Die Holzplanken des Stegs sind verwittert. Ich bleibe auf der schmalen Brücke stehen und stütze mich auf ihr rostiges Geländer. Durch das Becken unter einer flachen Schwelle treibt träge cremiger Schaum. Ein Doppelmäander zieht sich in der Mitte des Beckens zu einem annähernd geschlossenen Kreis zusammen. Weiss greift rotierend in Weiss: Ying und Ying. Die Galaxie wird von einem dünnen Schaumnabel gespiesen. An ihrer Peripherie franst sie in Rinnsale auf, welche wieder mäandernd fortschlenkern.
Der Stream rieselt moorig zwischen klumpendem Kies, Ufergras und Tangbänken durch sein Delta in den Fjord. Enten und Möwen tummeln sich auf Futtersuche an der Mündung. Strandläufer jagen nach Sandflöhen. In der Bucht draussen liegen ein paar abgetakelte Segelboote und ein kleines Motorboot. An roten Ballonbojen vertäut drehen sie müde im schwachen Südwestwind. Wolken ziehen tief hängend und aufgequollen daher. Das gefilterte Licht reflektiert mit einem violetten Stich auf dem Gewässer. Kurz bricht die Sonne durch und glitzert im zahmen Wellengekräusel unter mir.
Auf dem rechtsufrigen Strand der Gatelochbucht führt eine Betonrampe zum Wasser. Hart daneben mache ich das Motorkajütenboot aus. Ich schlage den Pfad durchs Uferröhricht ein und steige über zerfressene Treppenklippen zur Rampe hinüber. Der Gussbeton ist in bröselnde Stücke gerissen, die verrostete Schiene geborsten. Schrott.
Im braunroten Strandkies neben der Rampe lehnt das Boot mit Schlagseite an zwei Rubberbojen. Die schwarzen Fender, plumpe Riesenbomben, klemmen zwischen der Bordwand und der Mauer. Was für eine Spinnerei! kommt es mir hoch. Eine Havarie. Doch zugleich sticht mich eine kindische Neugier und ich mache mir klar, dass ich ja nicht allein wegen dem Boot herkomme.
Hinter einer Bombe spannt sich ein zerschlissenes Streifenshirt über einem knochigen Buckel. Mein Schritt knirscht im Sand auf der Rampe. Ein zerzauster Rotschopf taucht auf und zwei grünblaue Pupillen äugen durch ein unmodisch-riesiges Brillengestell. James bleckt die Oberlippe und entblösst eine gesunde Zahnreihe. Die Lachfältchen strahlen in seinen Augenwinkeln:
Holla, eines Tages musstest du ja wieder in dieses Loch kommen, wahr?
Wir umarmen uns, zwei etwas steife ältere Männer. Der Geruch von Salz, Schweiss und Motoröl haftet in seinem T-Shirt. James reckt seinen knitterigen Nacken. Wir scherzen uns über die erste Verlegenheit weg.
Will raten, wo du die sexy Bojen herhast, James! Hab nie solche Trumme in einem scheissgewöhnlichen Jachthafen gesehen.
Er grinst und tätschelt mit der flachen Hand auf die pralle Gummimasse:
Die Blutwürste? Hock ab! fordert er mich auf. Wir setzen uns, die Füsse an die Mauerkante gestemmt, auf eine der russrauen Bojen: Rausgefischt. Leicht erraten, sie sind drüben ausgerissen. Stell dir vor, was für Biester ihre Leiber daran geschrubbt haben!
Am andern Lochufer ragt, silbern schimmernd und fast so hoch wie die Kräne mit ihren roten Hälsen, die Werfthalle. Auf seinen Liftsäulen schwebt der riesige Kubus über dem Wasserspiegel am Fuss des Mount Dartmoore. Über die weite Bergflanke huscht ein Fleck Sonne und lässt sattes Weidegrün aufleuchten.
Was ist mit deinem Boot geschehen?
Abgesoffen.
Tief?
In Ufernähe, doch immerhin 24 Meter.
Wie kam das?
Während meiner dritten Scheidung letztes Jahr hatte ich andere Sorgen als das Boot. Hatte die kranke Holzhaut bloss mit Polyester vermacht. Darunter hat’s weitergerottet und im Frühjahr ist Wasser eingedrungen. Als ich vor den Scheidungsrichter musste, hatte ich keine Zeit zu pumpen. Ich kehrte nach einem Sturm zurück, da war das Boot einfach nicht mehr da, nicht mal eine Spur. Es hatte die Boje mit unter Wasser gezogen.
Wie hast du’s an den Strand geschafft?
Hab erst drüben angerufen. Früher haben sie noch solche Sachen gemacht. Hätten mir aus der Patsche geholfen, sofort den Bergungskran geschickt. Sie könnten nichts versprechen, hiess es. Als nach einer Woche keine Hilfe kam, haben wir das Boot mit einer ausgedienten Fähre gehisst und mit den Bojen stabilisiert. Beim Gleitzug sind noch ein paar Planken draufgegangen. Jetzt muss ich ans Holz ran und Risse kalfatern. Du kommst gerade zur rechten Zeit.
Vielleicht gibt’s ja nicht bloss Planken zu dichten und Spanten zu ölen, werfe ich ein, sondern auch die Vergangenheit zu überholen. Welche Art von Unterhaltung bleibt uns denn sonst in deinem kuriosen Exil?
Ich lebe zwar am Lochende, aber nicht so weit ab vom Schuss, wie du meinst. Meine bescheidenen Verhältnisse gestatten mir ausreichend Musse dranzubleiben ohne mich in Sachen zu verwickeln und den Infarkt zu riskieren - oder aus beknacktem Ehrgeiz das Leben… Und wie steht’s mit dir? fragt James nach einem augenzwinkernden Blick.
Schwer einzuschätzen. Habe mich mit der Einschätzung immer wieder verhauen. Was die Sachen betrifft, auf die du anspielst, so vermute ich, Mike war von uns dreien nach seinem Rausschmiss bei SCAN der einzige, der hautnah dran war. Es kam wahrscheinlich zu einem Kurzschluss. Doch frag mich nicht, was wirklich geschah. Ich habe allerdings keinen Grund mehr daran zu zweifeln: Mike ist tot.
Ich weiss, antwortet James sachlich. Und du brütest wohl den Verdacht, dass er aus dem Weg geräumt wurde. Fingierter Selbstmord, nicht? Warnung an potentiell rückfällige Mitglieder unserer Berufsunion? Als diensttauglicher Reporter bist du doch immer ein professioneller Kriminalist, nicht?
Hast du etwa nicht das Zeug dazu, James? Wo Geheimdienste konspirieren, ist Aufklärung aussichtslos. Falls Mike über ein Schlüsseldokument verfügt haben sollte, dann wäre seine getarnte Hinrichtung logisch. Falls - als Beispiel, sag ich - doch was wissen wir…
Ich sehe die zwei knorpeligen Hände von Mikes Vater und die Foto von Mikes Mutter mit dem Federhut am Kieselstrand und verschweige - ich weiss nicht genau, ob aus Vorsicht oder weil ich mich nicht blamieren möchte - das kleine Bündel aus der Hand des pensionierten Kohlemineurs in Sheffield. Der alte Mann lebt wohl nicht mehr, geht mir durch den Kopf.
James schaut mich eindringlich an. Dann blickt er auf die rostroten Kiesel im Wasser. Nach einer Pause räuspert er sich kopfschüttelnd und beginnt:
Mike hatte eine spleenige Fantasie. Er hätte davon als Kriminalautor mehr schlecht als recht leben können, mein ich. So wär er vielleicht noch am Leben, wenigstens. Doch hör mal zu: Ich hab einen Bruder, der im Konzern arbeitet. Kaderstelle. Klar, zum Kader gehört im Konzern wie du weißt jeder, der als Geheimnisträger einen Sondervertrag hat. Tom sagte mir mal: Um die Wahrheit herum ist eine Todeszone. Wenn du dich hineinwagst, erfährst du die Wahrheit. Ich fragte ihn: Was weißt du darüber? Tom sagte mir: Ich hab ein hohes Salär, ein Haus in bester Wohnlage mitten in einem ökologisch sanierten Erholungsraum und die exzellentesten Ausbildungsmöglichkeiten für meine Kinder. Meine Situation ist exklusiv. Ich lebe im Paradies. Und in der Todeszone, forschte ich Tom aus, was ist da drin? Tom antwortete: Von dem, was du dir einbildest, nichts. Ich bin nicht leichtgläubig und Tom ist ein karrieregeiler Highbrow. Aber möglicherweise hat er Recht.
Er unterstellt, dass du dir was einbildest. Die Wahrheit wird nicht auf dem Tapet präsentiert.
Manchmal schon, meint James. Wenn ein Grad von Gewissheit herrscht, dass niemand sie glaubt, dann ist die Wahrheit die beste Tarnung.
Wenn sie voraussetzen können, dass die Öffentlichkeit sich selbst belügt, dann haben sie schon alles getan, um sie zu konditionieren. Selbst wenn sie was offen legen, die g a n z e Wahrheit geben sie niemals preis, James.
Die ganze Wahrheit? Grosses Wort. Was sie dir von sich zeigt ist eine Spiegelung deiner Erwartungen. Was du herausholst hängt von dem ab, was du dir einbildest.
Sind auch Kriegsopfer bloss eine Spiegelung? Hör zu, der Konzern hat sich in einen silbernen Riesenkokon eingesponnen…
Und wir haben uns fast alle mit einspinnen lassen, willst du doch sagen, nicht?
Ich spüre, James Scharfsinn hat sich im inneren Exil nicht abgewetzt, und lenke ein:
Kein Wunder, ja, der Mythus von der perfekten militärischen Schlagkraft bot einen glänzenden Ersatz für die verlorene Glorie. Doch er verwickelt uns in einen komplexen Widerspruch mit unserer humanitären Tradition.
Unserer christlichen Scham, meinst du doch! James akzentuiert sein Argument stakkato: Die kriegstechnologische Spitzenposition verhinderte den Absturz der Nation in die wirtschaftliche und politische Bedeutungslosigkeit…
Verhinderte, dass die Geschichte die historische Vision von Marx rechtfertigte, werfe ich ein.
James pariert: Deine Einseitigkeit ist unübertrefflich! Mythus steht gegen Mythus!
Ich gebe nicht nach: Der kapitalistischen Verhinderungsstrategie wurde die Wahrheit aufgeopfert.
Wiederum! gibt James zurück. Tönt pathetisch, tönt ja echt klassenkämpferisch. Ich sage: Bombe gegen Bombe. Oder: Realpolitik, Waffen gegen Erdöl. Wahrheit, sagst du! Welche denn? Wenn du aufrichtig bist, musst du dich fragen: Wo in der Welt gibt sich die Wahrheit preis? Was hülfe sie, wenn das physische Überleben zu sichern ist? In der verschissensten Lebenslage ist jeder Mensch noch in einem Kokon von Mythen eingesponnen. Wie könnte er die Wahrheit aushalten? Die Wahrheit pur! Ich hab mich einmal zu fragen angefangen, ob wir im Leben die Chance haben, wenigstens die Wahrheit über uns selbst zu erfahren. Seit ich hier lebe, habe ich verdammt viel Zeit, über die Dinge nachzudenken. Bist du nicht hergekommen, um unser Bild der Vergangenheit zu überholen, wie du sagst? Wenn es um unsere Ambitionen oder um das grosse Verbrechen geht, dem wir nachjagten, dann bin ich ja gespannt.
Ich rate, du bist an der Sache drangeblieben. Nicht bloss aus philosophischer Passion, zur Übung in Selbsterkenntnis. Täusche ich mich? Am Ausgang des Orkus ist doch nicht gleich Arkadien oder die Wüste der Anachoreten.
Warum nicht? erwidert James. Ich hab meine Art, Orte und Unorte miteinander zu verbinden.
James bleibt der alte Dialektiker. Wir schweigen eine Weile. Die Rampe stösst unter uns ins Wasser. Ein Wagen passiert die Kurve der schmalen Strasse über der Klippe. Doch sonst gibt es kaum ein Geräusch, welches das leise Plätschern der Wellen an der Mauer und zwischen den herumliegenden Trümmern übertönt.
James stösst mich mit dem Ellbogen sanft in die Rippe:
Wir haben in der Redaktion der SCAN unser grünes Gehörn abgestossen, du und ich.
Ist mehr als gerade ein paar Jahre her. Worauf willst du mit der Metapher hinaus, James?
Jill liebte schrille Metaphern, aber meine wäre wohl nach ihrem Kanon antiquiert. Du erinnerst dich an die schwarzen Listen im Korridor zum Sitzungsraum. Worauf ich hinaus will? Wir waren doch mal Greenhörner. Auch wenn uns Jill wie einen Hof von Eunuchen hielt, so hatten wir immerhin Hörner.
Jill war gefallsüchtig. Es war bis zur Erschlaffung anstrengend, ihr zu gefallen. Das weißt du so gut wie ich.
Oh ja, sie trieb uns zur Perfektion. Design war ihr Prinzip, das Medium, das sie dazu benützte, ihren Herrschaftsanspruch durchzusetzen. Sie trieb damit ihr Spiel. Mag sein, es war fies. Doch gefallsüchtig? Mit deiner moralisierenden Einschätzung zielst du am Sinn ihres Spiels vorbei. Klar, sie war eine begnadete Selbsdarstellerin. Aber sie verfolgte ihren Zweck. Ein Beispiel: Sie favorisierte transparente Stoffe. Erinnerst du dich an ihre Performance mit der Reithose aus weissem Krokoleder, mit weissen Stiefeletten, taillierter Ramiejacke und provozierend durchsichtigem Top?
Das war doch eine Art Zirkusnummer, James: Elefantendompteuse!
Die Elefanten hörte man aus der Ferne gefährlich trompeten. Und man ahnte, dass Jill die Herde jederzeit durch die Redaktion traben lassen könnte.
Es gab welche, die grinsten.
Die spöttelten im falschen Moment. Black or white! Schritt sie früh gegen neun in einem transparenten schwarzen Top durch den Betrieb und ein Schwarm Lakaien mit den Konzeptpapers hinter ihr her, verbreitete sie die erotisierende Stimmung eines Automobilsalons. Aber wehe! Wer sich an einer Vernissage fühlte kriegte bald rote Ohren.
Ja, ich erinnere mich, sie trug kompromisslos entweder schwarz oder weiss. Weißt du noch, James, wie wir herauszubekommen versuchten, worauf sie den Tonwechsel abstimmte! Es glückte uns nie ein System dahinter aufzuspüren. Sie war bestimmt top-hysterisch, hatte ein perverses Faible, uns mit ihren Launen zu tyrannisieren.
Du zielst wieder am Sinn ihres Spiels vorbei. Die Willkür war doch ein Element ihrer Strategie. Sie kalkulierte ihre Launen und überrumpelte jeden, der sich zu sicher fühlte. Ihre Personalentscheide zog sie knallhart durch, das weißt du aus Erfahrung so gut wie ich. Unseren Job organisierte sie als Generalprobe zu einer grandiosen Show. Wer nicht spurte…
W i r machten doch die Zeitung, unterbreche ich James: War sie mehr als das Spitzenerzeugnis an der Medienfront, welches wir mit totaler Hingabe kreierten?
Doch James stürzt sich gerade hingerissen in eine Beschwörung von Jills Konzept:
Die phänomenale Veranstaltung ist nach Jill das Leben selbst: Life! Die Zeitung sollte doch eine Art Laufsteg zu seiner Selbstdarstellung sein. Zum bekannten Spiel, an dem alle mitspielen wollen, weil sie geil darauf sind, hinter die goldenen Regeln und Tricks zu kommen, die man kennen muss, um ganz nach oben zu gelangen…
Auf die silbernen Trapeze unterm Zirkusdach.
Genau. Da war Jill doch gut. Alle sind süchtig dabeizusein und zugleich scharf nach dem Fauxpas, der die oben in den Absturz reisst. Die Show ist natürlich, wie die Trapeznummer, hocherotisch. Das hat Jill begriffen. Mit ihrem Konzept des perfectly designed, sex-appealing and trend-determined consumer-journals machte sie das grosse Geschäft. Voilà.
Und als Domina beherrschte sie uns, ihren Redaktionsstab.
Das hatte System. Wir merkten auch bald: Wir tappten in Schlingen…
Rannten in aufgeklappte Klingen, von denen ein Dutzend in ihren Stiefeletten steckten.
James sieht mich von der Seite an und verändert die Tonlage:
Es gab da Untiefen, unschätzbare Risiken. Du warst zwar ein Greenhorn, doch clever genug, dich nicht auf Jills Avancen einzulassen, am Ende nicht mal zu deinem Glück! Doch sag bloss: Du machtest dir H o f f n u n g e n auf Jane?
Ich täusche mich kaum: James Ton ist hämisch. Ich habe die Anspielung erwartet:
Hoffnung? D e i n e Sicht des Intermezzos ist, was meine Hoffnungen betrifft, grundlos!
Warum auch? Ich sagte ja: Wir haben unsere Hörner abgestossen.
Dass ich mir überhaupt Hoffnungen machen wollte, Jaimy, du scheinst dir da übertrieben sicher! Jane war für mich eine Kollegin, clever und attraktiv.
Jane konnte uns glauben machen, auch Mike hätte Chancen. Gib zu, du warst da ziemlich irritiert. Weiss ich’s doch von Mike und weil ich’s sah. Ich hab ihre Taktik wohl einfach zuerst durchschaut. Doch am Ende konntest du froh sein, dass i c h mit Jane die Affäre hatte, nicht du.
Weshalb?
Weißt du doch: Jill führte ihren üblichen Nervenkrieg. Sie ätzte mit Anzüglichkeiten. Es war die fieseste Form von Mobbing, weil dir da die Argumente fehlen: Sie flattierte mir und terrorisierte Jane oder umgekehrt. Sie zwang mich meine Weissglut zu überspielen.
Mit Witz doch! Ist dir glänzend gelungen.
James wehrt resigniert ab:
Du täuschst dich. Ich verbrauchte meine Reserven. Jill machte mich zum Eunuchen. Jaimy und Jainy, kam sie singend herein, auch wenn wir hoffentlich nicht gerade am Kaffeeautomaten standen uns nicht einmal Zärtlichkeiten ins Ohr hauchten: Was für ein flüssiger Velours! schmeichelte sie und streifte dabei mit den Fingerspitzen über Janes Brüste. Du weißt, ihre manirierten Nägel waren mit Perlmutt lackiert. Ein Smell von Coventgarden, flötete sie, ein Touch von Gainsborough! Doch der Schal! Sie zog ihre Brauen hoch: Der Schal ist eine Spur zu unschuldig, Jane, ich meine die zuckerwattenrosa Farbe. Du erinnerst dich doch, da war gerade die politische Sex-und Gossip-Phase angebrochen. Jaimy, wandte sich Jill an mich, ohne eine Pause zu machen: Du sprengst den Dementi-Ring um die Callgirl-Affäre des Foreignministers. Das war zwar ein delikater Auftrag. Aber Sache war nicht der Sex, sondern die Bestechung. Jill interessierte diese Dimension nicht, sie wollte die Lügen-Story der Hostess aufblasen. Und sie mutete mir zu, dass ich es tat. Garniert mit blossstellenden Filmstills: Nahaufnahmen, Schweiss des Opfers. Es sollte sich scheinbar in flagranti ertappt in der Aufmachung blamieren. Aufreizende Posen der Zeugin, nah, mit drallen Kurven und keuschem Blick. Nachdem sie mich zu diesem Job verknurrt hatte, sagte Jill erneut ohne Übergang: Und du, Jainy, fliegst noch heute Morgen nach Paris. Dort lief gerade derselbe Film, nicht in Plüschrot, sondern in Lila. Und Jainy flog als Snoopy mit einem blutjungen Papparazzi für ein verlängertes Weekend nach Paris!
How can we turn the smell of egg and bacon sexier? soll sie mal während einer langweiligen Teerunde der Ethikkommission des Presserats gefragt haben. Erinnerst du dich, James? Kurz darauf wurde sie in den Vorstand des Presserats gewählt und war prompt ein Jahr später dessen Präsidentin. Ich hörte damals auf, mir über die Lage der Nation Illusionen zu machen. Wem dienten wir uns an? Bälder als wir ahnten, hatten wir keinen Grund mehr die skeptische Frage zu stellen! Jill legt sich mit dem Konzern nicht an. Sie hatte unsere Sache aufs Eis gesetzt.
Wenn i c h mir je welche machte, so hatte ich wohl lange vor dir keine Illusionen mehr. Mir einbilden, ich könne den Lauf der Dinge abwenden, die Bedingungen verändern? Nie! Jedenfalls nicht mehr seit meiner Pubertät und als Reporter schon gar nicht.
Wie lange, schätzst du, dauert die Pubertät, James?
Ich sag ja nicht, dass einer ewig pubertiert, wenn er sich mit vierzig noch Illusionen macht.
Einer kann auch eine Vision haben. Marx hatte seine mit dreissig.
Pah! Jill schickte Jane und mich separat auf die Spur plüschroter oder lila Affären. In jener Zeit versetzte sie dich nach Moffen. Ich stieg wenig später aus, denn ich hatte die aufgereizte Stimmung in der Redaktion übersatt und ahnte zudem, welchen Deal sie mit dem Blatt vorhatte. Jill hatte alles darauf angelegt, seinen Preis durch Auflagesteigerung rasch hochzupushen. Ihren Coup landete sie denn auch wenige Monate nach meinem Abgang. Ich ging aus freien Stücken in den Hindukusch.
Warst du lebensmüde?
Keine Spur. Die Region war heiss. Es zeichnete sich ab, dass Indien aus globalstrategischen Gründen seine Aggression in Kaschmir wieder steigerte. Ich hoffte, Jane wäre scharf auf den Ausstieg und setzte meine ganze Ueberredungskunst ein, doch sie wollte nicht mit an die Front. Als ich nach der Katastrophe zurückkehrte, hatte Jane ihren Job längst verloren. Wir taten uns zusammen und schrieben für verschiedene Redaktionen in London.
So schloss sich der Kreis?
Ich beschönige nichts. Jane wäre mit dir glücklicher geworden. Ich konnte nicht erwarten, dass sie es länger ertrug. Ich war nach dem Hindukusch kaputt, Mann!
An der Strasse über den Klippen liegen hinter Wildrosenhecken ein paar Landhäuser versteckt. Ein etwas heruntergekommenes Weekend-Idyll. Den Anschein macht es auf den ersten Blick von der Brücke her. Zwei schwere Lastwagen haben die Kolonie passiert und quälen sich um die Kurve. Im Wald über der Kolonie, irgendwo an der weit gestreckten Flanke des Bergs, zerreisst ein Geknatter die eingetretene Ruhe. Doch so jäh, so jagend und spröde wie es aufflackt, bricht wieder Stille herein.
James hat nicht den Blick gehoben. Jetzt schaut er über den ruhigen Spiegel, dann auf die prall durchhängenden Wolkenbänke, welche sich vom Firth of Clyde heranschieben:
In Lochport bewegt sich gar nichts, fängt er an. All die Jahre ziehen die Wolken darüber weg. Immer schneller, oder täusch ich mich: wuchtiger. Die Western-Highland Rail kurvt stöhnend rüber nach Whistlefield, dann Lochlong und Lomond lang und hoch um den Ben Lui rum nach Oban. Zweimal am Tag hörst du am Bahnhof drüben den Steamboiler auszischen, zweimal gellt in der Whistlefieldkurve der heisere Schrei: hooooop!
James Stimme ist heiser, von den Lochnebeln, von den Dämpfen beim Kalfatern und von früher, vom Kettenrauchen, das er aufgegeben hat. Er macht einen Kopfschwenker zur Eisenbahnbrücke. Dort hinten, im Gehölz unter den Schafweiden, wo sie durch wegloses Gelände zur Passhöhe hochklimmt, leuchtet die Spur in einem flüchtigen Sonnenstrahl. James schaut jetzt auf die zerstreute Siedlung in der Tiefe der Bucht. Seine Stimme spreizt sich, als er loslegt:
Hinter lackierten Türen, zwischen Erlen und Fichten versteckt, lebt das Tausend Residents. Dort drüben ist die Convention-Hall der Gerechten, weissgetüncht wie du siehst, spitz wie ein Keilbolzen das Glockentürmchen. Du erkennst sie unweigerlich, die Kirche auf dem Bucklerhill, denn der gestattet die Panoramasicht über die Ausleger des Dorfs an beiden Armen der Bucht. Kein Winkel entzieht sich von dort dem Blick. Unter e i n e m Dach werden schottische Protestanten und römische Katholiken von zwei vergraulten Pastoren, einem siamesischen Zwillingspaar im Ornat, zu einer friedfertigen Herde versammelt. Eine rare, seltsam austarierte Konstellation. Ein Dutzend kirchen- und priesterlose Quäkerfamilien pflegen ausserdem das Andenken einer Ekstatikerin, welche bei einer vermoosten Waldquelle abseits in einer geharkten Gedenknische begraben liegt. Isabella ist der Name der Heiligen, unter dem die winzige Gemeinde sich verschworen hat, in diesem durch Radar und Rasierklingenzäune verschanzten Paradies den Holocaust herbeizuschweigen.
James wirft lachend den Kopf zurück.
Rührend, sagt er. Nun ja! Mit der stillheimlichen Rebellion der Society of Friends ist ja eine Handvoll bekennender Atheisten wie ich im Prinzip solidarisch. Die nicht-bekennenden, zu denen leicht mehr als siebzig Prozent der Getauften zählen, haben mit ihnen nicht mehr am Hut als der beschnittene Ladenbesitzer. Salam! Akram Muhammad, welcher in jüngeren Tagen mit seinen getauften Kunden über die Trident-Plougshare-Aktivisten wie über eine Bande Diebe herzog, hockt heute still vor sich hin belfernd auf einem Korbstuhl neben der Kasse, die sein Sohn bedient. Der hat sechs Töchter und - inschallah! - einen einzigen männlichen Nachkommen. Und dann haust dort unten noch Jack…
James winkt mit dem abgespreizten Daumen rückwärts über den Bug in die verlorene Gegend hinter dem Sumpf:
Jack der Blinde, welcher den Leviathan am Grund liegen sieht. Kein Mensch kann sagen, ob er der Gemeinschaft der Getauften oder der Ungetauften angehört. Er ist auch kein heimlicher Rebell, doch der wahre Seher, der selbst delirierend und stockbesoffen allein den Weg zu seiner Waldkate findet. Die Quäker halten daran, Jack sei der selig gewordene, aber erblindete Ahasver. Hoho, der Prophet ist mein Neighbour.
James knochige Hände liegen auf seinen Oberschenkeln. Er kneift das linke Auge zu, blinzelt mich mit dem rechten an.
Mit Jack teile ich am frühen Morgen den Bodennebel zwischen dem Sumpf und dem Waldrand. Wenn ihn der Tag vertreibt, spüren wir mit einer empfindsamen, wenn auch bisweilen von heimlichem Grauen verstörten Zuneigung, wie gar nichts in Lochport sich rührt. Was gibt’s hier denn neben dem Gotteshaus nicht von jeher?
Er klatscht beide Hände zusammen und reibt sie hohnlachend ineinander:
Ich mach Inventar! Die Townhall: Camp gefühlsduseliger Family-Picknicks. Und Treffpunkt ewiggestriger Spinner, rühriger Railfans, Horticulturisten, Hundezüchter oder Navyveteranen. Rührigkeit müssen wir ihnen zugestehen, den Vereinsorganisierten. Dann Thistlewood-Antiquities: betulicher Nippes & News-Tausch- und Teetreff in einem aufgeputzten, nach Sandelholz und Rooibos duftenden Erkerhäuschen. Und eben schliesslich: der Kramladen Akrams. Die Scheuermittel, Putzlappen und Schrubber, die Schrauben und Nägel, die Reis- und Zuckertüten, die Snacks und Marsriegel, die Zahnpasta, alles immer am selben Ort in den Regalkörben, du kannst blind hineingreifen. Die zwei alten Hotels am Hafen, dass ich es nicht vergesse, das Dalegreen und das Lochrose-Inn, sind schon vor langer Zeit niedergebrannt, als der Dampfertourismus versiegte. Das Gerücht von Versicherungsbetrug nährt sich an unausrottbarer Missgunst. Das Peace-Camp ist hingegen vom Wald überwuchert und wird wie der Ort eines ruchlosen Gewaltdelikts totgeschwiegen. Wenn früher die Aktivisten um die Base herumschwärmten, dann war Lochport ein Geisterdorf, sagen die Leute. Aber das lag daran, dass Lochport eh schon ein Geisterdorf war und es bleibt, seitdem die Aktivisten nicht mehr auftauchen. Ortsfremde sind heute noch die paar spleenigen Weekender, das unauffällige Häufchen Freizeitaktivisten: Segler, Angler, Ornithologen und Biologen. Leute wie du, Reporter, sind die exotischsten Exemplare, die man sich heute in Lochport noch denken kann, statistisch gesehen inexistent. Das war mal anders. Siehst du die Tonne dort?
Ich schaue in die Richtung, in welche sich James rot gesprenkelter Arm ausstreckt und sehe weit draussen auf grauem Gekräusel eine orange Turmboje.
Ein Stahllotse der Werft, sagt James. Der letzte Reporter, der im Loch umkam, fiel bei einer Filmaktion in der Gegend der Heulboje samt seiner Kamera rücklings über Bord des Schlauchboots und ertrank. Er konnte nicht schwimmen, hielt das Gericht fest. Die beiden Nixen, Rosy und Rachel, waren inzwischen auf ihrer berühmten Plunge-Expedition. Ihr Ziel war, an einem der Trident-U-Boote drüben anzudocken. Er wollte sie dabei filmen. Sie merkten vom Abgang ihres Kameramanns natürlich nichts. Rosy und Rachel waren auf Tauchgang und schafften es wirklich: Sie erklommen die VENGEANCE und strichen mit dickem waschechtem Weiss ILLEGAL und DEATH MACHINE auf ihren bleigrauen Rumpf. Nicht der mit der Kamera in die Tiefe getrudelte Film bewies ihren Erfolg, sondern die Slogans auf der Haut des Monsters und die am Turm aufgesteckte Flagge: WOMEN WANT PEACE . Die Mädchen erklärten vor Gericht, das Schwierigste an ihrer Aktion sei gewesen, die Latexhaut über ihren Körper zu strippen. Auf der Base half ihnen die Mannschaft bei der Häutung und reichte ihnen sogar wärmende Mäntel, um sich zu bedecken. So galant waren sie damals. Der glücklose Mann von den Medien hatte sich indessen für den Task nicht mal eine Schwimmweste besorgt. Seine Anwesenheit bei der Aktion war praktisch und historisch nutzlos und sein Tod nichts weniger als heldenhaft.
James schüttelt grimmig den Kopf, wirft ein Knie über das andere, äugt wie ein Maat lochabwärts und knackt mit den Fingern.
Reporter! Du erinnerst dich: Jill liess uns spüren, wie entbehrlich wir waren, wenn wir nicht nach ihrer Peitsche tanzten. Ich geb dir ja recht, so elend wars, als sie ihren Coup realisierte. Es brauchte Chuzpe, sie zu widerlegen. Ich habe mir den Versuch nur einmal geleistet. Doch auf kritische Fragen des Stils und der Methode liess sie sich gar nicht erst ein, der Plot war entscheidend. Leute wie wir waren Sandhasen. Was bist du anderes als der passive Held der Geschichten, auf die du losgehetzt wirst? Du kannst froh sein, wenn sie dich bloss die mühsam aufgebaute Reputation kosten.
Ich bestätige: Ja, die Ereignisse laufen dir in dem Job immer davon und beissen sich in den Schwanz. Der Sinn bleibt auf der Strecke.
Du fragst nach dem Sinn? höhnt James. Dein masochistischer Tick, nehm mir’s übel. Die Aufklärung ist eine im Dunst des letzten Jahrhunderts verunglückte Affäre. Sie ist nicht an den Medien gescheitert, sondern hat diese selber kreissend hervorgebracht. Sie frass sich feist an ihrer Vermarktung. Und prostituierte sich in den grossartigen Kriegen. W i r wurden die prominenten Opfer von Folgen nicht erkannter Verkettungen und hatten Anlass, über unsere persönliche Sicherheit nachzudenken. Aber auch unsere Prominenz ist inzwischen verblasst. Sag ruhig: Die Medienkunst verrottet auf dem Müll, den Sinn können wir uns in den Arsch stopfen.
Tu ich aber nicht! Humanität ist vielleicht ein ausgesteuertes Wort, James. Ihre Idee ist nicht einmal eine Erfindung der Aufklärung, doch ich halte daran: sie ist aller Perversionen zum Trotz ihre aufregendste Botschaft. Sie bleibt es. In der Illegalität stärker denn je, dazu steh ich.
Zivilcourage hat keine Publizität mehr. Unsere Zunft hat zu viel Verwirrung gestiftet, als dass deine aufregende Botschaft auf das Häufchen aufgeklärter Desperados noch angewiesen wäre. Die elektronisch gesteuerte Macht der Meinungsbildung ist absolut. Kritischer Journalismus? Hat in diesem weltumspannenden Selbstbedienungsladen längst ausgedient, mein Lieber.
Wäre es so, entgegne ich, dann hätten wir ihn durch Verantwortungslosigkeit selbst auf den Müll gebracht.
Selbstanklage tönt immer gut. Vielleicht haben wir uns auf unsere Verantwortung auch bloss zuviel eingebildet. Die Einbildung, Oeffentlichkeit wirke auf ihre Hersteller zurück wie eine moralische Schutzhaut - analog dem berühmten Bad im Drachenblut! -, ist heute tödlich. Kommst du, dürftig getarnt, als ein öffentlichkeitsgeiler Viertelschlauer dahergelaufen, seh ich deine Leiche am Grund, mit Blei vollgepumpt, wo das Loch am tiefsten ist.
James hat seinen roten Schopf an die Bordwand gelehnt und schaut mich aus den Augenwinkeln an. Als ich zurückschaue, bleckt er seine Oberlippe, kichert zischend durch die Zähne. Da fängt es an. Ich spüre in der Zwerchfellgegend das Kitzeln. Genau so hat er damals gelacht, als er erfuhr, dass Jill für mich den Flug nach Spitzbergen schon reserviert hatte, bevor ich mich für den Job hätte bedanken können. Damals war ich nichts als sauer. Und jetzt hocken wir beide auf der Trident-Boje, die sein leckes Boot stützt, am öden Kieselstrand des Lochs. Und das Kitzeln steigt vom Zwerchfell hoch, ähnlich lustvoll wie das Niesen in der Nasenhöhle. Es fängt an zu bocken und schüttelt mich. Ich mein die Boje federt und Fische glitzern. Nach einer haltlosen Minute reibe ich mir die Lachtränen aus dem Auge. Immer schwimmt bei mir das linke, wenn ich haltlos lache oder Frost ins Gesicht bläst:
Habe mir Fionn Mac Cools Mütze zugelegt, weißt du. Die original-gälische, die gegen den Seewind steht. Tarnt den Träger, wenn er sie einmal rumdreht…
Na? Wär vielleicht schlauer als eine Rettungsweste, sagt James trocken.
Todsicher, wenn du sie im entscheidenden Moment nicht aufbläst…
Ja, man muss wohl vorsehen, wann der entscheidende Moment kommt, sonst ist’s zum Blasen zu spät. Sag aber, was nützt dir die Tarnmütze? Wenn dich ohnehin niemand sieht, bringt doch alles Drehen nichts?
Unbeachtet bleiben wäre vielleicht ein wünschenswerter Zustand, James.
Kann ich nachvollziehen, leb ich ihn doch seit Jahren.
Fällt mir ein Bild ein. Ikarus, der Astronaut, stürzt in den Meerbusen und niemand sieht’s, weil keiner drauf achtet.
Breughel. Ja, alle sind mit ihrem Tagwerk beschäftigt. Der Bauer pflügt, der Schafhirt träumt, der Fischer wirft seine Netze.
Keinen interessiert es. Glückselige Zeit ohne Spektakel.
Jetzt schau mal her! Suchst du etwa das einfache Leben, Arkadia? Ikaria? Willst abtauchen? Mir scheint du täuschst dich im Bild, ich interpretiere es anders. Der Hirt hütet seine Schafe und der Bauer pflügt den Acker mit seinen Ochsen am Abgrund der Klippe. Daran frisst das gierige Meer. Und der Fischer, könnte ihn seine schlabbernde Beute nicht in die Tiefe ziehen, bevor er sich vorsieht?
Kann ich nachvollziehen, James. Kenn mich da aus wie du. Der traurige Vogel von der Presse war auch auf Beutejagd. Aber er strauchelt über die Bordwand und stürzt rücklings ins Loch, bevor er das Spektakel in der Kamera hat. Und - blieb er drüben, sag mir?
Der Mann war physisch rüber. Aber ein Tauchboot von der Base hat seine Leiche heraufgeholt. Das Loch ist dort verdammt tief, so wahr ich hier lebe, und seine pfundige Kamera (die hatte er sogar am Gürtel befestigt) zog ihn schwer runter. Von der Base haben sie damals noch Opferbergungsdienste geleistet. Sie fischten im Notfall selbst Aktivisten aus dem Loch raus. Sogar lebend. Sie hatten noch Humor.
Wohl Ausdruck uneingestandener Schuldgefühle. Schliesslich hatten sie ihre Leichen im Keller, darum schleimten sie sich ins öffentliche Gewissen ein.
James wiegt den Kopf: Ich seh das nüchtern. Die litten damals noch unter diesem stupiden Correctness-Komplex. Und der - was ist er anderes als die elitäre Form eines zwanghaften Ordnungssinns. Ihre warfare-products waren technically clean. Sie waren es ihrem Image schuldig, die Dinge berechenbar und ihre Performance unter Kontrolle zu halten. Die konnten doch einfach keine Leichen im Loch herumtreiben sehen, hätten öffentlich Ärgernis erregt. Aber heute, pass auf, gibt’s nichts mehr zu lachen. Sie haben die Dialektik unter ihre Kontrolle gebracht. Die Krise hat die Gesellschaft partikuliert. Sie beherrschen das Spiel.
Logisch. Seit sie die Medien kontrollieren, steuern sie die Kontroverse. Sie suhlen sich in der öffentlichen Meinung, denn diese ist im Irrglauben gefangen, sie kreiere sich selbst.
Sie haben ihre Partei hochgesponsert und die favorisierte Koalition mit Millionen gestützt. Mit Steuerprivilegien machten sie den Einsatz wett. Inzwischen hat ihr politischer Arm die faktische Macht. Technisch und seit dem Einbruch des permanenten Kriegszustands auch juristisch: Mit Notstandsrecht knacken sie konsequent alle Widerstandszellen. Die Mittel zum Zweck haben sie im Griff. Technisch und institutionell.
Zu Beginn kam alles schleichend. Dann war es da: schleimig und monströs. Hast du keine Perspektive, James, was schützt dich vor Resignation?
Wut.
Ist blind. Wenn du sie nicht in Aktion umsetzst, rettet sie sich in den Zynismus. Alarmstufe. Wie beugst du vor, dass du nicht in die Depression abstürzst?
Zynismus paart sich blendend mit Galgenhumor. Und der ist doch schon eine ausdauernde Form des Widerstands.
Doch James, du läufst wie ein Hase durchs Scanfeld. Sie identifizieren dich im Netz durch deine Schweissspur.
Hast du nicht gemerkt: du kannst Haken schlagen. Zur Not auch mal den Igel spielen, kannst du. Ihre automatische Profilscantechnologie ist total humorlos. Die Humorlosigkeit ist ihre Schwäche. Die Fehlerquote ist ausserdem hoch. Und Machtwille ist bestechlich. Immer. Das ist unsere Chance, Mann. Du schlüpfst durchs Netz.
Entschlüpfst du auch dem kollektiven Desaster?
James schaut mir scharf in die Augen: Bist d u dafür verantwortlich?
Ich denke, die Umstände sprechen mich frei.
Eben. Du bist es. Wenn du ein Urvertrauen hast. Wenn du dich auf dich selbst stellst.
Ich kalkuliere, du hast da einschlägige Erfahrung, James. Erzähl! Hast dich wohl nicht mal für ein Butterbrot an der Hindukuschfront durchgeschlagen. Allein, ohne die Gewähr, dass dich jemand mit Jills Beziehungen und der Autorität des Weltpresserats im Rücken aus der Falle heraushauen würde. Du warst einfach entwischt. Und gerietst in die Gewalt der Gotteskrieger.
Ihrer eigenwilligsten Fraktion. Damals hatte der Weltpresserat immerhin mehr Autorität als die Regierung eines Zweitklassstaats. Er hätte noch wenigstens die zerstückelte Leiche eines dissoziierten Reporters geborgen. Das kam vor. War ihm des Prestiges wegen sogar eine angemessene Bestechungssumme wert. Doch heute? Fucking truth: Jeder ist auf sich selbst gestellt. Vergiss nicht: Mikes Leiche kam in einem Bleisarg zurück, per Frachttransport mit einem amtlichen Attest. Niemand kümmerte sich um die Aufklärung seines Falls.
Ich sehe die Hände des alten Kohlemineurs. Stelle sie mir von verzweigten Adern überzogen auf seinen schütteren Knien liegend vor, während er dem in seinem Bleisarg aufgebahrten Sohn gegenüber auf einem Holzstuhl sitzt. Und höre die schwarze Standuhr auf der Kommode ticken. Lausche wie das trockene Ticken des Pendels durch das Festtagskristall und die Porzellannippes in der Vitrine fortschwingt. Es steht keine Gattin und Mom neben dem Stuhl und weint leise vor sich hin. Doch es ist jetzt nicht Zeit für sentimentale Rückblicke. Darum füge ich bei:
Damals hatten Jills Anwälte doch eben ihre speckige Transaktion mit Mardock auf dem Trockenen. Jill kuppelte ihre Malteser Connection und liess sich für ihre Zwecke eine extravagante Inselresidenz mit Palmen und Meerblick einrichten. Von der Redaktion war kein Bein an Mikes Bestattung.
James Sicht auf die Umstände unserer Wendzeit ist radikaler:
Da war schon kein Bein mehr! Die freie Presse erlebte nach Mardocks Coup ihren letzten Kick. Die Medienkonzerne starteten durch. Über die Katastrophe hinaus. Mardock handelte die TV-Stars um zwei- und dreistellige Millionenchecks wie die Fussballer für seinen Elite-Club. Doch unsereiner war nicht mehr wert als das Risk-Venture der grenzenlosen Neugierde, die wir in unser elendes Leben investierten. Sie war der einzige Antrieb. Nein, ich will nicht undankbar sein. Da war noch der Whisky, den wir soffen, solange wir an ihn rankamen. Für den hätte ich dort, wo ich war, hundert Peitschenhiebe in Kauf genommen.
Hältst du die Einsamkeit aus, dann wirst du eine Ahnung haben, was Solidarität wert ist.
James haut sich auf den Schenkel: Was für ein poetischer Aphorismus! Isolation ist die tauglichste Folterpraxis. Die treibt dir deinen sentimentalen Marxismus aus.
Vielleicht verhindert die grenzenlose Neugierde, dass ich den Lappen Hoffnung wegwerfe. Hast du ein Argument gegen die Hoffnung?
Na, vielleicht sind wir ja aufgeschmissen. Und die Dunkelheit ist grenzenlos. Stell dir vor: Einsamkeit ist das Leben im Bleisarg. Die auszuhalten fehlt’s dir wohl noch ein bisschen an Übung.
Indem er mir sein liebenswürdigstes Lächeln zuwirft, sagt James werbend:
Ich bin übrigens neugierig auf deine Geschichte. Du kannst dich heute Nacht in meiner Refuge einrichten, falls du Spass hast, auf Komfort zu verzichten. Werde erfahren wollen, was einen Sozialromantiker an das Portal des nuklearen Orkus und ausgerechnet zu mir treibt. Doch pass auf! Vorderhand verziehen wir uns besser ins Boot.
Ich schnuppere die feuchte Seeluft, spüre ihren plötzlichen Druck. Der Faulgeruch von Tang und morschem Holz oder Pilz schlägt mir ins Gesicht. Ich schaue zum anderen Ufer: Gischt stiebt drüben auf den Dächern der Docks.
Der Regen wird wohl auch an unserem Ufer herunterplatzen, errate ich.
Schneller als du ahnst. Oh! Eine kleine Abkühlung, so ein hübscher, harmloser Sommerplatzregen, wirst mal sehen! spöttelt James.
Am Orkus, denke ich noch, und sehe, wie der Schleier über Dorf und Kirche herabstürzt. Dann fühle ich, wie der Druck ansteigt.
Die Schieflage des Bootsdecks ist fast 40 Grad. Als wir vom Steuerbord einsteigen und die lose Kajütentür zuschmettert, beisst sich die Luft unter Deck in meine Schleimhäute. Sägemehl liegt faustdick auf den Bodenplanken. Was an Leim, Lacken und Antifouling aus Fugen und Pullen dünstet, verkleistert meinen Gaumen. Ich werfe die Tür wieder auf, doch der Wind wirbelt das Sägemehl hoch.
Im Bug sind neben Taurollen frische Bretter und Leisten gestapelt. Ein Sägebock und zwei Hocker strecken ihre Beine. Keine Sitzfläche nirgends. James greift die Spannsäge, welche am Knauf des Steuerrads baumelt und sägt eine Bohle zu. Diese klemmt er waagrecht zwischen zwei Nahtspanten, so dass wir auf der Höhe der Heckluken hockend aufs Loch gucken können: Die Base ist von der Gischt eingenebelt. Regenäste stelzen wie Betrunkene schwankend heran. Schon peitscht der erste aufs Dach und die Deckplanken. Augenblicklich triefen Wasserschwälle über die Scheiben. Durch ihre Schleier starren wir in einen bleigrauen Schmelzkessel. Kaum ist der Nachschub verebbt, schleudert der Himmel krachend den nächsten Ast aufs Boot.
James Lippen bewegen sich, als ob er beten würde. Er murmelt laut genug, dass ich höre:
Das Boot ist auf Sand gebaut, Wassergüsse und Winde fallen es an, aber sie stossen es nicht um.
James murmelt den Satz ohne aberwitziges Pathos und keinen Deut lauter als nötig.
Wen forderst du heraus? frage ich an sein Ohr.
Niemanden.
Das glasige Licht wirft ein pastellenes Grau auf sein Gesicht. Scharf zeichnet es seine von Pickeln zerfressenen Hautfalten. Die Narbe an seinem Unterkiefer ist wie aus Plastilin geschnitten. James wippt auf unserem Guckbrett auf und nieder. Ich bin mir nicht sicher, ob er grinsend das tobende Loch anschweigt oder mich.
Beim Ansturm der zweiten Kaskade fische ich meine Mütze aus der Beintasche meiner Combat-Hose und ziehe sie über. Ich schaue offenbar ziemlich entgeistert drein. James spottet:
Oho, fishermans floodproof! UISTMADE , echt? Doch nicht! Cashmere, eleganter Schnitt. Na, und was für eine flott gestrickte Bordüre. Selbst für Glasgow extravagant. Doch hier am Arsch! Sag, willst sie wohl drehn und verschwinden?
Er angelt eine sandbraune Leinenmütze vom Haken neben der Bordluke. Sie hat einen flachen Deckel über dem Kopfband und ist an den Borden zerschlissen:
Afghanisch. Hab sie von einem traurigen Spassvogel. Serafeddins Lagermütze. Lernte ihn in einem Sondercamp für Kriegshäftlinge kennen. Sie hatten ihre Hirne gescannt. Sonderauftrag für eine amerikanische Firma. Er war kahlgeschoren. Und es war verdammt kalt dort. Verdammte Geschichte.
James setzt sich die Schlappmütze auf. Wir schauen jetzt beide in den Himmel. Das quellende Grau über uns glänzt plötzlich auf wie eine dicke Plastikfolie, welche vom Flutlicht eines Scheinwerfers getroffen wird.
Hagel, sagt James.
Ich habe inzwischen die Füsse auf einen Querspant hochgezogen, denn unter mir sammelt sich eine Lache. Es tropft aus dem Dachwinkel des Steuerhauses. Hinter uns, über den Sims der Frontscheiben, rinnt Wasser ab.
Dach ist leck! sagt James, wie wenn er sachlich anzeigen würde: Frachter achtern! Oder Küste in Sicht!
Auch die Scheibenfassung ist undicht.
Ja, werde teeren und Fugen kalfatern. Mit Werg und Baumwolle. Du könntest mir eigentlich helfen, falls du es noch einen weitern Tag hier aushältst. Doch warum solltest du dir das bloss zumuten?
Er gibt mir im Aufstehen einen Klaps und dreht die Cashmere-Mütze auf meinem Kopf herum: Bist noch da! sagt er, legt beide Schaufelhände an die Ohren und macht ein Glotzgesicht. Bist wohl nicht Fionn Mac Cool! brummt er und steigt knarrend in die Unterkajüte.
Er kommt mit einem Kübel herauf und stellt ihn unter das tropfende Leck. Dann hockt er wieder hin und drückt die Stirn gegen die Luke. Er starrt lange auf die brodelnde Wasserfläche. Ein Taliban im gestreiften T-Shirt. Eine Karikatur. Es ist, als ob seine abstehenden Ohren ins Gefüge des Boots und in die Melodie des Regens hineinhorchten, der in einem neuen Ansturm aufs Dach herabrauscht. Jetzt trommelt der Hagel hinein. Wir sind in Spiegelhelle getaucht. Einzelne schwere Geschosse knallen auf den Planken auf.
Als der Drum Roll nach Minuten verstreicht, beginnt James:
Weißt du, wie es dir geht, wenn es nicht aufhört zu regnen? Tagelang. Du wartest in einem startklaren Flugzeug. Aber die Piste ist eine dampfende braune Brühe. Sie quillt aus der Erde, welche die Wassermengen nicht mehr schluckt, sie rieselt aus dem aufgerissenen Asphalt.
Das grelle Licht über uns ist erloschen. Die Schossen haben Trichter in den schlammigen Sand gebohrt. Der Regen schwemmt sie weg. Netze von Wasserläufen rinnen über den Strand, waschen Canyons aus. Wir verfolgen das Spiel eine Weile. Es ist dunkel geworden. Grau und gleichmässig rauscht jetzt der Regen. James erzählt seine Geschichte:
Damals, nach meinem Ausstieg, habe ich auf einer Transport-Iljuschin angeheuert. Grossraum-Porter, secondhand. Was für eine Maschine! Wir warteten im Flughafen von Kisangani auf Ersatzstücke und Papiere. Es gab technische Probleme. Der Jet war voll beladen und aufgetankt. Aber wir warteten noch auf einer Abstellpiste, weit abseits vom Tower. Wir hatten zwei Panzer, Waffen und tonnenweise Munition an Bord. Nachtsüber blieben wir in der Kabine, weil niemand die Abstellpiste bewachte. Seit Tagen strömte feuchter Verwesungsgeruch aus dem Busch und vermischte sich mit dem beissenden Smog der Stadt. Der Laderaum und selbst das Cockpit rochen aber nach Fisch. Der Gestank war in alle Fugen und Winkel gekrochen. Ich glaube, die Prostituierten im Flughafenhotel forderten von uns höhnisch einen Aufpreis, weil wir selbst nach Fisch rochen. Wir erduldeten ihren Hohn mit Gleichmut, ihr Lachen entschädigte uns, ihr billiges Parfum erschuf flüchtige Paradiese.
James schüttelt munter den Kopf und entblösst sein Gebiss:
Sie hatten eh Konjunktur. Wir zahlten gut. Rauchend landeten und starteten die Maschinen. Wir waren gestrandet. Zwar wurden endlich die Ersatzteile geliefert, aber die Papiere blieben aus, weil sich die lokalen Machtverhältnisse gerade wieder veränderten. Wir sassen fest. Grigori behob den Schaden im Fahrgestell. Er war Unternehmer, Pilot und Flugzeugmechaniker in einer Person. Jeden Morgen verscheuchten wir die Affen, welche es sich nach Sonnenaufgang auf den tief hängenden Flügeln bequem machten und kreischend ihre Stammplätze gegen Zuzüger verteidigten. Ein kräftiger Schimpanse stellte sich regelmässig gegen uns auf, warf seine Lippen auf, fletschte die Zähne und trommelte auf seine Brust. So!
Wenn James grinste, brauchte er keine Grimasse zu machen. Er stemmte die abgewinkelten Ellenbogen hoch, betrommelte seine Rippen und hopste hockend, dass das Sitzbrett durchschwang.
Jeden Morgen! Hättest ihn sehen sollen, wie er seinen Kreiseltanz aufführte und sich darauf zähnefletschend und schreiend als letzter zur Flügelspitze trollte! Lange machte der Clan wenig Anstalt, auf Dauer zu verschwinden. Sie schienen zwar zu begreifen, dass wir nicht die Absicht hatten sie zu verwöhnen, wie das andere stillsitzende Mannschaften aus Langeweile taten. Sie zogen sich trotzdem bloss auf die Rumpfteile einer zerborstenen Antonow zurück, welche am Rand der Piste verrotteten, turnten auf ihnen herum und hielten uns scharf im Auge. Nachts schlugen sie sich in den Busch, um im Schutz der Baumkronen zu übernachten. Erst die Schiesserei verjagte sie und legte für zwei Tage und Nächte den Luftverkehr lahm. Die Luft flimmerte schon. Wir hatten gerade den Morgenkaffee gebraut, da ging es los: Granaten schlugen dumpf in der Gegend des Towers ein. Kurz darauf rasten mit Kämpfern überladene Jeeps vom Ende der Piste her auf das Gelände. Einer davon schwenkte auf unsere Abstellpiste ein und stoppte vor der Nase der Iljuschin. Die Rebellen sprangen ab und gingen hinter einem Wallgraben in Stellung. Drei von ihnen fuchtelten mit ihren Kalaschnikows und zwangen uns aus dem Cockpit. Sie trugen Kampfuniformen und hatten farbige Tücher wie Turbane um den Kopf gewickelt. Dunkle Sonnenbrillen verbargen ihre Blicke. Ein Maschinengewehr war auf der rostigen Motorhaube des Jeeps montiert und an beiden Leisten der weggebrochenen Frontscheibe hingen neben vier Granatwerfern Bündel von Lederfetischen und getrockneten Ohren, welche die Söldner ihren Opfern abgeschnitten hatten.
James hält kurz inne. Ich sehe rote Rosen vor einem blütenweissen Picketfence und eine Gartenschere, welche ihre Köpfe kappt.
Da stand ein Junge vor uns, fährt James fort. Er trug als einziger keine Sonnenbrille, darum sah ich seine Augen. Ich begriff mit Verwunderung, dass seine dunkeln brennenden Augen träumten. Aber er war mit Patronengurten beladen und quer vor seinem Bauch baumelte eine schwere Schnellfeuerwaffe. Sie war so lang wie er selbst und sein Kopf war kahlgeschoren. Ich dachte: Was hat der Junge mit den abgeschnittenen Ohren zu tun?
Gras! Darin eingebettet liegt ein bläuliches Ohr. Was die Rosen mit diesem Ohr zu tun haben? geht mir durch den Kopf. Für den Bruchteil einer erlöschenden Gedankensekunde scheint mir die Verbindung greifbar. Aber ein Blitzschlag am Hang hinter uns zerreisst sie.
Erinnerst du dich an die Geschichte? fragt James. Da war doch damals ein schwarzafrikanischer Leader, so ein Häuptling im Anzug aus bestem britischem Stoff mit glänzend blauer Krawatte. Er manipulierte die Wahlen, trotzdem siegte sein Herausforderer. Nun setzte er als Alleinkandidat seine Wiederwahl mit Gewalt durch. Er stigmatisierte die Anhänger der demokratischen Partei, indem er allen, die er greifen konnte, die Ohren abschneiden liess.
Ja, die Queen bestrafte ihn öffentlich für die Schandtaten, indem sie ihm einen britischen Orden entzog, wie hiess der Glitterpin schon?
Der „Höchst ehrenvollen Orden vom Bande“! Es ist kein afrikanisches Märchen: Die Queen hatte den Schurken in besseren Zeiten in den Buckingham Palace eingeladen, hatte ihm das edle Amulett um den Nacken gehängt. Sie war schliesslich das Oberhaupt des Commonwealth. Du weißt noch, wie wir uns über solche Zeremonien mokierten!
Wir wollten den Ehrenakt nach der humanitären Pleite auf der Titelseite des SCAN in Erinnerung rufen. Wir wollten die Krone blamieren, so wahr ich lebe, James. Jill verhinderte es natürlich.
Die Queen und der Diktator, Harariri hiess er, sassen auf blauem Samt vor roten Rosen im Park und lächelten sich an. Ich sehe auf dem Foto sein weisses Gebiss. Inzwischen hatte er seinen schicken Massanzug mit einem buntrot gemusterten Sakko vertauscht und winkte seinen Anhängern mit einer knallroten Rennfahrermütze zu. Es war die Mütze der Partei seines Stammes und alle hatten ihn Comrade Harariri zu nennen.
Ich strenge mein Gedächtnis an und bin mir jetzt sicher, dass ich das im Gras liegende abgeschnittene Ohr in einem amerikanischen Film gesehen habe, doch der Titel ist mir entfallen.
Das sind die zynischen Konsequenzen sozialdarwinistischer Praxis, welche wir ihnen ein Jahrhundert lang vorlebten, erklärt James. Doch zurück zu unserer ungemütlichen Lage an der Piste von Kisangani! Der Offizier des Rebellentrupps trat mit einer schlacksigen Eleganz auf. Ich weiss nicht wo er die abgeguckt hatte. Er befahl uns mit leiser Stimme, den Laderaum zu öffnen. Unlock your cargo, Sirs, will you? Don’t go to any troubles, please!
James imitiert den Villain mit schleifendem Akzent und hat dabei den fiesesten Unterton. Dann gluckst ein Lacher aus seiner Zwerchfellgegend hoch:
Hättest ihn jetzt aber sehen sollen! Der Typ steckte im Dunkeln des Rumpfs die Sonnenbrille weg und riss Augen und Nase auf, als er die zwei Panzer erblickte. Ich musste mich erst ans Dunkel gewöhnen, bis ich sein triumphierendes Gesicht sehen konnte. Er liess uns drei der Kisten aufbrechen und entdeckte in der einen ordentlich gelagert acht Stück der Clusterbomben, welche in einem europäischen Land hätten verschreddert werden sollen. In den andern steckten hübsch gebettet je zwei Dutzend Panzergranaten. Er zog eine davon am Stiel aus der Kiste und rief: You can poke’em in the poky ass of your mom! Dann schwang er sie wie einen Baseballschläger auf die Schulter und trat auf die Ladebrücke hinaus. Mit der Linken schob er die Sonnenbrille wieder auf seine breite Nase, zückte aus der Brusttasche seines Kampfanzugs ein smartes Handy und setzte sich mit seinem Kommando in Verbindung. Seine Stimme überschlug sich. Er schien ratlos und machte wohl ein Gesicht wie der Märchenheld im Berg Sesam, der sich fragt, wie er den Riesenhaufen Gold und Smaragde bergen könne. Er rief mindestens fünfmal Bukavu. Am Ende hörte sich das an wie die Bestätigung eines Befehls: Verstanden, Boss! Er klappte das Handy zu, kehrte sich auf dem Stiefelabsatz um und schnauzte uns an: Ob wir startbereit wären und genügend Fuel im Tank hätten, um Bukavu anzufliegen. Five hundred kilometers flight, yes? Grigory redete gequält etwas von Engine-Problemen daher. Das war ja nicht völlig erlogen. Die Iljuschin war ein Problemhaufen, aber unser Ziel war Gulu. Ich war mir im Klaren, dass er seine Kompensation und ich meine Heuer nur hatte, wenn wir das Material in die Hände der sudanesischen Liberation Army überlieferten. Der Offizier drückte einen Zeigefinger auf seine dicke goldene Uhr und brüllte: One hour! You prepare for flight to Bukavu! Ein älterer Junge trieb Grigory auf seinen Befehl vor dem Lauf einer Maschinenpistole ins Cockpit. Der Jüngere blieb als Wache auf der Ladebrücke zurück. Der Offizier zwang Grigory, die Engines in Betrieb zu setzen. Grigory wärmte die Triebwerke auf und liess sie vor Ablauf einer Stunde zweimal aufheulen. Doch da wendete sich die Lage. Eine Helikopter-Armada der regulären Armee rückte im Tiefflug an. Eine blutige Hatz auf offenem Feld begann. Die Rebellen waren in die Falle gestossen. Als der Offizier die beiden Jungen zum Jeep kommandierte, zögerte der Kleinere und suchte hinter einem Panzer im Rumpf des Flugzeugs Schutz. Da entriss ihm der Ältere die Waffe und setzte ihm drohend die Laufmündung zwischen die Augen. Der Junge staunte bloss mit seinem Ewigkeitsblick und gab keinen Laut von sich. Da drückte der Aeltere eine Salve los und rannte zum Jeep.
Die Schauer lassen nach. James hat innegehalten. Er blickt hinaus und streicht sich ein paar Mal durchs Haar. Dann fährt er fort:
Der Offizier nahm im Jeep über das Flugfeld Reissaus. Der ältere Junge und zwei Mann des Stosstrupps waren mit aufgesessen. Sie hetzten Haken schlagend davon und liessen das Maschinengewehr wie wild in alle Richtungen knattern, doch sie kamen nicht weit. Wir fanden den Jeep später zerschossen im Graben am Feldrand und um ihn herum drei wüst zugerichtete Leichen. Der Offizier lag am Grabenrand rücklings auf einen Grasbuckel hingestreckt. Er starrte durch seine Sonnenbrille. Ihre Gläser spiegelten den bleigrauen Himmel. Grigori hängte sich die Kette mit dem Bündel abgeschnittener Ohren um den Nacken und sagte, die könne er daheim in der Ukraine versilbern. Den ermordeten Jungen begruben wir am gleichen Abend. Ich wusch die Blutlache am Boden auf. Die getrockneten Spritzer auf dem Panzer rührte ich nicht an. Am Morgen ging es auf einmal rasch. Die reguläre Armee war mit der SLA verbündet. Sie sorgte für Ordnung. Noch am gleichen Nachmittag händigte man uns die Startpapiere aus. Doch die Wetterlage verzögerte den Abflug. In der Nacht stürzte der aufgewühlte Himmel herab. Die Regenperiode setzte mit Wucht ein und ertränkte den Leichengestank. Die überschwemmte und durch Minen havarierte Piste blieb gesperrt. Als der Regen nach acht Tagen endlich nachliess, dampfte der Morast und endlose Wolkenbänder zogen über den Busch nach Westen. Am neunten Tag brach die Sonne durch. Die Affenhorde wagte sich wieder bis zum Wrack am Rand der Piste. Das Geheul der Triebwerke verscheuchte sie nicht. Wir meldeten startklar, aber vom Tower antwortete niemand. Grigori hatte alles satt und liess es draufankommen. Er zog die überladene Maschine knapp über den Baumwipfeln hoch. In Gulu, zwei Stunden später, knickte das Fahrgestell weg und einer der Flügel ging bei der Bauchlandung zu Bruch. Wir hatten Glück, da Grigori den Rest des Treibstoffs zuvor abgelassen hatte. Grigori hatte in Kisangani die Zündkerzen der zerschellten Antonow eingebaut. Er vermutete, dass der Schub absackte, weil er sie nicht gereinigt hätte. Ich tröstete ihn, die Affen hätten wohl ihre Lausefinger im Spiel gehabt oder draufgepisst. Wir löschten die Ladung zwar unversehrt, nur die hintersten Kisten waren etwas durcheinandergeworfen, weil wir sie nicht mehr vertäut hatten. Aber Grigoris Lage war traurig, er sass endgültig fest. Aufgeschmissen, ruiniert! Er flog diesmal nicht wie andere Male über den Victoriasee nach Mwanza. Andere zogen den gefrässigen Nilbarsch an Bord, welcher ihn wenigstens für die horrenden Unkosten entschädigt hätte. Wir flogen per Anhalter in die Emirate. Er zahlte mich aus und wartete in einem Zweisternhotel auf einen arabischen Kredithai. Ich stieg indessen in eine georgische Transportmaschine mit Destination Afghanistan um.
Das Loch dampft. Nebelschwaden zausen im Laub der Wälder hinter uns. An der Bergflanke gegenüber kriecht ein Endlosband das Loch herauf. Nordwärts ist der Himmel schwarz. Schauersträhnen streifen unter dem abziehenden Geballe die Kuppen. Der Horizont klart zögernd von Süden her. Sehr weit entfernt, über dem Fyrth of Clyde, scheint die Sonne wieder Oberhand zu gewinnen.
Sind wir startklar? frage ich James.
James knurrt: Reich mir einmal das Logbuch, Maat!
Hast du was gegen enge Sounds? Jura, Mull und Raasay, Käpt’n?
Wenn du ihre Tiefe auslotest, Maat, dann ist keiner zu eng.
James ist o.k., denke ich. Wir waren vor langer Zeit zusammen von Uig nach Uist rübergefahren, um seine Grossmutter zu besuchen, welche dort mit einem Onkel zusammen einen kleinen Hof bewirtschaftete. Eine spleenige Ferienidee. Statt ein Fortbildungsseminar für Sprachmanagement im komfortablen, aber sterilen Preston zu besuchen, wollten wir eine Sozialreportage schreiben. Green, wie wir damals waren, hatten wir noch ziemlich romantische Vorstellungen davon. Die Grossmutter war eine fromme Klöpplerin, der Onkel ein Rabautz, der Journalisten für Nichtsnutze hielt. Als ältester Sohn hatte er den Hof übernommen und war eifersüchtig auf die weggezogenen Geschwister. Aber James verehrte seine Grossmutter. Als wir ankamen, lag sie im Sterben und der Onkel glaubte, James sei nur hergelaufen, um sich ihre kleinen Erbschaft zu ergaunern. Auf dem Sterbebett umklammerte sie James Hand und sah ihn lange an. Sie sagte nur einen einzigen Satz: S’ ist nichts so arg gewesen, s’wird wieder gut, James.
Ich frage: Weißt du noch, was deine Grossmutter sagte?
Sie hatte ja nur diesen Satz gesagt, darum weiss James genau, woran ich denke. James nickt und sagt ja. Er sagt ja und blickt mit weit aufgesperrten Augen aufs Wasser:
Schau mal hin! sagt er.
Aus dem dampfenden Pool draussen, hinter der grossen Boje am Rhubarb Spit, taucht ein Periskop auf, dann die Kuppe des Turms mit den Stengen. Der Turm stösst nicht enden wollend nach oben, hochgewuchtet vom Rumpf. Ueber Aussenhaut und Flossen stiebt ein Katarakt. Der schwarze Riesenleib drosselt im Schaum des verdrängten Wassers sein Tempo.
V for victory! sagt James. Mir steckt das Wow im Hals. Wir schlucken wohl beide leer. Doch James fügt bei: Mission accomplished. Er sagt den Satz, wie wenn nichts gewesen wäre.
Er klappt ein Fach am Armaturenbord auf, dreht den Schraubdeckel einer Whiskyflasche weg, setzt sie zu einem kapitalen Zug an die Kehle und reicht sie mir rüber.
Twentyfour Trident tubes. Rapport: Kein Feindkontakt. Missiles zero. War nichts. Oder hast du was gesehen?
Sicher doch, meine ich. Gosh, die beiden Girls waren aber ziemlich mutig.
Schon. Hut ab. Nur, das Monster wiegt ein paar Megatonnen mehr. Ausserdem kämen sie heute nicht mehr ran.
Die Flasche pendelt eine gute Weile zwischen unseren Lippen. Wir schauen, wie 23’000 Tonnen das Drehmanöver vollziehen und dabei zu einer schlanken Silhouette schrumpfen, nicht mächtiger als die beiden Geleit-Kreuzer, welche sich inzwischen an seine Flanken heften.
Das Licht ist sanfter geworden. Die Nebel sind lila getönt. Wenn einer Mac Cools Mütze trägt, dann ist auch alles unsichtbar, was er berührt. Da ich meine Füsse auf die Spante stemme, ist auch das Boot unsichtbar und ergo James.
Verziehn wir uns! sagt James, wirft die Flasche wie ein Jongleur in die Luft und fängt sie nach einem dreifachen Salto sicher am Hals.
Ich gehe wie auf Moos. Als wir in der Abenddämmerung am morschen Zaun eines Bungalows vorübergehen, welcher von Gestrüpp überwachsen ist, sehe ich im hundenassen Gras dahinter zwei Körper. Ich schaue im Halblicht genauer hin. Ein Mann und eine Frau liegen umschlungen. Ich erkenne seinen kräftigen Rücken und ihre Hände auf seinen Achseln, ihr schwarzes Haar.
James Bucht-Klitsche ist vom Nebel eingehüllt. Wir betreten sie durch eine offene Hintertüre. James hängt seine Pakol-Mütze an einen Doppelhaken und sagt beiläufig:
Als ich aus Asien heimkehrte, gab es die Mütze in London als Mode-Accessoir von Cucci. Neben der Luxusversion war in Jeans-Boutiquen auch eine Billigversion zu haben. Die trug auf der Innenseite eine Aufschrift: Made by women in Afghanistan. Sie war immerhin echt! Häng auf und mach dir’s bequem!
Ich hänge meine Cashmere-Mütze neben seinen echten afghanischen Pilz.
Vor der Fensterscheibe über meiner Matratze sehe ich im Morgenlicht Dolden mit rotgrünen Beeren. Ihr Marmorglanz scheint die Stille abzubilden. Kleine gelbe Blüten senden die Strahlenbündel ihrer zarten Stempel gegen die Sonne und auf den grossen herzförmigen Blättern des Strauchs glitzern Wasserperlen. Was hält die Tropfen schwebend auf ihrer Oberfläche? Sondern sie ein aetherisches Oel ab? Ja, es gibt sie, die sanft erschreckende Perfektion der Stille! Ich bin aus einem leichten Schlaf aufgewacht und es ist mir, ich hätte eben mit Joe geredet. Aber der Traum ist zerflossen, weg.
An der Wand hängt die Fotografie eines Seglers, seine fliegende Kontur auf einem purpurroten Meer, ein Schatten vor blitzenden Wellen. Chinesisch.
Ich liege eine Weile, überlasse mich der Stimmung, horche in mir nach einem Nachklang der Stimme Joes.
Dann streife ich Hosen und Hemd über und gehe durch die offene Hintertüre hinaus. James schläft vermutlich. Ich schlage mich durch die Kraut- und Strauchwildnis seines Gartens, stapfe durch nasses hohes Gras und finde den Pfad zu einer Lücke in der Hecke. Weder eine Zauntüre noch zwei türlose Pfosten markieren den Eingang des Anwesens, sondern einzig ein roter Postkasten auf einem pechschwarzen Pfahl. Das Namenschild suche ich vergeblich.
Ein Schneegewitter hat nachts Flockenschauer über die Gipfel des nördlichen Gebirges geworfen. Die Sonne blendet.
Als ich auf der Anhöhe einen gelben Stabzaun entlanggehe, krümmt sich aus dem Blattgrün dahinter ein crevettenfarbener Torso, eine undefinierbare fleischliche Erektion im Pflanzlichen. Ich schaue dreimal schockiert, fühle das Voyeurhafte in mir entlarvt, worauf eine peristaltische Bewegung wie aus einem Schalenleib auf dünnem Stengel einen Kopf heraustreibt.
Guten Morgen, sagt eine asthenische Stimme, und: Der Hagel hat meinen Rhododendron zerschlagen. Kann heute Morgen das Ordeal zusammenrechen und den geknickten Rest aufbinden. Schnee! Schlechter Ersatz für die schneeweissen Blüten um die Jahrzeit!
War wohl ein Tarnwitz, denn die Gestalt in weiten Unterhosen zieht sich fast ruckartig mit einem Rundumschlag des Arms wieder ins Gesträuch zurück. Als ich dem Zaun entlang weitergehe, fühle ich einen Blick im Nacken, der mich durch die Hecke verfolgt.
Vorn an der Riffkante schaue ich zur Küste hinunter. Im zerwühlten Sand liegt mit starker Schlagseite unsere Lady. Gestrandet! Im Gegenlicht spiegelt das Loch. Das Ostufer ist von einer Nebelbank verhüllt. Unter meiner Sohle ist schwarzer poröser Fels. Der gigantische silbergraue Zauber am Gegenufer liegt, getarnt vom Nebel, im Nichts. Das Loch ist still.
Im selben Augenblick trifft mich ein Schwinger. Ich ermesse die Fallhöhe unserer möglichen Selbsttäuschung. HARRIS! Passwort, Parole? Weisser Strand, darüber hellgrün und blendend das Meer. Eine keltische Luftspiegelung? Taransay, Eiland im Sund, durch militärische Experimente verseucht, verboten. Real? Und unser FUNERAL-CONCERT! Ein grandioser Spleen?
Gleichzeitig reizt mich der Spleen: Das zwecklose Projekt eines Spektakels, eines Konzerts in das brausende Ohr des Meers, in den Wind und in das Gehör der Toten des Friedhofs unter Gras und sandiger Erde. Am äussersten Rand. Am Ende der Welt.
Jeder von uns geht - auf sich selbst zurückgeworfen - durch eine fiktive Landschaft. Nicht nur Hecken coupieren, Highways durchtrennen sie, sondern auch unsichtbare Zäune. Wer bin ich? Gut drei Jahrzehnte älter als Andrew oder Gay, entgleitet mir soeben die materielle Basis, das soziale Recht meines Daseins. Woran soll ich mich halten? An eine Illusion in unseren Köpfen?
Der Pfad zur schmalen Küstenstrasse ist schlüpfrig. Das Unwetter von gestern hat die Erde in grauen Schlick verwandelt. Im fauligen Urwaldgeruch des Küstengehölzes hangle ich mich an einer Baumliane über die Steilstufe zur Strasse hoch und schrubbe im nassen Gras den Lehm von den Sohlen.
Gegenüber, auf dem Vorplatz einer weissen Mansion, steht mit laufendem Motor ein silberner LS-Dart. Seine Fahrertüre ist geöffnet. Ein Junge schaut von Rasen über der Garage auf den Platz herunter. Er steckt in einem hellblau gestreiften Pijama. Eine elegante Frau schreitet, während die Garagetüre sich automatisch schliesst, zum Wagen und ruft zur Rasenterrasse hoch:
Deine rosa Krawatte passt besser zum blauen Shirt als die schwarze. Vergiss es nicht, wenn du abends zur Einladung gehst. Ausserdem macht Papa morgen das Frühstück, ich bin nicht da, steh zeitig auf!
Ihr hauteng geschnittenes Kleid ist cranberryrot. Sie winkt und steigt ein. Der Junge steht noch winkend, während der Dart nach kurzem Dreh schnell und leise beschleunigt und zwischen Gartenhecken um die nächste Kurve verschwindet. Dann geht er durch die offene Schiebetüre ins Haus.
James sitzt mit locker gespreizten Beinen vor dem Fernseher. Wenn er sich nach vorn krümmt, hat er einen ausgewachsenen Buckel! Hohlbrüstig sitzt er da und schaut er auf den Bildschirm, während er seinen Porridge aus einer rot getupften Kachel löffelt.
Nachdem ich durch die Gartentüre eingetreten bin, sagt er, ohne sich vom Bildschirm ablenken zu lassen:
Der Holzherd ist angefeuert. Du kannst dir Speck und Eier braten. Im Eisschrank findest du auch Schweinswürste. Heisses Wasser steht in der Karaffe auf dem Herd, Tee in der schwarzen Box.
Ich giesse eine Tasse Tee auf und hocke mich neben James auf einen Leder-Klappstuhl. Zwischen uns, auf einem aufgebockten Glastablett, steht neben Milch und Zucker eine blau getupfte Kachel. Darin stecken Selleriestengel und halbierte Rüben. Während dem Löffeln greift James sich bald eine halbe Rübe, bald einen Stengel und kaut nachdrücklich, während er zufrieden in den digitalen Bildschirm guckt, auf welchem britische Landschaften in Endlosserie vorbeiziehen: Cornwall, Wales, Skye.
Bedien dich, lädt James ein und zeigt auf die blau getupfte Kachel. Falls du zu Sellerie Bier und Käse wünschst, der Eisschrank bedient dich.
Er rührt den Porridge, steckt einen vollen Löffel in den Mund und schluckt bedächtig. Dann erklärt er mir:
Am Sonntag früh gönne ich mir unsere Landschaftsserien. Konfektion! Luftaufnahmen aus dem Helikopter. Der Rotorlärm ist ausgeblendet. Der Horizont ist weit, du hast den Überblick und schwebst völlig geräuschlos im Raum. Der Trip versetzt mich in einen erhebenden Zustand. Das Rasengrün der digitalen Version unserer Insel ist so clean aus der Luft, dass es mich immer an die Farbe einer Zahnpasta erinnert, die ich in meiner Jugend benützte. Die Marke, deren Namen ich vergessen habe, existiert seit langem nicht mehr.
Der Helikopter schwebt gerade in superben Endlosschlaufe der schäumenden Küste Ionas entlang auf das graue Gemäuer des Klosters zu. Dann setzen wir im Tiefflug über ein Gräberfeld weg. James kommentiert:
Die Griechen meinten nicht die Göttin selber, sondern eine der Aphrodite geweihte Insel, wenn sie von der Schaumgeborenen sprachen.
Seine gesprenkelte Hand greift sich eine Rübe. Er beisst lustvoll zu und sagt:
Die heiligen Anachoreten des Columbaklosters hatten von ihrer Insel wohl eine züchtigere Vorstellung. Diese Klatschfarbe! Das digital reproduzierte aseptische Grün unserer Insel! Seit die linksgrüne Ideologie sich etabliert hat und als Patina die silbergraue Glasur des Kapitalismus überzieht, ist dieses Grün smart. Genau dieses Grün hat die Ladenkette Marc & Spencer als Markenfarbe ausgesucht. Mit diesem Label vermarktet sie ihre Produkte: Simply Food, manierlich assortiert in Folie eingegossen und in gekühlten Auslagen von sterilem Licht bestrahlt. Auch die Konservativen haben inzwischen die Symbolfarbe ihrem Regenbogen einverleibt.
James stellt die ausgelöffelte Kachel auf das Glastablett und knackt einen Selleriestengel an.
Weißt du, fährt er kauend fort, dass die Griechen und Römer die Sellerie dem Gott der Unterwelt weihten. Bei Leichenmählern knabberten sie Sellerie. Schon die Ägypter gaben die Pflanze den Toten als Imbiss auf die Reise in ihr Reich mit. Ich pflanze sie im Garten. Finde sie knackig, sexy. Mich regt sie an.
Ein Aphrodisiakum? frage ich.
Bestimmt! sag ich dir. Als solches galt sie auch den Griechen bei ihren exotischen Sexivals. Seit meiner Scheidung, Gott bewahre mich vor Torheit bis an mein Ende, bin ich ein einsamer Esser. Ich halte mir bislang nur meine Lady draussen am Strand für Abenteuer bereit. Im Unterschied zu Jack habe ich meinen Verstand auf dem Trockenen. Aber wir beide leben einsam am Portal zur Hölle, wie du weißt.
Ihr lebt in Gatelochport wie zwei Eremiten friedlich über dem Shelter der Bombe.
Ja, doch wir haben den Ort nicht gewählt. Wir sind Auserwählte. Auch der Reverend und unser Ahasver. Und alle hier, Atheisten, Presbyterianer, Quäker mit ihren nützlichen und nutzlosen Geschäften und Gedanken. Immer wieder frage ich mich: Wenn Gulliver - zeitgemäss mit einem Helikopter - droben auf dem Cnoc-na-h’Airighe oder drüben auf dem Faslane Burn landen würde, ob er sich unter Liliputaner oder unter Giganten geraten sähe. Ich schätze, er könnte sich nicht entscheiden. Was meinst du?
Auf dem Hill würde er die Männchen in Kampfanzügen herumspringen und kriechen sehen. Also müsste er glauben, er befinde sich in Liliputanien. Kriegte er aber die raketenbestückten Supervanguards in den Blick, dann, ja dann könnte er sich die Werft wohl nur als einen Spielzeugkasten von Giganten erklären.
Du weißt aber genau, es ginge ihm nicht anders als bei den Winzlingen. Würde er nämlich beim Sightseeing auf dem Cnoc, droben beim schönen Lochan Ghlas Lavigh, über den Razor-Fence weg die bizarre Szenerie betrachten, bliebe ihm zum Staunen wenig Zeit. Die elektronischen Kameras hätten ihn erfasst, bevor die Wachhunde angäben. Die Polizeikräfte des Royal Ministery of Defense würden ihn auf dem Cnoc genauso wie drunten am Loch auf der Stelle verhaften. Spätestens dann wäre ihm klar, dass er weder in Liliputanien noch im Reich Brobdingnac gelandet, sondern unter seinesgleichen geraten wäre.
James, ich schätze, als Bürger des 18.Jahrhunderts wäre selbst Gulliver beim Anblick der militärischen Veranstaltungen seines Geschlechts heute ziemlich verwirrt.
Er fiele aber nicht aus der Rolle, sondern bliebe sich treu. Beim Verhör gäbe er sich nicht als Pazifist aus, sondern als Enthusiast. Er würde sich beim Kommando auch heute als militanter Technofreak anbiedern. Er würde das militärische Zerstörungspotential als geniale Errungenschaft hochjubeln.
Ich frage mich, in welchem Wolkenkuckucksheim Swifts weiser Riesenkönig heute regiert.
Ja, bei Swift wäscht der Monarch dem Prahlhans für seine skrupellose Megalomanie den Kopf. Der König von Brobdingnac ist ein aufgeklärter Humanist. Lass uns mal nachlesen.
James steht auf, greift sich die Fernbedienung und klickt die Endlosspirale aus. Dann zieht er ein zerlesenes Exemplar von Gullivers Travels aus dem Bücherschaft hinter dem Lesesofa und kommentiert, während er darin blättert:
Gulliver schleimt sich beim Riesenkönig ein: In hopes to ingratiate myself further into his majestis favour. Genau! Er bramarbasiert, berichtet mit greller Übertreibung von der Wirkung des Schiesspulvers und der Kriegsmaschinerie, welche die Ingenieure in Britannien entwickelt haben. Natürlich glaubt Gulliver, er müsse einen Riesen durch kolossal aufgebauschte Vergleiche beeindrucken. Sieh mal!
James liest stehend die Stelle aus dem siebenten Kapitel des zweiten Teils, wo Gulliver dem König von Brobdingnac sogar seine Dienste anbietet. Er rühmt sich, er kenne die Ingredienzen des Pulvers. Er wisse auch die königlichen Waffenschmiede anzuleiten, wie man die Rohre giesse, aus welchen man Kugeln aus Eisen und Blei über grosse Distanzen schiessen könne. Er gibt eine blühendblutige Schilderung, welche Macht solche Mittel den Generälen in die Hand spielten, nämlich: eine Armee von Soldaten reihenweise in Stücke zu zerfetzen, Schiffe mit Besatzungen von tausend Mann zu versenken, die stärksten Mauern zu zertrümmern und Städte samt Mann und Maus in Grund und Boden zu stampfen. Und er trägt dem König sogar an, er würde die Kanonen und Geschosse proportional zur Grösse aller Dinge in seinem Reich giessen lassen, also Rohre von bis zu hundert Fuss Länge und davon ganze Batterien. Worauf der König das Grossmaul eiskalt abblitzt und erklärt, er würde lieber sein halbes Reich hergeben als seine Nase wie die Briten in so fatale Geheimnisse gesteckt haben, welche einzig dem Zweck dienten, die Menschen zu unterdrücken und ihrer Rechte und Freiheiten zu berauben.
Gulliver in Gatelochport, sagt James und klappt den Band mit einem tiefen Atemzug zu. Kann Gulliver unter den heutigen Proportionen als Mensch etwas anderes sein als beides zugleich: Riese und Liliputaner in einer Person? Wenn er die Spannung aushält, dann bläht er sich zum Übermenschen auf. Er tut es entweder aus Aberwitz oder aus plumper Selbstüberschätzung und Opportunismus.
Deine Diagnose trifft den Nagel auf den Kopf, James. Die Royal Policeforce würden ihren Gefangenen wohl auf der Stelle entlassen und dem Arschkriecher eine Medaille auf die Brust heften. Und der König…
Du meinst, er würde ihn in den Adelsstand versetzen. Klar. So paradox ist die Welt.
Die Helden und Schwätzer werden ausgezeichnet. Scheitern ist tabu. Somit wären wir auf dem Umweg über die Verlogenheit wieder bei den tatsächlichen Relationen angelangt. Du weißt, Shelter und Werft sind seit zwei oder drei Jahrzehnten privatisiert. Kannst du mir erklären, James, was das Royal Ministery of Defense unter diesen Umständen in Gatelochports Anlagen noch zu suchen hat?
Natürlich! Das schrumpfende Staatsbudget zwang Britannien, den schwindelnd teuren Unterhalt der Technik zu verkaufen. Das Kingdom behielt sich zwar bei der Privatisierung die hoheitliche Kontrolle vor. Das militärische Führungsmonopol, du weißt. Doch liegst du mit deiner Frage richtig. Inzwischen ist sowohl die Kontrolle der Waffen als auch der Krieg privatisiert. Mit ihm der Staat. Check and Balances. Die Bürgerrechte und… Wie könnte ich die Situation anders definieren nach allem, was seit nicht einmal einem halben Menschengedenken eintrat? Das weißt du so gut wie ich. Magst du ein Bier?
James legt Swift auf den Fernsehtisch und geht zum Kühlschrank. Natürlich, ich weiss, dass Synthesen kasachischer und brasilianischer Verhältnisse ihren globalen Aufschwung zelebrierten. Dass Oligarchien die klassischen Demokratien durchsetzt haben. Dass sie sich schleichend durchsetzten. Dass die Scharia die erwählten Völker unter dem Willen Allahs versammelt. Und dass Krieg herrscht. Ob der Mensch dem Menschen zum Wolf wird bleibt für mich offen. Für mich unbedingt. Unser Diskurs erfüllt, worauf er wohl zielt. Ich erfahre im Wortlaut, wie James sich den Status quo zurechtlegt. Wir beide differieren im Temperament. Wir haben im Anflug den politischen Horizont unserer grünen Insel aufgerollt. Um Definitionen will ich mich mit James nicht streiten. Täusche ich mich nicht, so sehen wir die Verhältnisse trotz unterschiedlicher Konklusionen ähnlich. Ich gehe aufs Ganze.
Ja, ich habe Durst nach einem Bier, James hat offensichtlich eine Qualität sichernde Quelle. Das Bier ist nicht faul. Flaschen mit silbernem Kragen. Sie öffnen sich mit noblem Knall. Ich denke an seinen Bruder im Kader des Konzerns. Beim Einschenken perlt es: goldenes Malt.
Wir stossen an. Nach dem prickelnden Schluck ist die Gelegenheit für die Frage, welche mich brannte, unausweichlich:
Wie kam dein Bruder zum Job im Konzern?
Ganz einfach, Beziehungen spielten nicht mit, falls du daran denkst. Das Ministerium hatte damals einen Wettbewerb ausgeschrieben. Es ging um den asymmetrischen Krieg. Sie suchten Ideen zur Entwicklung autonomer Robotersysteme für den Stadtkampf. Sie kommunizierten offen, die Städte würden täglich dichter und komplexer. Global. Die Privatisierung des Kriegs war zur Zeit der Krise schon im Gang. Der Staat reagierte auf Kostendruck und innenpolitischen Widerstand. Er verkaufte damals die Kontrolle über komplexe Rüstungssysteme an den Konzern und ein ausgesuchtes Konglomerat transnational operierender Firmen. Der Wettbewerb mobilisierte billig öffentlichen Grips und förderte die Kaderauslese. Williams Team war erfolgreich. Sein intelligenter Baukasten wurde ausgezeichnet. Und er zahlte sich aus. In Form von Preisgeld und Karriere.
So war er im Konzern auch an der Entwicklung der Kampfroboter beteiligt? Hast du ihn mal darauf angesprochen?
Weswegen? Für mich war die Sache klar.
Du wirst dir über das Coming-out Gedanken gemacht haben, James.
Der lineare Fortschritt bis zum selbständigen Vollzug von Tötungsbefehlen war absehbar. Bestimmt über zwei, ja sogar drei Jahrzehnte.
Dann musstest du voraussehen, dass sich auch der staatliche Terror etablieren würde. Dass totalitäre Mittel, welche man unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung heranzüchtete, legitim würden. Das öffentliche Gewissen wurde durch Propaganda anästhesiert.
Terror gegen Terror. Gibt es in der Wahl der Mittel zur Stabilisierung der Ordnung eine rationale Alternative, dann demonstriere sie mir.
Was hätte William, falls du ihn gefragt hättest, zugunsten der künstlichen Intelligenz gesagt, welche damals schon gezielt für den Kampfeinsatz raffiniert wurde?
Er sprach nicht darüber - mir misstraute er ohnehin. Doch seine Ansichten stimmten zweifelsfrei mit den Argumenten der konzerninternen Entwicklungsplanung überein. Entscheide waren mit der Regierung abgestimmt. Die Regierung hatte im Interesse der nationalen Sicherheit ihren goldenen Share. Die Diskussion wurde übrigens stets auch öffentlich geführt.
Als subtil getarnte Propaganda. Der Konzern betraute mit der öffentlichen Überzeugungsarbeit sogar eine Ethikkommission. Doch die Methoden psychologischer Kriegsführung begannen sich zu entwickeln.
Erinnere dich! Die Erforschung künstlicher Intelligenz zu militärischem Zweck war damals umstritten. Es galt die ideologische Auseinandersetzung zu versachlichen. Der Konzern nahm seine Verantwortung ernst. Es ging um den sozialen Frieden und politische Stabilität. Im globalen Horizont!
Man rüstete verbündete Staaten nicht nur mit Angriffswaffen gegen potentielle Feinde auf. Deine Einschränkung abstrahiert von der Tatsache, dass man ihren Regierungen auch elektronische Kampfmittel lieferte, welche sie in die Lage versetzten, den inneren Widerstand zu überwachen und - unter Anwendung des Notrechts - zu unterdrücken. James, du bist doch kein Anwalt des Terrors?
Ich weiss, worauf deine Frage hinauswill. Die Unterdrückung des Dialogs lässt sich nicht rational rechtfertigen. Wäre ich Anwalt, ich würde meinen Bruder vor einem Gericht für Menschenrechte nicht vertreten. Er ist für sich selbst zuständig. Aber ich wäre sogar Advokat des Teufels, wenn es um die Analyse der menschlichen Seele geht. Du musst dir eine Frage gefallen lassen: Ist der Mensch etwa eine rücksichtsvollere Tötungsmaschine als der Roboter? Hat er im Kriegseinsatz je bewiesen, dass er den Tötungsauftrag seiner Regierung nicht gewissenhaft und - selbst ohne Not - mit entfesselter Grausamkeit vollzieht?
James, bist du überzeugt, der Krieg werde humaner, wenn man Soldaten durch Roboter ersetzt?
Nein, aber billiger. Und mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit vermeidbar. Roboter agieren präziser. Sie sind weit weniger von Empathie geleitet als Politiker und Kommandeure, gleichgültig, wie viele Orden auf ihre Brust oder Sterne an ihr Revers geheftet wurden. Was ist gegen das Argument einzuwenden, dass Automatisierung den Krieg zum Planspiel macht? Stabilisieren bedeutet: die Balance hinkriegen. Gelingt es der Politik, ein gestörtes Gleichgewicht wieder herzustellen, falls notwendig auch durch kalkulierte Aufrüstung, dann minimalisiert sie das Kriegsrisiko.
Roboter sind präzise, sagst du? Rüstungstechnologie macht den Krieg kalkulierbar? Du vergisst doch nicht, dass Roboter von Menschen programmiert sind. Und dass sie sich, einmal autonom, der Kontrolle entziehen. Rüstungsgleichgewicht schafft Stabilität? Ziehst du in Rechnung, dass neue Strategien und Ziele den Krieg verändern? Smarte Bomben sind so nutzlos wie deine Argumente. Sie sind korrekt systemkonform, aber unzweckmässig.
Ich behaupte: Sie sind ökonomisch und realistisch.
Doch gleichzeitig utopisch, gib doch zu!
Wir leben in der ewigen Paradoxie, mit der sich die Menschheit seit Kain zu arrangieren hat, weil es anders nicht klappt! Ich bleibe bei meiner konformen Analyse: Der Roboterkrieg ist der Krieg, den wir uns leisten können. Die nötige Sicherung haben seine Erfinder dem Roboter eingebaut. Die zentrale Kontrolle ist also garantiert. Kampfroboter lassen sich ausschalten, auf Knopfdruck demobilisieren. Mit der permanenten Veränderung hatten wir immer zu leben. Grenzen und Fronten lösen sich auf. Der Krieg wird in die Städte getragen. Doch auch die Asymmetrie muss kalkulierbar sein.
In einer hochkomplexen Welt trägt letztlich die Verantwortung der Mensch. Seine Motive und der Spielraum seiner Entscheidungen bleiben unberechenbar.
Zum Glück, Greenhorn. Wenn du die Dinge eben so absolut betrachten musst, dann stimme ich dir bei. Im Übrigen sind wir uns im Klaren, unser Diskurs ist hypothetisch, nicht?
Du bist ja gelassen, James. Doch auf der Basis supponiert-rationaler Hypothesen entscheidet der Konzern in Abstimmung mit seinem politischen Arm. Heute kommt das de facto aufs selbe heraus. Gemeinsam stocken sie die Arsenale auf. Die Kontrolle entzieht sich ihrem politischen Kalkül, denn die Dinge nehmen ihren globalen Lauf. Diese eisernen Kanzler! Realpolitik? Mit noch so gigantischen Systemen und genialen Machinationen lässt sich der Globus nicht stabilisieren. Doch die Welt ist mit Waffen überschwemmt. Wir haben es je wieder geschafft, ohne durch die Konsequenzen klug zu werden.
James schenkt wieder ein und hebt das Glas:
Unsere Klugheit zieht ihre Konsequenzen nach menschlichem Ermessen. Cheerio auf unsere Lady! Ich will sie in zwei Wochen wieder tauglich machen. Darauf zu einer Probefahrt in See stechen. Falls sie mir bei der nächsten Kontrolle die Lizenz entziehen - womit ich immer rechne -, dann will ich das Boot an einem Ort verankern, wo sie kaum je kontrollieren werden.
Wo hast du dir dein Versteck ausgedacht?
James guckt mich über den Rand seiner riesigen Brille an und zitiert: Es ist nie so arg gewesen…
Uist!
Wie du weißt, ist North Uist ein Labyrinth winziger Lochs, Creeks und Inseln. Und alles ist untereinander und mit dem Meer verbunden. Die Maulwürfe haben auf Uist Schwimmhäute.
James, ich werde dir die Löcher kalfatern helfen. Doch heute um elf habe ich noch ein Treffen mit Gott.
Um elf? In der Parish-Church?
In Gatelochport hat wohl kein anderer Meetingplace die offizielle Weihe.
Du? Ein Kryptomarxist bei den Presbyterianern? Die Pforte ist schmal. Da gibt’s nichts zu schnüffeln. Oder willst du dich bekehren lassen? Hätte ich mir zuletzt einfallen lassen. Aber unser Reverend ist ein fideler Mensch, unterhält die paar Knochen, die seinen Service besuchen, wie man hört, aufs Beste.
James schaut auf seine dicke Sailorwatch und fügt bei:
Halb elf. Viel Vergnügen, ich bin nicht neugierig. Du findest mich bei der Arbeit am Strand.


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