht satt sehen konnte. Aber deshalb erzähle ich dir die Geschichte nicht, sondern weil… Verstehst du, spätnachts landete nämlich der Helikopter unseres Innenministers auf dem Hinterdeck der Yacht. Zu seinem Empfang mit Champagner ging ein fantastisches Feuerwerksspektakel los. Das Gerücht ging unter den Gästen herum, der Minister sei wegen dem Attentat am selben Tage nach Monaco geflogen.

Du weisst: Um Mittag des Vortages explodierte während dem Rennen ein britischer Bolide. Mit dem jungen Piloten, Charly Cross, riss die Explosion einen weiteren britischen Rennfahrer, sechs Leute von Charlys Mannschaft und mehrere Zuschauer in den Tod. Bis dahin war nicht klar, was geschehen war. Der Bolide hatte keine Bombe an Bord, sondern möglicherweise ein hoch explosives Gemisch im Tank. Zuerst dachte man an einen tragischen Unfall und rätselte. Doch bald sprach man von einem Racheakt, von der Mafia. Abends gab es Spekulationen, Insider müssten den Stoff reingefüllt haben, wahrscheinlich Komplizen einer terroristischen Organisation. Der Innenminister kam daher nachts an Bord und hielt vor den Gästen eine Rede. Du musst wissen, viele von denen waren Grossinvestoren oder Manager der Rennorganisation und der Teams. Der Minister versicherte den Gästen, dass unsere Staatsorgane mit der französischen Polizei die Spuren gesichert hätten. Die Security werde die Terroristen - damit gab er den Hintermännern einen Namen - jagen und verhindern, dass sich Anschläge gegen die Organisation der Rennen je wiederholen könnten. Die Security sei im Begriff, den Kern der bekannten Terrorzelle zu spalten, verkündete der Minister.







Lewis hält inne und schaut lange mit träumerischen Augen und geöffneten Lippen zum Fenster hinaus auf das träge Wasser der Clydemündung, welches das letzte Licht der Dämmerung spiegelt.


Hat die Security die Auftraggeber des Anschlags und ihre Komplizen gefasst? frage ich.

Ich bin sicher, dass sie das Versprechen erfüllen. Sie können nichts verraten. Sie gehen planmässig vor. Sie haben die Schlüsselfiguren im Visier. Sie warten den entscheidenden Moment ab, dann schlagen sie zu. Ich möchte es genau wissen.

Das Programm rollt. Bestimmt. Lewis, hör mir zu, ich hoffe, dass du heute Nacht rechtzeitig in Dumfries ankommst. Die Lichter der Towerblocks von Yoker tauchen gerade auf, schau, und ich habe mich über deiner Erzählung beinahe  vergessen. Werde in Yoker aussteigen, da ich noch einen Freund besuche. Pass auf dich auf! Ich wünsche dir die richtige Entscheidung bei deiner Berufswahl. Hör auf deine innerste Stimme. Nimm dir Zeit, du hast sie.

Wirst du James wieder besuchen?

Vielleicht, wenn er mich braucht. Jedenfalls werde ich dann nach dir fragen, Lewis. Mach‘s gut inzwischen.







Obskure Verzweigungen


Floskeln, denke ich, als ich in der Dunkelheit auf dem leeren Bahnsteig stehe. Eigentlich hätte ich sie mir gerne erspart, denn ich mag den Jungen. Er interessiert sich für das Boot. Er wird James am Strand aufsuchen, wenn er nach Gatelochport auf Urlaub kommt. Vielleicht wird er nach Jake fragen. James wird sich nicht beirren lassen, ich habe ihm mein Pseudonym anvertraut. James wird wortkarg sein, schon weil es seine Art ist. Er wird nicht über unsere wahre Beziehung plaudern.

Der Bahnsteig ist nicht beleuchtet. Eine Schirmlampe wirft trübes Licht auf die Stufen der Überführung am Ende. In ihrem Gegenlicht erkenne ich die Löcher im Asphalt und die Schlagschatten der Buckel. Es ist feucht. Die feuchte Luft setzt meinen Gelenken zu. Das Knie sticht wieder. Weil sich die Muskeln versteifen, laufe ich wie auf Scherben.

Ein Pfeil in meiner Gegenrichtung weist auf den Übergang zur John Knox Street. Für einen Augenblick bin ich bestürzt. Yoker ist nicht East End! Ein zweiter Pfeil zeigt das Ziel des Bahnübergangs vor mir an: Yokerburn Terrace. Als ich mich der Metalltreppe nähere sehe ich im Gras unter ihrem Sockel einen Körper. Da liegt einer, der nicht auf einen wie mich wartet. Er deliriert zwischen Plastik, Wurstpapier und Bierdosen. Ich zünde mit dem blauen Strahl meiner Halogenleuchte in ein nasses Gesicht. Schwarze Haare und Brauen. Erbrochenes fliesst aus Mund und Nase. Es riecht nach Alkohol. Ob dabei Blut ist, kann ich im Blaulicht nicht entscheiden. Blut, vielleicht aus einer Wunde unter dem Haarschopf?  Ich kann ihm nicht helfen, keine Rettungsnummer anrufen oder die Polizei. Mit einem leichten Stoss sorge ich dafür, dass er auf den Bauch zu liegen kommt. Dann steige ich hoch und warte eine Weile auf dem Brückensteg. Sollte ich Bowles aufsuchen? Rettung ist sein Beruf. Er kennt sich hier aus. Er könnte ihn zu einem Spital transportieren. Doch wahrscheinlich ist der Mann bloss stockbesoffen. Bäume säumen die Yokerburn Terrace, ich errate die schattenhaften Umrisse ihrer Kronen. Die Towerblocks sind spärlich beleuchtet. Sparstrom. Schummrige Gegend. Durch die Baumkronen blicke ich auf einen Parkplatz. Ein einziger Wagen steht dort, wahrscheinlich eine Schrottkarre. Es ist still, der unter der Brücke stöhnt nicht mehr. Ich gehe weiter, runter zur Mill Road.

Ich war entschlossen, Bowles nicht aufzusuchen, nicht jetzt. Ich möchte ihn keinem Risiko aussetzen, falls ich beobachtet werde. Doch ich rechne nicht damit, in Yoker jedenfalls nicht. Ich will mein Hostel mit einem Nachtbus erreichen, vermeide die Central-Station. Darum bin ich ausgestiegen.

Ich rieche den Clyde, sehe ihn nicht. Aber die Nebelbank über dem Gegenufer leuchtet. Sie ist wie von innen illuminiert. Hinter dem Navy-Hafen drüben liegt der moderne Komplex der Werft. Der Konzern. Die Nebelbank wirft das grelle Licht ihrer Anlagen zurück.  

An der Busstation hängt kein Fahrplan. Wahrscheinlich weggerissen. Alle halbe Stunde fährt ein Bus vorbei. Die Haltestelle ist ein Skelett, die Scheiben sind weg. Im Eingang des Blocks daneben ist Licht. Dort steht einer an einem Automaten. Altes Modell, wahrscheinlich vom Hausmeister betrieben, der beim Eingang wohnt. Eine Dose fällt dumpf in die Ausgabekule. Die Klappe schnellt zu. Der Mann zieht den Verschlussring der Dose hoch. Es knallt. Der Mann steht und schaut mich an. Er trinkt einen Schluck, steht und schaut.

Ich bilde mir nicht ein, dass er auf mich gewartet hat. Ihm sagen, dort drüben liege einer im Delirium, blute vielleicht. Wahrscheinlich sinnlos. Ich gehe trotzdem auf ihn zu, weil mich die Neugier reizt mir zu beweisen, dass die Normalität beruhigend real ist. Vielleicht weil ich auch die normale Frage stellen könnte, ob der letzte Nachtbus gerade vorbeigefahren sei oder wann ich den nächsten erwarten könne. Oder weil ich mir auch eine Dose mit dem ekelhaften Durstlöscher herausklicken könnte. Und mir die Frage nicht verklemmen würde, ob der Automat auch ein normales Hausmeisterbier hergebe.

Der Mann saugt wieder einen Schluck aus der Dose und lässt mich dabei nicht aus dem Auge. Er ist schwer. Wahrscheinlich nicht trainiert wie ein Ringer, aber muskulös. Alle halbe Stunde, sagt er auf meine Frage nach dem Bus. Nach der Zeit frage ich schon nicht. Bier? Was sonst? fragt er zurück und schaut mich an. Er hat den Hausmeisterblick. Ich klopfe eine Dose heraus. Kein Automat, der höflich mit dem Kopf nickt. Aber ein chinesisches Produkt. In der Faust habe ich ein Chinkbier.

Ich stehe und trinke einen Schluck. Es schmeckt zum Kotzen, aber ich lasse mir nichts anmerken. Er wird annehmen, dass ich auf den Bus warte, sonst nichts. Ich sage nach dem zweiten Schluck, dass auf dem Bahnsteig droben einer unter der Treppe liege. Ich meine, dass er blute. Eh schon ein Untoter, sagt er, was ich denn eigentlich wolle. Nichts, sage ich.

Ich gehe zur Haltestelle. Es gibt keine Bank. Ich stehe mit der Bierdose in der Faust und warte. Ich lasse mich hier in keine Sache hineinziehen. Schon gar nicht von dem Mann am Eingang. Ich traue ihm nicht. Trotzdem bin ich froh, dass er dort steht. Ich höre wie die Klappe ein zweites Mal zuknallt. Zehn Minuten später ist der Mann wahrscheinlich im Hauseingang verschwunden.  Der Bus rast plötzlich von der Glasgow Street heran. Die Türe ist schon geöffnet. Wahrscheinlich schliesst sie nicht mehr. Der Bus hält kaum, ist schon wieder in Fahrt. Der Chauffeur in der Glaskabine hat sich nicht einmal nach mir umgedreht. Er rast die Nachtstrecke ab. Er sammelt die Untoten.







Die Bustüre bleibt offen. Es zieht. Ich setze mich vorn hin, auf der Gegenseite der Türe, im Windschatten der Fahrerkabine. Ich bin der einzige Passagier. Die Linie kenne ich nicht, merke aber bald, dass der Bus auf Umwegen über Anniesland zur City zurückkehrt.

Eh schon ein Untoter, hat der Mann vor dem Eingang des Blocks gesagt. Ob sich in Yoker der Woodoo-Kult ausbreitet? EH SCHON! Deutet die Wendung an, dass alle Chancenlosen gleichsam als lebende Tote verstossen sind? Dass sie als eh schon Tote mit der Gattung der Wiederkehrer identifiziert werden, denen man besser nicht hilft, weil sie es auf die Lebenden abgesehen haben? Yoker kommt vom gälischen An Eochar. Das bedeutet schlicht Flussbank. Die Kelten, fällt mir ein, lebten zusammen mit den Untoten der Anderswelt. Die tauchten plötzlich auf, waren eh immer schon da. Die Lebenden brachten ihnen Blutopfer dar, um Gefahr abzuwenden, denn sie konnten sie in Unglück verstricken, ihnen eine Sucht oder den Tod anwerfen. Esoterischer Unsinn!

Nein, die Bemerkung des Mannes meint nichts anderes, als dass es keinen Sinn macht, Gestrauchelten helfen zu wollen, weil es nichts mehr nützt. Gestrauchelte sind nicht zu retten. Sie sind Aussenseiter, Paria. Sie sind eh schon tot, lebend tot. Ich teile den Standpunkt nicht. Doch die Auslegung ist sachlich, sie leuchtet mir eher ein.  Für zweifelsfrei halte ich sie indessen nicht, nicht an diesem Ort. Es ist paradox. Gerade Ihre Sachlichkeit stört mich wieder. Kenne ich die Seele der Bewohner von Yoker? Ich werde mit Bowles darüber reden. Ich denke an Mary, seine Frau, an die skurrile Eigensinnigkeit in Marys Wesen und an ihre Herkunft. Suburbane Milieus sind Treibhäuser von Mythen und importierten Traditionen. Magische Rituale leben da wieder auf. Gewisse politische Zustände nähren atavistische Gegenkulturen. Autoritäre Regime fördern den Rückzug der Aufklärung, weil sie ihren Machtanspruch in Frage stellt. Doch sie unterschätzen die erosive Macht des Verdrängten. Ihre Rechnung geht nicht auf.   

Der gerechte Gott prüfte Herzen und Nieren. Will man die Menschen lenken, dann muss man ihre Seele kennen. Den Satz des College-Kommandanten hat sich Lewis wörtlich eingeprägt. Bedeutet das nicht, dass man die Menschen beherrscht, wenn man über das Röntgenbild ihrer Seele verfügt? Automatische Psychoprofile. Wir hatten die Perspektive schon in der Redaktion des SCAN diskutiert. Der Stoff war damals noch hypothetisch, doch nährte er Verschwörungstheorien, denen sich einige von uns nicht entziehen wollten. Aus einer masochistischen Lust am Krausen vielleicht. Böse Ahnungen waren nie völlig unbegründet. Gründe zu erfinden war damals ein profitables Geschäft, das die Medien gerne bedienten. Whistleblower hatten Konjunktur. Die Zumutungen an Perversion waren allerdings für einen puritanisch erzogenen Menschen oft unerträglich. Besonders wenn er sich dem Staat andiente und auf einmal merkte, dass er festgeangelt im Verwaltungsgestrüpp drinsteckte.  

Es hatte zuvor schon deutliche Anzeichen gegeben, ausserdem schien es logisch. Was die meisten von uns bis dahin geahnt hatten, war auf einmal unwiderleglich dokumentiert. Es wurde von der Regierung öffentlich eingeräumt - was mit einem Eingeständnis nicht zu verwechseln ist! - und galt seither als Tatsache, dass sich der Staat illegal privater Daten bemächtigte. Er tat es mit schonungsloser Systematik, jedoch ausschliesslich zum Schutz der Gesellschaft gegen terroristische Anschläge oder das organisiertes Verbrechen und selbstverständlich unter strengster Selbstkontrolle im Hinblick auf den Schutz der bürgerlichen Privatsphäre. So jedenfalls legitimierten die Regierungsverantwortlichen die Aktivitäten der für Datenspionage zuständigen Behörden. Es gehe um den Schutz der Rechtsordnung, hiess es. Es gelte letztlich das Chaos zu verhindern, in welches der Terrorismus die Gesellschaft unweigerlich hineinreissen würde. Von liberalen Regierungen durfte man wohl auch nicht weniger erwarten, als die Sorge um Freiheit und Bürgerrecht. Ging es um die Sicherheit, dann konnte es in der Wahl der Mittel schliesslich kein Dilemma geben. Es war  e i n e  Sache.

Die mächtige Mehrheit der Nutzer, welche von den Vorteilen der hochentwickelten Kommunikationstechnologie beinahe schrankenlos Gebrauch machte, unterwarf ihre Wertvorstellungen doppelt beruhigt der Normalität. Eine engagierte, wenn auch schwindende Minderheit von radikalen Bürgerrechtlern probte den Aufstand gegen die usurpierte, durch kein Notstandsgesetz je öffentlich sanktionierte Legitimität. Sie sah in den Machinationen eine grundsätzliche Bedrohung der Meinungsfreiheit und sie hielt die Versicherungen nicht für glaubhaft, dass die Behörden die riesigen Mengen des gespeicherten Materials der Vernichtung zuführen würden. Wann waren denn die Verantwortlichen in der Geschichte je davor zurückgeschreckt, profitable Stoffe, Forschungsresultate und Erfindungen selbst dann zu verwerten, wenn sie Menschen gefährdeten und der potentiellen Vernichtung (sogar der Massenvernichtung von Menschen und ganzer Städte) dienten?

SCAN hatte das Problem der Datenspionage in seiner redaktionellen Diskussionsrunde thematisiert. Wir waren damals ein unabhängiges Medienunternehmen und die Redaktion selbstbestimmt-demokratisch organisiert. An unseren ausgewogenen Runden beteiligten sich durchschnittlich etwa zwanzig Redaktoren sowie eine Anzahl beigezogener Politologen und Juristen. Über die konservative These, dass das Mittel Demokratie zur Lösung der drängenden Probleme viel zu schwerfällig und in einer komplexer gewordenen Welt untauglich sei, war man sich in der Runde nicht einig.

Eine Mehrheit äusserte Zweifel, welche in die fällige Notstandsdebatte mündeten. Der islamische Anschlag auf die Twin-Towers galt damals als Auslöser einer in ihrer politischen Konsequenz erst undeutlich fassbaren Wende. Ein noch aktuelles Fallbeispiel für die Bewältigung eines zivilen Notstands durch partielle Verdrängung war der GAU von Fukushima. Eine Minderheit stellte kritische Gegenfragen. Wovor schützten die Regierungen die Bürger letztlich mit dem Zugriff auf die Freiheitssphäre von Gedanken und Wort? Schützten sie sich am Ende selbst gegen die Konsequenzen von Pannen und politischem Versagen? Gegen die Bilanz konsequenten Verdrängens?

Die Diskussion entbrannte um den Sinn des Unternehmens. Eine Ausgangsthese lautete, dass es bei der Verwertung des Datenmaterials (von dessen Speicherungsform und Zweck man schon damals nur unklare Begriffe hatte) darum gehe, Erkenntnisse über die Psychodynamik ganzer Gesellschaften zu gewinnen. Wenn man Menschen zu ihrem Wohl lenken müsse, weil ein äusserer Notstand kein demokratisch abgesichertes Verfahren zulasse, sagten liberal-konservativ Denkende, dann sei es erforderlich, ihre Schwächen und Bedürfnisse genau zu kennen. Forschungsprojekte verfolgten das legitime Ziel, glaubten sie, Methoden zu entwickeln, um die soziale Dynamik zu beeinflussen und zu lenken.

Eine linksradikale Gruppe der Runde warnte, die Verfügung über das enorme Datenmaterial diene voraussehbar nicht dem Wohl der Bürger, sondern dem Zuwachs und der Zementierung der Macht einer Elite. Die Umstände würden eintreten, denen zufolge die totalitäre Zielvorgabe unausweichlich wäre. Eine sektiererische Minderheit verstieg sich sogar zur Behauptung, das verhüllte, von der Geschichte selber vorgesehene Ziel sei die totalitäre Kontrolle. Sie prophezeite, der Terrorismus würde sich in unser Fleisch einfressen. In der Optik solcher Argumente biss sich die Schlange in den Schwanz. Die liberale Mehrheit betrachtete den fatalistischen Schluss - historischen Fallbeispielen zum Trotz - als spekulativ.  

Die Geschichte scheint der radikalen Minderheit vorerst Recht zu geben. Die beschworenen Umstände traten ein. Unumkehrbar spalteten Krise und Terrorismus die demokratisch formierte Gesellschaft. Die zurückwirkende Gewalt globaler Revolutionen riss ihr das Instrument aus der Hand, aufgezwungenen Notstand zu legitimieren und wieder aufzuheben.

Mike hatte damals zu den Sektierern gehört. Ich legte mich nicht fest, weil ich an einen freien Willen glaubte. Die Theorie der historischen Fatalität widersprach mir. Und den schwer widerlegbaren Nachweis der Gehirnforschung, dass alle Entscheidungen determiniert seien, hielt ich für eine Täuschung. Doch bei der schockartigen Wendung der Dinge fand ich mich zutiefst verunsichert. Ich hinterfragte meine Überzeugung: War der Idealismus die Achillesferse der Demokratie? War Demokratie letztlich eine Selbsttäuschung und damit ein Irrweg? Der Diskurs verfing sich in einem logischen Zirkel. Gegenfragen verwiesen mich an die Hoffnung: Gäbe es ohne Autonomie den Dialog? Gäbe es ohne Mitbestimmung das dialogische Prinzip? Ist Wahrheit ausserhalb des Dialogs irgendwo aufgehoben? Wäre der Dialog nicht mehr als eine Farce, gäbe es dann überhaupt die Chance Wahrheit zu finden? 

Ich bin überrascht, wie intim ich gerade jetzt, wo ich auf Umwegen nach Glasgow zurückkehre, mit Mike im Dialog bleibe. Es war kein schlechtes Gedicht, sondern ein Aphorismus, den er mir - auf eine blaue Karte notiert, ich erinnere mich genau! - neben meinen Computer legte. Ich habe die unleserliche Notiz aus seiner Hand als Andenken immer bei mir. Obwohl sie sich längst ins Gedächtnis eingeprägt hat, ziehe ich sie hervor und lese sie im schwachen Licht hinter der Führerkabine. Mike hat sie für mich bestimmt. Im Wortlaut der Notiz ist mir nicht nur Mikes kritische Vitalität gegenwärtig. Auf dem mysteriösen Hintergrund seines Schicksals leuchtet im flüchtigen Gekritzel auch seine divinatorische Phantasie auf:

Ihr respektloser Konsum zerfrass die Freiheit von innen. In ihre Höhlungen kroch die Angst. Der Exzess wurde zur Falle, provozierte den Terror. Die Angst war die unsichtbare Schwärze der Zensur. Sie drang ins Gehirn und begann das Wort zu verdrehen. Die Diktatur kroch aus der Karkasse der Freiheit.

Die Zeilen sprechen vom fatalen Determinismus schleichender Selbstzensur. Mike hat in der Redaktion mit der Minderheit der Sektierer argumentiert, aber die Notiz versichert mir: Er war kein Anhänger ihrer fatalistischen Theorie. Ich lese Mikes Aphorismus als ein Bekenntnis zum freien Gebrauch des Worts. Wer damals davor warnte, weil er das auf ihn fokussierte kalte Auge und Gedächtnis fürchtete, der wurde zum Erfüllungshelfer einer Zensur ohne Regeln.







Der Fahrer in der Kabine vor mir führt einen Funkdialog. Ich höre ihn mit kurzen Unterbrechungen andauernd reden, aber kein Wort dringt verständlich durch die schusssichere Glas und die Metallverschalung seiner Kabine. Manchmal glaube ich ein Knacken der Verbindung oder das Knistern einer Störung zu hören. Ich kann den Tonfall des Einverständnisses vom erregten Tonfall des Widerspruchs unterscheiden. Einmal höre ich deutlich einen Fluch, aber meist ist der Redefluss monoton. Nach einer scharfen Kurve und einem abrupten Stopp an einer Station ohne Beleuchtung steigt jemand zu und setzt sich ganz hinten ins Heck des Busses. Als der Passagier an mir vorbeigeht, bleibt sein Gesicht im Gegenlicht eines Autoscheinwerfers schattenhaft. Der Fahrer redet ununterbrochen weiter.

Ich versuche zu klären, ob ich die Tatsache, dass sie alles über mich wissen, verdränge. Wüssten sie, wo ich im Augenblick gerade bin, falls sie es wissen wollten? Können sie mich auf ihrer Map geografisch lokalisieren, sofern sie es wollen: in Echtzeit, genau an diesem Punkt auf schlingerndem Kurs zwischen den Schlaglöchern von der Anniesland- zur Maryhill-Road und downhill zur Clidebank? Nein, ich rede mir nichts ein. Mein SUMER ist ausgeschaltet und ich habe weder Chips-Sensoren auf der Identitätskarte eingeprägt, noch im Fleisch meines Unterarms, in meiner Brust oder sonst wo implantiert. Ich zähle nuklearphysikalisch zu den ungebundenen Partikeln. Davon gibt es eine unbekannte, aber wachsende Zahl. Ich rede mir das nicht ein. Ich glaube daran. Ich weiss, dass eine unbestimmbare Zahl von Bürgern ihre Identitätskarten zerstört hat. Es begann in einer konzertierten Aktion, welche die Presse totschwieg, aber der Staat heimlich verfolgte. Sie löste eine Welle von Verhaftungen aus. Viele tauchten damals unter.

Der Bus schaukelt. Mit einer haarsträubenden Steilvorlage schwingt er über die Zubringerbrücke in die Expressroad ein. Das Trassee ist grosszügig angelegt, aber bucklig und verbogen wie ein überhitztes Kuchenblech. Die Wucht des Schwungs schleudert die Eingangstüre zu und sperrt die kühlende Nachtluft aus. Als er auf Touren hochfährt, fängt der Motor zu stöhnen an. Die Aufhängung der Karosserie ächzt gefährlich. Hinten flucht einer. Das Klima im Bus wird muffig und die Luft riecht nach schmutzigem Diesel.

Die Schnörkel einer riesigen Leuchtschrift blinken: Red Bull. An der Haltestelle will ein ganzer Club in Feiernachts-Stimmung aus dem brandrot beleuchteten Expresspub Richtung City umsteigen, aber die Türautomatik ist jetzt blockiert. Ein Hühne im Kilt drückt die Türe unter dem Gejohle der Menge ein und der Bus füllt sich. Die Leute sind anständige Krawattenträger in weissen Hemden und schwarzen Socken. Weder sind alle glatzköpfig noch sind die Krawatten einheitlich kariert. Die Kilt- und Mützenträger sind eine kleine, aber lautstarke Minderheit. Sie haben kräftige Gesangsstimmen und ihre Kilts sind uniform gemustert. Der Kraftmensch könnte ein prämierter Kampf-Steinschleuderer aus dem Highlands sein. Der Geruch im Bus schlägt inzwischen auf Bierschwemme und Bratenfett um.

Die Klimaanlage ist wohl ausgefallen. Das Red-Bull-Klima im Bus wird unerträglich. Vielleicht ist auch der Motor überhitzt. Nach einem Trab von wenigen Kilometern schwenkt der Bus in das Areal einer hell beleuchteten Tankanlage. Sie liegt vor dem grauen Block einer Distrikt-Zentrale der Polizei. Mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizeikommandos stehen an der Zufahrt und in den einzelnen Tanknischen. Der Bus stoppt in der innersten Passage. Über ihrer Einfahrt steht: Bus. Der Fahrer klappt die Kabine auf, steigt mit der Kasse aus und verschwindet im Office der Tankstelle, während ein Tankwart die Dieselsäule bedient.

Ich habe zu schlafen vorgetäuscht, seit der Club zugestiegen ist, und nehme die Vorgänge blinzelnd zwischen den Augenlidern wahr. Während draussen die Säule schnurrt, höre ich im Bus neben mir zwei der Passagiere mit gedämpften Stimmen reden:


Sie machen ihren Deal.

Der Tank war nicht aufgefüllt.

Sie zapfen einen explosiven Fusel.

Stell dir vor, wir sitzen da drin, sie füllen auf, ein Funke und wir gehen alle mit dieser Scheppermühle hoch.

So ein billiges Gemisch.

Ja, mit der Sorte Diesel machen sie ihr Geschäft. Nachts betreibt die Polizei die Suburb-Linien. Müsste eigentlich in jedem Bus ein Gunpig mitfahren.

Ein Schutzkommando für den Fahrgast, he?

Geleitschutz für den Fahrer und die Ware. Deckt ihr Drogengeschäft in den Suburbs.

Die Buslinien verzweigen sich in den Tiefen des Staats.

Sie verschrotten die ausgeleierten Dieselsäufer aus den Beständen. Der da ist ein B 6 LE. Die Diesel-Variante.

Nein, ist der B 12 BLE, umgebaut und frisiert.

Frisiert ist alles.

Der Schläfer neben dir gehört doch nicht zu uns, oder?


Ich kriege einen Stoss mit dem Ellenbogen in die Rippe.


Hei, du Kriegsbeschädigter, wir fahren zum Horseshoe, schliesst du dich an?


Ich mime einen, der gerade aus einem Rauschschlaf erwacht und schaue in den rosigen Teint eines akademischen Mitvierzigers. Zwei eng gepaarte Augen blicken witzig aus seinem schmalen Gesicht.


Horseshoe? Weisst du, sage ich, ich kann die dort versammelten Banker nicht riechen.

Verstehe, aber weisst du, wenn wir dort ankommen, dann zerstäubt ihr edler Duft. Du wirst gleich sehen, selbst die Polizei verpisst sich, wenn wir brüllen.


Ein Bulle hat den Bus bestiegen und verlangt die Identitätskarten zur Kontrolle. Der Steinwerfer stellt sich vor ihm auf und sagt mit seinem melodischen Bass:


Wenn du Mut hast, darfst du meinen Tartan betatschen und dir deine Arbeit ersparen.


Der Polizist grinst und zieht sich unter dem Gejohle des Vereins zurück.


Unser Mann! sagt der Nachbar: Das Kiltmuster eines Ranald MacDonald Clanranald antasten zu dürfen ist eine zu grosse Ehre.

Schlau, da verzichtet ein subalterner Schnüffler auf seine Schaustellernummer. Ein anderer hätte ihm geboten, was er herauszupressen gewohnt ist.

Es ist unter der Ehre eines MacDonald von Uist, sich korrumpieren zu lassen.

Dass der unser Chef ist, vom Scheitel zur Sohle, hat ihm sein Instinkt geflüstert.


Der Mitvierziger wendet sich nach dem Intermezzo wieder mir zu:   


Na, hast du gesehen! Du wirst doch mitmachen und heute Nacht die Banker aus dem Horseshoe vertreiben.

Danke, sage ich, ihr macht volle Arbeit, gratuliere, aber heute Nacht trinke ich nur noch Tee.

Respektieren wir. Wenn du uns mal brauchst, wir sind jeden Sonntagnachmittag zur Teezeit im Red Bull versammelt.


Der Fahrer steigt wieder zu und knallt die Kasse in ihre Versenkung. Dann verlässt der Bus die Zapfboxe, fährt abgedunkelt aus der Passage und beschleunigt. Auf einer Rampe bei der Einfahrt der Expressroad ist ein weisser Schützenpanzer des Innenministeriums postiert.






Als ich spät in der Nacht mit einer tollkühnen Arglosigkeit in mein Glasgower Hotel zurückkehre und Joe mir, als ob nichts geschehen wäre, auf meinem Zimmer die gewohnte Portion Gunpowder serviert, ist ihr Verhalten fast unmerklich anders als sonst. Sie bleibt vor mir stehen, zeigt mit ihrer linken Hand ohne den Arm zu heben auf den Stapel Manuskripte unter meinem Tisch. Gleichzeitig legt sie die rechte Hand an ihre Lippen und schaut mich mit dem Ewigkeitsblick ihrer Mandelaugen an, kurz, eindringend. Dann wendet sie sich um und verlässt das Zimmer.

Ich weiss, dass sie mich vor einer Gefahr warnt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Leute während meiner Abwesenheit Zutritt verschaffen, meinen Schrank durchsuchen und den Stapel meiner Manuskripte kopieren würden, habe ich beim Betreten des Zimmers antizipiert, weil ich stets mit ihr rechnete. Jetzt scheint sie Tatsache. Joe blieb stumm. Möglicherweise wurde sie bedroht. Doch sie warnt mich. Ihre Zeichensprache ist nicht anders zu interpretieren.

Wie gewohnt hat Joe das Schlagzeilen-Konzentrat der Tageszeitung neben dem Tee aufs Tablett gelegt. Die Print-Version, welche auf die ausführlichen Artikel der Tablet-Version verweist, wird den Gaststätten und Hotels zu Werbezwecken gratis zugestellt. Mein Blick fällt sofort auf die Schlagzeile der Tagesaktualität. Der Schocker ist mit einem Grossbild aufgemacht:

TERRORISTENBANDE IN FIRE-CLASH GEKILLT. Die Bildzeile: Top-Terrorist  im Kreuzfeuer nach heftigem Schusswechsel von Kugeln durchsiebt.

Ich hätte Craigs blutigen Leichnam auf den ersten Blick nicht erkannt. Seine linke Hand umkrallt die automatische Waffe. Ein Sprengkörper liegt, der geöffneten Rechten entglitten, auf den Fliesen.

Der fotografische Indizienbeweis terroristischer Gewaltbereitschaft wirkt gestellt. Das Bild ist als Warnung gedacht. Es propagiert den schnellen Erfolg und die unfehlbare Schlagkraft der Security: Die Special Force macht kurzen Prozess. Vielleicht haben sie Craig und seine Truppe im Schlaf überrascht, verhaftet, verhört, gefoltert. Den Verdacht brauchen sie nicht zu widerlegen.

Sie haben ihr Versprechen erfüllt. Wie auch immer. Sie haben Craig ausgeschaltet. Ich mache mir bewusst: Auch Gay, als Terroristin ausgeschrieben, ist tödlich gefährdet.



Während meiner Abwesenheit haben Agenten der Security meinen Schrank durchstöbert, in meinen Klamotten und in meinen Papieren gewühlt. Lächerlich. Unter meinen Manuskripten habe ich nichts zurückgelassen, was einen Verdacht erhärten könnte. Bloss Entwürfe von Artikeln, Skizzen, Unzusammenhängendes, keine Fundgrube, Abfall, dessen ich mich noch nicht entledigen wollte. Doch was bedeutete das schon? Mein Notebook und mein Nano-Memory mit dem gespeicherten Bericht, meiner Gedankenagenda, meinen Adressen und Informationen (sogar einer Kopie von Mikes Dokument und seines Romanfragments)  trage ich auf mir. Als private Daten. Immer. Trug sie stets gesichert mit mir, wie Annexe meines Hirns, meiner Organe. Waffen besitze ich nicht, keine ausser ihnen.

Die Security hat sich wohl weniger für den Haufen Papier interessiert, als die Matratze gekehrt und das Zimmer nach einem Waffenversteck oder nach Computer-Hardware durchkämmt.

Ein übereilter Aufbruch aus dem Glasgower Hotel könnte als Flucht interpretiert werden. Und kann - wer weiss schon? - auch Joe verraten. Ausserdem: Ich hatte wie andere mit Craig Kontakt gehabt. Wenn sie Gründe erfunden haben, mich als Terroristen oder als Mitläufer zu verhaften, dann können sie es jederzeit und irgendwo tun. Sie können ebenso gut Gründe haben, zuzuwarten. Oder keine Gründe haben. Ich plane nicht bald aufzubrechen. Ich rede mir ein, ich würde im Lauf von acht Tagen Anhaltspunkte gewinnen, um mit einer gewissen Sicherheit ausschliessen zu können, dass sie mich beobachten.

Aber morgen Abend habe ich den Termin am Eingang der Necropolis, Ecke John-Knox Street. Das geplante Treffen mit Andrew selbst oder einer Mittelsperson. Falls sie mich beobachten, bringe ich Andrew in Gefahr. Und dann steht die Verbindung auf dem Spiel, die Organisation. Das Risiko ist mir bewusst. Ich darf es nicht verdrängen. Kann ich es einschätzen?

Ich mache mir emotionslos bewusst, was ich möglicherweise verdränge: Alle den Systemhackern zugänglichen Daten und Dateien sind schon gespeichert, sie wissen ohnehin genug über dich! Haben sie nicht mein Psychoprofil? Gestehe ich es ihnen zu - oder rede ich es mir ein? Ist es glaubhaft? Bin ich wirklich bereit, keine Einschränkung zuzulassen? Will ich ihnen keine Unvollkommenheit zugestehen? Bin ich so verrückt?

Unsinn! Das ist die Drôle de Normalité, sage ich mir. Sie unterwirft sich die Tatsachen. Seit sich die idealistischen Hoffnungen ausgeträumt haben, leben wir mit ihr im Alltag, als ob nichts geschehen wäre! Sie war und ist der Alltag.
       
Doch ich mache mir klar: Wenn wir jetzt unsere SUMER und Computer nicht mehr benützen, wenn wir entschlossen aussteigen, uns vom Gallert befreien, der unser Fleisch wie ein Mantel umgibt, welcher uns konserviert. Wenn wir virtuell verschwinden, unser Profil löschen, dann erst sind wir verdächtig. Dann haben wir den Status der Illegalität auf uns gezogen. Unsinn?

Dass ich nicht lache! Ihre Macht reicht nicht dahin, dass sie alles im Rasterlicht ihres gespeicherten Wissens durchschauen. Dass sie uns kontrollieren, uns zur Freiheit begnadigen und als Profillose leben lassen können, sofern sie nur wollen und solange sie wollen, ist eine Paranoia.

Wir haben unser Leben aus uns selbst und verdanken unser Profil nicht ihrer Gnade. Ihre Macht ist nicht absolut, sie ist nur ein Bruchteil davon. Sie haben keine Allmacht, weil sie ihr Wissen nicht kontrollieren. Und sie sind klug genug, das zu wissen. Sie können nur reagieren. Und sie reagieren, weil sie die Erfahrung benötigen. Weil sie unsicher sind. Weil sie nicht leben können im Elfenbeinturm ihres Wissens. Weil ihre Algorithmen die Wirklichkeit nur bruchstückartig erfassen. Weil die Wirklichkeit trügerisch ist und sich verändert. Laufend. Irritierend. Wie zuvor. Wie immer.

Ich werde mich morgen auf das Risiko einlassen. Ich muss planvoll vorgehen, falls ich keine Gewissheit habe, dass sie mich nicht im Auge behalten. Bin ich vorsichtig, ist das Risiko kalkulierbar. So haben wir uns zu verhalten gelernt, zu verhalten vereinbart.

Ich will heute Nacht noch einen Gunpowder und ein Sandwich bestellen. Nicht bloss, weil ich neugierig bin. Ich habe Hunger. Und ich habe das Bedürfnis, mit Joe zu sprechen.



Als sie sich vorbeugt und das Teetablett mit dem bestellten Sandwich auf meinem Pult abstellt, wirft sie mir von unten einen kurzen, dunkeln Blick zu.  Ich warte zu und schaue Joe in die Augen, denn ich habe das Vorgefühl, dass sie ihr Schweigen brechen wird. Sie verlässt nicht wie sonst das Zimmer, sondern bleibt  stehen, zögert. Dann sagt sie, ihr Chef habe sie gefeuert. Sie werde ihre Arbeit nach acht Tagen nicht mehr antreten. Es wäre Ende des Monats. Sie hält kurz inne, blickt verlegen zu Boden. Ob sie mir ihre Geschichte erzählen dürfe, fragt sie dann.

Falls ich nicht gerade auf eine Sache konzentriert war, hielt  i c h  Joe sonst gelegentlich mit einer Frage oder Bemerkung auf. Jetzt nicke ich und sage bloss: Sicher! Sie antwortet, wenn ich nichts dagegen hätte, würde sie nach Ende ihres heutigen Tagesdiensts zu mir herauf kommen. Nachts um elf klopft sie an.







Joes Geschichte


Vorbemerkung

Ich unterbrach Joe kein einziges Mal, um eine Frage zu stellen. Sie hielt nur einmal inne und blickte lange auf ihre Hände. Es sah nicht so aus, als ob sie sich auf eine Einzelheit oder die Reihenfolge hätte besinnen müssen oder wie wenn ein Gefühl sie übermannt hätte. Sie machte einfach Pause. Darauf schaute sie mich mit einem Unschuldsblick an, als ob sie sich mein Verständnis und zugleich meine Einwilligung erbäte fortzufahren. Ich nickte bloss. Was sie erzählte, hielt ich in derselben Nacht aus dem Gedächtnis und in der Abfolge fest, wie sie es erzählte. Dabei hatte ich den Tonfall und ihre Worte im Gehör und versuchte sie in meine Aufzeichnung rüberzubringen, so gut es mir gelang:



Hab zwei Jahr Schuhe verkauft, bei Boots in Shettleston. Immer diese Schweissmokassins, weißt du, für die Blockirockis. Hab dieses Wort irgendwo mal gehört, wahrscheinlich von einem ältern Herrn. Ich nannte die Jungs Blockirockis, weil Boots den Irokesenlook auf der Schachtel hat und weil die Jungs, die sich um die Blocks herumtrieben, wild darauf waren. Jeden starrten die zwei scharfen Augen aus dem Tatoo des Aufdrucks an und alle Jungs, die bei uns reinschauten, manchmal stürmten ganze Stosstrupps den Shop, wollten nur die Irokesenmarke. Und sie schauten genauso drein. Sie hatten den Irokesenblick, weißt du, und genau so eine Bürste auf dem Schädel.

Ich aber machte damals den älteren Herren, die sich in den Laden verirrten, schöne Augen, weil ich sie sympathisch fand. Die Jungen wollten immer dasselbe und benahmen sich rotzig. Die älteren Herren waren aber etwas hilfsbedürftig, weil sie in den Gestellen die gefütterten Lederschuhe nicht fanden, wenn sie solche suchten, oder mit den Grössen nicht zurechtkamen. Der Manager wurde echt eifersüchtig und ich hab’s auch darauf abgesehen ihn zu irritieren. Es war nicht der Grund, warum er mich feuerte, er hätte das auch nicht gestanden. Ich war damals siebzehn. Es war, weil mein älterer Bruder ein Gang-Rapper war und sie ihn erstachen, was in Shettleton Aufruhr machte und in Glasgow Schlagzeilen. Ich glaub trotzdem, das war nur ein Vorwand. Meinem Chef machte ich gar nicht schöne Augen, denn er war so richtig geil, das muss ich sagen, und ich liess ihn das spüren. Er steckte die Schuhe für die Jungs immer in vergammelte Plastiksäcke, mit den Schachteln aber machte er noch ein privates Geschäft, weil sie damals trendy waren. Er verkaufte sie im Nebenraum oder auf Vorausbezahlung im Versand. Die Schuhe waren Renner, die Schachteln echt Kult.

Ich weiss nicht, warum ich den Job im Hotel verliere. Ich bin eine ehrliche Haut, bloss schwarz, aber keine züchtige Muslimin. Der Manager bei Boots war ein Moslem, der hier ist ein Inder und er hat mir nicht nachgestellt. Privat macht er aber Geschäfte, nicht bloss mit Tee, das weiss ich. Wie soll ich es verstehen? Ich hab in nichts meine Nase gesteckt. Das Leben ist Shit, sag ich. Ich will dir meine Geschichte erzählen, weil ich glaube, du bist einer, der das Leben versteht. Ich lass mich nicht kleinkriegen, weißt du. Zwar, spätabends bin ich immer total geschafft und dann fahr ich noch eine Stunde mit dem Nachtbus nach Balornock raus. Und das ist um die Zeit ’n Abenteuer, was du nicht ohne Tricks überstehst.

Ich lass mich nicht niedermachen. Hat Jar immer gesagt! Doch dann haben sie ihn niedergestochen. Mit dreiunddreissig Stabs. Wo er sich doch bloss dagegen gewehrt hat, dass sie uns und tausend Settlern auch die Shitwohnung in Shettleston wegpraktizierten und wir in einen rotten Towerblock umziehen sollten, von dem jeder wusste, dass sie ihn in einem Jahr oder so wie schon andere zuvor niedermachen würden. Wir lebten in Shettleston billig, ohne Bad zwar,  das teilten wir mit andern Familien, und wir hatten uns in der Wohnstube mit unserm Diwan und dem Kamelhaarteppich komfortabel eingerichtet und auf dem Hof war es ruhig. Drinnen klapperten nur die Deckel der Waist-Container und die Kids konnten Ball spielen. Doch draussen vor dem Block war der eiserne Picket-Fence, der ein Loch hatte, wo die Junkies durchschlüpften, dahinter totes Land voller Löcher, Erdhaufen und Gestrüpp, dann die M-74, der Tunnel und die Gleise der Royal Rail.

Dreiunddreissig Mal haben sie zugestochen, da war er schon dreimal tot. Müssen genau gezählt haben, denn das war die Brand der Moods. Aber er selber gehörte zu den Moods, war ein Moodsrapper und die Jam 74 brannte ihre Rap-Spur durch Eastend, mittendurch. Wen du immer fragst, andere haben Jar nachts aufgelauert. Und als die Kriminaler ihn zurückbrachten und wir seine Leiche auf der hohen Couch in Ma und Pa’s Bedroom aufbahrten und seine Freunde kamen und sagten, wir haben’s nicht getan, da ging schon die Verhaftungswelle los. Im Bedroom aber sang Mahal, Jars bester Freund, zwischen den Zähnen:
                              
                               LET’S NOT ASK QUESTIONS SUCH AS
                               WHERE OUR FREEDOM WENT
                               LET’S HAVE A GLANCE INSIDE THAT PURSE
                               LET’S WATCH INSIDE THAT GLOVE-BOX


Jar war noch in Nyala geboren, wo der Rand der Wüste herankroch. Ihr Eastend-Rap war der Desert-Rap, so nannten ihn Jar und seine Freunde und ihre Foes waren die Janjaweeds. Nachdem die sudanesische Armee nämlich das Lager gebombt hatte, kamen Ma und Pa zusammen mit dem kleinen Jar auf die Insel. Es war ein humanitärer Sondertransport, trotzdem zahlte Pa mit seinem Vermögen. Sie kamen dafür zu einer Wohnung in Laurieston und Verwandte besorgten Pa dort in der Gegend einen Laden. Pa bezahlte ihnen zwar mehr als die Rente, doch hatte er nun wieder einen Laden wie damals in Nyala und Jar half ihm. Wenn Ma mit der kleinen Schwester und den Zwillingen im Wagen einkaufen oder spazieren ging, war ich oft dort und spielte mit den Kugeln des Zählrahmens, den Pa von Nyala mitgebracht hatte. Sie hatten in Laurieston nämlich so eine gammle Klingelkasse, welche Jar bediente, und Pa brauchte den Zählrahmen bloss noch hie und da, wenn Freunde kamen, welche gerne mit ihm schwatzten. Klar, er berechnete ihnen darum auch einen Freundschaftspreis.

Ich lernte am Rahmen zählen, bevor ich eingeschult wurde, denn Jar brachte mir in den flauen Stunden die englischen Zahlen bei. Ich konnte sogar einfache Additionen, zum Beispiel: drei und vier sind sieben! Und Jar hatte mir beigebracht, die Stockwerke unseres Blocks zu zählen. Ich stand auf einem Buckel, den der Rasen wir eine braune Schwäre bedeckte und zählte sie von unten nach oben und von oben nach unten, es waren immer dreiundzwanzig. Auf dem siebzehnten Stock hatten wir drei Zimmer. Wenn ich aus dem Fenster runter schaute, hörte ich hinter mir Pa seine Koranverse murmeln und sah unten die Schwäre, auf welcher ich gestanden und gezählt hatte. Und wenn ich aufschaute, sah ich über die Baumwipfel und den River Clyde weg auf den Park mit dem Glashaus drüben. Jar hatte mit gesagt, das sei Glasgow Green und der Peoples Palace mit dem Wintergarten.

Hingen nasse Flocken Schnee in den Bäumen und Glasgow Green war nicht mehr Green, dann beamte ich mich durchs Fenster in den Wintergarten. Ich hörte Pa’s Stimme hinter mir, er sass auf dem Kamelhaarteppich und pendelte beim Lesen mit seinem Oberkörper vorwärts und rückwärts, so dass seine Stimme sang. Jede Gemeinschaft, sang sie, hat einen Termin. Kinder Adams, wenn aus euch Gesandte kommen, um euch meine Zeichen zu künden, seid gottesfürchtig, so befällt euch keine Furcht. Aber denen, die unsere Zeichen  für Lüge erklären und hochmütig sind, werden die Tore des Himmels nicht geöffnet und sie gehen nicht in den Garten, bis das Kamel in ein Nadelöhr geht.

Ich war fünf. Dass man gottesfürchtig sein und zugleich keine Furcht haben sollte, machte mich gar nicht schlau. Und das mit den Kindern Adams und dem Kamel, welches in ein Nadelöhr gehen sollte, hielt ich für eine Geheimsprache und wagte daher nicht Pa zu fragen, obwohl ich genau wusste, dass er kein Zauberer war. Vielleicht wollte ich ihn auch nicht blamieren. Jedenfalls beamte ich mich, während Pa im Koran las, rüber zu den Kamelen, welche in meinem Wintergarten zwischen Palmen an einer Quelle hockten und friedlich vor sich hin kauten.

Jar hatte mich also gelehrt bis dreiundzwanzig zu zählen. Das reichte mir und ich dachte: dreiundzwanzig ist das Ganze. Denn dreiundzwanzig war der Topfloor. Darüber gab es nur das Dach und dort stoppte der Lift, wenn Jar auf den obersten Knopf gedrückt hatte. Das war aber streng verboten. Dass wir oben nichts zu suchen hätten, sagte Mister Grey, der im ersten Stockwerk wohnte und die Bewegungen des Lifts überwachte. Im Topfloor wohnte Mister Trucklebone, der sofort runter telefonierte, wenn er einen Toplifter erwischte. Soviel verstand ich: dreiundzwanzig bedeutete STOP. Und es bedeutete auch: VERBOTEN.

Als die Junkies dort oben ihre Spritzen ansetzten, weil sie im Keller nichts mehr zu suchen hatten, gab es im Block immer Krach. Aber Mister Trucklebone überwachte im Auftrag von Mister Gray den Lift und das Treppenhaus. Und Mister Grey sorgte für Ruhe und rief die Polizei. Später, als wir in Shettleston wohnten, dachte ich, die Zaunlücke hinter unserem Haus, durch welche ich Jar abends schlüpfen sah, sei das Nadelöhr. Ich hatte um diese Zeit nichts draussen zu suchen. Jar erzählte zuhause nie etwas von drüben und ich dachte, Ma und Pa dürften nichts davon wissen, darum fragte ich ihn auch nicht danach aus.

Wir kamen in diesem Winter nie von Laurieston über den River Clyde. Im Frühling kamen die orangen Männer von Safedem. Sie trugen silberne Helme und machten sich am Schwesterblock zu schaffen, während alle Bewohner unseres Blocks vom Groundfloor bis zum Topfloor der Reihe nach ihre Wohnungen räumten und auszogen. Am siebzehnten Tag räumte unser Stock und wir zogen nach Shettleston.

An einem heissen Sonntag früh desselben Jahrs nahmen Pa und Jar mich mit nach Laurieston. Die Bobbies hatten quer durch den Rasen ein gelbes Plastikband gespannt und versperrten alle Zugänge zu den Blocks. Am Rand der Strasse hatte sich eine Menge Menschen versammelt und Autos parkten, wo sie gerade Platz fanden. Die Bobbies waren mit der Absperrung der Blocks beschäftigt und ziemlich nervös, weil sie auch den Verkehr überwachen mussten. Orange Männer von Safedem standen mit Walkietalkies auf Hebeplattformen über dem Rasen. Ich stellte mir vor, dass sie an den Blocks oder dazwischen eine Trapez- oder Seiltanz-Nummer aufführen würden. Um jedes fünfte Stockwerk hatten sie breite schwarze Plastikbänder gespannt, an welchen der Wind zupfte, und ich sah, dass sie alle Fenster ausgehängt hatten, so dass die Blöcke einer Höhle mit tausend schwarzen Löchern glichen. Das sah zwar etwas unheimlich aus, aber die Leute schwatzten aufgeregt und lachten. Die Kinder sprangen um die Beine der Erwachsenen herum und haschten nacheinander. Die Stimmung war wie auf der grossen Fair in Govan vor der Parade.

Plötzlich hörte man einen Bang und alle schauten zu den Blocks. Ich sah vier Vögel in glattem Schwung über einen nahem Baum wegfliegen und jemand sagte: So vertreiben sie in Italien die Spatzen aus den Weinbergen, du wirst sehen, jetzt geht’s gleich los! Wow, sagte jemand anders, s’ist der programmierte Notfall! Und da blähten sich die schwarzen Bänder und Rauchzungen stachen wie die Rollzungen eines Chamäleons vom Top nach unten aus unserem Bau und er teilte sich in Türme, von denen einer dem andern folgend nach links wegbrach und sich knatternd in den hochschiessenden Staub verwandelte. Wir hörten die Bangs in rascher Folge, sie erfassten den zweiten Bau und wir sahen immer zuerst die Türme zusammenzucken, dann kamen die Bangs und dann das Knattern durch die stürzenden Turmreihen. Ich schrie und war zugleich starr und dann drückte ich meinen Kopf in Pa’s Kaftan. True! hörte ich Jars Stimme neben mir sagen, nicht laut, und eine hohe Stimme schrie gleich vor uns: Whow! Was für ein krimineller Staubpilz! Nimm die Beine zwischen die Arme!

Ich weiss nicht, wie wir nach Shettleton zurückkamen. Am andern Tage konnte ich am Zählrahmen nicht mehr zählen, ich schob bloss die Kugeln an den Stäben von rechts nach links, stellte den Rahmen auf den Kopf und begann von vorne. Aber ich hatte die Zahlen vergessen, sie hatten sich in mir drin verkrochen. Als sie Jar elf Jahre später nach Hause brachten und aufbahrten, war sein Leichnam in ein grünes Tuch eingebunden, nur sein Gesicht guckte aus einer Öffnung, ja, er guckte mit geschlossenen Augen wie verwundert und ich hätte die dreiunddreissig Stiche in seinem Leib nicht zählen können, obwohl ich die Zahlen in der Schule inzwischen wieder gelernt hatte, weit über tausend sogar, aber ich presste nachts mein Gesicht in alle seine Wunden.

Als sie dann die Shettleton-Area plattwalzten und wir in einen Old Tower-Block in Balornock umzogen, gingen die Zwillinge noch in die Elementary-School und Aida, meine Schwester, besuchte die Secundary. Ich … ich hatte eben meine Stelle bei Boots geschmissen, genau, der Manager hatte mich gefeuert, aber ich hatte mich geweigert, ihm schöne Augen zu machen und wusste, dass er mich feuern würde. Vor dem Tag, an welchem wir in den Block ziehen sollten, hatte ich Angst. In der letzten Nacht - ich hatte kaum geschlafen und erwachte sehr früh mit einem schrecklichen Traum - riss ich aus. Ich ging hinter dem Haus um die Kaninchenställe, dann schlüpfte ich durch das Zaunloch….  Am Abend desselben Tags griffen mich die Bobbies in der Gegend des Sportplatzes auf. Mein Vater kam auf den Posten. Er machte einen fürchterlichen Krach. Ein Polizist und eine Polizistin fuhren uns zum Towerblock. Als ich mich auf dem Parkplatz sträubte in den Block hineinzugehen, wickelten mich Vater und der Polizist in eine Wolldecke und sie trugen mich zum Lift. Ich schrie und schlug um mich und kratzte wie eine Katze im Sack. Die Polizistin versuchte mich zwar zu beruhigen, doch ihr Kollege rief einen Notfallarzt und der gab mir eine Spritze. So brachten sie mich hoch.

Mutter weinte und machte zugleich ein Gezeter. Sie brachte mir eine Schüssel mit Couscous und einen Krug Tee ins Zimmer, wo bloss meine Matratze und die Decke drin lagen. Sie weinte wieder. Dann schlossen sie das Zimmer ab und liessen mich allein… Wie kann ich je in einem Block drin leben ohne das Gefühl in einen Abgrund hineinzustürzen und jede Nacht aus dem Fall aufzuwachen!

Ich durfte die Wohnung nicht verlassen, fünf Wochen oder länger, ich habe die Wochen nicht gezählt. Nachts sperrten sie mich ins Zimmer. Ich ging nie ans Fenster um runterzuschauen, am Tag nicht und in der Nacht nicht. Vater redete fünf Wochen lang nicht mit mir, tagsüber war er fort, weil er Arbeit suchte und wieder ein Lokal zu finden hoffte, wo er seinen Laden einrichten wollte. Im Wohnzimmer hatten sie über einem Strauss Hyazinthen, es waren Plastikblüten, eine Foto von Jar aufgehängt. Sie hatten sie vergrössern lassen. Ich sah, dass sich Vater manchmal, wenn er auf dem Kamelhaarteppich sass, mit der Hand über die Augen wischte. Ich half Mutter im Haus. Sie war sparsam mit ihren Worten. Ich spürte, dass sie mich nicht mehr bestrafte, trotzdem hätte ich wissen wollen, was sie und Vater miteinander beredet hatten. Aida ging einkaufen, ich half der Mutter in der Wohnung und durfte, wenn auch nicht ohne ihre Begleitung, in den Keller runter, wo wir die Waschmaschine stehen hatten. Es fiel genug Wäsche an und ich stopfte die Dreiangel in den Jeans der Zwillinge. Langsam gewöhnte ich mich an den Block, aber ich wollte ihn in zu dieser Zeit selber noch nicht verlassen, weil ich Angst hatte, wenn ich mir seine Höhe vorstellte und irgendwo winzig in der Wand unsere Wohnung.

Eines Abends sagte Vater zu mir, er habe in Balornock ein Lokal gemietet. Ich könne ihm einrichten helfen und beim Verkauf im Laden gebe es für mich Arbeit. Wozu war ich sonst gut, nachdem ich den Job bei Boots geschmissen hatte? In Balornock hatten wir aber keine Kundschaft. Sie hatten dort ein riesiges 99-Pence-Warehouse gebaut. Vater versuchte es mit Gemüse. Aber es wurde ihm nicht frisch angeliefert. Er versuchte es mit geschächtetem Fleisch. Aber im 99 boten sie es für die islamische Kundschaft delikat in Folie an.

In Shettleton hatte Vater vor dem Eid jeweils hinter dem Schuppen am Zaun ein Schaf geschlachtet. Er schnitt ihm die Halsschlagader durch und liess das Blut in einer Rinne abfliessen. Es rann unter dem Zaun durch und versickerte. Einen Drittel des Tiers schenkte Vater  den Verwandten, zwei Drittel verteilte er an bedürftige Kunden. Den Kopf steckte er auf einen Holzspiess, den er senkrecht in die Erde einschlug, und röstete ihn am Feuer, dann tischte ihn Ma mit Couscous und Weinbeeren auf.

Beim Opfermahl im letzten Ramadan war Jar nicht dabei. Er war am Vorabend weggegangen, wo er blieb, wusste niemand von uns. Er blieb um diese Zeit häufig weg und wir machten uns Sorge, weil er darüber nie ein Wort verlor. Doch schliesslich war er alt genug und hatte einen Job. Nur war es im Ramadan und Vater dachte: Entweder ist er unrein und nicht würdig das Opfermahl zu nehmen oder er begeht ein Haram. Vater war an dem Abend wütend und Mutter weinte und beide fielen ins Grübeln. Ich wollte nicht nach der stumpfsinnigen Liste von Pflichten und Tabus über Jars Zustand urteilen. Kurze Zeit nach Ende des Ramadan wurde Jar getötet. Vater sagte darauf immer wieder: Wenn Jar beim Eidmahl dabei gewesen wäre…. Immer nur diesen halben Satz sagte er. Was er dachte verriet er nicht, aber wahrscheinlich glaubt er, Jar sei erstochen worden, weil er sich versündigt habe. Er musste schliesslich eine Erklärung dafür haben. Ich hasse Vater und zugleich habe ich für ihn auch Mitleid.

Im Vorjahr hatten Jar und ich zusammen die Govan-Parade besucht. Ich fragte Jar, ob sie denn in Govan auch Eid feiern. Gleich hinter der Brassband trugen sie nämlich einen Widderkopf auf einem Spiess voran. Jar war sieben Jahre älter als ich und wusste die Sache zu erklären: Ein Grundherr, heisst es, hat vor langer Zeit seiner Dienstmagd zu heiraten verboten. Die armen Weber von Govan rächten sich darauf für die Magd. Sie schlugen nämlich der Herde des Unterdrückers die Köpfe ab. Den Widderkopf spiessten sie auf und zogen protestierend zum Gutshof. Jedes Jahr darauf haben sich die Weber an ihre Rache erinnert, erzählte Jar, und so ist der Brauch von der Parade und dem Widderkopf entstanden….

Warum ich dir die Geschichte erzähle? Weil sie mir immer im Kopf kreist. Vater hat meine Schwester, obwohl sie jünger ist, letztes Jahr mit einem Verwandten verheiratet. Zu mir sagte er einen Satz, der sich mir einbrannte: Du hast Schande über die Familie gebracht, denn du bist ausgerissen und überhaupt….  Das war alles. Vater hat die Gewohnheit abzubrechen, wenn er verbittert ist. Vielleicht hat ihm der Manager von Boots was gesteckt,
als er mich entliess. Ich bin zwar nicht prüde, aber das Schwein hat die Geschichte sicher erlogen. Ich weiss jetzt, Vater wird niemals einwilligen, dass ich heirate, und wenn ich es selbst wünsche, wird er mich verstossen. Ich bin zwar die Ältere, bin aber durch die Zaunlücke abgehauen. Bin ihnen gerade gut genug, für die Miete aufzukommen und für beide zu sorgen, wenn sie älter werden - und Vater ist krank. Aber wie kann ich schon anders?

Ich will selber bestimmen, wenn ich heirate… und wenn ich liebe! Wenn  e r  aber stirbt? Meinst du, Ma hätte einen Hauch von Chance, sich in die Pensionskasse der schottischen Witwen einzukaufen? Pa wird bald sterben. Ich frag mich, wie es mit uns weitergeht. Ich bin jetzt dreiundzwanzig. Von Jar habe ich die alten Platten. Er hatte welche von Jusuf, die er oft hörte. Zum Beispiel: THE BLOCKS ARE OUR SHELTERS, THE SHELTERS OUR SHUTTLES TO SHAME .  Und alle anderen Songs! Ich lege sie immer wieder ein. Jusuf ist blind, meint Vater, weil Allah ihn gestraft hat. Aber es ist umgekehrt und ich glaub, wie Jar sagte: Er ist blind, weil ihn Allah zum Seher gemacht hat. Darum.

SIE HABEN UNS VOLLGEPUMPT MIT SONNENSCHEIN UND GARANTIEN , singt Jusuf. Aber die Stocks sind leergepumpt. Für die Regeneration zum Beispiel sind keine Bluechips mehr drin. Und ich frag mich, wo jetzt das Geld bleibt, die Blocks zu sanieren, die sie drum nicht abreissen, weil sie keins mehr haben. Sie haben  GRASSROOTS-PARTICIPATION  versprochen, sagt Jusuf, und jedem ist das Gegenteil klar, denn der Zustand ist: Wir leben zwischen faulenden Spannteppichen und schimmelnden Wänden.

Das sind die Grassroots, der braune Schimmel! Die Leute werfen Waist aus den Fenstern. Vor einem Monat hat eine junge Mutter ihren sechsjährigen Sohn vom vierzehnten Stock runtergeworfen, wie einen Gegenstand. Sie war blazin, vollgepumpt mit Drogen. Kannst du dir vorstellen, dass sie durchdrehte, weil sie keine Zukunft sah mit drei Kindern und ohne Mann? Die Behörde hat ihr die zwei kleinern Kinder weggenommen und versorgt, klar. Vorher hat sie sich zwar um das Programm, aber menschlich überhaupt nicht um die Frau gekümmert. Wir haben den Platz unterm Block, wo sie den Jungen fanden, mit Blumen geschmückt, damit wir uns selbst an ihn erinnern, obwohl wir ihn nicht kannten. Ein Teddybär wird vom Regen grau gewaschen und verschimmelt dort unten. Es ist in Glasgow nicht besser als es in Afrika war, das ich nicht kenne. Wie geht es mit uns weiter und wofür leben wir?    

Jar hat mir erzählt. Er hat die Wüste herankriechen sehen. Er hat gesehen, wie Vater im Lager am Opferfest ein Kamel schlachtete und wie ein kräftiger Glatzkopf den toten Leib aufblies. Er pustete, dass sich seine Adern am Kopf blähten, während zwei Männer mit Ruten das Blut aus dem Kamel herauspeitschten.

Manchmal träume ich von der Wüste und den zähen Gräsern, welche unter dem Treibsand wurzeln und ihm widerstehen.

Manchmal schaue ich dann heimlich aus dem Fenster auf die Grasflächen runter, folge den Spuren im Schneematsch. Die schwarze Piste zielt vom Blockeingang quer rüber zur Bushaltestelle. Das ist der Karawanenpfad, denk ich. Aber in alle möglichen Himmelsrichtungen laufen schwarze Abdrücke von Schritten, kreuzen sich, flechten ein Netzmuster von Spuren und verwirren sich in einem Knäuel, sieht aus wie ein Sammelplatz. Dort vertreten die Blockirockies nachts ihre klamen Füsse, rauchen ihre heissen Joints. Wenn ich die Fährten sehe, kommen mir Boots in den Sinn. Irocky-Boots. Die Indianer, welche früher auf jeder Tabakdose mit Kriegsschmuck drauf waren, sind lange out. Doch Irocky-Boots sind in. Zwar sind die nicht Mocassins made in Tobaccoland, aber  d i e  Marke eben, die Mocassins der Irocky-Gangs. Ich finde Paschtunenturbans und Peschmergahosen, in denen bald alle andern herumlaufen, zum Kotzen, die riechen flau nach Knoblauch, Ingwer und Zimt wie die jemenitischen Gewürzläden. Die  I r o c k i e s  sind die echten Stammeskrieger. Sie klettern nachts mit ihren Spraydosen an den Blocks wie an Bäumen hoch und markieren ihre Reservationen. Die Rubberboots sind genau die richtige Marke dazu, haben das nötige Haftprofil für ihren Todesmut. Die Blockirockies schneiden ihre Stammestattoos auch in die Sohlen ihrer Schuhe, deren Spuren ich sehe, bevor es dunkel wird.







Eine nachgefügte Notiz

Mit Joes Chef versuchte ich am zweiten Tag wegen ihrer Entlassung zu sprechen. Er hatte gerade das Handy zwischen Kiefer und Schulter eingeklemmt und blätterte in einem Register. Er schaute mich aus dem Halbdunkel hinter dem Buffet der Rezeption mit stumpfem Blick misstrauisch an und gab dann eine Information durch. Als ich ihn wegen Joe ansprach, ging er nicht einmal auf die Kündigung ihrer Stelle ein, sondern beugte sich über den vergilbten Stadtplan unter der Glasfläche vor und sagte mit seiner Raucherstimme, er müsse mein Zimmer auf Monatsende wegen Sanierung kündigen. Ich bekam zu spüren, dass ich nicht mehr der ehemals mit dem Sonderservice seines Jasmintees bevorzugte Mieter, sondern niemand war. Er machte mir weder ein Angebot noch deutete er vage Hoffnung auf zukünftige Erneuerung des Mietvertrags an. Er schmiss mich raus.

Meine Monatsmiete war bezahlt. Ich blieb noch sieben Nächte in meinem Hotel. Sie bestätigten mir, dass ich mich in einer Beziehung nicht täuschte: Joe und ich waren wortlos Verschworene. Ich nannte es scherzend unsere Gunpowder-Verschwörung. Wir waren beide gekündigt. Joe verlor den schlechten Lohn, mit dem sie die Eltern unterstützte und ihre gemeinsame Miete zahlte. Mein eigenes Vermögen war durch die Inflation fast bis zum Grund geschrumpft und ein unregelmässiges Einkommen fiel von jetzt an aus. Die Kündigung des Mietzimmers hatte ich selbst schon vorgesehen.

Joe verriet mir, die zivilen Beamten hätten neben meinem auch andere Zimmer des Stockwerks durchstöbert. Ich konnte nicht ausschliessen, durfte mich aber auch nicht darauf verlassen, dass die Security eine ihrer völlig routinemässigen Razzien nach Waffen, Drogen und Schmuggelware jeder Art durchgeführt hatte.      

Immerhin versicherte mich die kurze Zeit, welche ich nach dem Treffen mit Unterbrechungen schreibend in meinem Zimmer verbrachte, dass meine Verhaftung kaum zu befürchten war. Nicht jetzt jedenfalls.