Freitag, 16. November 2012

10. Wurlitzer-Comedy





Als wir während der dramatischen Nacht spät in einem der Off-Keller des Clubs zusammenfanden, war unsere Stimmung, widrigster Umstände zum Trotz, aufgekratzt. Wahrscheinlich weil wir ahnten, dass wir nichts zu verlieren hätten ausser uns. Und wir hatten uns - als intimer Zirkel in der für diesen Fall vorbedachten Zuflucht - wiedergefunden. Nicht alle von denen, welche die Losung kannten. Doch immerhin dreizehn.

Der szenische Dialog, dessen Entwurf ich an dieser Stelle in meinen Bericht einfügen werde, hat genau so nicht stattgefunden. Ich habe ihn zusammen mit Andrew im Untergrund verfasst, um den Stumpfsinn unseres reaktiven Stimmungstiefs während der folgenden Wochen zu überbrücken. Wir bestimmten den Text damals zum Spass für ein Off-Theater. Ein solches existiert, wo wir heute leben, nirgends. Die „Bühne“ oder der erdachte Raum des Dialogs war indessen identisch mit dem Ort, wo wir - alle Personen, welche im Dialog auftreten - in der Nacht nach der Zerschlagung des Clubs unsere Zuflucht fanden. Der Keller war jetzt zu unserem Bunker geworden. In Normalzeiten, wenn wir je von solchen sprechen können, hat er als authentische Bühne für Konzerte, Sketchs, Comedies, Lesungen und auch erotisch aufgeladene Showtreffs gedient. Was war, den Umständen zum Trotz, nahe liegender, als die Laune, unseren Sketch dieser Bühne zuzudenken? Uns geistig wach zu halten war bestimmt ein Zweck unserer literarischen Übung nach der Katastrophe des Clubs. Das entscheidende Motiv war aber das Bedürfnis, die Erfahrung der Nacht zu verarbeiten und zugleich unser Treffen zu dokumentieren.

Die ehrwürdige Architektur über dem Keller war, obschon in einem geisterhaften Zustand des Zerfalls, möglicherweise die beste Tarnung. Die Aura seiner Geschichte machte sie für uns geradezu wohnlich. Das klassizistische Gebäude war vor anderthalb Jahrhunderten Versammlungs- und Bildungsstätte eines im paternalistischen Geist des viktorianischen Zeitalters geförderten Arbeitervereins gewesen. Es war mit neoklassischen Stukkaturen ausgestattet, welche die Insignien christlicher Werktätigkeit darstellten. Zwei Generationen später - ich weiss aufgrund unserer Studien Bescheid - wurde es nach den Bedürfnissen eines reich gewordenen Bürgertums in eine Musikakademie umgewandelt. Treppenhaus und Säle dekorierte man mit den Insignien der Muse und den Büsten der bedeutendsten Schöpfer ihres Fachs. Beethoven überschaute mit seinem genialischen Tiefblick den Konzertsaal und - während der deutschen Bombenangriffe - die Betten des Lazaretts mit den Verwundeten, für deren Pflege die Geschosse der Akademie ihren Kriegsdienst leisteten. Zwei Generationen nach dem Krieg erstrahlte in den Hallen der dekadente Luxus eines Hotels. Als der Betrieb bei Anbruch der Krise der Liquidation verfiel, etablierte sich im Gebäude vorübergehend ein One-Pound-Warenhaus. Solcher Schäbigkeit machte fernöstliches Kapital ein Ende. Im viktorianischen Konzertsaal wurden zu erschwinglichen Preisen delikat komponierte Gerichte serviert. Das Personal faltete die Hände vor der Brust und begrüsste jeden Gast mit einer zeremoniellen Verneigung. Die thailändische Küche und der distinguierte Service verhalfen der Immobilie nochmals zum Aufstieg. Die bestklassierte Lokalität generierte während der Krisenjahre einen konkurrenzlosen Umsatz. Doch nach einem Attentat floss das Kapital wieder ab. Vier Teak-Elefanten hinterblieben dem Club als Erbschaft.

Die unabhängige Kulturszene - jenseits jeder paternalistischen Aufsicht und Gunst - fand in der ehemaligen viktorianischen Arbeiterbildungsstätte allmählich ein attraktives Zuhause. Das Gebäude war damit den Folgen der Zeitumstände preisgegeben. Sein Zerfall war mit der zunehmenden Auflösung der Szene und der Korruption ihrer Selbstverwaltung unaufhaltsam.          

Auf einem Absatz des Treppenhauses, über welches wir in die Kellerräume hinunter stiegen, trotteten die vier schön gemaserten Elefanten wie an einer Prozession hintereinander her. Ihre polierten Leiber von halber Mannsgrösse waren verstaubt. Obwohl wir wussten, dass kein fahrendes Gut mehr sicher war, betrachteten wir sie als verlässliche Wächter. Kein Aberglaube, sondern der Respekt vor der Security des Clubs hatte unsere Wächter bis zu diesem Tag geschützt. Im Augenblick dachten wir nicht an Morgen. Es war kalt und wir waren hungrig. Ich erinnerte mich an das fein zerlegte, gedünstete Entenfleisch, den Schmelz der Meerrettichsauce und den körnigen weissen Reis, den ich in Gesellschaft von Mike und zwei Kolleginnen unserer Redaktion im ehemaligen Konzertsaal genossen hatte. Falls wir heute Nacht Glück hatten, erwartete uns im Tiefkühler des Kellers eine Stange gefrorener Pizzas, welche wir allerdings bloss erhitzen konnten, wenn die Elektroversorgung für den Mikrowellenofen nicht durch einen Kurzschluss ausfiel.

Den von Andrew und mir, wie ich bereits erwähnte, in einer Laune unserer Depression verfassten Dialog habe ich unter meinen Manuskripten gespeichert. Er reflektiert, wie der Ausnahmenzustand der Legendenbildung Vorschub leistet. Die Gelegenheit dazu einen Beitrag zu leisten hatte er nie. Die letzten Zeugen, mit denen wir heute in exotisch anmutender Gemeinschaft leben, bestätigen, er erfasse die damalige Stimmung authentisch. Einzelne Stimmen zögern nicht zu behaupten, es sei genau so gewesen. Andere wiederum halten den Text für das Produkt einer strapazierten Fantasie, skurril und deplaziert. Ich habe kein Problem mit der Ansicht derer, die nicht dabei waren. Der Dialog ist wohl in mancher Beziehung absurd. Aber Andrew und ich behalten uns das Recht vor, ihn als Dokument einer Katastrophe zu publizieren, welche für alle Betroffenen wie ein Schock eingetreten war, obschon sie sich lange zuvor angekündigt hatte. Seine Entstehung rechtfertigt sich durch die nachhaltige Auswirkung des Ereignisses.

Der Dialog spiegelt die Erschütterung, welche die unumkehrbare Dissoziation auslöste. Und er sucht nach Erklärung. An die Adresse der Kritiker will ich ausdrücklich bekennen: Wir halten die abwegigste Form der Literatur im Vergleich zu den skurrilen Produkten der Zweckfantasie zahlloser Technokraten für harmlos. Es sei denn, es kaschiere sich in ihr die  gemeine Lüge, welche den Zweck hat, Verwirrung zu stiften, und sich zum Schaden anderer aufgedunsen ans Licht zu stehlen.   

Ich ändere und beschönige nichts. Um ehrlich zu sein: fast nichts! Ich zitiere den Entwurf mit den Szenenkommentaren wie er vorliegt. Zum Titel hat uns Danmore inspiriert. Als er am Morgen nach unserer improvisierten Bunkernacht seine Hände, mit denen er auf dem Piano während der emotionalen Höhenfahrten den Takt geschlagen hatte, fröstelnd an seiner grossen Cappucino-Tasse aufwärmte - ich will nebenbei erwähnen: den Cappucino gab es, der Automat funktionierte! -, da sagte er und verzog dabei den breiten Mund zu einem nachdenklichen Grinsen: Wurlitzer-Commedy! Nichts als dieses Wort. Er trank den Cappucino, Schaum hing an seiner Oberlippe, als er anfügte: Das war die letzte Nacht, vergesst sie nicht. Er grüsste lachend und ging. Er ging einfach weg.

Ich habe mich entschieden, den Sonderstatus des Dialogs im Rahmen des Ganzen durch den kurzen Untertitel zu verdeutlichen:




                                                       Wurlitzer-Commedy.

                                                               Ein Entract.


Für eine Sitzgruppe, einen fetten Lamahaarteppich, den Kühlschrank und eine improvisierte Bar ist im Keller Raum ausgespart. Darum herum türmt sich Mobiliar, Gerät und ein Lager von Rechnern, Kompressoren, Monitoren und Boxen, ein vollständiges, wenn auch veraltetes Hard-Disk-Recording-System in einem Dschungel von Kabeln, in welchem Affen herumturnen könnten, aber kein Geräusch dringt aus dem Dunkel, nur ein muffiger Kunststoffgeruch, und auf dem Lamafell duckt sich ein ausgestopfter schwarzer Panther.

Der Soundmixer Tipp O’Sullivan ist vor einem Jahr verschwunden. Er hat der Connection zuvor seine Appartement-Einrichtung vermacht. Die Kellerbar wurde zum Lager.

Ana liegt mit geöffneten Augen auf Tipps schwarzem Ledersofa. Gay sitzt ganz tief in einem der Fauteuils versunken und schläft.

Andrew hockt neben dem Panther auf einer 250 ccm-Yamaha-Boxe und macht die Feststellung, dass ein Blackpanther ein Lama niemals in freier Natur, sondern nur im Zirkus erlegen könnte.  Dies wiederum sei nur unter der Bedingung vorstellbar, dass das Programm durcheinander geriete.

Aus dem Dschungel antwortet eine dunkle Stimme: Das wäre ja genau die Nummer, in die wir geraten sind.

Die Zuhörer machen Danmores Orangutanblick aus. Seine weissen Zahnreihen und das Weiss seiner Augen leuchten im Halblicht.

Der schwarze Bassist hat auf einem Schemel vor einem schwarzen Keyboardmöbel Platz genommen. Wie die stattliche Wurlitzer-Piano-Imitation zu Tipps Inventar geriet, ist allen schleierhaft. Wahrscheinlich ist Tipps Onkel Phil damit in den irischen Pubs herumgetingelt, bis sein Tippelleben in einem Asyl für Alkoholkranke durch Totschlag sein bitteres Ende nahm.

Stille. Nur das Knacken von Fingern ist momentan zu hören. Und das ständige Rieseln im Eisschrank.



Ich habe unseren Wretched Brother in Christ neben den Eisschrank gesetzt, weil der noch etwas Wärme abgibt. Aber er schlottert nicht wegen der Kellertemperatur, an welche er sich als Obdachloser gewöhnt hat. 


Ich:  Gibt’s Rindsbrühe? Kann jemand der Runde eine warme Suppe kochen?

Andrew: Das ist keine Suppenküche. Es gibt hier nur Eisgekühltes. Hätten wir Zeit uns einzurichten…


Aus der Versenkung des schwarzen Lederpuffs recken sich zwei Arme. Gay macht zwei Fäuste, streckt ihren Körper und stösst dabei ein nervzersägendes Fauchen aus.


Gay:  Suppe wäre aber ein Menschenrecht. Jedem seine Suppe.

Andrew:  Abgeschafft.

Danmore lässt eine Dschungelknospe seiner Slamsprache aufblühen.

Dan:  Der Fötus des Hoffnungsträgers ist ausgekratzt. Organmüll.


Gay hat sich jetzt aus ihrem Puff aufgerichtet. Ihre Augenschlitze richten sich auf Andrew.


Gay:  Warum hast du Craig nicht umgelegt?

Andrew:  Mach ich nicht.

Gay:  Seine Pistole lag doch neben der Schleuse. Craig warf sie hin. Du hobst sie auf. Hattest sie in der Faust.

Andrew:  Ich hab sie ins Feuer geschmissen.

Gay (höhnisch):  Aus purer Nächstenliebe!

Andrew:  Wäre sie scharf gewesen, ich hätte Craig nicht umgelegt. Doch sie war nicht mal geladen.

Gay:  Und du hast überhaupt nichts getan. Hast ihn nicht daran gehindert, den Kessel in die Luft zu jagen!

Andrew:  Craig hatte die Ventile schon geöffnet, als er auf mich anlegte. Und ausserdem: Was tust du gegen den Klick mit einem Feuerzeug?

Gay: Alles!

Andrew:  Wäre die Pistole scharf gewesen, ist dir klar, ein Schuss hätte dieselbe Wirkung gehabt.

Dan:  Fact ist, Craig und seine Crew haben sich davon gemacht. Sie waren durch das Feuer gedeckt.

Andrew:  Hinten raus. Vom Keller des Storehauses gab’s auch für uns keinen andern Ausgang.

Dan:  Das Archiv ist kremiert. Die Flugblattstapel sind verbrannt.  Fact ist, das war Strategie.

Andrew: Aus dem Bauch, Dan. Was wissen wir schon?

Gay:  Das Archiv! Craig hat unser Leben auf’s Spiel gesetzt, Dan. Meinst du, er hätte sich um dich gekümmert? Um niemand von uns allen. Auch nicht um Ana. Der Korridor lag im Qualm, der aus dem Storehaus schoss. Ich habe Ana gesehen, habe sie im letzten Augenblick herausgezogen.


Ana liegt auf dem Fauteuil und schaut zur schwarz geteerten Decke. Ihr Körper ruht schlank und leicht wie auf Händen getragen, ihre Schultern sind schmal, ihre Arme dünn wie die einer Magersüchtigen. Sie redet mit einer hellen Stimme, melodisch, als ob sie jedes einzelne Wort proben würde.


Ana:  Ich hatte meinen Auftritt, Gay. Der blaue Laufsteg war in Kühleiswolken gehüllt.

Gay:  Das Eis hätte dich verbrannt, Ana, weißt du nicht?

Ana:  Vielleicht hätte ich den Rand des Stegs nicht gesehen und wäre abgestürzt. (Sie kichert wie ein Kind:) Auf die Champagnergläser! Nein, doch bestimmt nicht. Ich fühlte mich so sicher.


Rudy hat bisher noch kein Wort gesagt. Er hockt wie versteinert mit verschränkten Beinen auf dem Boden. Sein Blick scheint nach innen gewendet. Doch ich weiss, er ist hellwach.


Dan:  Ich werde meinen Kontrabass mit mir nehmen. Mit ihm starten. Und weg!

Rudy:  Wohin?

Dan:  Mit einem Billigjet. Auf irgendeine Insel. Pukapuka.

Rudy:  Mit einem Jet. Wie funktioniert das?

Dan:  Ganz simpel. Der saugt Luft ein, komprimiert sie und stösst sie hinten verdammt schnell wieder aus.


Alle lachen. Dans Erklärung tönt verwunderlich entspannend.


Rudy:  Wir müssen mal zuschauen, wie wir uns auf unserer Mutterinsel durchschlagen.

Dan:  Wohin schon, nach Blackshit-City?

Rudy grinst und Dan lässt eine Rapstrophe los:

Dan:  Rudy, Young-blood-yout-rebels, new-shapes-shaping-new-patterns-creatin-new-links- linkin-blood-risin-surely-carvin-new-path-movin-forwud-to-freedom, hey!

Rudy (nimmt den Ton auf):  Every-single-carvin-path-movin-forwud-tegither. Nicht? Du hast eine Chance, Mann. (Er rollt die r und l’s:) You-risin-move-Kirkubrie-start-going-t’be-bloody- free, man!

Andrew:  Tönt wie ein Werbespot für Freistilkletterei!

Ich:  Für einen Yo-Yo-Kurs an der Sinthrock-Wand?

Rudy:  Indoors, meinst du? Als Devise für entschlossene Alleingänger lasse ich es gelten, Andrew.

Dan:  Wie schaffst du’s mit einer Devise nach Kirkubry?

Rudy:  Ganz einfach: Du überquerst eine Grenze, Dan.

Dan:  Scheint mir aber zu einfach.

Rudy:  Ist auch metaphorisch gemeint.

Dan:  Kannst du’s für uns ausdeutschen?

Rudy:  Na ja.  Ein Indoors-Event ist es nicht. Schon eher ein sportlicher Streifzug into the wild.


Rudy hockt aufrecht im Yogasitz und fasst für eine Weile schräg Andrews feine Patchworkschuhe ins Auge. Dann blickt er scharf geradeaus auf einen fernen Punkt und beginnt mit seiner schnarrenden Metallstimme.


Rudy:  Hört zu! Wir  schaffen’s. Oder wir schaffen’s nicht. Wenn wir’s aber schaffen, dann verteufelt allein. Das ist so: Jeder entscheidet für sich selbst. Also: Entweder nehmen wir hin: die Connection ist zerschlagen, im Staub, zertrümmert. Ihr werdet heute sehen: Die Medien tun das Übrige und die Security sowieso! Oder aber: Wir gehen los. Jeder allein. Mit der schwachen Hoffnung, dass alle, mit der Gewissheit, dass einige am Ende auf Harris ankommen.


Rudy muss der Runde eine Zeit zum Nachdenken einräumen. Danmore rollt seine Augen, schneidet eine provozierende Grimasse und seine Kiefer machen Kaubewegungen. Das verstaubte Wurlitzermöbel im Halblicht scheint in seinen Fugen auseinander zu krachen.


Dan: Zu Daniel Defoes Zeit waren die Highlands Wildnis. Damals hätte ich meinen Kontrabass aber noch wirklich mitgeschleppt, um die Eingeborenen für mich zu gewinnen. Auch auf die Gefahr, in Seenot zu geraten und zu ersaufen. Ich hätte sogar das Piano auf einen Segelklipper aufgeladen. Mach das heute! Und wie denn, durch alle Videofallen, welche Dich scharf im Auge behalten? Durch die Cordon-Schleusen, mit dem Gepäck, den Boxen, all dem Kram?

Gay:  Und was für Eingeborene wollen wir denn überhaupt musikalisch ermuntern? Stell dir doch mal die Frage, Dan?

Dan:  Du hast es leicht, Gay. Du nimmst ja nur deine Stimme mit. Die kannst du immer einstimmen, wenn du sie brauchst. Die lässt du doch nicht zurück? Wirst nicht verstummen.


Rudy hat inzwischen seine sachliche Miene aufgesetzt, wie wenn er jetzt den Katalog Fernere Massnahmen einzuleiten hätte.


Rudy:  Dan, du musst dafür sorgen, wie dein Kontrabass allein dahin kommt. Er will ja mit. Das Piano etwa auch, na? Und von deinen feinen Schuhen musst du dich vermutlich trennen, Andrew.


Danmore hat seine Kaubewegungen eingestellt. Andrew schluchzt und spielt Verzweiflung.


Rudy:  Hört, für die Drums und Boxen hab ich mir eine einschlägige Container-Adresse besorgt. Dans Kontrabass hätte vermutlich Platz.

Dan:  Bin gespannt. (Er klopft mit den Knöcheln auf’s Holz des Wurlitzermöbels.)

Rudy (zieht die Brauen hoch):  Wer das Szenario „Aus“ nicht akzeptiert, wird sich von ein paar Dingen verabschieden müssen, die ihm lieb sind. Soviel für den Fall, dass sich einer noch Illusionen macht über die wahre Natur der Bedingungen. Ist aber auf den Hebriden landläufig. Die Bewohner sind die hartnäckigsten Puritaner, von den Amisch-People nicht mal abgesehen. An der Musik haben sie wenig Freude, es sei denn zu Gotteslob. Sabbathabends werden die Zigaretten-Automaten erbarmungslos geleert…

Dan:  Und in den Biertheken - versiegeln sie da die Hahnen?

Rudy:  Sonntagsausschank verboten. Doch macht euch vor allem über eure eigene Natur keine Illusionen!

Gay:  Den Sabbath werden wir überstehen.

Rudy:  Die frommen Eingeborenen haben noch ganz andere Zumutungen zu überstehen. Wir können damit rechnen, dass sie sich nach einer Anlaufzeit mit uns verbrüdern. Doch nur sofern es uns gelingt, sie zu unseren Freunden zu machen. Darum erinnere ich euch an unsere selbstgefällige Natur. Ich bin kein Sonntagsprediger. Aber ich garantiere: Eine Zeit der Zerknirschung wird euch abverlangt.


Andrew blickt schlotternd zum geteerten Kellerhimmel hoch. Danmore rauft sich winselnd das Haar.


Rudy:  Ich will, dass ihr euch die Bedingungen einprägt, welche über die fromme Insel verhängt sind. Am Sabbath landen auf Harris nur die Privathelikopter der gottlosen Firma. Selbstverständlich unterstützt die Firma die Sabbathheiligung, schliesslich ist sie die grösste Steuerzahlerin auf Harris und Lewis. Mac Braynes Fähren bleiben an Sonntagen den Häfen des kärglichen Eilands seit jeher fern. Unter der Arbeitswoche verkehren übrigens im Interesse der Firma nur noch drei öffentliche Fähren und sämtliche Fluglanderechte sind der Fluggesellschaft des Konzerns vorbehalten. Abgesehen von den militärischen natürlich.


In das Schweigen einer ungenutzten Fragepause lässt Danmore wieder eine Rapzeile losrollen:

But the seventh day is the Sabbath day of the Lord thy god in it thou shalt not do any work thou nor thy son nor thy daughter nor thy manservant or thy maidservant nor thy cattle nor thy stranger that is within thy gates and abhor worldly pleasure shalt thou for Gods damned sake evil will stone thee to thy soul don’t listen to sinful music, neither to Rock or to Soul nor to Morton Jelly Roll.


Während Dans hebridischer Schnorr-Suada hat sich Ana aufgerichtet. Sie wirft ihren scharlachnen Shatoog-Shawl um die Schulter, hält sein langes Ende mit zwei Fingern der Rechten hoch und sitzt jetzt auf den linken Arm gestützt wie eine Diva mit angezogenen Beinen. Als Dans laszive  ll’s  verklingen, hakt sie sich mit ihrer glockenklaren Stimme ein:


                                                   Jelly jelly jelly
                                                   Jelly stays on my mind
                                                   I got a sweet jelly
                                                   A lovin sweet jelly roll
                                                   If you taste my jelly
                                                   It’ll satisfy your worried soul
                                                   My darling jelly belly


Die ganze Gesellschaft applaudiert. Gay ist wieder zusammengesunken. Sie klatscht im Schlaftaumel und stöhnt: Oh Jelly, jolly good fellow! Dunmor federt indessen auf seinem Wurlitzer-Hocker den Jelly-jelly-jelly-Rhythmus und hängt, mit einem drastisch inszenierten Taktwechsel, grinsend seinen Refrain an:


                                                 You’ve got bad blood baby
                                                  I think you need a shot baby
                                                  Show me your belly baby
                                                  Let’s see what else you’ve got baby


Rudy:  So what else, Dan? Applaus für Danmores Diagnose! Jelly Roll Morton, lass dir sagen, hatte seine bösen Geschichten in den good old swinging days. Was ihr heute einspielt, sind Fingerübungen zur bösen Zeit. Auf der steinreichen Insel müsst ihr es drauf ankommen lassen. Will euch nicht den Spass vermiesen. Doch  i h r  seid die strangers within their gates und der Konzern wird euch observieren lassen. Die sponsern auf den Islands den misty Celtic-Cult.  E u c h  werden sie steinigen. Zu Harfenakkorden. Das lassen sie die bigotten Kelten machen, passt auf!

Andrew (spöttisch):  In Wales sponsern sie den odd Gymru-Cult, in Schottland den spleeny Bravehart-Cult, in Great Britain den splendid Greater-Britain-Cult. Und natürlich den crazy Football-Cult. Obendrein frönen sie dem secret Robot-War-Cult und entwickeln die Scanner um die Bürger zu observieren.

Dan:  Die Polls sind die Mäuseklappen, mit denen sie die öffentliche Meinung durchsetzen.


Gay hängt in diesem Augenblick kopfvoran über das Armpolster und übergibt sich, während Danmore seinen Apocalypto-Rap über die Wurlitzertasten peitscht und dazu rhapsodiert:


Dan: Sin-in-everland-end-in-neverland-oh! Pakibanglablackybashiland-oh! Shopping-Topping-Flopping-up-and-downtown-town-oh! Haleluja! Hale-hale-haleluja!


Ich nehme mich Gay’s an. Gays Magen röhrt. Eine neue Welle wirft ihren Körper nach vorn. Danmore unterbricht seine Rap-Rhapsodie, schaut fassungslos:


Dan:  Ginger Ale! Ich weiss nicht, was dem Mädchen zugestossen ist. Gay ist sonst nicht stumm wie ein Seehase!


Ich schicke Danmore, der sich da unten auskennt, Wasser aufzutreiben. Ana kuschelt sich in das lange Ende ihres Shatoog und wimmert leise Versbruchstücke ihres Jelly-Songs.  Danmore murmelt im Hinausgehen:


Dan:  Splash! Hat wohl von etwas echt zuviel!


Ich lege Gay stützend eine Hand unter ihre Stirn. Doch Gay stösst, als die nächste Konvulsion sie überfällt, meinen hilflosen Arm mit einer unwillkürlichen Bewegung von ihrem Kopf weg. Gallig Erbrochenes ergiesst sich auf den Lamahaarteppich. Gay quält mit röchelnder Stimme heraus, sie sei okay, ich solle sie loslassen.

In diesem Augenblick fängt im Schacht draussen die eiserne Wendeltreppe zu singen an. Lockere Tritte, kein Marschtakt. Ein Mann solo ist das nicht, sondern mindestens ein Quintett. Schon hat der Trupp im Türrahmen seinen Auftritt: Pit Brooks, Crista Dean, Whirley und die Transsexuelle Lusty stossen zu uns. Genauso kehrt eine Schlittenmannschaft bei holprigem Sastrugi-Eis ins Polarcamp heim. Hinter Danmore, der mit einem roten Plastikeimer und dem Putzlappen über der Schulter zurückkommt, folgt Reg O’Brian. Die Ankömmlinge sind in der Mehrheit Leute vom Führungskomitee. Nach den Statuten wären wir mit ihnen zusammen beschlussfähig. Während mir die absurde Vorstellung statutarischer Normen unter den aktuellen Umständen durch den Kopf geht, hat Rudy sich bei Reg eingehakt und ihn zum Korridor gezogen. Sie bleiben im Entrée, wie man das in bürgerlichen Appartements bezeichnet, stehen und stecken die Köpfe zusammen.

Danmore schickt sich inzwischen an, den Lappen über dem Kübel zu wringen, doch Gay faucht ihn an.


Gay:  Gehörst du zum Nursing-Staff? Verklapp dich! Das hier ist nicht die Abteilung für Schliessmuskelschlappe und geistig Verstörte. (Sie entreisst ihm den Lappen und breitet ihn klatschnass über die Lamahaarsauce aus.) Renitente kriegen früh Retinenzprobleme. Passt auf, ihr geratet bald alle in den Status.


Sie sieht Luckabee.


Gay:  Chuckaluck ist der einzige Menschenfreund, für den ich keine Gefahr sehe. Eh, Chuck! (Sie breitet ihre tätowierten Arme aus.)


Luckabee - so heisst er, weil er vom Ort dieses Namens herkommt - knallt einen breiten Kuss auf Gays Lippen. Sein Übername ist Luck oder Chuck, auch Chuckaluck. 


Luck:  I love it!


Mit dem Ausruf packt er Crista an den Handknöcheln und zieht nicht, sondern schwingt sie auf das Sofa, so, dass er genau in der Mitte zwischen Ana und Crista zu sitzen kommt. Darauf wickelt er sich das lange Ende von Anas Shatoog zweimal um den Hals, legt den Kopf auf Anas Schulter, verdreht die Augen und säuselt:


Luck:  So cosy your tweedware, Ana.


Er streichelt ihre Wange, Ana krault mit ihrem Strahleblick durch Chucks Locken.


Pit sucht, kaum angekommen, nach Bier und macht sich an den Kühlschrank im Korridor. Whirley fragt nach der Toilette und folgt ihm. Crista schlägt indessen ihre Beine über, lässt ihre rosettenmaschigen lila Panty-Netzstrümpfe schillern und fängt im unverbindlichen Plauderton an:


Crista:  Hallo, Leute! Wir waren eben auf der dullsten akademischen Halbjahresparty von Mount Pleasant. Wenigstens gab’s da reichlich zu ölen und Kaviar in Tüten. Wir sind jetzt bei euch reingeschneit, weil Reg uns hergeholt hat. Abwechslung ist süss, folks, aber Reg war so ziemlich in Alarmstimmung, schätze Stufe 1. Feuer unterm Dach? Tell us, what happened!

Dan:  Riechst du nicht, was in der stickigen Luft unseres grosszügig möblierten Kellers steckt?

Andrew:  Was wissen  w i r ! Keine Party-Peanuts. Wir haben bloss eine Ahnung. Jedenfalls jene, die im Bunker drin waren. Ich war da. Aber sonst, in der Lounge, draussen im Saal oder droben, mein Gott. Was drunter und drüber ging, müssen morgen die Medien wissen. Aber die werden alles wieder umdrehen.


Lusty ist während dem Diskurs mit ihren Highheels über eine Kabelrolle ins Halbdunkel gestökert und betrachtet entzückt das Wurlitzer-Piano, wendet sich dann zu Danmore rüber, der noch mit dem Kübel beim Fauteuil steht.


Lusty (euphorisch):  Dan!

Dan:  Don’t touch! Es hat sensible Tasten, hat sich gerade frisch verliebt!

Lusty:  Dan hat die zärtlichsten Hände, die ich kenne! Oh, Dan, wie entzückend! (Sie setzt sich auf Dans Klavierhocker.)  


Reg und Rudy treten jetzt in den Kreis. Da hängt die Druckerlampe mit dem grünen Schirm. Es kann sein, dass sie da unten einmal Blüten gedruckt haben. Die Lampe wirft einen grellen Lichtkegel auf beide. Im kalten weissen Licht erscheinen Regs Gesichtsfarbe und Blick geisterfahl. Ich hatte Reg im Vestibül beim Haupteingang gesehen, schon gut drei Stunden bevor alles anfing, und dachte noch: Reggie sieht nicht gut aus.


Ich:  Reggie, hallo! Gut bist du bei uns. Wir sind hier vorerst in Sicherheit. Bist du okay?  

Reg (macht eine wegwerfende Geste): Angesichts der Umstände sind die paar Beschädigungen nicht der Rede wert.

Ich:  Gab es Panik droben? Wie seid ihr aus dem Schlamassel rausgekommen?

Reg:  Nicht im Stil einer Evakuation. Aber sie haben die Notausgänge entsperrt und ich kannte mich aus. Draussen hatte man zwar rasch Luft, doch dafür die Blendung. Vor den Scheinwerfern haben wir uns weggeduckt und das Weite durch einen Lieferantenkorridor gesucht. In den Bars hinter der Shoppingmail war dann viel Betrieb, wie an Sonnabend sonst. Auf Mount Pleasant war die Party. Da fand ich Crista und Pit. Ahnungslos.

Ich:  Sag uns, was du von der Ballerei über dem Treppenhaus mitbekommen hast? Da war doch was los, bevor drunten hinter der Lounge die Ölblase flackte.

Andrew:  Wer hat geschossen?

Reg:  Wir müssen das genau analysieren. Was bekommt einer in der Konfusion zu sehen? Es ging schnell. Ein Gestosse auf einmal. Da kommts kaum drauf an, ob du drin bist oder draussen. Ich war im Vestibül. Was ich dann sah, als ich durchkam: Einer von Craigs Leuten lag niedergestreckt, sein Kopf verdreht in der Blutlache. Kopfschuss, Aorta. Wie eine Hinrichtung. Drei andere lagen verletzt herum, einen von den Gatekeepers erkannte ich. Ein anderer war vermutlich am Sterben. Ein Arzt war da.

Luck:  Und in welcher Faust rauchte der Colt?

Reg:  Viel Rauch gab’s, doch keine Spur von Mündungsrauch. Der Colt war weggesteckt. Es wimmelte indessen fast sofort von Funktionären. Die müssen vor dem Eingang in Bereitschaft gestanden haben. Die Mörder waren vielleicht zuvor infiltriert. Leute von aussen? Reine Mutmassung.

Ich:  Ich denke, die Untersuchung wurde sofort in Gang gesetzt.

Reg:  Es gab ein Handgemenge. Die Funktionäre sperrten ab, nahmen etwa fünfzehn Leute fest. Aber da brannte es schon drunten. Der Qualm drang durch den Aufgang hoch, stickig, pechschwarz, und im Qualm setzte die Flucht ein. Durch die Sperren. Da rissen Leute unserer Security die Notausgänge auf. Die Leute flüchteten in alle Richtungen, wenn sie nicht schon zuvor verduftet waren.


Whirley hat sich draussen drei Büchsen Stout geschnappt und liegt auf dem Lama. Er ist ziemlich zu und summt. Pitt lässt gerade mit zwei Karton Stouts im Arm die Eisschranktüre zufallen. Der Eisschrank brummt. Auf dem Sofa lässt Crista ihre Armringe klingeln und seufzt.


Crista:  Wo sind wir hineingeraten, Pit, Darling?


Pit reisst einen Karton auf, greift zwei Flaschen heraus, hält sie wie Pistolen, lässt die Deckel gleichzeitig von den Daumennägeln schnellen und sinkt in Gays Polster.


Pit (antwortet):  Between the devil and the deep blue sea!

Crista:  Wie kommen wir wieder raus hier, love?

Andrew:  Darum geht’s nicht, sondern wie kommen wir nach Harris?

Crista:  Harris?

Andrew:  Brauchst du eine Lektion in Geografie?


Gay hat sich den Aufputz erspart und sitzt rittlings mit angezogenen Beinen neben Ana auf der Armlehne des Sofas.


Gay (triumphierend):  Harris! Unsere verrückteste Idee, Chuck.  U n s e r e  Kriegserklärung.

Dan (lehnt drüben am Wurlitzer-Piano):  Das Harris-Funeral-Concert! Mal halblang, Leute. Wir gehen vernünftigerweise davon aus, die Connection gibt’s nicht - nicht mehr oder s’kann sein, es hat sie nie gegeben und wir haben vor sie neu zu begründen oder überhaupt…

Chuck:  Lass mal hören, das ist also eine Gründungsversammlung?

Pit (streicht mit dem Ärmel den Schaum von der Oberlippe, drohend):  Ihr meint also, wir revidieren Statuten und so oder geben uns ein völlig anderes Shape?

Andrew:  Du meinst ein neues Profil? Ich hab es satt, die Ursachen von Missverständnissen zu reflektieren. Als ob’s  j e t z t  darauf ankäme, dass wir uns eine Satzung gäben, wonach sich alle richten könnten, damit sie nichts Dümmeres machen als ohnehin, während einige sich keinen Dreck darum scheren. Warum? Weil sie bloss ihr Profil polieren.

Pit (kein bisschen arglos):  Ja, sag bloss Andrew, worauf käme es denn an?

Andrew:  Dass jeder sich mal aus dem Keller herausmacht und sorgt, wie er es anfängt.

Pit:  Was denn?

Andrew:  Was denn? Anzufangen! Sich durchzuschlagen ohne Kasse und Kaviar. Begriffen? Wieviel Bier hat’s noch im Schrank, Whirley?

Whirley (mit schwerer Zunge):  Genau keins mehr, hab nachgezählt.

Andrew:  Du kannst wenigstens noch auf Null zählen. Seht! Pit hat die letzten Kartons gehoben. Um sie stillheimlich leer zu trinken? Sagt, ist noch Geld in der Vereinskasse? Hat jemand nachgezählt, Pit?

Chuck:  Abgehoben.

Andrew:  Wer war da zuständig? Der Lord-Schatzkanzler?

Pit (als ob er gar nicht auf dem Kopf stünde):  Meinst du mich? Würde mal Craig fragen!

Andrew (zynisch):  Wenn da noch Bares drin steckt,  sollten wir damit den Konsum anreizen, indem wir es an die Bedürftigen verteilen. Spass beiseite…

Chuck:  Den Spass würde ich nicht beiseite schaffen, denn er ist konsumfördernd.

Andrew (grinst, zu Dan hinüber):  Spannst du einen Blindenhund vor dein Piano und gehst tingeln, Dan? (Wirft einen Blick auf den Obdachlosen beim Kühlschrank, zu Chuck) Die Zahl der Kostgänger unter uns, welche durch die zerrissenen Maschen sozialer Auffangnetze absausen, nimmt zur Zeit drastisch zu. Wir können den Gästen unseres muffigen Lokals nicht einmal mehr eine Schleimsuppe anbieten. Da friert einer, weil er hungert.


Rudys tief zerfurchtes Gesicht erscheint im Licht der Druckerlampe wie eine Schnitzmaske.


Gay:  Sie zerschmeissen uns. Craig hat angestiftet, was jetzt abläuft.

Andrew:  Craig liefert ihnen bloss den Vorwand durchzuziehen, was sie ohnehin wollen. Das Ganze hat System. Hast du doch am eigenen Leib erfahren, Gay.


Rudy lässt jetzt eines seiner Rauchsignale los. In seinen Augen glimmt ein Freudenfeuer.


Rudy:  Wir sind im Keller jetzt, okay. Doch wenn das Spiel nicht verloren ist, dann haben wir umso mehr Grund, unsere Leidenschaft daran zu trainieren.

Gay (wie eine Meerkatze auf der Sofalehne kauernd):  Ja! Sie können die Wahrheit nicht mit dem Müll wegschaffen. Harris steigt für Joshua, merkt euch. Wir fordern seinen Leichnam. Wenn die Insel dröhnt , Leute, dann ist totsicher, dass die Connection lebt.


Gays Hand liegt auf Anas Achsel. Sie richtet ihren Körper auf, streift das Cape ab, unter welchem sie gefroren hat, und ist emotional in ihrem Element. Zwei gegenläufige Spiralen, Schlangenleiber mit Auge und Ohr eines Greifkopfs, ranken sich um ihre linke Schulter.


Gay:  Lucie rief mich an, bevor sie verschwand. Joshua habe von einem Konzert auf der Insel geredet. Wie ein Goldschürfer habe er davon geredet, sagte sie, als sie auf Joshuas pinkfarbenem Tele-Caddy anrief, welches auf seinem riesigen Schreibtisch stand. Es ist nicht Craigs, sondern Lucies Idee, dass wir Joshua beisetzen werden und zwar nirgendwo sonst, als auf Harris.


Es ist still geworden, nur Danmore trommelt mit zwei Fingern auf dem Deckel des Pianos.


Rudy:  Weißt du den Ort?

Gay:  Möglich, dass Lucie ihn erwähnt hat. Ja, ich bin sicher.

Andrew:  Dann müsstest du dich erinnern. Heisst er etwa Tarbh Tuath. Oder eine Verbindung mit einem der Namen?

Gay:  Kenn ich Harris und Lewis? Läuten deine Ohren, wenn ich Losgantire sage? Ich weiss, dass sie in Stornoway keltischen Sound cracken. Aber ich kann auf meinem Weg dorthin bloss nach Skye, verlief mich in Farnwäldern, wurde an den Cliffs von Trottel-Lummern attakiert und fast von Feuerquallen verdaut, bevor ich halbtot den Friedhof von Kilmuir erreichte, um vor Flora Dalmuirs Grab zu knien, denn dort liegt sie unter dem Torf, in das Leintuch gewickelt, welches das Lager von Bonnie Prince Charles bedeckte. Als Charles, wie ihr sicher alle wisst, auf der Flucht nach der Schlacht von Cullodan, wo die Sieger seine jakobinischen Anhänger metzelten, nachts mit stechmückennarbigem Gesicht vor Floras Schlafgemach anklopfte, sah er aus wie ein ziseliertes Kupferblech in einem türkischen Bazar. Wie konnte man einen derart Zerstochenen in Frauenkleider stecken, hab ich mich immer gefragt, damit er unerkannt von Benbecula nach Sky davonsegeln und seine Haut retten konnte. Und was nützte es ihm am Ende, sich vor dem Sterben davonzumachen, soff er sich doch am Ende in Rom zutode vor Heimweh.

Ich:  Er war doch in Rom aufgewachsen, Gay, als geborener Römer dort nicht zuhause?

Gay:  Was meinst du, wie einer sich nach den schottischen Lochs und Hills grämt, wenn er fünf Monate in den Highlands herumirrt? Und er hatte sich doch auf den Inseln in Flora verliebt. War eine solche Liebe nicht unsterblich?

Whirley (meckert aus den Lamazotteln):  Vielleicht sehnte er sich nach dem Whisky.

Chuck:  Nach dem unsterblichen Tallisker, seinem warming glow. So hard to leave like Skye itself.

Dan: Vielleicht lechzte er auch schlicht nach echten männlichen Abenteuern.

Pit:  In Frauenkleidern vielleicht? (zu Gay, indem er mit dem Stiefel eine Stoutbüchse zertritt)  Du verhöhnst einen Helden. Charlie war jeder Zoll ein Mann!

Gay (serviert ihm):  Dir fehlt gerade ein Zoll dazu. Ein König war er, aber einer ohne Land. Warum habe ich an Floras Grab gekniet? Ohne seine gälische Heldin wäre Charlie gepfählt worden. Das könnte dir blühen, Pit.

Dan (haut auf den Piano-Deckel):  Wäre die gerechte Strafe. Der Club hat Kasse gemacht, Big Money! Das Geld hat sich natürlich von selbst fortgestohlen. Hey Pit, Craig ist zwar ein Luder, aber wer ist der Kassier?


Cristas getönte Lider schillern lila wie ihre Netzmaschenstrümpfe. Während sie sich im Zeitlupentempo vom Sofa erhebt, werfen ihre Augen einen tödlichen Blitz auf Danmore, der mit seinen dicken Fingern ruhig auf dem Pianodeckel weitertrommelt.


Crista (betont jedes Wort einzeln, gekränkt):  Ich will da jetzt raus, Pit!


Pit wirft sich zurück, streckt beide Beine über die Fauteuillehne, lässt einen Arm über die andere baumeln und zieht, Crista in die Augen fassend, die Brauen hoch:


Pit:  Raus, Crista? Wohin denn? Es gibt kein Draussen!

Gay (spöttisch):  Das ist ein männliches Wort, Pit! (Dann wendet sie sich mit mütterlich-mahnendem Unterton an Crista, indem sie ihren Akzent nachahmt)  Draussen, Crista, werden sie eure Pickel scannen. Und sie werden in euren Hinterkopf kriechen.


Die Stille ist gespannt wie die Feder einer Mausefalle, als Andrew die Verhältnisse mit seiner definitorischen Unbestechlichkeit auf den Punkt bringt.


Andrew:  Wer sich gewisse Privilegien herausgenommen hat, steckt umso mehr in einer Sache drin.


Reg O’Brian hat bisher im Hintergrund stehend zugehört. Er redet in ruhigem Ton zu Rudy hin, doch seine Worte richten sich an alle.


Reg O’Brian:  Wir erinnern uns. Es sang, wie wenn Eis bricht, als der doppelte Boden des Investment-Thrusts einbrach. Da versickerten Summen auf supponierten Konten. Alles in den Sumpf gesetzt. Wieviel steht bis heute nicht fest. Wir wissen zwar, dass davon einiges auf privaten Anlagen sedierte. Aber wir halten hier nicht Gericht, dazu ist jetzt nicht die Zeit. Ist das klar?


Crista ist während der Pause, die eintritt, auf die Sitzkante des Fauteuils gesunken. Aber Pit wirft sich nun mit einem Dreh aus seiner saloppen Liegepose herum und knallt die zerdrückte Stout-Büchse gegen das Wurlitzer-Piano, wo sie vor Danmores Fuss scheppert. Dan, der wie ein Blätter kauender Orang-Utan in die Szene schaut, verändert seine Haltung nicht im geringsten. Nur seine Finger halten mit dem Taktschlagen inne.


Pit (steht ein paar Sekunden in seiner aufwallenden Wut angewurzelt, dann schreit er):  Grufties! In den Arsch kriechen werdet ihr ihnen. Ihr merkt nicht:  Wenn  e i n e r  die Kontakte knotete, welche uns Garantien sicherten, dann war  i c h’s. Andrew, du bist ein Kloakenkratzer!

Andrew (stoisch):  Na, schön! Dann bist du der Klinkenputzer gewesen.  G e w e s e n , sag ich.


Whirley, der sich inzwischen feixend auf den Ellenbogen aufgestützt hat, sieht verkniffen drein. Aber alles andere als grimmig, wie der zum Sprung geduckte Teppichpanther neben ihm.


Pit (rülpst):  Bunkermoral! Harris ist nicht mein Ticket. Bucht eure Traumfähre, falls ihr da hin wollt!

Whirley:  Ist doch eh am Arsch der Welt, nicht?


Zoff ist in der Luft. Dan hat sein Stellmesser aufgeklickt und lässt die Klingenspitze auf dem Tellerblech eines schief hängenden Schlagzeugs federn. Da meldet sich Rudy mit glasklar klirrender Stimme:


Rudy:  Ich will es beschwören, Pit. Unter  u n s  ist jeder frei! Ob die Connection existiert, wird sich, wenn je, auf Harris entscheiden. Aber macht euch klar:  S i e  werden uns aufs Mark scannen. Gay hat Recht. Wir sind schliesslich kein harmloser literarischer Club, Kinder. Wir sind die Aborigenes der pervertierten Gesellschaft.


Pit analysiert zwischen seinen Flunderaugen wohl kurz, um wie viel weniger er dazugehört, als er sich ein Dutzend Ausgänge offen gelassen hat.


Pit:  Damn you crocks! Zählen wir uns zu den Barfüssern, Crista? (Er reisst Crista mit ziemlichem Schwung vom Polster hoch.)


Crista hakt sich, beinahe vornüber kippend, bei Pit ein. Sie schluchzt hysterisch, während Pit sie zum Ausgang zieht. Whirley rappelt sich halb auf, um dem Paar zu folgen. Mit dem Satz „Wir sind alle am Arsch!“ strauchelt er und bleibt auf dem Bauch beim Ausgang liegen.


Dan (trocken):  Muss mal abheben.


Danmore schwingt seinen Zottelkopf und lässt wie zur Probe Silben und Wörter in den Rhythmus einschwingen, den er mit dem Stellmesser schlägt. Ana horcht während der Intonation auf. Sie ist von diesem Augenblick an zunehmend präsent.


Dan: T’keeps-et-ernal-whispe-rings-a-round-a-rings-a-round-a-deso-late-a-shores-and-with-its-migh-ty-swell-gluts-twice-ten-thousand-caverns-till-ten-thousand-caverns-till-the-spell-of-heca-heca-te-leaves-them-leaves-their-shadow-dowy-sound.


Gay (begeistert):  Keats!

Dan:  Lucie hat mir das zugesteckt, sie hat es von Ana, Gay. Ich such nach dem glutting sound, dem swelling accent. Bin noch lang nicht so weit. Weißt du, wo Keats starb, Gay?

Gay:  In East-End wohl.

Dan:  Wenn schon in London, dann wär’ er in Hampstead gestorben, denk ich. Doch Ana wird es dir bestätigen: Keats starb unromantisch an Tuberkulose in Rom.

Gay:  Wie unser Bonnie Prinz, wie Charles? In Rom, Ana!

Ana (wach):  Ja, Gay, ein jung verblühendes Leben nach Charlie. Keats. Heute wäre er vielleicht in Hongkong oder in Tokio gestorben.

Gay:  Oder in Afrika, in Schönheit an Aids. Oder an einem anderen Ort, an einem andern resistenten Virus, nicht?

Ana:  Ja.

Gay:  Doch überall hätte er sich nach den einsamen Stränden gesehnt, nach dem dunkeln Wogen der Strömung um Ionas Klippen, ihrem geheimnisvollen Rauschen um Staffa, im Schlund von Fingals Cave. Dan, erzähl uns die Geschichte!

Dan:  Ja, Ladies! Es ist aber eine bitterböse Geschichte. Nachdem John „Isabella“ niedergeschrieben hatte, begleitete er seinen Bruder George und dessen Frau Georgia nach Liverpool. Denn sie wollten sich nach Amerika einschiffen, das ihnen damals wie so vielen ein besseres Leben versprach. Besonders den Landvertriebenen, den Crockers der Highlands. John aber brach mit Jimmy Brown von Liverpool nach Schottland auf. Sie zogen durch Cumbria hinauf, ritten von Carlisle über Dumfries nach Glasgow und setzten von Oban nach Mull-Island über. Da bekam Keats eine Halsentzündung. Er trank Whisky und bestieg den Ben Nevis. Doch die Entzündung besserte nicht mehr. In Inverness ging er krank an Bord eines Boots und kehrte nach London zurück.


Ana kreuzt ihre Handgelenke unter dem Halsausschnitt ihrer zarten Spitzentunica und legt ihren Kopf auf Gays Schoss. Während eine Hand mit dem Platinmedaillon ihrer Halskette spielt, schaut sie Gay von unten schelmisch ins Gesicht.


Ana:  Weißt du, an welcher Krankheit Keats zu leiden begann, als er sich in Hampstead niederliess?

Gay:  War sie tödlich?

Ana:  Ja. Die Liebe verzehrte ihn. In Jimmys Haus, wo er hinzog, war er Fanny Brown begegnet. Gleichzeitig begann er Blut zu spucken und schrieb seinen Hyperion. Empusa, die Schattengestalt aus Hekates Reich trat in sein Leben ein mit einem Fuss aus Eisen und einem Fuss aus Mist.

Gay:  Aus Eisen, sagst du?

Ana:  Ja, und Empusa war in eine blutgeschwollene Blase gehüllt.

Gay:  Mein Vater hatte eine Hündin, die Hekate hiess. Sie hörte auf zu fressen, als er starb. Dann verschwand sie aus Bridgend. Was für ein Name für ein verschissenes Grubendorf. Ausser grauen Reihenhäusern und einer Kirche gab’s da bloss den Friedhof und eine Spielwiese für die Hunde unter den Bergen aus Schlacke und Schlick.

Ana:  Hekate war eine Zauberin, die Hunde waren ihr geweiht. Hast du deinen Vater geliebt?

Gay:  Wie hätte  i c h  ihn lieben können!

Ana:  Kennst du Keats letzte Briefe an Fanny?

Gay:  Wer von uns liest noch Briefe?

Ana:  How horrid was the chance of slipping into the ground instead of into Your arms.

Gay:  Keats lebte mit ihr Haus an Haus und schrieb noch Briefe?

Dan:  Keats war jealous, Gay. Fanny machte anderen schönen Augen. Sie war nicht die Nurse für eine kranke Poetenseele. Zumal Keats noch drohte: Wehe dir, wenn deine Augen und Gedanken von mir abirren!

Gay:  So verstiegen ist Keats? Wie der israelische Gott? Ist es wahr Ana? Nichts anderes sagt er ihr doch: Wenn du ausser mir etwas liebst, klaust du mir das Leben! Die Liebe eines anderen absolut setzen, das ist doch durchgedreht egomanisch, krank.

Dan:  Sag einfach: Keats war schizophren. Kennst du Keats Geschichte von Isabella und Lorenzo?

Gay:  Ich hab mal einen Film über Boccacios Stories gesehen. Da gibt es doch diese grässliche Liebes- und Mordtragödie, wo der Tote herumspukt und die Geliebte zu seinem Grab führt.

Dan: Genau. Isabella scharrt seinen Leichnam mit dem Messer aus der Erde und pflanzt in die Urne mit seinem Kopf einen Basilikumstrauch, welchen sie zuhause in der Kammer täglich mit ihren Tränen wässert.

Chuck (gurrt und greint mit einer Comicstimme):  Ich hätte doch Ginger oder Vanille in den Pot gepflanzt, oooh.

Lusty:  Mein Vater hat die Urne mit der Schlacke meiner Mutter in seinem Schlafzimmer auf die Kommode gestellt. Habe ich mal die Chance, in die Tide zu slippen? Dan, wirst du meine Urne in den Mouth of Severn stossen? Wirst du mir’s besorgen, Love?

Dan:  Falls ich von uns Zweien überlebe, kannst du dich darauf verlassen, Lusty. Und ich werde dabei Keats Verse rappen. Aber pass auf: Falls die Vase mit der Schlacke deiner Gebeine am Stahlleib eines U-Boots oder Supertankers zerschellt, hat deine Reise zum Hades ein unromantisches Ende.

Gay (spitzt die Lippen und pfeift, dann zu Ana):  Du hast in Chelsea deine These über Todeserfahrung und Poesie verfasst, Ana. Du siehst es nicht so, ich weiss und verstehe dich. Und du weißt auch, wie ich dem makabren Genre zugetan bin.  Ich liebe Horrorstories, je gruftiger, desto geiler. Aber ich schätze, ich will Poesie und Leben auseinanderhalten. Wenn ich mich nicht irre, zwingt Keats Fanny wie Isabella an seinem Grab hinzusiechen, nicht wahr?


Ana streichelt mit ihrer weissen Hand Gays Wange. Ein Saphir funkelt an ihrem kleinen Finger. Ana und Gay gruppieren sich als Paar vollends zu einem Bild von Dante Gabriel Rossetti.


Ana:  Ich würde es anders ausdrücken, Gay. Keats überlässt der Geliebten gleichsam die Beweislast, dass Schönheit und Liebe stärker sind als der Tod. Sag, lohnt sich die Hoffnung nicht, dass der Tod die Liebe niemals besiegt? Gibt es für die Hoffnung nicht einen Grund? Können uns Treue und Schönheit nicht vom schaurigen Todesvergessen erlösen?


Gay beugt sich vor und küsst Ana auf die Stirne. Dann zieht sie die Brauen hoch und schaut mit einem nachsichtigen Lächeln auf ihr Gesicht.


Gay:  Nur in der Dichtung, Ana, und bloss wenn du sie so absolut setzst wie Keats. Das ist sein Credo, versteh’ ich, so nennst du es doch in deiner These. Aber das Bild der Urne mit Lorenzos Kopf ist so unappetitlich, was mutet Keats Poesie der trauernden Liebsten zu? Und  Keats selbst ist als Liebhaber ein massloser Egoist. Kann man Schönheit und Liebe mit Zwang verbinden? Ist Keats nicht ein Tyrann und seine Liebe bloss ein Vorwand?

Ana:  Fordert das Leben nicht die vollkommene Hingabe, auch in der Trauer. Das Leben ist ein Martyrium, Gay.

Gay:  Weshalb sollten wir es dazu machen und uns opfern - wofür? Ich zum Beispiel weiss, dass ich leicht sterben und von niemandem verlangen werde mir nachzutrauern. Und schon gar nicht werde ich in geweihter Erde liegen.

Ana (legt ihre Arme um Gays Hals):  Gay, ist ein Traum nicht wirklicher als das Leben? Wenn dir das Sterben so leicht fällt, dann ist das Leben für dich wie ein Traum. Wie könnte ich zweifeln, dass du fürs Leben geboren bist? Ich will mich dir einhängen. Einverstanden? Zusammen werden wir Lucie aufsuchen. Wir werden sie finden. Sie hat doch ihr Handy, hat sie nicht?

Gay:  Ich habe keine Verbindung. Blockiert. Das Leben ist so hässlich, Ana, wie wenn du nur von Scheisse träumst. Trotzdem will ich leben. Klar! Ich will dich begleiten. Wir werden Lucie finden. Und wir trampen zusammen nach Harris. Das tun wir, welche Gespenster Hekate immer an unsere schönen Fesseln heftet. (Zu Luck hin) Nicht wahr, Chuck, ihr lasst uns doch nicht im Stich, wenn die Lamien am reizenden River Eden nach unserm Fleisch krächzen!

Luck (appliziert Gay mit dem Daumen eine flinke Reflexzonenmassage unter den Schulterflügeln):  Wir lassen sie niemals ran. Aber wenn ihr viel davon zeigt, geht’s hart an. Nur sagt mir: Wie kommt ihr unerkannt bis zum River Eden?

Dan:  Und wie über die Brücke, wo sie doch an sämtlichen Passagen die elektronische Version der alten Schlagbäume wieder aufgerichtet haben: XS-Z-tron-Magic, die Staatsmarke des Konzerns? Ladies, wie wollt ihr das schaffen?

Gay:  Disguised wie dein Bonnie Prince, Dan. (Zu Ana) Unser praktisches Pepperbrain sagt mir: Ana, ich tarne mich als Mann und du bist meine tapfere Flora.

Dan:  Romantisch! Verliebte machen sich am wenigsten suspekt, denkst du. Was Charlie betrifft, so floh er mit seiner Mannschaft im Eiltempo zu Pferd von Cullodan, wo das Gemetzel war. Doch die Suchtrupps schwärmten über alle Inseln aus, sassen ihnen im Nacken oder erwarteten sie schon am nächsten Ziel, trieben sie auf Umwege durch Waldmoore und über Berge, die Highlands waren damals die pure Wildnis. Und sie zwangen sie, sich zu trennen. Die Trennung von Flora fiel Charly übrigens nicht schwer. Ihre Liebe ist Legende.

Ich:  Die Häscher erfuhren alles, denn die Barisdale-Folter brachte die Anhänger Charlies zum Singen. Auch die Treue der Verschwörer ist  Legende.

Dan:  Genau! Die Highlander schreckten bald davor zurück, den Aufständischen Unterschlupf zu bieten oder Boote zu leihen.

Gay:  Die Highlander werden uns die Türen nicht verschliessen, sondern ihre helle Freude haben, denn wir können schön singen.  (Ana nickt leidenschaftlich und schaut Gay verliebt an.)

Reg:  Den Intelligence-Service zu unterschätzen ist zwar dumm, Leute. Aber der Gedanke ist realistisch: Wenn ihr es schlau anstellt, dann ist textiles Mimikri nützlich.

Chuck:  Ich hab eine Idee. Am Final-Day ist der grosse Fussball-Cup der Favoriten. Die Fans der Pooltroopers reisen in Massen nach Glasgow. Wer sich als angepasster Fan in den Mannschaftsfarben unter die Horden mischt, packt die Chance.

Reg:  Richtig, die Passagekontrollen sind large. Die Sicherheit schwärmt unter den Radikalen im Mainstream mit. Da taucht man leicht unter. Und die Busführer sind bestechlich.

Gay:  Super! Wir müssen uns nur überwinden und die Parolen schreien. Ana, ich geh als Cheerleader und du als mein Partygirl.

Chuck:  Das Spiel kann beginnen! Wir haben im Keller eine Garderobe. Klamotten und Accessoires genug, bunte Shawls, Schärpen, Camouflage, dass sich eine ganze Truppe verwandeln kann.

Gay:  Wo denn?

Chuck: Drüben, kommt!


Gay zieht Ana mit sich, sie folgen Chuck in den Korridor.


Gay (beim Hinausgehen zu Ana):  Wenn wir über den River Eden gelangen, dann werden wir in Gretnagreen heiraten, Ana.


Rudy (steht auf, zu Andrew, Reg und mir):  Es gibt da unten noch den Billard-Room. Kommt, wir spielen eine Partie.


Alle ab durch den Korridor.


Dan (sinniert beim Piano):  Ich kann mich nicht verwandeln.


Danmore dreht sich plötzlich auf seinem Hocker, klappt den Deckel des Pianos wieder auf, zieht das Orgelregister und wuchtet die Contamination-Melody in die Tasten: die Alarmstaccatos, die vibrierenden Halbtonreihen, das Summen der Drums, die verzögerten Akzente - great! Nach genau 37 Sekunden, an der Stelle, wo das Fortissimo einsetzt, springt Andrew vom Billardsaal herüber und hebelt die Dämpfer heraus.


Andrew (erregt):  Bist du gar nicht verrückt, wenn du meinst, die haben den Mauern keine Ohren aufgesetzt. Damn, die Firma produziert High-Sensibility-Detectors nicht bloss für die Küstenverteidigung!


Doch Danmores massiger Körper lässt sich nicht aus den rhythmischen Konvulsionen stossen, er spielt abgedämpft weiter und lauscht, tiefer über die Tasten gebeugt, mit seinen abstehenden Ohren in die Klangkaskaden hinein. Als er sie mit hingestreichelten Wellenläufen abklingen lässt, in deren Interferenzen er mechanisch harte und präzise Akzente einstreut, scheint die Treppe draussen zu antworten. Die Metallspirale singt unter dem zögernden Anschlag schwerer Tritte, lentissimo. Es dauert drei schleppende Minuten, bis Jusuf, von Sheik am stützenden Arm geführt, hinkend im Vestibül auftaucht. Bevor sie in den Raum eintreten, ist Danmore mit seiner Performance zuende.


Dan:  Ich bin Rapper. Ich bin ich. Ich geh. (Zum Wurlitzer-Piano, das er bespielt hat, während er die Klappe schliesst) Du bleibst, weil du mit mit deinen steifen Beinen nicht gehen kannst. (Er erhebt sich und dreht sich zu Lusty)  Aber du hast hübsche Beine zum Laufen. Du kommst mit mir.

Lusty:  Ich kann mich über mein Geschlecht nicht noch einmal belügen. Ich komm.


Jusuf und Sheik sind eingetreten. Sheik sieht in der verstellten Kellerbar nur den stumpfen Obdachlosen und auf dem Boden den halb ohnmächtig halluzinierenden Whirley. Er sieht weder Danmore noch Lusty, die sich im Halbdunkel intim küssen. Jusuf sieht nichts, denn er ist blind.


Sheik:  Ich weiss, wo es Pizza-Teigmehl gibt. Ich koche uns eine Mehlsuppe. Ohne Zwiebeln, die sind gewiss schon Staub. Ich geh kurz zum Speicher rüber und schau nach. Warte, Jusuf.


Sheik verschwindet im Korridor. Jusuf bleibt in seinem dicken grauen Mantel stehen. Sein Gesicht horcht. Danmore hat ihn erkannt und kommt mit Lusty über die Stufe herunter, tritt zu ihm hin und umarmt ihn.


Dan:  Jusuf! In der Höhle bist du sicher. Ich geh hinaus zu den Löwen. Ich fürchte mich. Ich bin nicht Daniel, Jusuf.

Jusuf:  Du darfst zweifeln, Dan. Wenn du aber gehst, dann bist du's. (Er tastet nach seinem Gesicht.) Du kennst die Macht der Träume.



  


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