L’espoir voit un défaut de la cuirasse des choses. Paul Valéry, 1941
Streetwalk on the wild side
Die Ladywell Strasse ist eine Sackgasse. Auf
James Computer habe ich mich letzte Woche bei einem Streetviewstroll in der Umgebung der
Necropolis verfahren. Ich beabsichtigte den Ort des Treffs an der Ecke John
Knox Street zu rekognoszieren. Die Ladywellstrasse zweigt an dieser Ecke
unmittelbar neben dem Portal der Necropolis ab und folgt deren Aussenmauer in
östlicher Richtung. Wer die Strasse betritt, kann die Situation erst nach einer
Kurve einschätzen. Dann erkennt er die Falle. Die efeugekrönte Stützmauer am
Fuss des Totenhügels stösst nach kaum hundertfünfzig Metern in einem stumpfen
Winkel mit der stacheldrahtgekrönten Umfassungsmauer des benachbarten
Brauereiareals zusammen. Man sieht keinen Durchgang, erkennt keinen Sinn.
Vielleicht verband die Ladywell einmal durchgängig die John Knox Street mit
einer anderen und erfüllte den Zweck einer Verbindungsstrasse. Als die
Brauereigesellschaft das Revier bebaute, beanspruchte sie den Raum und die
Strasse diente wohl noch als Zugang zum Ladywellbrunnen. Der Brunnen steht in
einem blinden klassizistischen Portal an der Necropolismauer und zwar genau im
toten Winkel der Strasse, welcher er den Namen lieh.
Der gehorsame Lenkpfeil des
Systems, welcher auf Klick beharrlich der Fahrbahn folgt, stottert an dieser
Stelle. Ende. Ein Wagen muss im Winkel unter zischenden Kesseln und Rohren des
Betriebs zur Rechten und dem Mauerbrunnen unter den schattigen Baumkronen der
Necropolis zur Linken mühselig wenden. Mein Klick auf dem Kompass von
Streetview wendet ganz simpel die Strasse selbst. Dabei huscht der virtuelle
Schatten des Kameraturms auf dem Mobil unter meinen Sohlen zurück und der Pfeil
dreht in die Gegenrichtung.
Dank der digitalen Kapriole
entkomme ich dem toten Winkel, entspringe mit Siebenyardstiefeln, schlüpfe
ungehindert zwischen einem schief geparkten Fahrzeug der Stadtgärtnerei und dem
antiken Ladywellbrunnen durch und gelange zurück zur Kreuzung. Bevor mich das
Schattenhütchen des Kameramobils einfängt, entscheide ich mich zum Ausbruch in
die Necropolis. Der Pfeil stottert, aber ich schleuse mich flink durch das
spaltoffene Portal in das gepflegte Green der Glasgower Totenwelt.
Der Zug ist regelwidrig, trotzdem
stehe ich vor dem herangezoomten Grabstein. Entziffere die anfangs des letzten
Jahrhunderts auf körnigem Granit aus den Southern Uplands eingemeisselte
Inschrift:
35188 PRIVATE
GEORGE
CAMERON
HIGHLAND
LIGHT INFANTRY
AND ARG
6 SUTH’D HIGHRS
14 TH
OCTOBER 1918 AGE 19
+
Fondly remembered
Hätte doch der junge Private
35188 so easy wie ich durch einen Seitensprung vor dem gewissen Tod zwischen
den Stacheldrahtsperren der Grabenfront desertieren können! George starb im Augenblick,
als das feindliche OKH den BREITEN MASSEN endlich das Recht zugestand, NÜCHTERN
NACH DEM LEBEN VERLANGEN zu dürfen, statt sich IN SCHÖNHEIT DER EHRE zu opfern.
Als Held kehrte er schwerverwundet im Bauch eines Lazarettschiffs zurück und
wurde im Scottish General Hospital zu Aberdeen vom Tod besiegt. Die Überreste
seines erloschenen Lebens liegen in einer Ehrenreihe von Kriegsgräbern
beigesetzt.
Keinen forschen Siebzigyardsprung
unterhalb der Kreuzung der John Knox mit der Wishart und Ladywell Street stehen
zwei Alte an einer Bushaltestelle. Er breit und etwas schwerfällig, sie mit
zwei Tragtaschen, beide mit ausgewaschenem Gesicht. Eine junge Blonde in eng
anliegenden Casual Jumpers schreitet am schütteren Baumbestand auf der Höhe der
Kreuzung vorbei und verschwindet plötzlich. Ihr sportlich-wendiger Körper ist
im Sprung von der Bildfläche wegtuschiert. Ist sie in die Ladywellstrasse
eingebogen?
Die Quelle ist nicht versiegt.
Doch als die Necropolis angelegt wurde, so erzählte mir James, da verschloss die Stadtbehörde den Brunnen, denn
man befürchtete, dass sein Trinkwasser als Folge der Leichenverwesung vergiftet
würde. Die Brewery der Tennents entlieh später dem Ort ihren sinnigen Namen.
Wellpark klang vornehm und verschwieg, dass die Quelle stillgelegt und der
baumreiche Park nicht Glasgow Green, sondern die benachbarte Schädelstätte der
City war.
James hatte spätabends einen
Whisky aus dem delikaten Sondervorrat seines in eine Kaderposition des Konzerns
hochgestiegenen Bruders geöffnet. Wir tranken die edle Bouteille, auf welcher
ein Hirschgeweih aufgeprägt war, langsam und genussvoll leer.
Gerste und Malz wären vor langer
Zeit den Toten geopfert worden, sinnierte James. Durch das Opfer hätten die
Lebenden endlos an den Konvivien der Toten teilgenommen. An geweihten Tagen
aber hätten die Lebenden die Toten zu ihren Konvivien eingeladen. Durch die Rituale
sei der Austausch zwischen der Welt der Lebenden und dem Reich der Toten als
ein Kreislauf des Gebens und Nehmens erhalten geblieben.
James hob das Glas und schwieg
eine Weile mit sabberndem Mund. Dann erklärte er mit funkelndem Blick, die
Tennents seien die Pächter an dem Recht zur Teilnahme an den ewigen Konvivien
mittels Gerste, Malz und Musik. Tinverpackt in den schillernden Konserven
würden diese Medien weltweit in Umlauf gesetzt, um als Tintinnabulation das
Leben zu erhalten und erträglich zu machen. Diese Wirkung könnten sie aber nur
erzielen, solange das Gleichgewicht zwischen den Welten der Toten und der
Lebenden Bestand habe. Die Erhaltung des Gleichgewichts sei indessen die
eigentliche Arbeit der dampfenden Kessel und Rohre.
Ob ich mir eigentlich vorstellen
könne, wie die Wikinger und Waräger die Unbill aufreibender Kriege und den
Stress ihrer eigenen Streitigkeiten ohne Gerste und Malz je überstanden hätten.
Und zwar nicht bloss im Diesseits, sondern auch in dessen Kontinuität im Jenseits,
wo ja niemals von Ruhe die Rede sein konnte! Ja, wir brächten die Toten zum
Schweigen und liessen sie ruhen. Sie hingegen hätten sehr wohl gewusst,
weswegen ihre Toten nicht nur nach dem Opfer von Gerste und Malz, sondern auch
nach der Mitgabe aufwendig geschmiedeter Waffen sowie Mannschaft, Tross und
Schiffen verlangten. Und niemand hätte bezweifelt, dass die gekrümmten
Kriegshörner, welche sie ihnen ins Grab legten, auch drüben geblasen würden.
Die Barracks standen früher in den Städten. Was historisch einleuchtet, wäre heute strategischer Unsinn. Stadtkasernen wurden zweckentfremdet oder abgerissen, ihre Areale verwandelten sich in öffentliche Parkanlagen oder in Bauland. Wer von der Gallowgate die Barrackstreet hochgeht, sieht sowohl zur Highstreet hin wie stadtauswärts viel aufgelassenes Gelände und altes Brickmauerwerk darin. War das Gelände für eine zukünftige Regeneration ausgespart, so blieb diese aus. Was sich darin ansiedelte, blieb provisorisch. Das billig Erworbene soll Geld abwerfen. Darin erfüllt es seinen Zweck.
Der Waren-Discounter auf der
linken Seite der Strasse beansprucht ein riesiges Parkgelände für Kunden, deren
PW’s am Tag aus purer Bequemlichkeit auch die Barrack Street vollstopfen. Auf
der rechten Seite und im oberen Viertel, um die Einfahrt in die Duke Street,
hat sich in Ramschbauten das Auto-Zuliefer- und Reparaturgewerbe
niedergelassen: Motoring Discount, Tyres, Traylers, Distributers. Der
Secondhand-Autohandel parkt sein Kapital in videoüberwachten Höfen und - wenn
das Geschäft nicht läuft - auch der Strasse entlang. Auf der Spanne zwischen
den Betriebszonen, welche das tiefer liegende Bahngeleise kreuzt, erstrecken
sich beidseitig der Barrack Street grosse Geländelücken. Brache. In der
verstrauchten Wildnis dösen sinnlose Mauerruinen, wirbelt Staub auf, ist
nichts.
THE BUTTS hiess das Gelände früher, die Kolben. Wer
versteht das heute? In längst verstrichenen Zeiten fanden auf dem offenen
Gelände Waffenshows und bunte Truppenparaden statt. Bürgerliches
Schauvergnügen, Anlässe zu Sonntagsbummeln vor die Tore.
Als in Calton die Dampfhämmer
wummerten und der Industriequalm durch die engen Gassen strich, war die
Behaglichkeit ausgetrieben. Wahrscheinlich verhöhnten die unruhigen
Industriearbeiter an der Gallowgate und drüben in den Gorbals, am Gegenufer des
Clyde, das Kasernengelände als THE
BUTTS. Jedenfalls liehen sie dem alten Namen einen zu ihrer Zeit einfühlsamen
Sinn. Wenn immer sie die Maschinen und das Kapital büssen liessen, was sie
selbst litten, dann schickte das Regiment die Gewehrkolben. Auf den BUTTS
standen die Truppen in Bereitschaft, von dort zogen sie zum Strafritual
los. Schon in der Revolutionszeit knallten sie in einen Demonstrationszug
ausgemergelter Weber. Um die Stahlwerke Caltons pflegte das politische Regiment
während der Fieberkrisen der mechanischen Revolution die Empfindlichkeit der
Werktätigen regelmässig zu testen. Sie waren auf Kolbendresche geeicht und
gestempelt und hatten Anlass genug, die Streiks als ihre Waffe unermüdlich zu
trainieren.
Am Montag, Stunden bevor ich mich zum Treffen am Necropolis-Corner aufmache, frühstücke ich spät im Forck ‚n‘ Knife Sitin & Takeaway. Winzige Bude, Bar und Café in einem. Am Ende der Theke, wo man durch die Putz- und Gerümpelkammer zur Toilette abzweigt, hockt Brokenglasseye hinter dem schwärzesten Stout, das ich je gesehen habe. Es ist schaumlos. Es fliesst nicht gärig, sondern ölig aus dem Hahnen und bildet keine Schaumkrone. Es hat die Farbe schwarzer Lakritze und riecht ätzend.
Es ist flüssige Lakritze, raunt
Brokenglasseye heiser und kneift ein Auge zu. Schmeckt bittersüss und brennt
den Gaumen runter. Es ist das einzige Bier, das meine Träume aufhellt. Empfehle
ich gegen Depression. Trinke es darum morgens. Immer wie andere öden Kaffee. Es
ist meine schwarze Milch der Frühe.
Brokenglasseye ist ein sporadisch
während kürzern oder längern Intervallen abwesender Dauergast meines Hostels an
der Galowgate. Die ihn eh kannten, sagen, sein hübscher Rotschopf sei mitten im
Leben auf einmal silberweiss geworden. Silbern ist seine eitel gepflegte Frisur
noch heute, aber nicht mehr füllig und mit einem Gelbstich. Ein weisser Rabe
war seit je sein Signet. Mit Schwarzstiften krakelte er seine berühmten
Comic-Helden. Die Naivlinge blickten mit riesigen Stauneaugen aus ihren
magersüchtigen Gesichtern. Man wusste allerdings nie, ob in einem süssen Träumer
nicht ein vor Selbstmitleid triefender Zombie steckte, in den er sich
unversehens verwandeln konnte. Die Fieslinge, welche ihrer Rolle gemäss als
solche zu agieren hatten, schauten fahrig und warfen stechende Blicke aus ihren
Kullerglotzen. Vielleicht, wer weiss, waren sie nur irregeleitete Idealisten,
die nicht wussten was sie taten und daher auf Gnade hoffen durften, fragte sich
nur von wem. Den an seinem Kreuz schmachtenden Leidensmann bewarfen die
römischen Söldner mit Hohn (du Wehleider, du aufgenagelter grosser Idiot!) und
stichelten umso ärger, je verzagter er nach seinem Vater rief und die
bedeutenden Sätze in diese nekrophile Welt schrie. Doch wo blieb denn der
Vater, der ihn in einem spermafreien Akt mit seiner Mutter erzeugte? Der ihn im
Augenblick der Todesnot im Stich lässt und gnadenloser Verspottung aussetzt?
Wo, wenn es ihn überhaupt gab, versteckte sich sein Vater? Diese Frage stellte
Brokenglasseye in seinem berühmten Comicstrip. Dachte er - wie ich - an seinen
eigenen Vater und die befleckte Empfängnis seiner im Stich gelassenen Mutter?
Im Söldner, welcher unter seinem römischen Helm frotzelnd zum Leidensmann
hochgrinst, karikiert er sich selbst.
Zu reiferen Einsichten brauchte
Brokenglasseye nicht zu gelangen, er hatte sie schon in jungen Jahren und hätte
sich ruhig gehen lassen können, als er sich verliebte. Doch er nahm damals die
Liebe so ernst wie das Leben, das ihm seine Visionen schenkte. Er konnte seine
Augen nicht daran hindern zu sehen, wie die Welt beschaffen war. Genau
hinzusehen mit staunender Neugier wie seine naiven Helden mit ihren
Scheinwerfern. Oder so wie seine Fieslinge mit ihrem Röntgenblick, aber nie
unverschämt, nie aufgeblasen, sondern tieftraurig. Er selber wusste, was er
tat. Und er tat es, obwohl er wusste, dass da keiner war, der ihm seinen
Scharfsinn verzeihen würde.
Und sie verziehen ihm auch nichts, das erfuhr ich von ihm selbst. Brokenglasseye twitterte seine beissenden Kommentare und Strips in die blasierte Welt hinaus, bis er sein junges Leben beinahe an einer Milzvergiftung vollendet hätte.
Das hatte keine äussere Ursache.
Man erzählt, sie hätten seine Website mindestens achtmal gelöscht. Doch er habe
sein Pseudonym nicht verleugnet. Habe jedesmal wieder eine Masche oder Lücke
erwischt und sich einen Zugang aufgeklickt. Habe sich für seine Domain gewehrt,
habe das allein für ihn bestimmte Portal mit einem cleveren Fusstritt
aufgesperrt. So lange bis sie genug hatten, seinen Anspruch sperrten, seine
digitale Existenz endgültig löschten. Der Zutritt zum virtuellen Paradies blieb
für ihn von da an verboten. Für ihn war klar, dass es kein anderes gab. Er
hatte sich längst in der Wirklichkeit eingerichtet und keine Ansprüche auf
Alternativen, darum fiel es ihm leicht.
Der Rauswurf hatte eine
entscheidende Konsequenz. Er festigte seine Leidenschaft, an diesem Leben
festzuhalten, sein Menschenrecht auf dieses für ihn allein bestimmte Leben
falls notwendig mit den Zähnen zu verteidigen.
Das erzählte er mir einmal selbst
beim siebenten Tennent. Auf jeder Etikette der Flaschen, die er vor sich
aufreihte, war eine andere aufreizend schöne Dame abgebildet. Er nahm ihre
Parade ab und sein Blick war unvernebelt. Er fantasierte nicht, als er mir die
letzte Episode seines Kampfs mit dem Polypen erzählte:
Ich hatte meine Identität
wirklich gelöscht. Hatte mir eine neue Identität verschafft. Offiziell, es
funktionierte, ich verrate dir nicht wie. Als ein anderer legte ich mir ein neues
Passwort zu, um mich ins verbotene Netz einzuschmuggeln. Ich nannte mich
Bleedingnose, will nicht verschweigen weshalb. Als Junge bin ich immer auf die
Nase gefallen. Bin nie liegen geblieben, sondern habe mich mit blutender Nase
aufgerappelt. Bin nicht weinend zur Mutter gerannt, selbst wenn ich wusste,
dass sie zu Hause war und das war selten der Fall. Das Nasenblut tropfte und
verkrustete, ich putzte es mir nicht weg. Darum haben mir meine Klassenkumpels
den Namen angehängt. Und weil ich so hiess, zielten sie beim täglichen Gerammel
oder in den Zweikämpfen, die jeder wie ein Ritual provozieren musste, immer auf
die Nase. Sie trafen, bis sie einmal nicht mehr nur blutete, sondern brach. Von
da rührt der Knick meines Nasenbeins. Es wurde nicht verarztet. Aber ich schlug
fortan zurück und zielte genau auf das Nasenbein meiner Gegner. Und ich blutete
nie mehr aus der Nase. Und ich fiel nicht mehr hin.
Ich richtete mir eine schöne neue
Page ein. Aber als ich mein neues Passwort beim nächsten Mal korrekt eingab,
gab mir ein Link Bescheid, dass entweder mein geniales Passwort oder meine neue
Adresse falsch wären. Sie schützten Sicherheitsgründe vor, doch eine korrekte
Version gab es nicht und meine Page war verschwunden. Weg! Das Netz liess mich
im Stich. Sonst aber geschah nichts. Ich lebe unbehelligt draussen. Als ein
anderer, mit meinen alten Schuldgefühlen. Man nennt mich hier Brokenglasseye.
Ich stehe zu meinem Namen, weil ich scharf sehen gelernt habe. Vielleicht ist
es die Folge meiner Milzvergiftung, ich weiss nicht.
Unbehelligt? Brokenglasseyes
Wortwahl war ein Euphemismus. Er erzählte mir damals seine Geschichte.
Natürlich geschah alles, was einen normalen Menschen zerbrechen musste und was
viele zerbrach. Brokenglasseye verlor seinen Job, verlor sein Medium, seine
Sponsoren, seine Lobby, seine Fans, seinen sogenannten Freundeskreis. Er wurde
ein Obdachloser, lebte von der Suppenküche, von ein paar einschlägigen Diensten
und dem winzigen Quantum schwindender christlicher Nächstenliebe, mit der ihm andere
die Aufmerksamkeiten vergalten, welche er ihnen frei von jeglichem
Selbstinteresse zukommen liess. Er wohnte nach der Katastrophe jahrelang in einer Gammel-WG im Umkreis der Necropolis.
Der abbruchreife Block befand sich gegenüber dem Wellpark-Areal. Brokenglasseye
lebte in der süsslichen Ausdünstung der Brauerei und gab - wie schon früher -
die Necropolis als seine offizielle Wohnadresse aus. Er schaute vom vierten
Stock seiner verbarrikadierten Wohnzeile hinunter auf den Tennent-Slogan an der
Umzäunung jenseits der Strasse: Naturally brewed. Und er las täglich die
Empfehlung der Bank of Scotland: Banking on your mobile, because we all lead
busy lives. Brokenglasseye hatte weder ein Mobile noch ein Bankkonto
.
.
Ich verspeise im Fork ‚n’ Knife Sitin & Takeaway mein Gabelfrühstück. Der Speck ist aus embrionalen Stammzellen im Labor gezüchtet. Gabeltauglich. Originaler Schweinespeck ist rar, daher teuer. Brokenglasseye muss mir zugeschaut haben, wie ich die in urbanen Terrassenkulturen erzeugte Gentech-Tomate sorgfältig vierteile. Als ich den ersten Bissen aufspiesse und zum Mund führe, bemerke ich seinen Blick. Seine Augen haben einen hungrigen und zugleich belustigten Ausdruck, als er den Vorgang beobachtet. Er leert sein Glas Stout mit einem Schluck, kommt schwankend, setzt sich neben mich und lässt einen Sermon vom Hocker:
Du wirst dich auch einmal daran
gewöhnen müssen, ohne Messer und Gabel zu frühstücken. Wie kann man eine Tomate
zerschneiden! Das ist undecent, mein Freund, nicht anders als einen Fisch mit
dem Messer traktieren. Die Suppenwürfeltomate für das Fingerfrühstück ist auf
dem Markt. Und den In-Vitro-Knusperspeck im Snackformat kannst du wie einen
Riegel anbeissen. Sogar den Kipper gibt es heute grätenlos als Riegel. Beim
Zustand der Meere wohl auch bald aus der In-Vitro-Zucht. Müsste sich eigentlich
durchsetzen. Wäre die Welt nur nicht so gleichgültig geworden! Wir
vernachlässigen den Markt. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen hat Innovation
keine Zukunft. Du wirst von Glück reden. Fork ‚n‘ Knife ist eine konservative
Breakfastkabine. Aber ich will dir mit meinen Laborfood-Visionen nicht den
Appetit verderben.
Al! - ich spreche Brockenglasseye
mit seinem Taufnamen an, den er mir damals bei seiner Tennent-Parade
anvertraute: Die Mädchen nennen mich Al, so heisse ich wirklich, damit du es
weisst, hatte er damals gesagt und seinen Namen wie eine Liebkosung betont.
Al, sage ich also, lass in
Teufels Namen das Retorten-Ei aus dem Spiel! Damit könntest du mir nämlich die
Frühstückslaune gründlich verderben. Ich geniesse das traditionelle Spiegelei.
Und ich bin dabei nicht indecent at all, denn ich schneide das Eigelb sauber
aus dem Eiweiss und verzehre es ganz. Schau!
Ich lasse das Eigelb auf die
Zunge schlittern. Al schluckt einmal leer, rülpst und sagt:
Dein pedantischer Kult ehrt,
woraus wir alle kommen. Zwar wird das Huhn invitro-fertilisiert als Klon
gezüchtet, aber mit dem Ei bleibt vorläufig alles beim Alten.
Du machst mich glücklich, danke
Al!
Al lässt seine elektronische
Zigarette aufglimmen, blinzelt zu den Spots hoch und doziert:
Unter den gegenwärtigen Umständen
ist Futurologie ohnehin eine Farce. Ich versichere Dir, wir werden bei der
Humanzeugung den Hightech-Sprung nicht hinkriegen. Nicht weil der biotechnische
Standard unterentwickelt oder die ethische Hemmschwelle zu hoch wäre.
Sondern?
Na, weil die Natur rebelliert und
uns eine späte Erkenntnis aufzwingt: Dass nämlich unsere Spezies auf Dauer
degeneriert, wenn wir das natürliche Prinzip der Selektion austricksen.
Mir scheint, wir sind dabei schon
weit fortgeschritten.
Und merken’s nicht. Der Fortschritt
beginnt mit der Maschine und dem Irrglauben, dass wir sie beherrschen, während
wir uns von ihr unterkriegen lassen.
Du meinst in andern Worten, dass
wir ihre Macht unterschätzen.
Die Maschine ist an sich weder
gut noch böse.
Aber dumm ist die Einbildung,
dass wir uns mit ihrer Energie die Welt unterwerfen können.
Ja. Das Paradies ist eine Illusion.
Kehr diesen Satz einmal um!
Die Illusion ist ein Paradies?
Genau. Für mich stimmen beide
Sätze gleichermassen. Der Irrglaube besteht darin, dass wir uns einbilden, das
Paradies zu erschaffen. Die Einbildung ist der Antrieb des Fortschritts. Wir
lassen uns vom Tempo verführen. Dabei schrumpft die Zeit. Das geht schief. Der
Fortschritt macht uns zu Sklaven und wir merken‘s nicht oder zu spät. Die Zeit
ist nicht eintauschbar.
Du bist ein Moralist.
Dann ist auch Shakespeare ein
Moralist. Gehst du immer noch davon aus, dass der Fortschritt uns hilft, den
Bogen zu schlagen, um unsere Probleme zu bewältigen? Wo wir uns doch durch
kopflose Gier die Probleme selbst erschaffen!
Mag sein. Nimm bloss die Neugier
von deinem Schuldkatalog aus. Ich halte sie für unsere beste Eigenschaft. Allerdings
räume ich ein, wir haben die dumme Neigung, unsere Antwort auf Fragen vorschnell
mit der Lösung zu verwechseln.
Shakespeare ist mit dir einig:
Wir überstürzen durch jähe Eil das Ziel, nach dem wir rennen und gehn’s
verlustig. Ja, wir sprinten, haben das Stehen verlernt. Warten nicht einmal
mehr auf die Antwort. Könnten wir das Innehalten zulassen - ein Augenblick
würde reichen -, dann würden wir die entscheidende Frage stellen.
Du meinst die Frage worauf wir eigentlich
warten?
Al nimmt einen tiefen Zug und
fällt in ein träumerisches Nachdenken. Der Ärmel seiner Lederjacke rutscht
herunter. Der Bernstein eines Manschettenknopfs schimmert opak. Steinzeitmode. Die
Zigarette glimmt und Als Schultern sind nach vorn geknickt. Sein rockiger Rotschopf
ist flächsern geworden und über der Stirn gelichtet. Im Nacken fällt er
knitterig bis auf die Schulter. Al, ein vergammelter Dandy. Al schweigt. In
eine lange Pause hinein sagt er in einer Art von Selbstgespräch einen einzelnen
Satz. Seine Stimme ist tief und dünn, sie tönt wie Glas, das bricht:
Wir wissen bis heute nicht genau,
wer der Mann war. Aber er war der, welcher am genauesten wusste, dass wir
Briten blind sind.
Draussen fallen Schüsse, zwei,
drei, vier, fünf. Es folgt ein greller Pfeifton, dann das metallische Summen
eines Vans, der wendet und beschleunigt. Laserpanzer. Das Pfeifen schlägt von
der Häuserfront zurück und erstirbt in einer Seitenstrasse. Wir halten den Atem
an, horchen. Der Barkeeper trocknet die Hände und geht zur Glastüre, äugt
schräg zur nächsten Kreuzung. Nach einer Weile kehrt er zurück, zuckt mit den
Schultern, setzt eine gelassene Miene auf, die sagt: vorbei. Wendet sich Al zu,
fragt: Ein Ale gefällig? Wartet Antwort nicht ab, sondern öffnet den Hahn und
füllt ein hohes Stielglas mit dem schwarzen Lakritzbier.
Al hockt wie zuvor, in ein
stummes Selbstgespräch versunken. Ich hatte vorgesehen, ihm die Frage zu
stellen. Ich frage und merke, meine Stimme ist gedämpft:
Al, sag mir, habe gehört, sie
hätten im Hostel vor ein paar Tagen eine Razzia durchgeführt.
Gut möglich, sagt Al, während der
Kellner das Glas vor ihn hinstellt. Er nimmt einen langen Schluck und wendet
sich mir zu:
Razzien sind nicht mehr
langweilige Routine. In den letzten zehn Tagen habe ich mich nicht mehr im
Hostel aufgehalten. Zuvor schon habe ich‘s darauf angelegt, mein Domizil öfters
zu wechseln. Erwarte jederzeit, dass der Besitzer mein Zimmer räumt. Ein paar
alte Klamotten! Ist nicht viel wert, was er in den Keller schmeisst. Lebe
selbst im Keller. Du warst nicht hier. Also auch nicht in Shettleton? Dann bist
du nicht im Bild.
Al inhaliert einen Zug durch das lange Mundstück seiner Zigarette. Dann schiebt er den Unterarm auf den Tresen und beugt sich zu mir rüber:
Am Wochenende gab es Unruhen in
der Shettleton Street. Die meisten Shops haben dort dicht gemacht. TO SALE -
die Tafeln spotten. Nur das Tauschgeschäft rentiert noch, clothes for cash,
food, drugs. Hinter Bretterverschlägen findest du Unterschlupf. Nein, du bist
nicht im Bild. Sie haben nachts in Shettleton die Robos ausschwärmen lassen.
Nicht nur die Spycops, auch die Killer.
Al zittert, als er das Glas an
die Lippen hebt. Er stellt es auf den Tresen zurück.
Ich war dort, bin Zeuge. Laser-Slogans
waren durch Löcher auf die Fassaden projiziert: GILLETTE, IN EASTEND KÜSST UNS
DER TOD MIT FÜNFZIG! Flinke Skater wie Schatten auf der Strasse hängten
Transparente: Gebt die Jahre, tauscht die Arbeit zurück, die ihr uns gestohlen
habt! Die Sozialleichen krochen aus den Appartement-Ruinen und rotteten sich
zusammen, begannen zu plündern. Steine flogen und Brandsätze. Abfall flackte,
Bretterverschläge fingen Feuer und Häuser standen in Flammen. Die Killrobos
liquidierten darauf gezielt die Rädelsführer. Der Aufruhr war schnell ein Roulettegame
mit dem Tod. Und es war sehr bald still. Die Kehrichtabfuhr war seit Wochen
nicht nach Shettleston gefahren. Doch Armorvans sammelten in der Frühe die
Toten. Niemand zählte sie. Die Medien schweigen sie tot. Die Medien kehren heute
die Geschichte um: Demonstranten warfen nicht nur Brandsätze, sie waren
bewaffnet und schossen auf die Polizei. Ich weiss, was sie wirklich taten: Sie
füllten in der Drogerie Flaschen mit Alkohol, stopften Watte in deren Hälse und
zündeten die primitivste Waffe gegen Kampfroboter. Aber die Roboter sind
feuerfest, Brandsätze richten nichts gegen sie aus.
Al leert sein Glas. Dann sagt er:
Hör mal! Die Stille ist verdächtig.
Besser ich verdufte.
Er legt einen abgegriffenen Schein
auf die Theke, und verschwindet mit einem konspirativen Zwinkern durch den
Besenkorridor, der zur Toilette führt.
Der Barmann steckt den Schein ein
und räumt mit wendigen Griffen Als Stielglas
und das Gedeck meines Gabelfrühstücks. Als sein Lappen flüchtig über die Theke
kreist, raunt er:
Es kommt vor, dass die Police
auch den Müll im Hof kehrt.
Dann wirft er den Lappen über den
linken Unterarm, beugt sich, indem er das Tablett hochstemmt, mit einem aufmunternden
Blick über die Theke und fügt hinzu:
Die Strasse ist für Leute wie
dich sicherer. Noch ein Bier gefällig?
Bestürzt über Als plötzliches
Verschwinden durch die Hintertüre nicke ich, zucke mit den Schultern und schaue
über die Strasse. Vor einem Geschäft laden zwei Transporteure einen Bügelständer mit einer Stange
schlenkernder Jacken in einen hellblauen Camion. An der Glastüre geht ein
junges Paar vorbei. Als die Männer einen zweiten Ständer heraustragen, kippt
die Stange weg und die Bügel gleiten mit den Jacken auf den Asphalt. Während
sie die Stange einrenken, die Jacken zusammenlesen und wieder an die Stange
hängen, trinke ich das Bier aus und bestelle ein zweites. Lakritz tut meinem
Magen wohl. Aber das Bier versetzt mich in einen Zustand, in welchem die Zeit
still steht. Ich merke die Veränderung erst, als ich aufstehe und hinaustrete.
Ich öffne die Glastüre und verlasse
das Lokal auf der Strassenseite. Der Breakfast-Barkeeper, der mein Stielglas
wegräumte und das Trinkgeld einstrich, hat Recht: Es ist jeden Tag wieder wie
wenn nichts geschehen wäre. Du gehst auf die Strasse und die Ambulanz fährt
gerade vorbei oder ein Streetview-Mobil. Oder wie jeden Tag die Entsorgung. Du
siehst nicht hin, bemerkst sie nicht mehr, hörst nicht einmal mehr das
Geschepper, wenn die Greifer die Container leerrammeln, und nicht einmal das
hässliche Knirschen der Schredder nervt dich. Warum? Weil du die Abläufe und
Geräusche nicht mehr wahrnimmst. Denn deine Sinne separieren sie nicht mehr.
Sie haben ihre Schärfe verloren. Sie wehren
sich nicht mehr. Ihre Waffe ist stumpf. Im Prinzip hat der Barkeeper Recht.
Sag, wie kannst du, wenn du das Verkehrsrauschen und den Fluss oder Stau der Automobile nicht wahrnimmst, ein Bewusstsein für die Tatsache entwickeln, welche die mobilen Nutzer längst internalisiert haben, dass der Verkehr sich mittlerweile automatisch regelt, also zentral gesteuert fliesst oder steht? Keiner regt sich mehr auf über Stau. Die Fahrzeit zum angepeilten Ziel wird gleitend berechnet, der Wagen spurt, zweigt blinkerlos ab, die Abstände gleichen sich lückenlos aus, der Fahrer pennt, surft, telekommuniziert oder frühstückt aus der Retorte. Was hat sich geändert? Es ist, wenn du den Fluss in den Fahrbahnen von aussen betrachtest, als ob nichts geschehen wäre, nur dass der Automat den Fahrer ersetzt, um ihn als Passagier zu befördern, wohin er will.
Ich aber, kaum bin ich durch die
Glastüre ins Freie getreten, erstaune, dass der Augenschein sich verändert und
mein Bewusstsein aktiviert. Es ist schon Mittag. Keine Frage, dass ich heute die
Strasse und die Fassaden schärfer sehe. Die Wirklichkeit erscheint mir luzider,
aufregend hell, fast blendend, durchsichtig und doch klar. Fassaden, Strasse,
Verkehr präsentieren sich mir in einer
Art von Rundumblick perspektivisch verzerrt, etwa so, wie wenn sie sich in einer
galvanisierten Kugel spiegeln. Aber ich betrachte die Kugel nicht nur von
aussen, vielmehr bin ich als der Sehende ohne mich selbst zu spiegeln auch in
der Spiegelung drin, stecke im Inneren der galvanisierten Kugel, teile Aussensicht
und Innensicht in einem Blick. Vierdimensional? Man wird das als verrückt
bezeichnen.
Ob die veränderte Disposition
meiner Wahrnehmung sich durch die Tatsache erklärt, dass ich die Fork &
Knifebox verlassen habe. Hat sie das Draussensein ausgelöst, die Luft und die
Sicht auf die Strasse und den Himmel darüber? Es ist mir, wie wenn alle Tauben
aufflattern und die viktorianische Simse der Häuser auf mich herunter stürzen und
die Häuser selbst ins Wanken geraten. Doch gleichzeitig erlebe ich mit
gelassener Klarheit, dass alle Mauern an ihrem zugehörigen Platz stehen. Ich
überquere die Strasse, gelange durch eine stehende Autokolonne auf den
gegenüberliegenden Gehsteig. Die Blaumänner haben die weggerutschten Anzüge
sorgfältig aufgebügelt versorgt, inzwischen ein Dutzend Stangen mit Anzügen in
die Patenthalterungen ihres Lieferwagens eingeklinkt und darauf über dem
Eingang des leergeräumten Kleidershops die Tafel TO LET befestigt. Sie steigen
gerade ein, lassen den Motor an, schwenken aus und klinken sich in die Kolonne
ein, welche vor einer Ampel steht, deren Rotlicht gelegentlich auf Gelb und
Grün umstellen wird, nichts Besonderes.
Ich gehe zu Fuss der Kolonne
entlang in die Richtung der City. Die Passagiere liegen oder sitzen in ihren
dreh- und rückklappbaren Sesseln in kuriosesten Haltungen im Inneren ihrer mobilen
Boxen. Sie schlafen oder kommunizieren untereinander oder mit anderen Personen
ausserhalb, welche mit ihren Sumers verbunden sind. Oder sie lesen, tippen,
spielen, snacken, trinken und sehen fern. Die Bildschirme leuchten in den
Kabinen, alle Monitoren sind auf beliebige Programme eingestellt, welche nach
Wahl Werbung, News, Kriminalfilme, Horror oder Erotik senden. Ich gehe den bald
stehenden, bald fahrenden Boxenkolonnen entlang, habe diese seltsame Aussen-,
Innen- und Rundumsicht der Strasse als einer Welt der lebenden Automaten. Und ich
ziehe während meinem tänzerisch schwebenden Gang den Schluss, dass meine hellsichtige
Disposition etwas mit dem Lakritzbier drauf habe und daher die vierte Dimension
drin stecken müsse, fühle mich der Logik meiner Einsicht allerdings nicht
gewachsen.
Doch auf der Strasse herrscht
radikale Ordnung und sie scheint mir auf den ersten Blick ökonomisch zweckvoll.
Beim Wechsel des Ampellichts auf Grün fahren alle Wagen gleichzeitig in
ausgeglichenen Abständen weiter. Wozu dient das Signal? Reagieren Farbsensoren am
Wagen auf Rot und Grün oder sind sämtliche Funktionen ferngelenkt? Falls Letzteres
zutrifft, dann haben die Ampellichter, sofern der Fahrer überhaupt hinschaut, nicht
mehr als eine psychologische Funktion. Ich kenne mich da ungenau aus. Da aber die
vollautomatische Steuerung den Verkehr bloss tagsüber regelt und sich nachts partiell
ausschaltet, scheint es logisch, dass der Ampelbetrieb durchgehend weiterläuft,
damit sich die Verkehrsnutzer nicht ganz ihrer eingeschränkten
Eigenverantwortung entwöhnen. Aber ich weiss auch: Der Verkehr fliesst zu
keiner Zeit autonom, die elektronische Verkehrskontrolle ist rundum total. Keiner
entrinnt ihr. Jeder Wagen ist ohne Unterbruch - nachts genau so wie tags - auf Direktverbindung mit der Zentrale
geschaltet. Standort, Betrieb und Fahrverhalten werden pausenlos automatisch
verfolgt. Alle Nutzungsdaten und die Identität der Nutzer werden laufend
registriert. Die Wagen halten sich unverrückbar an ihre zielprogrammierte Bahn.
Die Erziehung zur Verkehrssicherheit scheint perfekt, doch sie ist ein Vorwand,
denn die individuelle Entscheidungsfreiheit ist auf wenige Funktionen reduziert.
Ausschwenken auf einen Parkplatz, Unterbrechung und Umprogrammierung der Fahrt
sind möglich. Fehlverhalten löst aber sofort eine automatische Warnung aus. Überholungsmanöver
sind strikt verboten und auch schlicht nicht möglich. Die freie Fahrbahn zwischen
den Kolonnen ist in beiden Richtungen reserviert für Emergency oder
Streetkontroll-Robots. Und für die Schnelleinsätze der Security. Zum Beispiel
mit ihren Schützenpanzern.
Ich gehe leichtfüssig und mental leichtsinnig auf dem Gehsteig der Strasse entlang. Über meinen Leichtsinn bin ich mir im Klaren, aber unwillig oder unfähig zum Widerstand. Ich lasse mich gehen und geniesse die gesteigerte Klarsicht und Gelassenheit. Geniesse unbekümmert meine vollkommene Streetview.
Als die Kolonne erneut stoppt,
bleibt vor meinen Augen ein solide gebautes Wunderkabrio mit funkelnden
Bremslichtern stehen. Auf seine Karosserie ist das leuchtfarbene Bild zweier
nackter Liebender gespritzt, welche sich auf einem Pfau reitend umarmen. Der
Liebhaber greift von hinten mit der linken Hand eine der prallen Brüste der
Geliebten, während seine Rechte über dem Flügel des Pfaus ihren kokett
gestickten Slip berührt. Sie umschlingt hinter ihrem Kopf mit wendigen Armen seinen
Hals. Ornamentale Palmwedel streicheln die geschmeidigen Lenden des Paars. Mit
einem Pflanzenornament auf dem Heck des Wagens sind die Namen der Liebenden verwoben:
Krishna und Rana.
Aus dem rot erleuchteten Innern
des Wagens dringen sanfte Sitarklänge und ich glaube im Vorübergehen den süssen
Duft von Räucherstäbchen zu riechen. Die Kabine ist mit farbigen Kissen
ausgestattet. Ein Hindu sitzt in Gebetshaltung auf einem grünen Lilienteppich.
Er ist in einen zimtbraunen Arbeitsserwani gekleidet und um seinen Hals hängt
ein golddurchwirkter orangefarbener Schal. Sein Kopf ist unbedeckt und seine
Füsse sind nackt. An seiner Seite steht eine schwarze Ledermappe mit goldenem
Schloss.
Der dem göttlichen Paar geweihte
rollende Altar erinnert mich an die ferngesteuerten Stundentaxis, welche auf
den Strassen der City ihre fahrenden Dienstleistungen anbieten. Eine wachsende
Kundschaft lässt sich von den Betreibern auf regelmässigen Rundfahrten oder frei
gewählten Strecken ihre seriösen oder ordinären Bedürfnisse hochfahren.
Besondere Bus-Taxis verkehren als Meditations- oder Liebestempel mit Altar-Illumination,
Sitarklängen und exotischen Duftnoten auf den frequentierten Rundstrecken. Mit
säkularem oder esoterischem Komfort luxuriös ausgestattete Privat-Taxis
befriedigen die verbreitete Nachfrage nach Heil und Heilung, nach kulinarischen
Erquickungen, Musik, Spiel und Entspannung oder Psycho- und Sexualtherapie zu
jedem Preis. Anspruchsvoll oder dubios. Sie stehen rundum zu ihrem steuerfreien
Strassenservice bereit.
Ich muss mich in meinem alterierten
Zustand an mein Erinnerungsvermögen erinnern. Denn was der Sog des
durchdringenden Lichts dem Blick zuspielt, erscheint einmalig und einzigartig.
Auch die Projektionen meines Erinnerns und der Fantasie täuschen indessen eine
Präsenz vor, welche die Zeit auflöst und sich der Realitätskontrolle entzieht.
Der reale Raum und der Raum der Vorstellung durchdringen sich fortwährend, verlieren
sich ineinander und werden in ihrer Grenzenlosigkeit trotz überscharfer Kontur
ihrer Realien ununterscheidbar.
Wohl eine Stunde oder zwei - die
Zeit lässt sich nur schätzen - bin ich der zäh zur City fliessenden Boxenkolonne entlang
gegangen, als ich wahrnehme, dass sich die Wirkung des mysteriösen Halluzinogens,
welches Brokenglasseyes Lakritzbier meinem Körper einflösste, verflüchtigt.
Über den irisierenden Chrom- und Lackglanz der mobilen Welt legt sich wieder
der schmierige Dunst der Normalität, welcher ihren stumpfen Objekt- und
Warencharakter hervorkehrt. Und die entzauberte Umgebung der Strasse ruft die
Verschleissanfälligkeit und Servicebedürftigkeit der robotererzeugten mobilen
Automaten ebenso irritierend ins Bewusstsein wie ihre Luft und Raum
verschlingende Menge.
Take a walk on the wild side, ha! Links von dir die schmutzigen Oasen: Secondhand-Park, Carwash, Motorcare, Tyreservice, Gasstation, Stockdiscounter, Snackbar, Fastfood, Bettingoffice, Cashdispenser. Rechts von dir die Schnellfahrbahn, Fliessverkehr oder zäher Staufluss, fernreguliert. Und jenseits der Road die endlose Brickmauer. Das Bruchstück eines Umfassungswalls der abgerissenen Parkhead Steelworks für Panzerplatten und Kanonen begrenzt heute das Gelände des Forge Shopping Paradieses zur Strasse hin und setzt einen nostalgischen Akzent. Die Blendbögen der alten Mauer coupieren das Echo des Verkehrsstroms und werfen es als gestreichelten Takt zurück ins Rauschen der Fahrbahn. Die Geräuschsynthese erzeugt eine gestreichelte Schlagzeugcombo. Walk on the wild side, Joe, flüstert sie, walk where fuel rides.
GLAZE-GAZE & AMAZE. Bin ich
nicht deine Marke?! Mit der 3-D-Net-Brille erlebst du mein komfortables
Interieur und mein unwiderstehliches Fahrgefühl. Luxus und Sicherheit vom Kalahari- bis zum Eismeerklima! Hurricanes
tosen gegen die Küste, draussen. Das Klima läuft Amok. Seit Jahrzehnten kann
ich - auch in normalen Sinneszuständen - Automobilwerbung von meinen Alpträumen
kaum mehr unterscheiden. Denn sie wirbt mit Risikoszenarien. Sie wirbt heute mit
der unterschwelligen Katastrophenangst.
Garnichts steht jetzt und in der
Zukunft dagegen, dass die Technologie dem menschlichen Hirn die Kontrolle über
die Maschine total aus der Hand nimmt und Automobil ist, was sein Name immer
schon verheisst. Rechnerkapazität und Sensorik haben die Risiken des Verkehrs
eliminiert, Hirn und Hand aus der Cloud steuern Takt und Melodie der Motoren
und der zu sich selbst befreite Mensch verkriecht sich entblösst in seiner
automobilen Karkasse. Er will keine Stimme mehr hören, welche ihn ruft. Er hat
die Verantwortung abgetreten. Warum soll er antworten und wem schon?
Er verkriecht sich, als einer der
Schutz sucht, in seiner klimatisierten Box. Lebt im Wahn. Das Produkt ist
stark, widersteht den tödlichen Bedingungen.
Doch das Energiegesetz ist nicht
ausser Kraft gesetzt. Es beweist seine Gültigkeit. Der Mensch in der Box lebt
raum-und selbstenthoben in seiner Sphäre und ist doch nicht unwissend. Er
weiss, sein mobiler Shelter ist gemäss dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik
niemals ein Perpetuum Mobile. Es wird auch in Zukunft auf Autofriedhöfen enden,
welche sich zu gigantischen Wiederverwertungs-Nekropolen entwickelt haben. Und
seinem menschlichen Kadaver widerfährt im totalitären Verwertungssystem
dasselbe Schicksal, er weiss. Was bleibt von ihm nach der in Zukunft gesetzlich
verfügten Organausweidung noch für eine ehrbare Bestattung übrig? Es ist
vorbei, auch mit dem Friedhofgrün. Die traditionellen Nekropolen werden in
absehbarer Zeit ausschliesslich archäologische Bedeutung haben und durch
Memory-Tempel ersetzt werden, in welchen elektronische Datenarchive dem
Andenken und dem Bedürfnis persönlicher Trauerarbeit auf rationelle Weise
Rechnung tragen.
Ich gehe am rostroten
Metallbunker der New Life Church vorbei. Sehe ein liegendes Kreuz: eine Riesenbox
mit kreuzförmigem Grundriss und fensterlosem Innenraum für den Kult und die
Verwaltung. In der bombensicheren Krypta unter seinem Altar, heisst es, sei der
elektronische Memory-Tempel eingebaut, der alle Daten der zum Neuen Leben
Erweckten speichert. Und es geht die Rede, er sei mit dem universalen Toten-
und Lebendenregister der christlich Getauften vernetzt, aller Getauften bis
zurück zu den Siegeln des neuen Bundes.
Und hinter dem New Life Tempel steht
karbonschwarz, von einem Auto-Parkgelände umschlossen und durch eine
elektronische Mauer gesichert, der Kubus der Börsenzentrale. Er umschliesst
einen glasfaservernetzten, total isolierten Geisterraum: In seinem Inneren, im Granit
unter der Erde, summen die Giganten, welche in elektronischer Partnerschaft mit
den Börsen des Planeten automatisch die globalen Finanzströme regulieren. Nichts
steht der Absicht entgegen, ahne ich, dass Börse und Tempel miteinander
vernetzt, dass sie zu EINEM Reich vereinigt und dem Auferstandenen
einverleibt werden sollen.
Rede des Emeritierten. Akademische Salon-Groteske
Durst quält mich, meine Füsse
sind beim Gang durch die Wüste wund gelaufen und mein Knie ist k.o.. Ich
verbringe den verbleibenden Nachmittag bis zum Termin des Treffens in einem Akademikercafé
im Umkreis des Universitätsviertels. Das Etablissement ist heruntergekommen,
seine staubgraue Fassade ist nobel, benötigt aber längst einen Lift. Die gewölbte Stuckdecke seines ovalen Salons
ist grell-rosarot beleuchtet. Pink! Purpurrote Satingardinen sind die stilgerechte
Assoziation zum neoklassizistischen Dekor, die billigere Variante wäre Plüsch.
Doch Gardinen fehlen, sie wurden wohl abgehängt und nicht mehr ersetzt. Die schlanken
Fenster wirken umso kahler, als niemandem einfiel, die Rüschen-Verkleidung
ihrer Vorhangschienen zu demontieren. Die falsche Fleece-Tapete des Salons ist
stockfleckig, ihr florales Rautenmuster vergilbt. Im Scheitelraum des Saals
sind Fauteuils um eine verschlafene Bar gruppiert, ihr Polster ist in einen
grauen Überzug verpackt. Ein Piano steht vom selben Grau textil umhüllt
abseits.
Purpurrot aber fadenscheinig ist
der Plüschvorhang zur Anrichte. Auf Augenhöhe ist in ihm ein Guckloch
eingelassen. Ich fühle mich erspäht und erwarte, dass ein Butler in
Nadelstreifen erscheint, doch ein Junge mit Küchenschürze nimmt die Bestellung
auf. Ich sitze hinter einem wackligen Marmortischchen mit gusseisernem Sockel.
Etwa vierzig weitere davon stehen in der Runde. Alle sind mit einer Ausnahme
unbesetzt. Am übernächsten Tischchen links von mir brütet ein zweiter Gast über
einem zyanblauen Likör. Seine Lippen bewegen sich, er führt einen stummen
Monolog.
Meine Augen machen einen Ausflug
durch die Kuppel und bleiben eine Weile am ovalen Loch in ihrem Zentrum hängen.
Das Loch ist ein offenes Fenster, welches den Durchblick in das artifizielle Ätherblau
eines Raums darüber öffnet. Auf dem Spaziergang durch den Saal streift mein Blick
diskret den zweiten Gast. Er murmelt konzentriert vor sich hin und hat bisher kein
einziges Mal aufschaut, als ob er mich nicht wahrgenommen hätte. Fünf Minuten
sind wohl verstrichen, als ein veritabler Kellner - er trägt ein massgeschneidertes Gilet und riecht nach billigem
italienischem Parfum - ein Glas Wasser und einen doppelten Espresso auf die
runde Marmorplatte setzt. Ich frage nach einem Reader. Mit dem Daumen deutet er
über die Schulter zu einem in die Wand eingelassenen Bücherbord. Auf dessen
Tablaren lagert neben einer bibliophilen Enzyclopaedia Britannica im kostbaren
Ledereinband ein Stapel Tablets. Der Kellner verschwindet durch den Vorhang.
Ich bediene mich selbst und klicke mich in die Bibliothek.
Auf dem schwarzen Display
erscheint für Sekunden ein pinkfarbenes Oval. Ich deute es als die
komplementäre Projektion des ätherischen Lichts im Ausschnitt des Kuppelfensters
auf meiner Netzhaut. Mir fällt bei, dass der Kellner vorhin ein Gilet vom
selben poppig-schillernden Blau trug. Fast zugleich habe ich den gar nicht witzigen
Einfall, er hätte sein Kontor im künstlichen Himmel über dem Guckloch in der
Kuppel und zöge sich jeweils - wenn er durch den roten Vorhang verschwinde - dorthin
zurück. Da sich aber das künstliche Himmelsguckloch assoziativ mit dem Spion im
Vorhang verknüpft und der Blick des Kellners eine kalt-observierende
Gleichgültigkeit ausstrahlt, scheint es mir unmöglich, ihn zum Spass mit einem
eleganten Himmelsboten identifizieren zu wollen, wie viktorianische Salonfresken
solche in antiker Manier gerne beflügelt in Szene setzen. Das Türkis des
Kunsthimmels und des Vestons ist zudem so stechend, ja geradezu giftig-grell, dass
mir der Gedanke alles andere als erheiternd erscheint.
Ich fühle mich in diesem Salon ungemütlich und flüchte mich durch das virtuelle Angebot des Readers. Eine Menge Fantasy-Literatur blüht im Stoppelfeld der Billigklassiker. Die Apps wissenschaftlicher Zeitschriften sind abgelaufen, der Boulevard ist von vorgestern. Aber aktuelle Comics sind serienweise hochgeladen. Ich zocke mich mit dem Finger durch die schlingernde Geisterbahn ihrer Aufmachung, habe aber bei der Stimmung keine Lust nach dem Stoff. Auf dem Bummel durch das virtuelle Angebot stosse ich schliesslich auf die bunten Casino-Bonbons, die Burnout wegblasen. Candycrush, das Spiel, welches die Intelligenz schärft - die mobile Hormonbombe werde von 70 % der britischen Bevölkerung in den Verkehrsmitteln benützt, wirbt der Reader - würde mir vielleicht helfen die Zeit totzuschlagen und durch Ablenkung meine Spannung zu dämpfen.
Ich widerstehe den Comics und
Bonbons und ziehe mein Notebook aus der Seitentasche in der Absicht zu
schreiben. Da fängt der Brüter am übernächsten Tischchen laut zu denken an.
Seine Augen sind mit nachdenklicher Faszination auf eine goldgerahmte Kopie von
Courbets DER URSPRUNG DER WELT gerichtet. Da das berühmte Bild links von der
Bar im Halblicht über dem verhüllten Piano hängt, habe ich es zuvor wohl als Bestandteil
des um die Bar eingemotteten Inventars übersehen.
Ich schalte mein Notebook auf Aufnahme und lausche auf die rhetorisch brillant,
aber mit unerträglichem Pathos vorgetragene Rede:
GILETTE hat den Silver Touch,
GILETTE gleitet, GILETTE ist sensitiv. Die schärfste Klinge der Welt ist sanft.
GILETTE heisst Fortschritt. Keiner wird einer Klinge widerstehen können, welche
die mirakulöse Schärfe hat, eine Kehle durchzuschneiden ohne dass Blut fliesst.
John Stuart Mill sagt: Der Geist des Fortschritts ist nicht immer der Geist der
Freiheit, denn er kann darauf hinzielen, einem Volk Fortschritt gegen seinen
Willen aufzuzwingen. Ich frage: Hat sich Fortschritt je aufgezwungen?
Falls er verführt, dann weil er -
frei nach Mill - durch seinen kurzfristigen Nutzen und den damit gekoppelten
Lustgewinn überzeugt. Der Fortschritt ist unwiderstehlich. Seine
Freiheitsverheissung besticht. Numerik ist bloss sein Spiel. Nicht Mehrheiten,
sondern das Kapital, seine argumentative Schlagkraft und der Sog, den
Entwicklung auslöst, haben den Widerstand, der sich dem Fortschritt
entgegenstemmt, seit je gebrochen. Auch die Unterdrückten wollen am Fortschritt
teilhaben, weil sie sich von ihm die Freiheit erhoffen. Sie wissen nicht, dass
sie am Ende die Chance auf Freiheit als Preis für seine Segnungen zahlen.
Seinen wahren Charakter
demonstriert das Produkt erst durch die Folgen seines massenhaften Gebrauchs.
Im Nachhinein enthüllt sich der Fortschritt als Zwang. Dann aber hat er sich
etabliert. Er hat die Bremsen gelöst, verordnet Beschleunigung. Komplexe
Undurchsichtigkeit ist seine infernalische Kehrseite. Wenn er unvermeidbar
geworden ist, dann erzwingt er hemmungslos Wachstum. Er dividiert die gewonnene
Freiheit, er zerschreddert den Lebensraum. Am Ende wird er die Person
liquidieren und mit ihr das Gefühl der Gerechtigkeit und den Willen
ermorden. Dann ist Krieg, wie die Welt ihn aus Blut und Erde erschuf.
Wer den technischen Fortschritt
als verkappte politische Gewalt anklagt, in ihm eine moderne Form des
Faschismus verkörpert zu sehen glaubt, kann nicht behaupten er hätte sich gegen
den Willen einer Minderheit aufgezwungen. Denn alle, die als Begünstigte durch
ihre Nachfrage den Markt konstituieren oder von seiner Anziehungsmacht erfasst
ihre Hoffnungen auf ihn setzen, haben seinem Angebot zugestimmt.
John Stuart Mill erfasste vor
zweihundert Jahren, dass der Fortschritt nicht bedingungslos das Glück aller
vermehrt. Er sah und begriff die korrumpierende Macht des Privatinteresses,
welche sich in der fiebrigen Konjunktur des frühen Hochkapitalismus entfaltete.
Und er erlebte die trügerische Faszination einer Schaustellung technisch-industrieller
Schöpfungen in einer aus Glas und Metall gegossenen architektonischen Vision.
Kristallpalast nannte man die Kathedrale der Moderne, welche in der
schnelllebigen Epoche nicht für die Ewigkeit gebaut worden war.
Mill dachte sich aus, dass eine
Maschinerie von Automaten menschlicher Gestalt potentiell die Arbeit von
Menschen übernehmen könnte: Sie würde Häuser errichten, Getreide anbauen und
ernten, Schlachten schlagen, Prozesse führen und sogar Kirchen erbauen und
Gebete sprechen. Er erdachte sich die abenteuerliche Zukunft als Hypothese, um den
Schluss zu ziehen, dass der Inhalt des Fortschritts nicht die Perfektionierung
der Maschine, sein Ziel nicht die technische Restitution des Paradieses zu sein
habe, sondern vielmehr die Erhaltung der Perfektibilität des Menschen als
Individuum, als unteilbare und einzigartige Person gegen die Zwänge der
Konvention und das moderne Prinzip einer gleichmachenden technischen
Zivilisation. Damit zog er jene Arbeitsethik in Zweifel, welche auf der
Grundlage der calvinistischen Botschaft den Eigenwillen als Sünde geisselt und
die Unterwerfung unter die kollektiven Ziele forderte.
Mill ist sich der Zwiespältigkeit
des Fortschritts bewusst - man wird darin immer die historische Grösse seines
Denkens erkennen dürfen! Er ahnte, dass die Menschen mit ihm keinen
vernünftigen Umgang zu pflegen wüssten. Doch es scheint, er habe in seinem
kritischen Statement die blendende Wirkung des Fortschritts und die sozialen
Konflikte seiner Zeit im Blick. Die Konsequenzen der Freiheit, durch welche der
Fortschritt die Zeit vorübergehend beglückt, um seine Macht zu etablieren,
waren nicht kalkulierbar. Darum zog er sie nicht in Rechnung. Er konnte die
unheilvoll-eigengesetzliche, sinnverwirrende und Ressourcen vernichtende
Allmacht des technischen Fortschritts, konnte seine Abgründe, sein gigantisches
Zerstörungspotential, das sich schon anfangs des folgenden Jahrhunderts
entladen würde, nicht vorhersehen, damals, zur Zeit der ersten glorreichen
Weltausstellung im viktorianischen London.
John Stuart Mill ahnte, dass der
Kollektivismus den kritischen Geist der Aufklärung exorzieren und Europa in
einen geschichtslosen Zustand zurückwerfen könnte. Die Union erreichte
hundertfünfzig Jahre nach Mills Essai über die Freiheit die Grenze ihres
wirtschaftlichen und geografischen Wachstums. Auf den Exzess der Ansprüche und
seine Folgen - Überschuldung,
Arbeitslosigkeit und Korruption - strapazierte sie ihr Hebelwerk bürokratischer
Kontrolle. Nachdem man Steuermilliarden in marode Banken gepumpt und mit dem
scharfen Sparkurs den Rückwärtsgang eingelegt hatte, gingen radikalisierte
Bürgergruppen auf die Strasse und hissten nationale oder rote Flaggen.
Unbehagen und fatale Angst vor schleichender Entmündigung schlug in eine
Stimmung von Resignation und Wut um. Mit der schleichenden Regression in einen
primitiven Nationalismus lebten in den ersten Jahrzehnten des neuen Jahrtausends überwundene Vorurteile und
alte Schuldzuweisungen wieder auf. Die Absetzungsbewegung begann, das geteilte
Grossbritannien brach aus der Union heraus. Innere Schwäche und Bedrängnis von
aussen zersetzte ihre gestalterische Kraft. Die schrumpfende Gemeinschaft bereinigte
ihre Grenzen, regenerierte ihre Struktur und blieb, was sie von Anfang an
gewesen war: Eine Idee, welche die Uniformität des Denkens und Verwaltens
auflösen und Regionen lebender Menschen miteinander verbinden sollte. Es war
die grossartige Idee einer europäischen Gemeinschaft, der es aber an etwas
Elementarem mangelte: An Zeit und einer historisch gewachsenen Verfassung,
welche es mit Leben zu erfüllen galt, so dass der Union ausreichende Autorität
zuwuchs, ihre Geschäftsführer zu ermächtigen. Eine historische Gruppenaufnahme
zeigt eine Versammlung von Damen und Herren, welche ihre Sache ernst nahmen,
ohne dem Ernst der Lage zum Trotz ihre wunderbare Heiterkeit zu verlieren. Dem
alternden Schwarzweiss-Porträt gelang es, seinen Grautönen - als Symbol der
pazifistischen Gesinnung der Porträtierten und ihrer Sorge um
Verteilungsgerechtigkeit und Ökologie - einen Hauch der Regenbogenfarben
einzuflössen.
Die feinen weissen Hände, welche zu seinem struppigen Gesicht und seinem ungepflegten Anzug so gar nicht passen, ruhen mit locker gespreizten Fingern auf den Oberschenkeln des Redners. Er sitzt aufrecht auf der schwarzen Metallkopie eines Wienerstuhls. Keine Regung des Körpers unterstreicht die Dramatik der Deklamation. Doch sein ohne Unterbruch auf das Bild gerichteter Blick scheint sich im Lauf des Vortrags verschleiert nach innen zu wenden.
Der Kellner serviert mir einen
zweiten Espresso und ein Kännchen dunkler Schokolade. Als er das Geschirr vom
Silbertablett auf die Marmorplatte stellt, um die heisse Schokolade in die
Tasse zu giessen - ich gestatte mir mit dem Rest meines Kapitals einen
bescheidenen Luxus -, beugt er sich an mein Ohr, gibt sich aber kaum die Mühe
zu flüstern:
Er sitzt immer da, Tischnummer 9,
und redet oder schweigt. Dozent, emeritiert. Wenn er redet, hält er weitläufige
Ansprachen, Seminare vor einem imaginierten Publikum. Manchmal kommen Gäste
seinetwegen, doch es existiert kein Vorlesungsprogramm. Er spricht mit
niemandem und ausserdem redet er auch nicht, weil zufällig etwa Hörer anwesend
sind.
Der Kellner hat eingeschenkt. Er
setzt die Kanne auf das Tablett und fährt über der Runde der Marmortischchen
mit der Linken durch die Luft, als ob er die nicht vorhandene Zuhörerschaft
herzaubern wolle. Dann schaut er mir bedeutsam ins Gesicht, sein ölig graues
Haar ist in der Mitte akkurat gescheitelt, und zischt:
Er ist schizophren.
Der Redner hat seine
Blickrichtung nicht geändert, aber seine Lider sind geschlossen. Er sitzt
versteinert, stumm. Auf einen Schlag fährt es aus seiner Versteinerung heraus,
schreit in die Runde:
Vielleicht muss ich ja erblinden,
weil die Wahrheit durch mich sieht. Keine Peepshow, die nackte Wahrheit! Falls
da noch ein Fetzen von Vorhang herumhängt, zieh ihn endlich und knall die
Scheinwerfer weg, sie blenden mich!
Er dreht sich nicht um, blickt
nicht zum Adressaten herüber, der mit den Fingern durch die Frisur streicht,
sein Gesicht zu einem vielsagenden Grinsen verzieht und mit der Bemerkung, der
Mann habe selbstverständlich auch einige heimliche Bewunderer, heimliche, sage
er, im Separee verschwindet.
Als er das Glas mit dem zyanblauen
Likör zum Mund hebt, zittert die Hand des Redners heftig. Es ist, als wolle
sein Arm nicht gehorchen und ausschlagen, da kippt er den Likör mit einem Ruck
in die Kehle und stellt das Glas klirrend zurück. Er schnalzt mit den Lippen,
rülpst und brummt:
Hechler! Früher hast du mir nach
meinen Vorlesungen noch schottischen Wildlachs mit Buttertoast und Kapern
serviert. Heute graulen in euren Vorratsspeichern nicht einmal mehr gedörrte
Kippers. In Tut-anch-Amuns Totenkammer sind die köstlichen Mitgaben zu Staub
zerfallen.
Nach einer längeren Pause richtet
sich der Emeritierte auf, streicht mit beiden Händen über sein Revers und fährt
in gefasstem Ton fort:
Fortschritt macht frei? Dass ich
nicht lache! Nichts als Mythologie. Wo waren wir stehen geblieben? Ja, dass ihm
keiner widerstehe, weil er Freiheit verspricht, dass er blende war unser Thema.
Nein, ER überrumpelte die Menschen nie, platzte nicht
plump mit grossen Sprüngen herein, um sie in seine Systeme zu zwingen. Er
erzeugte zwar Rumor, aber er liess mit sich reden, lockte mit Besserung, kaufte
sich Zustimmung, lebte sich ein und setzte sich langsam fest, etwa so, wie der
Engländer seine Maulweite auf eine wuchtige Mutter einstellt und viele Hände
seinen Griff anpacken, stossen und zuziehen, bis die Mutter sitzt.
ER hat die Manufakturen und den Landbau
mechanisiert. Dann Generationen von Maschinen und Millionen von
Fertigungsgriffen am Fliessband durch Automaten ersetzt, Spielzeuge zuerst,
etwas linkisch und lächerlich, nicht bedrohlich, sondern pflegebedürftig wie
Kleinkinder. Doch darauf hat er - schrittweise fortschreitend -
Produktionsstrassen mit Robotern gerüstet, die unheimlich gelenkig, flink und
plangenau programmiert Serien komplexer Erzeugnisse fertigstellen, welche
wiederum über gigantische logistische Netze gesteuert die Zielmärkte oder
direkt die Endverbraucher erreichen.
ER hat die Kolonien befreit und durch Arrangements
in den freien Weltmarkt eingespannt, um ihre Rohstoffe zu Preisen zu fördern
und zu vermarkten, welche die Verarmung ihrer wachsenden Bevölkerung nicht
aufhalten. Die mit den Konzernen verbandelten Mächtigen schicken ihre Kopfjäger
und Heckenschützen gegen aufständische Gold- und Mangangrubenarbeiter ins Feld und
ihre Kindersoldaten gegen abtrünnige Stämme. So untergraben ihre Herren die
Selbstbestimmung der Völker, zerstören ihre Umwelt und verwickeln sie in
blutige Kriege, die sie mit erkauften Waffen austragen. Wie kommt es, dass die Entrechteten
Leib und Leben riskieren, um ihre Körper dort hin zu transportieren, wo ihre
geschäftstüchtige Oberklasse ihr geplündertes Geld investiert?
ER mobilisierte die Massen, befreite die Sklaven
und die Leibeigenen, emanzipierte die Frauen. Er verhiess Befreiung von
sklavischer Arbeit und Selbstbestimmung. Er rief zur Verantwortung. Doch er
spannte die Befreiten in ein hochkomplexes System von Produktivität und Konsum
ein, in welchem sie die Orientierung, den Sinn und ihre kreative
Selbstbestimmung auf Dauer einbüssen. Sie geraten unter Inflationsdruck, denn
sie werden ersetzbar und bekommen zu spüren, dass ihre Arbeit an Wert verliert
und ihre Meinung nicht mehr gefragt ist. Aber weiterhin schicken die Werber des
Fortschritts ihre Headhunter und Snipers ins Feld, damit sie eine Elite
rekrutieren, deren Mitglieder als unersetzbar gelten, weil sie die
Veränderungen in seinem Sinne planen und durchsetzen und ihre Unersetzlichkeit
durch ihre unersättlichen Ansprüche manifestieren. Und die etablierte
Allgemeinheit wirft den kritischen Eigenwillen der Karriere, dem Komfort und
der Konformität zum Frass vor. So ist der Gang der Welt: UNRECHT IST DAS THEMA
DER GESCHICHTE!
Den letzten Satz, schleudert der
Redner in einer Übersteigerung seiner Kräfte so heftig in die Runde, dass ich
beim Abspielen meiner Aufnahme sämtliche leeren Metallstühle singen zu hören
glaube, ein Eindruck, welcher vermutlich auf einer Rückkoppelung im Sensor
meines Geräts beruht. Ich merke an, dass ich den Satz in meiner Transkription
seines eruptiven Vortrags wegen heraushebe.
Es scheint, der Emeritus habe
seine Spannkraft durch seine unüberbietbare rhetorische Hyperbel überreizt. Seine
Rede bricht an der Stelle ab. Schon in den Wörtern Headhunter oder Sniper zittert
seine Stimme vor Erregung so sehr, dass sie zu versagen droht. Als er das
Wort UNRECHT durch einen Stossakzent in
den Raum stellt und kurz pausiert, so dass es unter der emotionalen Ballung
zitternd im Kuppelraum steht, fasst er mich - seinen einzigen Zuhörer - wie
wenn er nach einem Halt suchte, erstmals ins Auge. Die Weissglut des Blicks ist
in eine durchdringende Leere gerichtet. Die Stoppeln des Barts sprossen wild in
alle Himmelsrichtungen. Die struppige Erscheinung erinnert mich an den
keltischen Riesen Isbadadden, der vom Recken Khwlch mit der unübertrefflichen
Schärfe einer Eberknochenklinge bis auf die Knochen rasiert wird.
Über seinen Marmortisch geknickt
füllt er rosarote Soda ins leere Glas und führt es bis zum Rand gefüllt - seine
Hand zittert dabei nicht einmal leise - an die Lippen. Während er sich die Soda
schlückchenweise zuführt, blickt er stumpf vor sich und ignoriert das Bild vom
Ursprung der Welt. Nach einer langen Pause schaut er, sich wieder fassend, zum
Eingang des Salons hinüber, der ihm als Auditorium gedient hat, und grummelt:
Früher lasen wir in diesem Lokal
die Zeitung. Es gab sie, alle bedeutenden Blätter der Welt. Sie empfingen uns
jeden Tag frisch im Klemmstock an einem drehbaren Ständer bei der Garderobe, wo
wir beim Eintreten unsere Mäntel und Hüte ablegten.
Er wechselt den Ton und erklärt
jetzt unmissverständlich an mich gewendet:
Ja, da hing noch die öffentliche
Meinung zum akademischen Diskurs versammelt. Doch heute hält der Markt nichts
als poppige Vermeintlichkeit feil, die Peepshow hinter nanostrukturiertem Glas,
High-Performance hinter Saphir!
Der Alte schüttelt sich, als ob
ihn das Wort Saphir gekitzelt hätte. Ein Lachen, das vom Zwerchfell aufsteigend
sich in seinem Körper ausbreitet, durchschüttelt und entkrampft ihn zu einer
beinahe lasziven Heiterkeit.
An der ausladenden Garderobe
hängt sein abgewetzter Cashmere-Mantel. Er wäre in seinem zerknitterten Zustand
vielleicht einmal trendig gewesen. Der alte Valéry, der mir beim Anblick einfällt,
schrieb einmal, die menschliche Haut trenne die Welt in Schein und Schmerzen.
Munter zu mir hinüber blinzelnd
fängt er zu moralisieren an:
Wissen sie, die Philosophie ist
ein Friedhof von Systemen. Mill schrieb zwar sein berühmtes Werk System of
Logic, ratiocinative and inductive. Er formulierte zusammenfassend die von der
klassischen Nationalökonomie als dauerhaft gültig erklärten Naturgesetze der
Wirtschaft. Aber er erschuf sich kein System, um darin sein Monument zu setzen.
Nein, er baute keinen Käfig um sein Denken herum, sondern hielt seinen
kritischen Verstand für jede Erfahrung geschärft, bereit sich selbst
zurückzunehmen und neu zu erfinden, wenn er es als erforderlich einschätzte.
Und aktiv, wie er blieb, zog er noch in späten Jahren seine Konsequenz. Nicht
nur die Bedingungen machen den Menschen, sondern der Mensch erschafft und
verändert seinerseits die Bedingungen. Weil er sich als Subjekt nicht endgültig
konditionieren lassen will, macht der Kapitalist seinen Einfluss geltend, indem
er den Anspruch auf die Güter und ihre Verteilung seinem wirtschaftlichen Selbstinteresse
unterordnet. Dadurch unterläuft und gefährdet er das höchste Ziel der Ökonomie:
den Anspruch aller auf Sicherheit und Wohlfahrt. Mill gelangt zur Einsicht, dass
soziale Gerechtigkeit sich nur auf der Basis von Produktivgenossenschaften
verwirklichen lässt. Fünf Generationen später hat sich aber das System dahin
entfaltet, dass Mobility das einzige ist, was Dauer zu haben scheint, und die
Wohlfahrt aller sich in Konsum und Verbrauch erschöpft. Der allgemeinen
Mobilität und dem Verbrauch bringt man jedes Opfer dar, ihnen opfert man auch
die nicht erneuerbaren natürlichen Ressourcen. Ergo! So kam es, dass die
Interessenverwalter und Opferpriester des Konsums die Erforschung der Grundlagen
einer dauerhaften Versorgung preisgaben. Die Lehrstühle wurden aus den
Fakultäten der Universität ausgelagert, die öffentlichen Fach- und
Forschungsgemeinschaften wurden schleichend aufgelöst und privatisiert. Die
Forschung und ihre besten Exponenten wurden von den Konzernen abgeworben. Die
Konzerne hatten das Kapital, hatten in ihrem privaten Campus Spitzensaläre,
Karriere und Komfort zu bieten. Natürlich war das dem Anschein nach ein wechselseitiges
Geschäft. Doch weil es dem Anschein anheim fiel, ist das Allgemeingut Wissen käuflich
geworden. Und für seine Geheimhaltung zahlen die Konzerne jeden Preis! Mill
würde sich in seinem Sarkophag umdrehen, wäre sein Geist darin eingesperrt.
Der Emeritierte hebt seinen Arm und schwenkt seinen Daumen locker wie ein Hitchhiker in die Richtung hinter seinem Rücken:
Wir auf dem Hügel verpassten den
Anschluss. Ja, der kümmerliche Lehrstuhl der Philosophie blieb als einziger zurück,
weil er nicht einsteigen wollte, weil er sich ohnehin nie darum gekümmert hatte,
wie man ins Geschäft kommt. Naturwissenschaften, Technologie oder Ökonomie
rissen sich mit Radau darum. Um die Grundlagen scherten sie sich kaum mehr,
zumal ihnen stets das Geld ausging. Aber sie waren ja gerade nicht erfolgreich,
weil es ihnen um nichts anderes als ums Geld ging, das ist die erbärmliche
Wahrheit! Das Geld rann ihnen unter den Fingern weg, darum verhökerten sie sich
schliesslich nicht nur an die Konzerne, sondern auch an den pädagogischen
Darwinismus der Online-Universitäten, welche schon je der Image-Pflege
zudienten. Wir Philosophen hingegen hielten dort oben als die Letzten die
Stellungen der Geisteswissenschaften. Ja, ausgerechnet im Incubator. So paradox
es tönt, der Incubator, vom betörenden Duft der Rottenrow Gardens umhüllt, war
zum Bunker der Philosophie geworden.
Ich war Dozent und Dekan des
Fachs Philosophie. Gelesen habe ich über Wille und Wahn sowie über die
Auflösung der Kontinuität in der absoluten Beschleunigung der
Entscheidungsprozesse. Mein Buch Fragmente aus der Kriminalgeschichte des
Denkens ist ein prominentes Opfer der Zensur.
Er wirft den Kopf in den Nacken,
zeigt mit dem Finger zum Kuppel-Fenster hoch und wird im Causeur-Ton persönlich:
Was ich unter dem wachsamen Auge
dieses Auditoriums mache? Wissen sie, das ist so eine Art von Spontan-Training
der philosophischen Intuition. Andere in meinem Alter besuchen Kurse für
automatisches Schreiben, für Gedächtnismassage oder sportliche Profilschärfung
durch Temposteigerung in Moderieren. Ich weiss, man hält mich hier für
verrückt. Der Eindruck ist natürlich beabsichtigt. Doch selbst wenn ich meine
List durchschaubar machen würde, was ein methodisch angewandter Trick leicht zustande
brächte, würde unser Aufwärter an seiner Meinung festhalten. Gefasste Meinungen
zu exorzieren ist etwas vom Allerschwierigsten. Aber ich lasse ihn gern in
seinem Glauben, denn ich treibe das Spiel ja zu meinem Selbstschutz. Ich habe
gesehen, dass sie sich gerade nach dem Guckloch im Vorhang umschauten. Gewiss
weil sie zahlen wollen. Sie müssen gehen, ich will sie nicht länger aufhalten.
Doch gestatten sie mir, dass ich ihre Rechnung übernehme. Übrigens habe ich
neulich einen kurzen Essai über das Verhältnis von Meinung und Markt verfasst.
Es geht darin um die Königsmacher der ungekrönten öffentlichen Meinung, die
Publizisten, Journalisten und Moderatoren. Ich gebe ihnen gerne eine Kopie
davon auf den Weg und danke ihnen für ihr Zuhören. Und übrigens möchte ich ihnen
nicht ausreden, mich für verrückt zu halten. Wenn die Welt es nicht ist, dann
trifft es mit einiger Wahrscheinlichkeit auf mich zu. Im Bereich der
psychischen Diagnostik von Tatsachen zu sprechen ist zwar wissenschaftlich nur
unter der Voraussetzung eines kohärenten Bezugssystems statthaft. Wenn sich
aber die gesellschaftliche Kohärenz auflöst…
Anmerkung: An dieser Stelle
bricht die Aufnahme des Monologs ab, da ich die Stopptaste bediente, um das
Tablet in der Seitentasche zu versorgen. Mit einem Händedruck verabschiedete
ich mich vom Emeritierten und dankte ihm für sein Manuskript. Er hielt meine
Finger für einen Augenblick in seiner schwitzenden Hand fest und schaute mir
mit einem beherrschten Blick in die Augen.
Annäherung an die Toten
Ich baue meine Spannung ab. Als
ich die Barrack-Street betrete, lasse ich mich in den Schlendergang fallen,
lockere die Kiefer, schlüpfe in Mokassins, gehe weich wie ein Underdog, der zur
Pinte steuert. Die Uhr zeigt 18.30. Ich stelle die Zeit auf 0, obwohl der
Countdown läuft.
Fast im gleichen Moment pocht im
Gehörgang und unter dem Zwerchfell der Rhythmus. Und ich spüre über meinem Kopf
die leichte Last der Decke, unter der wir hocken, indem wir sie gemeinsam im
Kreis mit unseren Köpfen hochstützen. Die schwere Decke im Camp von Sellafield,
welche wahrscheinlich einmal als Tarnplane eines Panzers gedient hat! Schräg mir
gegenüber erblicke ich Joshua, höre ihn aufrecht im Yogasitz seinen Slam
vortragen, während er mit Knöcheln und
Fingerspitzen auf das Fell seiner Bongo trommelt. Er erzählt die Ballade von
den Afro-Slaves und dem Mann, welcher im Toxteth hängen bleibt und in einer
Wellblechbude unterschlüpft. Der hanging man ist Joshua, er selbst, der
Herumhänger, der am Ende gehängt wird, er erzählt die Geschichte als seine. Und
ich sehe mit scharfer Kontur unter der Plane Lucie, blass und schön an Joshuas
Seite. Habe sie genau vor meinem Blick und höre ihren Satz scherzhaft und spitz
in die Runde geworfen: Er, Joshua, habe doch ungebührlich viel Selbstmitleid,
eine so schnulzige Lügengeschichte über sich erfinden könne nur jemand, der
sich selbst nicht liebe.
Ich weiss nicht, warum sich die
Szene so plötzlich wie ein Filmstill vom Strahl einer starken Taschenlampe aus
dem Dunkel gerissen, in die Life-Sequenz meines Streetstrolls einblendet.
Darauf rollt in einem
ultraviolett belichteten Saal eine sarglange Stahlschublade aus einem wandbreiten
Korpus mit nummerierten Fächern heraus. Darin liegt, mit den nackten Füssen zum
Saal, der aseptisch gefrorene Leichnam Joshuas, nur bedeckt von einem weissen
Lendentuch, sein Gesicht ist von ebenso scharfer Kontur, wie jenes von Lucie,
aber steril, graublau, blutlos. Ich bin entsetzt nicht über das Antlitz des
Toten als vielmehr über die mit ihm assoziierte Tatsache, dass die Security in
ihren gerichtsmedizinischen Verliesen den Tod verwaltet.
Auf die Zunge legt sich ein
säuerlicher Geschmack. Wohin gehst du, frage ich mich.
Ich bin dankbar, dass das simple
Angebot am Hofeingang einer Werkstätte meine Aufmerksamkeit auf die Gegenwart
zurücklenkt:
GENERATIVE
FERTIGUNG
von
Stossdämpfern
Motorhauben
Kotflügeln
Karosserieteilen und
Ausstattungselementen
jeder Art aussen/innen
Auf einer angrenzenden Brache von
aufgerissenem Asphalt, Sand und Gras sind etwa zwei Dutzend ausgeweidete Wagen
geparkt, während sich zur Strasse hin
Haufen assortierter Karosserie- und Chassisteile stapeln, dazwischen auch Kabel
und Elektronik. Im Vorübergehen streift mein Blick das Augenpaar im Gesicht
eines Jungen, der sich auf ölig verschmierten Beinstümpfen und Fingerknöcheln
flink wie ein Affe zwischen den rostenden Haufen bewegt. Er stöbert nach
Verwertbarem. Unter seine Achsel hat er zwei kurze Krücken geklemmt. Ich bleibe
eine Weile hinter einem Betontrümmer stehen und beobachte, wie er sie jedes Mal
benützt, um sich aufzurichten, wenn er mit einem Arm ein Stück Blech, eine
Feder oder eine Kardanwelle aus dem Haufen zerrt und mit Schwung zu einer
Zaunlücke schmeisst, vor der ein dreirädriger Karren steht. Ich höre, dass er
bei seiner raschen Arbeit vor sich hinsummt und bei jedem Wurf Wörter oder Laute
ausstösst wie: Whoom! Devil! Scrap! Als ich weitergehe, fällt mir der Satz von
Lawrence ein: Nie habe er ein wildes Tier gesehen, das Mitleid mit sich selbst
hatte.
Mein Puls schlägt plötzlich zum
Hals. Ich schnuppere den Malzgeruch der Wellpark-Brewery und weiss, dass ich
mich der Kreuzung an der Ecke der Necropolis nähere. Nicht virtuell, sondern
real. Nicht umherkreuzend, auf einem zeitlosen Streetview-Stroll irgendwo,
sondern auf der Gleisüberführung kurz vor der Abzweigung Hunter Street und
jetzt. Ich schaue auf meine Armbanduhr: es ist 18 Uhr 45.
Unter einer Brickwand, von deren
Verputz die Firmen-Anschrift Jas. D. Galloway Tyre Distributors abblättert, läuft
der kleine Mike genau vor mir über den buckligen Asphalt der Hunter Street. Er
streift in seine Fantasien versunken durch die Lanes von Mosside. Ich folge und
sehe ihn Brauchbares aus den Müllhaufen fischen, während der Geruch von
Abfallmoder und Malz aus der nahen Brewery süsslich zwischen verwaschenen
Mauern in der Luft hängt.
Das Manuskript von Mikes Roman
trage ich täglich in digitalem Format auf mir. Meine angespannte Vorstellung
verbindet die autobiografischen Partien des Fragments und den abrupten Schluss,
wo Rob im Kugelhagel zusammenbricht, mit Mikes Leben und seinem rätselhaften Ende.
Die Virtualität umkleidet die Realität, enthüllt und verhüllt sie zugleich.
Jetzt, wo ich mich dem Treffpunkt
beim Eingang der Necropolis nähere, erlebe ich für eine panische Sekunde die
Identifikation mit Mike und zugleich das Unauflöslich-Reale und Verstörende im
Rätsel um seinen Tod. So absolut er erscheint, der Augenblick verflüchtigt sich
ebenso schnell, wie er eintrat, und der Selbstschutzreflex wird wirksam. Meine auf
die nächste Zukunft gerichtete Neugier verdrängt die Todesangst. Kein Lebender
erträgt ihre lähmende Präsenz. Ist Normalität etwas anderes als die Tarnung
gegenüber dem Tod? Der kleine Mike ist indessen in irgendeinem dunkeln Hauseingang
verschwunden.
Brick. Sträucher schiessen aus
Ritzen in Mauern langer Reihen liquidierter oder auf Abriss verlassener
Betriebe. Zugespitzte Metallzäune versperren die von wackligen Rolläden und
Schiebetoren aus Wellblech schlecht vermachten Eingänge. Gehortetes Kapital
verstaubt und vergammelt, doppelt gegen Gangs gesichert, in kommerziellen
Kontoren und Lagern. Kein Rolladen scheppert mehr auf und nieder. Das
Parkverbot vor kaum mehr benutzten Eingängen ist zwecklos.
Ich überquere die Duke-Street und
fasse den Glanz der Alutanks auf dem eingezäunten Gelände in meinen Blick. Die
Brewery arbeitet. Saubere Rohre dampfen. Drei oder vier Stockwerke hoch stapeln
sich auf Paletten Biercontainer in Reih und Glied. Ein solides Rolltor aus stählernen
Speeren öffnet den Betriebszugang nur für autorisierte Transportmittel.
Verstrauchte Baumwildnis säumt
die Strasse, deren Namen den Reformator ehrt. In der Abendsonne erkenne ich die
Bushaltestelle, welche das automatische Froschauge zum Zeitpunkt passierte, als
das alte Paar dort wartete, er weiss- und sie schwarzhäutig, beide mit
gelöschten Gesichtern. Sie macht aus schmerzenden Hüften mit baumelnden
Einkaufstaschen an beiden Armen einen unbeholfenen Schritt ins Blickfeld des
geisterhaften Mobils: Was kommt daher? Fast scheint sie zu stolpern, stammelt
einen Bannspruch oder Gebetsvers.
Von dieser Höhe der Strasse sehe
ich die Seufzerbrücke und weiss: Zwischen dort und hier, an der Kreuzung, wo
die Ladywell-Street um das Gehölz nach rechts abzweigt, ist der Eingang der
Necropolis.
Wenn je ein Mann, der ihr folgte,
und es wird ihr immer einer folgen, die blonde Schöne am Gehsteigrand, wo sie
kurz zögert, überholt und einen Blick zurückwirft, dann ist sie fort! Verschwunden
wie Melusine im Märchen, zwischen Tod und Leben entrückt. Nein, sie ist nicht
in die Sackgasse der Ladywell eingebogen. Wozu auch? Ihre Ohren verbergen keine
Kiemen und ihr silbergraues Casual keine Schuppenhaut. Und wäre sie doch die
Quellnixe, der Brunnen wäre ihr Tod, denn er führt kein Wasser mehr. Sein
Zufluss wurde amtlich infolge Vergiftung durch Leichenverwesung geschlossen. Und
keine Schöne bettelt an seinem Rand einen Mann mit inbrünstiger Klage um einen
Kuss, der sie erlösen soll, wofür sie ihm Gold oder ihre Liebe verspricht, was
sie niemals einlöst, weil ihr Kuss ihn unter ihre Macht zwingt. Was kriegt der
zurück, welcher von ihr nicht geküsst wurde, ausser: sein Leben?
Schwarze Abfallsäcke liegen am
Gehsteigrand. Ich überquere an der Stelle, wo sie zögerte, die Kreuzung und
sehe auf einem Plakat neben dem Portal der Necropolis das Bild einer blonden
jungen Frau mit gepflegtem Teint. Darunter lese ich die Schlagzeile: GOTT
ERKENNEN - ZWANGLOS SCHÖN. Daneben wirbt der Titel DAS TODESTHEMA ZUM ANFASSEN
für eine Vortragsserie an der theologischen Fakultät der Strathclyde
Universität.
Als ich einen Moment unschlüssig
stehen bleibe und über die goldenen Lanzenspitzen des Zauns ins Friedhofsgrün
hineinschaue, höre ich in meinem Rücken Rudys schnarrende Stimme und drehe mich
um. Im Wildwuchs an der Ecke der Ladywell-Street, die ich gerade passiert habe,
steht er versteckt und grinst. Nur ein paar Schritte von der Stelle, wo sich
die junge Lady ins digitale Nichts auflöst, funkelt mich sein Blick aus den
Augenhöhlen an und schimpft er mit seiner Metallstimme los:
Du willst doch nicht in die
Necropolis rein, willst du bei Gott? Die Toten wollen unter sich bleiben. Hast
Augen im Kopf und siehst nicht das Schild BITTE NICHT STÖREN ?
Er ist inzwischen aus seinem
dürren Schrumpf-Dschungel auf die Strasse getreten, küsst mich, gibt mir ein
paar streichelnde Klapse auf die Schulter und macht eine halb spassige, halb
grimmige Miene:
Das Portal schliesst automatisch
um 19 Uhr, genau ab jetzt ist das Betreten der Totenwelt verboten. Es ist nicht
unsere Zeit! Falls du denkst, dass du über die Seufzerbrücke wieder raus
kommst, täuschst dich. Bricht die Nacht an, sind alle Ausgänge zugesperrt, dass
du’s weisst. Nachts kommt kein Untoter raus, wenn ihn der Hafer sticht. Die Lebenden
sorgen vor. Denn Unordnung schätzen sie nicht, so wenig wie in der Stadt auf
ihrer Seite die Toten sie wünschen.
Rudy schaut mir tief in die Augen
und sagt beschwichtigend:
Du bist okay, ich spür es. Und
die da drüben sind auf unserer Seite! Der Ort ist gut.
Dann blickt er zum Hügel auf der
andern Seite der John Knox-Street, wo hinter Baumkronen die Sonne untergeht:
Es gibt nicht nur Friedhofgrün in
unseren Städten, wie die Grünen einst prophezeiten. Da oben gibt es noch viel
liebevoll gepflegtes Grün, heilsam durchwachsen von blühender Verwahrlosung.
Ich werde dich jetzt auf ein paar diskreten Umwegen durch die hängenden Gärten
von Rottenrow führen, komm!
Der Abendverkehr ist vorbei. Rudy
überquert die John Knox. Er schwenkt nach kurzem Anstieg in einen Seitenweg,
der zwischen Buchsbaumgestrüpp verwilderter Gärten verschwindet. Es ist still.
Ich folge und stelle meine Frage nach Lucie: ob er mir heute sagen könne, wo
und in welchem Zustand sie sich befinde. Rudy erwidert ohne sich umzudrehen:
Nicht hier. Warte, wir haben
Zeit. Unsere Zeit die entscheidenden Fragen zu stellen.
Wir hocken auf einer Bank. Das
Abendlicht streift unter uns den Hügel. Die letzten Strahlen durchleuchten eine
Kolonie von Mammutblättern und wärmen die dunkeln Teiche eines
Schildkröten-Biotops. Auf ihren Uferkieseln sind gelb gezeichnete Krabbel-Panzer
zu einer späten Siesta versammelt. Aus unbestimmbarer Richtung duftet ein
namenloser Strauch herber und betörender als Jasmin. Grasteppiche und blaue
Kaskaden von Wisteria fallen über Terrassenmauern. Eine verwinkelte Treppe führt
hinunter zu einem von zartem Baumgrün verdeckten Towerblock, in dessen westlichen
Glasfront sich die Sonne kupferrot spiegelt. Rudy nickt mit dem Kopf in die
Richtung:
Das zerbrochene Glashaus.
Ich schaue ihn verblüfft an,
unfähig seinen Hinweis zu übersetzen, obwohl ich mit seiner Sprache, in welcher
die Mythen seiner Herkunft anklingen, vertraut bin. Ich frage nicht nach dem
Sinn, denn ich spüre, dass Rudy sich in einen meditativen Zustand versetzt. Er
beherrscht die Technik der Sekunden-Meditation und da, so weiss ich, ist er für
Augenblicke unbestimmter Dauer nicht ansprechbar. Er schaut eine Weile in Schweigen
versunken auf den Biotop. Dann beginnt er, wie wenn er sich der Zeit versichert
hätte, ruhig und vollkommen präsent:
Sobald es dunkelt, gehen wir da
runter. Es ist eine Nacht der Entscheidungen. Doch geniessen wir diesen
Augenblick! Rottenrow ist ein kleiner Paradiesgarten. Unbeaufsichtigt aber nicht
unbehütet gedeiht in ihm eine wundersame Biodiversität. In den Tagen, seit ich
hier bin, habe ich ihn entdeckt. In seiner Stille haben mich die Erinnerungen
heimgesucht. Ich will dir erzählen, woran ich mich erinnerte. Falls du von der
Geschichte schon gehört hast, was ich annehme, dann war es in diesem Leben.
Im Land, wo mich meine Mutter unter
Schmerzen geboren hat, baute ein amerikanischer Konzern Genmais an. Maschinen
rollten regelmässig über die bewachten Kulturen. Sie zogen Staubfahnen hinter
sich her und arbeiteten in der Ferne schnell und geräuschlos. Damals begann ein
Unkraut zwischen den Maisstengeln zu sprossen. In wenigen Jahren frass es den
Mais. Wir vernahmen, es handle sich um ein giftresistentes Super-Unkraut und es
wachse direkt aus der Hölle. Ach, was wissen wir heute noch, warum und wohin
die verstossenen Crofters der Highlands vor Generationen auswanderten? Und wer
fragt, wohin die Crofters meiner spanischen Muttersprache vor einer Generation fortzogen,
als sie uns die Bäume stahlen und die Hügel flach machten? Unsere Wurzeln haben
sie ausgerissen. Doch über die Hölle haben sie keine Macht. Hier, im gepflegten
Garten von Rottenrow, dessen Natur die Betreuer in Grenzen halten ohne sie zu zähmen,
hat die Schönheit ein Zuhause. An diesem Ort, inmitten der Stadt, hat die Hölle
keinen Raum. Wo wir jetzt zusammen sitzen, erinnerte ich mich an eine Zeit,
welche mir vorkommt wie ein früheres Leben und es ist doch meines. Und hier
oben traf ich vor einigen Tagen Menschen, mit denen ich verbunden bleibe, auch
wenn sie längst verstorben sind.
Ja, ich habe mich eines Abends in
diesem Garten mit ihnen beraten. Sie kamen aus dem Land, in dessen Erde sie
ruhen, den Weg über die Weite des Ozeans
zu mir. Der Rat der Ältesten unseres Dorfes versammelte sich um mich, einer
nach dem andern erschienen sie. Mein Vater und zwei meiner verstorbenen Brüder,
von deren Tod ich nie erfahren hatte, sassen unter ihnen. Wir blickten uns in
die Augen und ich erzählte, weshalb ich ihren Rat benötige. Sie hörten mir zu
und nickten. Dann befragte ich jeden einzeln. Und jeder sagte mir: Tu, was du
tust. Als ich mich von jedem verabschiedet hatte und der letzte fortgegangen
war, sah ich meine Mutter auf der obersten Stufe der Treppe stehen und neben
ihr meine Frau, welche zu ihr trat und sich in ihrem Arm einhakte. Meine Mutter
legte ihre Hand auf die Hand meiner Frau und sie sahen mich an. Ich weinte vor
Glück, denn ich wusste, dass sie sich liebten. Doch ich sah unsere Kinder nicht,
die ich am selben Tag wie meine Frau verloren hatte und fragte nach ihnen. Sie
sagten, ich solle nicht mehr um sie weinen, denn es gehe ihnen gut.
An einem anderen Abend, es
dunkelte schon, kam Joshua zu mir herauf. An seinen Augen, die suchend vor ihm auf
dem Kiesweg herwanderten, erkannte ich, dass er seine Ruhe nicht gefunden hat.
Ein Toter, welcher nicht begraben ist und der nirgends ruht, wo er beklagt und
besucht werden kann, so sagen wir, der kehrt als ein Suchender zurück, denn um
ihn ist in dieser Welt etwas nicht zur Ordnung gebracht. Ihm ist die
Aufmerksamkeit nicht zuteil geworden, welche jedem Menschen zusteht, und somit
ist ein Recht verletzt, auf das er Anspruch hat. Es kann sein, dass er sich
selbst nicht liebte und sich darin verschuldete, dass er seinen Anspruch auf
das Leben absolut setzte. Wenn es aber aus Ehrgeiz und Verzweiflung geschah, so
ist das niemals ein Grund, ihm das erwähnte Recht zu verweigern.
Rudy erzählt mit einer verhaltenen
Glut in den Augen. Ich spüre, dass er seine Worte genau abwägt und Joshuas
geniale, aber zunehmend haltlose Radikalität gleichsam vor einem Totengericht
rechtfertigt. Ich nehme seine letzte Bemerkung auf, denn ich habe das
Bedürfnis, meinen Blick auf die prekäre Realität und das Scheitern eines sozialen
Konzepts, für welches Joshua eine prominente Verantwortung trug, nicht zu
verschleiern:
Joshua war verzweifelt, weil er
sich selbst und jedes Mass verlor. Er war ein hinreissender Musiker, aber du
weisst, dass er seine Lebensrolle am Ende nur durch Heroin und seine teuren
Designerdrogen ertrug.
Rudys Antwort überrascht mich:
Dass Joshua sich selbst verlor,
hat etwas mit dem Zustand der Welt zu tun. Das Ausmass der Verzweiflung
entsprach dem Ausmass an Gewalt in der Welt und dem Gewicht der kollektiven
Schuld. Die Gewalt wuchs und Joshua war verwundbar. Die objektive Gewalt
bewirkt, dass Menschen wie Joshua sich selber Gewalt antun. Das ist schwer
verständlich. Ich erkläre es mir so: Wenn ein verletzlicher Mensch sich selber
der Gewalt aussetzt, dann wirkt dabei ein verführerischer Reiz, die Macht
herauszufordern, welche sich hinter dem Verhängnis verbirgt und ihr das
Geheimnis zu entlocken, welches sie totschweigt.
Ich vernahm in Rudys Formulierung
nicht das Diktat einer gottgegebenen Rechtssatzung, sondern eine Analyse, die
den Aufstand rechtfertigt. Ich sehe wieder den schlammbedeckten Körper Joshuas und die Sonne, welche Gay mit dem Finger auf
seiner Brust eingravierte, und zitiere:
LORDS PRAYER WAS NUCLEAR
SMOOTH WAS HIS GLARE
BUT
HE GAMBLED WITH WARFARE
AND
NURSED US WITH FEAR
Du erinnerst dich?
Ja, antwortet Rudy. Ich war nicht
dabei, aber Joshua probte und sang die Strophe erstmals auf dem Meeting von
Sellafield.
Für mich sind die Verse ein Code
für das verschworene Mitwissen Joshuas. Er kannte das Eingeständnis von Lucies
Vater. Du warst nicht in Sellafield, Rudy, aber du warst mit mir zusammen im
Bunker und Andrew war dabei.
Ja, Gay gewann unter dem Einfluss
der Droge, welche Craig in ihre Arterie pumpte, die Macht über ihren Verstand
zurück. Craig arrangierte ein Verhör, doch Gay befreite sich und berichtete in
luziden Bildern über die Verbindlichkeiten des elitären Lebensstils und Lucies Beziehung
zu ihrem Vater.
Und da erfuhren wir vom Tagebuch.
Du weisst, es enthielt Andeutungen über die Proliferation von Komponenten zum
Bau von Mini-Nukes an eine islamische Macht. Die Nukes kamen beim Terrorangriff
auf Grossbritannien zum Einsatz. Der Vater bekannte seine Mitschuld. Nachdem er
geisteskrank in die geschlossene Abteilung der psychiatrischen Klinik
eingeliefert worden war, las Lucie sein Tagebuch.
Wir wissen nicht genau, was darin
stand. Du sagst, es enthalte Andeutungen. Es verhüllt also die Tatsachen, gibt
nichts offen preis. Der Vater verliess die Klinik nicht mehr bis zu seinem Tod.
Hatte Lucie den Code, die Zusammenhänge auszudeuten? Kennt sie die
Hintergründe? Und wir, vergiss nicht, wir wissen vom Inhalt eines Tagebuchs nur
durch die Zeugin, Gay.
Das Tagebuch ist seit der
Verhaftung Lucies, kurz nach Joshuas Tod, in der Hand der Security. Unsere
Vermutung liegt nahe, dass die Kenntnis seines Geheimnisses tödlich ist.
Selbst wenn ich dir beistimme,
kann ich meine Zweifel nicht ausräumen. Hat das, was wir durch Gay erfuhren,
die geringste Beweiskraft? Und wenn es um die Wahrheit geht, so kann ich mich
einer anderen Frage nicht entziehen: Gäbe es eine Rechtsinstanz, welche heute
die Indizien verfolgen und die Hintergründe aufklären würde?
Wir sitzen lange schweigend
nebeneinander und blicken auf den Schildkröten-Biotop, in welchem sich kaum
etwas rührt. Die letzte Sonne schärft inzwischen die Konturen. Das moorige Wasser
des Teichs ist dunkler, die beleuchteten Ufersteine glänzen in seinem Spiegel
und das gelbe Muster auf den Schildpanzern leuchtet kräftiger als zuvor.
Ich habe auf Rudys Fragen keine
Antwort bereit, er zwingt mich nachzudenken. Die Konturen deutbarer Fakten verwischen.
Und vermutbare Zusammenhänge verlieren sich unter ergrauenden Schichten des
Erinnerns. Ein Bild taucht aber mit überwältigender Präsenz vor mir auf:
Da bläht und kontrahiert sich
seine monströs ins Licht geworfene Mimik. Ich sehe die grelle digitale
Blaupause des Forschungsdirektors über dem schattenhaften Miniaturzirkus eines
Presseanlasses im Konzernzentrum. Doch es gelingt mir nicht, die Partien des
bewegten Gesichts in meiner Vorstellung zu einem Ganzen zu fügen. Ich sehe bald
die kühn geschwungene Nase, bald die Augenschlitze unter den schweren Lidern. Ich
sehe den Habichtblick vorschnellen, wenn der Arm eine programmierte Frage aufruft.
Und ich erspähe, wie die fleischigen Lippen sich zuspitzen, wenn sie sich
anschicken, eine Frage und den Frager selbst aufzuspiessen. Mike sitzt neben
mir. Er hat wie ich eine laufende Nummer, die ihn berechtigt, das pointierte
Pathos fachwissenschaftlicher Abfertigung durch seine Frage loszutreten. Selten
ist ein Unterton blasierter Arroganz herauszuhören. Die Antworten sind
geschmeidig und präzise. Elegant vermeiden sie Widerhaken und lassen Widerspruch
an ihrer sachlichen Kompetenz auflaufen. Mühsam aber erfolglos versuche ich
meine Fantasie spielen zu lassen, um das alternde Gesicht von Lucies Vater, das
ich nicht kannte, und den Blick eines in Wahnzuständen verirrten Patienten zu
reproduzieren.
Längst habe ich mir eingestanden,
dass Mikes und meine gemeinsamen Recherchen damals gescheitert sind. Wieviel
Authentizität darf ich einem Roman und einer Figur wie Rob zuschreiben? Wollte
ich die Frage nach den Hintergründen von Mikes Tod aufwerfen, dann würden die
Elemente des Thrillers - etwa die Spaltung der Figur Mowles oder die dramatische
Bruchstelle des Fragments - als Indizien vor dem Scharfsinn eines Richters
wie Rudy kaum bestehen. Mikes Leichnam ist wohl vor oder nach seiner Heimkunft
im Bleisarg einer gerichtsmedizinischen Autopsie unterworfen worden. Wären die
amtlich beglaubigten Fakten anfechtbar? Falls ich ausschliessen will, dass er freiwillig
Selbstmord begangen hat, könnte ich dann die These mit ausreichenden Gründen
belegen, dass er keinen Ausweg sah, weil man ihm keinen offen liess? Könnte ich
beweisen, dass er sich verfolgt und vom Tod bedroht fühlte? Die Fragen sind mit
dringlicher Ungewissheit behaftet. Und sie bleiben für mich, der ich Mikes
engster Freund war, belastend offen. Welchen Erfolg hatte Mike mit der
Fortführung unserer Recherchen auf eigene Faust? Ich besitze ja ausser dem
Romanfragment aus Mikes Erbschaft noch die rätselhafte Agenda einer Anzahl
geheimer Treffen von Schlüsselpersonen eines Deals. Und als Beilage dazu einige technische Details zum
Bau von Mini-Nukes sowie Zahlenmaterial zum Brennstoffkreislauf. Es sind
Bruchstücke - nicht mehr? Die Agenda würde wohl als Dokument eines Falls
anerkannt, dessen Verknüpfungen allerdings in der Grauzone der Verjährung und ihrer
Unwägbarkeiten versanden.
Ich bin mir heute wie nie zuvor
im Klaren, dass nur die Gegenwart zählt. Und meine Erfahrung versichert mich, dass
in jeder Sekunde selbst des Zerbrechens Hoffnung auflebt.
Rudy bezweifelt, ob Lucie den
Code hatte, wie er sich ausdrückt, ob sie in der Lage war, die fatale Logik der
Entscheidungen zu verstehen, welche die Schuld ihres Vaters begründen. Zweifeln
zum Trotz ist aber gewiss: Lucie ist die einzige unter uns, welche die Existenz
der Eintragungen bezeugen kann - und sie dürfte sich an den Wortlaut der
Tagebuch-Bekenntnisse erinnern.
Rudy, der immer noch mit
verschränkten Armen vorgebeugt auf die Schildpanzer des Biotops herunterblickt,
wo das Abendlicht verblasst und zögernde Bewegung in Gang kommt, weckt mich aus
meiner Nachdenklichkeit:
Du hast mich nach Lucie gefragt.
Ich verrate dir jetzt, was wir über ihr Schicksal wissen. Durch unser geheimes
Informationsnetz haben wir erfahren, dass Lucies Familie ihren Einfluss
ausspielte. Es gelang ihr, sie aus ihrer Haft unter der Kontrolle der Security
in die psychiatrische Klinik zu überführen, welche der Konzern im Large Mansion
House auf der Insel Raasay betreibt. Du weisst, dass der ehemalige Herrensitz
nach dem grossen Brand mit Kapital der Firma restauriert und seinem neuen Zweck
zugeführt wurde. Lucie lebt seit etwa acht Tagen auf der Insel interniert unter
medizinischer Betreuung. Sie lebt dort nicht nur vor der politischen Macht der
Security, sondern auch vor ihrer Drogensucht geschützt im therapeutischen Entzug.
Sie lebt!
Lucie ist schwanger.
Sie wird ihr Kind, falls es
überlebt, gebären. Unsere Organisation hat eine geheime Verbindung zum
medizinischen Personal. Du wirst ermessen, was dir meine Information auferlegt.
Rudy wendet seinen Kopf. Eine
brennende Sekunde lang dringt sein Blick aus tiefen Augenhöhlen in mich ein.
Darauf sagt er:
Du willst wissen, ob Gay und Ana sich
durchgeschlagen haben. Wir sind auf Ungewissheiten gefasst. Ich hoffe, Andrew
weiss mehr, sofern er heute Nacht zu uns stösst. Machen wir uns allmählich auf,
es ist Zeit!
Ich habe heute von Shettleston
gehört! Da war ein Aufruhr, weisst du mehr?
Freitagnacht. Die Medien sprechen
heute von Provokation. Doch nichts ist klar. Wer provoziert hier schon einen
Krieg? Dass Provokateure ins Milieu eingeschmuggelt werden hat Methode.
Man sagt, es habe zahlreiche Tote
gegeben. Ist das eine Übertreibung?
Wahrscheinlich. Zahlen kennt
niemand. Auch keine Namen. Wir haben Gründe anzunehmen, dass einige Leute
gezielt getötet wurden.
Es war also ein provozierter Anlass
für Hinrichtungen?
Möglich. Es gab in der Vorwoche den
Bombenanschlag auf eine Trade-Messe in London und darauf wohl spontane Unruhen
in Manchester und Birmingham. Offiziell - gemäss der Version der Medien -
steckt die fremdgesteuerte fünfte Kolonne dahinter. Vielleicht erfahren wir über
den Zusammenhang der Ereignisse Genaues. Es ist vernünftig, wenn wir nicht
spekulieren, denn durch Selbsttäuschung schaden wir uns am meisten.
Rudy hat sich erhoben. Ich folge
ihm auf dem Kiesweg zur Gartentreppe. Auf ihrem obersten Absatz zögert er und steht
eine Weile nachdenklich still. Dann überrascht er mich mit der Bemerkung:
Die Frau, welche aus freier
Entscheidung, also aus Liebe, ihr Leben mit dir teilt - ihre Beziehung zu dir
ist ein Wunder, kann ich es anders sagen?
Ich fasse mich und antworte:
Ich denke, du sprichst von deiner
Frau. Du bist ihr hier begegnet.
Sie wurde ermordet, ich habe sie
begraben. Ja, doch umso mehr weiss ich heute, dass Liebe das Unbegreifliche
ist. Es ist die tiefste Beziehung zwischen zwei lebenden Menschen. Denn sie
übersteigt jeden Zweck, für den wir unsere Zeit aufbringen.
Er legt zum ersten Mal seinen Arm
um meine Schulter und schaut mir von nahe direkt ins Gesicht:
Du wirst sagen: Ein Kind ist die
natürliche Evolution einer Verbindung zweier Geschlechtszellen.
Ja, würde ich.
Unter dem abstrakt biologischen
Aspekt der Fortpflanzung ist der Satz korrekt. Doch…du bist dir bewusst, kein
einziger Mensch gleicht einem anderen, nicht?
Wir steigen die Treppe zwischen
Wisteria-Kaskaden hinab. Ihre Blüten duften nach roten Weintrauben. Rudy bleibt
noch einmal stehen und sagt:
Meine Kinder haben gelebt. Ihre
Blicke, ihre Fragen leben in mir. Ich überhöre keines. Ich werde nicht
aufgeben, jedem von ihnen zu antworten.











Wir alle machen Fehler in unserer Beziehung und haben dafür gesorgt, dass unsere Beziehung unterbrochen wird. Wir sind auch dafür verantwortlich, dass sie funktioniert, indem wir nach einer Lösung suchen. Ich freue mich sehr, Ihnen heute wenig über mein Beziehungsproblem zu erzählen. Ich habe meine einmal betrogen Frau und sie haben mich erwischt und sie war bereit, unsere Ehe zu beenden, weil ich sie wirklich liebe. Ich suche schnell nach einer Lösung, um sie aufzuhalten. Als ich auf den Dr. Ekpen-Tempel stieß, der so vielen Menschen geholfen hat, ihre zerbrochene Ehe und Beziehung wiederherzustellen, mit denen ich auch Kontakt aufnehme Wenn er heute meine Ehe wiederhergestellt hat, werde ich seinen Kontakt beenden, damit er bei gleichen Problemen Kontakt mit ihm aufnehmen kann (ekpentemple@gmail.com).
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