Sonntag, 13. Mai 2012

5. SKARIFIKATION





Nachts arbeite ich am Labtop. Joe serviert mir meinen Gunpowder und stellt das Tablett auf dem Pult ab. Während sie den Tee in die Tasse giesst, fällt mein Blick auf einen Cartoon, welcher neben der Zuckerdose auf dem Tablett liegt. Die Titelseite ist eine auf Anhieb nicht zu entwirrende Arabeske, ein gruftiges Gewühl von Gliedern, Zehen, Augen, Zähnen, Fäusten, schwarz und grau. Darüber dehnt sich ein Alligatorrumpf. Ein Tattoo auf dem Hornpanzer ist wohl der Titel des Hefts: SMRRRCRUNCH. Joe bemerkt meine Neugierde. Sie sagt, während sie den Teapot und die Tasse so leise wie möglich auf den Tisch setzt, ihr älterer Bruder habe diese Hefte gelesen, habe durch Tausch an der Strassenbörse sein Taschengeld verdient. Ich erwarte, dass sie etwas über ihren Bruder erzählen will, aber sie verstummt. Sie bringe den Cartoon einem Mieter der Etage, der danach verlangt habe, sagt sie beim Verlassen des Zimmers und wünscht mir mit einem Knicks unter der Tür gute Nacht.

In Lüttich hatte ich mit dreizehn eine Menge Cartoons gesammelt. Ich las sie alle, vorweg die Crime-, die Horror-, die SF-Strips und Combies jeder Art. Die Spezialitäten gingen durch meine Hände, die Sarco-, Sado-, Porn-Strips, ich handelte auch mit ihnen, damit ich die Nummern der folgenden Woche kaufen konnte. Ein Geschäft machte ich damit nicht. Meine Mutter sagte: „Du saugst diese Geschichten in dich hinein.“ Wenn sie mich beim Lesen traf, blickte ich nicht auf. Sie wagte nie eine Forderung an mich zu richten, entfernte sich aber stets mit dem Satz: „Tu verras, la camelote va te dévorer une fois!“

Im Collège lasen wir zwei Jahre später die Klassiker. Unter denen zog mich Camus am stärksten in Bann. Ich las „La Peste“ mit sechzehn, der Roman verschlang mich. Eine Scham wuchs in mir und ich blätterte in den zerlesenen Cartoons während meiner Pubertät nur noch verstohlen. Dass mich die Camelote aber in der realen Welt unmerklich einholen würde, darauf kam ich zu meiner Überraschung einige Jahrzehnte später. Ich versuchte die Erkenntnis meiner damaligen Krise zu klären und sagte mir, diese Sorte schräger Bildgeschichten, über deren verdrehte Perspektiven sich Jungs keine Gedanken machten, steckten seit jeher in der Realität drin. Ich zog den erkenntniskritischen Schluss, es käme auf unsere emotionale Verfassung an, auf unsere Optik eben, ob die Welt uns in der Weise der Comics verzerrt, für Augenblicke auch vollkommen fremd erscheine.

Wir wurden schneller in den Aufruhr hineingerissen, als einer hoffen konnte. Wir hatten uns alle verrechnet. Es war eine Schockwelle, der Stoss traf von unten aufs Zwerchfell. So ist es, die Erinnerung seiner Wirkung sitzt dort. Sie ist zwar auszublenden, aber nicht zu löschen. Ich bleibe bei meiner Einsicht, dass wir uns über den wahren Zustand der Realität durch unsere schwankenden und leicht beeinflussbaren Stimmungen täuschen lassen. Es handelt sich dabei nicht um mehr, aber auch nicht um weniger als die Hoffnung, dass die Wirklichkeit sich niemals aus sich selbst in etwas verwandeln kann, das bar jeder Vernunft wäre. Das heisst: grotesk, skurril und nicht mehr nach den Regeln einer bloss supponierten Ordnung deutbar. Wenn ich diese Notiz den folgenden Kapiteln meines Manuskripts voranstelle, will ich ausdrücklich bekennen, dass ich mich an die Hoffnung nie geklammert habe. Aber ich brauche sie. Und zwar gerade dann, wenn sie mir schwächlich scheint, umso mehr.

Vielleicht hatte meine Mutter ein für sie selbstverständliches und daher unreflektiertes Vorwissen, dass die Wirklichkeit mit einer Potenz ausgestattet ist, welche den Menschen im Sinn ihres Wortes verschlingen kann. Wir vergessen unsere Seele.

Luxus ist kaum zu zahlen. Smarte DVD’s kauft man im Shop, Cartoons sind Treibgut. Der Cartoon auf Joes Tablett ist ein Tauschexemplar gewesen, denn er schien mir ziemlich abgegriffen. So ist es mit Billigware, welche in Menge auch in unserem Hotel ihre Runde macht. Von den Gerüchten gilt in einem übertragenen Sinn dasselbe wie von den Dingen. Mangelware ist zu dieser Zeit weder das eine noch das andere. Und billig beides.





Den Artikel über Joshua, seinen Aufstieg aus dem Mud der Docks zum schlüpfrigen Ruhm, habe ich weggeworfen, denn er ist wie der Spiegel aus dem Märchen, legt dem Star einen weissen Shawl um die Schultern und lässt einen Regenbogen in Pastellfarben am Himmel glänzen. Fuck him! Der andere Joshua, der Nackte unter der Plane, der gedopte Nigger ist in unserer schönen neuen Medienwelt keinen Penny wert. Lucies Fotos, grobkörnige Porträts einer Agonie an irgendeinem grauen Morgen vor dem nächsten Schuss, gehören zu einem anderen Text, den ich im Kopf oder fragmentiert in meinen blauen Pockets herumtrage. Die  erdichtete Story liegt auf einem Papierhaufen unter dem Tisch. Warum habe ich sie nicht zerschnöselt? Oder eingerahmt als Ready Made für eine Off-Gallery? 

Heute das Bild im Daily Mail und farbig im Star: Joshua zusammengebrochen auf dem mit weissem Schaffell bezogenen Vordersitz seines Bentley auf dem Parkplatz seiner Gang-Pub Connection. Die Schlagzeile: CONNECTION STAR TOT - ÜBERDOSIS MORPHIUM. Ich weiss sofort: Das stimmt nicht.  S o  nicht. Ich habe Lucies Nummer und rufe sie an. Ich spüre, dass sie unter Schock ist. Sie kann nicht antworten, ihre Sätze sind verstümmelt, verstummen. Ich erfahre: Sie hatte ihn drei Tage nicht mehr gesehen. Auf meine Frage, ob ihn irgendjemand während der letzten drei Tage gesehen habe, sagt sie: Nein. Keine Seele. Ob er nicht in der Connection gewesen sei? Keiner seiner Leute habe ihn gesehen. Und sein Bodygard? Keine Spur. Verschwunden? Sie bleibt stumm. Dann sagt sie auf einmal schnell und mit leiser Stimme: Sie wolle, dass ich es wisse, sie sei von Joshua schwanger und zu ihren Eltern habe sie seit langem keine Beziehung mehr. Das Telefon bricht ab. Ich höre die Aufforderung auf das Band zu sprechen und hänge auf. 

Ich stehe am Fenster. Aus dem Nebel wachsen die Containertürme. Das Gelände der Hafenbahn und die Piers sind in der grauen Masse verpackt. Die Türme schweben. Ich denke an farbige Klötze eines Baukastens. In Intervallen höre ich metallisches Kreischen, gefolgt von einem dumpfen Aufschlag. Das Schmettern von Rotoren zerreisst die Eintönigkeit. Ein Helikopter setzt irgendwo auf, der Motor pfeift kaum dreissig Sekunden lang an Ort, dann hebt er wieder ab. 

Am Abend rufe ich nochmals an. Auf dem Ewigband ist nicht Lucies Stimme gespeichert. In der Connection herrscht Verwirrung. Ich erreiche nicht die Leute, die ich suche. Am folgenden Tag erfahre ich, dass der Clan das Datum der Beisetzung auf das Wochenende festgelegt habe. Die Polizei gebe den Leichnam Joshuas bis dahin zwar nicht heraus, sie kommuniziere, dass die gerichtsmedizinische Untersuchung nicht abgeschlossen sei. Die Connection wolle es jedoch auf eine Herausforderung ankommen lassen. Ich reise mit dem Nachtzug nach Liverpool.



Die Treppe zum Dachgeschoss des Speichers ist glitschig, das rostige Geländer fühlt sich kalt an. Das Glas der Fenster ist seit langer Zeit weg. Der Hafennebel hat sich in den leeren Hallen eingenistet. Unter dem Dach liegen sie noch in ihre Schlafsäcke eingerollt. Ich steige über die Körper, suche nach dem Kahlkopf Gays, vergeblich, denn fast alle Schläfer haben die Säcke über ihren Kopf  gezogen. Zudem ist es ziemlich dunkel. Hay, flüstere ich und stosse an eine Schulter. Whodamn fragen zwei erschreckte Augen. Nobody, sage ich, searching for Gay. Er stemmt sich auf den Ellenbogen. Er kippt nicht weg, die Augen klappen nicht wieder zu. Gay? She lift off! Er boxt den nächsten Schlafsack. Der macht eine halbe Rolle. Unter den Filzzotteln verzieht einer sein Gesicht zu Craigs Grimasse: Strolling to hells outpost? Promoting advanced scottish-indian lifestile? Craig scheint nicht überrascht. Sie kriechen halb aus ihren Schlafsäcken, hocken und greifen nach ihren Bierbüchsen. Craig lässt eine Pint in sich hineinfliessen, dann wischt er mit dem Ärmel den Schnauz: Wir sind das staatliche Experiment zur Sanierung des Familienlebens, Gay ist unsere Mutter.

Ich will wissen, wo Gay ist, da auf Lucies Handy nur ein Roboter schnarrt. Sie ist Stoff holen gegangen, deklamiert Craig, den bekommt sie bei der Polizei. Sozialhilfe, weißt du! Er hat den Seherblick aufgesetzt: Wir sind im Kommando der kommenden Dinge. Also, hör zu: Die Polizei hat Joshuas Villa durchfilzt. Flugblätter, Drogen, doch kein Bomben gefunden. Und gleich noch die beiden Mädchen mitgenommen. Wir haben unseren Intelligence Service. Fest steht: Wir organisieren das Begräbnis. State funeral!

Wir? frage ich.

Robin Hood ist tot! sagt Craig, mit verzerrtem Mund, wie wenn er die Frage nicht begriffe, und schaut mich mit zugekniffenen Augen an. Und dann fährt er mit einer ausholenden Gebärde über die Schlafsäcke: Wir sind seine Kinder! Sind wir etwa nicht?

Craig hat die Frage in den Raum geschrieen und fuchtelt mit einer Taschenlampe. Die Schlafsäcke fangen sich an zu regen. Der zerzauste Kopf eines Jungen schiesst hoch und blinzelt in den Lichtstrahl. Craig fährt ihn an: Du etwa nicht, Timmy? Und du, und du?

Sie scheinen nicht zu verstehen, aber Craig erklärt sich nicht, sondern nimmt einen Schluck aus der Dose. Darauf erzählt er mir die Geschichte, seine Version:   

Sie haben Joshua über den Jordan befördert. Klar. Sie geben ihn nicht heraus, weil sie beweisen müssen, dass sie ihn nicht ermordet haben. Natürlich genieren sie sich nicht und schaffen die Fakten zu ihrer These. W i r aber wollen ihren Schwindel aufdecken. Wir machen unsere Untersuchung und entlarven die Mörder. Darum organisieren wir die Beisetzung, jetzt. Und im grossen Stil! Wir machen Druck.

Ich bin skeptisch, das ist die Natur meines Berufs. Ich gebe meiner Neigung nach und hole aus: 

I h r  werdet beweisen müssen, dass sie es gemacht haben. Aber sie haben nicht nur die Justiz in ihrer Hand, sondern auch die Presse.  S i e  machen die Story. Sie bleiben ganz aus der Sache, weil sie darüber stehen. Joshua ist eigenhändig über den Jordan - eine simple Drogengeschichte! Das ist ihre Version.

Craig fährt auf: Und das Verschwinden von Joshuas Bodyguard? Schenkst du ihnen die Figur? Den Kronzeugen?

Sie brauchen Joshuas Bodyguard nicht herzuzaubern. Wenn ihr darauf besteht, dass sie ihn beseitigt haben, machen sie ihn zum Opfer eines Komplotts gegen sie: Die Mörder, wer auch immer, haben ihn als Mitwisser beseitigt. Wenn ihr nicht darauf einsteigt, dann machen sie  euch zu Terroristen. Die seid ihr bereits.

Pass auf, was du da hinwirfst!

Keine Augenwischerei. Das machen die planmässig. Sie haben es von Anfang darauf abgesehen. Ihr habt euren eigenen Intelligence Service, bilde dir nichts darauf ein! Ihr wollt ihre Story widerlegen, ich garantiere: nichts hilft. Maulhelden haben da doch keine Spur von Chance, Craig!

Craig ist verletzlich, ich glaube ihn zu kennen. Er schaut mich schweigend von unten an und sagt dann bloss:

Maulhelden? Scaredy-cats neither. Solche wie ihr, Feiglinge, Angsthasen, schon gar  nicht!

Ich stecke das ein. Was für eine Geheimdienststory habe ich aufgepfeffert. Kann sein  i c h  bin der Maulheld. Craig hockte damals in Sellafield unter der Regenplane. Craig ist ein assimilierter Pakistaner der fünften Generation, der über sich sagt: We are the shame of colonisation. Drei seiner Brüder sind radikale Moslems.  E r  gehört zum innersten Kreis der Connection. Als Disk-Jokey hat er in Liverpool Karriere gemacht. Jetzt ist er für die Band als Sound-Techniker und Organisator zuständig.




Eine Wüste aus rostigem Staub, vom Frühregen aufgeweicht. Klebrig. Verklebt mit dem Schrott: Reifen, Karrosseriemüll, einem gestauchten Cabriolet in der flimmernden Splittersaat von Glas. Der Eingang zum Gelände ist mit Stacheldraht vermacht. Dort haben sie die Tafeln mit den Verheissungen der Regeneration aufgestellt. Public Relation. Der arbeitslose Drehkran steht einsam, ein einarmiger Gigant. Steht in der Wüste vor einer Sandbank, vor der Silberschwärze am Horizont, wo sich der Regen verzieht. Aufgelassenes Industrieareal. Betonmauern alter Schleusen, ein Grasdamm. Darüber die Reihe der Brickspeicher am verschlammten Kanal. Man muss sich in ihrer Höhlenarchäologie zurechtfinden.  

Die Jungen. Die Kinder Robin Hoods sollen sie sein. Ihr selbsternannter Anführer will es, Craig. Ein Haufen Drug-Addicts. Versprengte eines Gangs in einem ihrer wechselnden Quartiere. Vogelfrei im neuen Wald von Nottingham! In den Schrottwäldern des 21.Jahrhunderts. Und Craig? Ein besessener Sektierer! Son of a bitch!

Craig war kaum ein paar Jahre der Mutterbrust entwöhnt. Und er war ziemlich verwöhnt, damals, als der rote Kardinal, sekundiert vom schwarzen Erzbischof von York, das Kabinett angriff. Die Conservatives hatten nach dem zweiten Schub der Krise den Cut verhängt. Der Schotte forderte die Robin Hood Tax. Milde 0,05% auf Transaktionen. Sie brächten 20 Billionen Pfund: for social justice! Für die Opfer des Credit Crunch. Denn die Krise hatte die Elite reicher, die Working Class ärmer gemacht. Harte Jahre lauerten ahead, sagte die unverdrossene Exellenz und verklagte die Regierung: sie hätte einen Teufelspakt mit der Finanzwelt geschlossen.

Doch die Politik ködert die Menschen mit Versprechungen, die Werbung versetzt sie in virtuelle Paradiese. Linke oder Rechte? Keine Alternative mehr. Die Politik verheisst die Big Society, der Staat muss schrumpfen. Sie entlässt Hunderttausende aus der Verwaltung. Verschärft den Schuldrill durch ausgediente Soldaten. Diszipliniert die Subsociety, zähmt die „wilde Unterschicht“. Der Rüstungskonzern rationalisiert Tausende von Stellen weg. Aber er rüstet im Land Polizeicorps und Submarins auf. Entwickelt Sicherheitssysteme. Der Waffenhandel läuft geschmiert, verkauft Warfare gegen Öl, schwemmt die Staatskasse voll. Schmierkapital hat wieder Konjunktur. Die Politik kalkuliert ihre Chancen. Und der Krieg kommt. Er kam ihrer Kalkulation zustatten. Er gab der Sicherheit den Vorrang. Tripple A für Investitionen in ihre Systeme. Das war’s. Die Robin Hood Tax wurde abgeklemmt, weil das Protokoll der sozialen Wohlfahrtstraktanden schloss.

There is no „them“ and „us“ - there is „us“, drohte die Politik. Aber wer ist: “us”? Der Drogenumsatz verdoppelte sich in immer kürzeren Intervallen. Die Polizei behauptete, der Krieg werde nicht in Manchester geführt, sondern in Mexiko-City. Die rechte Presse stützte die Behauptung mit verlogenen Bildern touristischer Stadtidylle. Die Sicherheitskräfte hatten die Lage im Griff. Ihre Behauptung war korrekt. Denn die No-go-areas weiteten sich unter Polizeischutz aus. That’s right, deny it! Don’t adress the problem we all  KNOW  exists.

Die Kirche hat ihre Autorität verspielt, weil sie den Diskurs nicht suchte. Weil sie die Schuld nicht auf sich nahm. Weil sie die Seelsorger nicht zur Rechenschaft zog, welche junge Menschen missbrauchten. Gefallene. Outcasts. Und der Staat hat seine Glaubwürdigkeit abgestreift. Weil er sich auf die Seite des Reichtums stellte, die Ordnung des Kapitalmarkts schützte, aber sich um Gerechtigkeit zu kümmern versäumte. Weil er mit Gewalt reagierte und den Diskurs unterdrückte, statt Jobs und Raum für junge Menschen zu schaffen, wo sie sich einen Lebenssinn und ihre Zukunft, eine neue Zukunft erfinden konnten.

Gas und Erdöl wurden in rauen Mengen aus den Tiefseeflözen in die Pipelines und Tanker gepumpt. Poverty of Vision regierte. Die ökonomische Leistung sicherte das Bild der Gewohnheit, die man liebte. Die Citizens brauchten das Hydragift der Hoffnung und das Knüppelfeeling unter dem Handteller. Aus der Kirche waren sie in Massen eh ausgetreten, jetzt verabschiedeten sie sich vom Staat. Somit vollendete sich das neofaschistische System als ob nichts geschehen wäre. Denn ausser einer Minderheit stellte niemand mehr Fragen.

Es war aber etwas geschehen.




Joshua hat mir gesagt, damals in Sellafield, dass keiner von seinen Labels reich werde, er könne noch so populär sein und sogar zum Ritter geschlagen oder sonstwie geadelt worden sein. Reich werde man, wenn  d i e  es wollten. Die aber wollten noch etwas anderes. Er meinte die Leute, welche die Monarchie als Bluff benützten, um ihre verlogene Macht zu tarnen. Ich wusste, dass er sich nicht zur Prothese des Kapitals machen würde. Aber ich fragte nicht, was er mit seiner Andeutung meinte. Es ging um eine bestimmte Sache. Ich war mir sicher, dass er nichts preisgeben würde. Mein Artikel, der in Glasgow auf einem Haufen Papier unter dem Tisch meines miesen Hotelzimmers landete, war jetzt ein Nachruf, an Verlogenheit nicht zu überbieten, denn davon stand nichts drin. Ich hatte ihn mit einem Gefühl von Scham weggeworfen, aber mir eingeredet, dass keiner die Gewissheit habe, ob es nicht schon eine Form der Notwehr war, wenn er in meiner Lage nach seinem Instinkt handelte.




Abends ist die Connection-Bar in der Mallower-Street geöffnet. Aber der Betrieb ist offiziell eingestellt. Am Eingang haben sie eine Personenkontrolle postiert. Das ist normal, es sind die Gatekeepers, ledernackige Typen mit einem trainierten Personengedächtnis und Erfahrung als Bodyguards. Sie sind unbewaffnet, machen aber Ausweiskontrolle, wenn sie es für nötig halten. Insider sagen, dass in der Portierloge neben dem Eingang Leute hocken, die in Sekundenschnelle bewaffnet und für die Personenkontrolle in Sonderfällen zuständig sind. Heute unterrichten die Gatekeepers alle, die Einlass wollen, dass der Betrieb eingestellt ist und kein Konzert stattfindet. Ihre Miene ist regungslos, ihre Auskunft knapp und korrekt, aber der Ton ihrer Stimme lässt keine weiteren Fragen zu. Nur wer zum engeren Kreis der Connection gehört, wird eingelassen.

Ich bin mir wie jeder Insider im Klaren darüber, dass der Clan von Spitzeln unterwandert ist, ja dass die geheime Staatsmacht auch in die Führungshierarchie Spione eingeschleust hat. Zwar haben wohl wenige überprüfbare Kenntnisse, aber die meisten sind intuitiv mit der List politischer Dialektik vertraut. Daher ist fast jeder schon auf die Idee gestossen, dass die Staatsmacht selbst aus souveräner Willkür ein Netz von Oppositionsgruppen begründet hat, dass sie Clubs und sogar Clans unterhält, dass sie sich dieser Einrichtungen bedient, um die Bevölkerung zu durchdringen und unter Kontrolle zu halten. Dennoch lässt er niemals auch nur eine Sekunde in seiner Seele den heimlichen Verdacht aufkommen, die Connection sei nicht autonom und daher gegen Spaltungsversuche angreifbar. Nun ist es aber so, dass bei weitem nicht jedem, der heute die Mallower-Street durchstreift, aufgefallen sein wird, dass die Präsenz der Polizei- und Geheimdienstkräfte mindestens verdoppelt wurde. 

Das Kellergeschoss, zu dem mehrere Metalltreppen herabführen, ist ein riesiger Bunker. Mehrere Hallen sind auf zwei Geschossen miteinander verbunden. Mächtige Betonpfeiler tragen die niedrigen, durch Stahlstreben verstärkten Decken. Ganz zuunterst, in der Verbindung zweier Hallen auf demselben Niveau, steht die Bühne. Beide Hallen gewähren aus verschiedenen Winkeln den Blick auf sie und auch von den oberen Geschossen kann man auf die Bühne herabsehen. Die Anlage wirkt auf Newcomers labyrinthisch. An den Rückwänden und in den Korridoren stehen ausladende Tresen und in den Räumen scharen sich niedrige Tische mit schwarzen Hockern, auf welchen man sich in alle Richtungen drehen kann. Man sagt, die Anlage habe während den deutschen Bombenabgriffen im Zweiten Weltkrieg als Schutzraum gedient.

Vereinzelte Zuhörergrüppchen haben sich in den riesigen Hallen niedergelassen. Auf der Bühne singt Yusuf in sich versunken zur Gitarre. Er hockt vorgebeugt auf einem simpeln Holzstuhl. Seine Augen sind geschlossen. Manchmal heben sich seine Lider und er scheint durch ihren Spalt auf die Saiten zu blicken. Aber er spielt blind. Er spielt ohne Schnörkel, monoton, mit stumpfen Akkorden. Seine Stimme ist sanft und rauh.

IMPORTANT NOTICE, don’t fail to read: To feel comfortable and safe, read safety & comfort guide.

Die Zuhörer lachen. Das Echo ihres Lachens kommt aus der dunkeln Leere der Hallen. Aber es ist warm. Yusuf blickt auf und grinst mit einem freundlichen Nicken zurück. Seine Pupillen sind erloschen, denn er  i s t  blind. Ich rufe seinen Namen. Inschallah, antwortet er und hebt zwischen zwei Takten kurz die Hand zu mir hin. Ich bin dankbar, dass er meine Stimme erkannt hat. Das Erkanntwerden durch den Blinden gibt mir das Gefühl, dass ich in Liverpool zuhause bin und dass mir hier nichts geschehen kann. Auch wenn es zutrifft, dass Joshua ermordet worden ist.

Auf dem scharlachroten Sofa im Saloon hinter der Bühne sitzen exzentrische Gäste hinter exotischen Softdrinks. Es gibt in Grossbritannien wenige Clubs, in welchen Lesben und Homosexuelle sich noch comfortable and safe fühlen können. Die meisten, welche sich auf dem wandlangen Sofa mit Schnickschnack und bunten Gläsern in cabaretreifen Posen und Kuschelstellungen niedergelassen haben, gehören zum Clan und sind Jusuf-Fans. Jusuf ist vor einer Generation zum Islam konvertiert. Das war eine ernste und in den Augen vieler musikfeindliche Sache. Aber er kam nach Jahrzehnten auf die Bühne zurück, als Jusuf Mohammed, und seine Post-Pop-Verse sind heute so verspielt wie die Arabesken islamischer Ornamente. Nonsense-Poesie, heiterer Unernst in lakonischem Gleichklang. Doch ab und zu, meist unerwartet, lässt er einen Takt aus und spricht oder schweigt oder setzt mit ein paar harten Akzenten eine Pointe.

Als er mit dem Refrain IMPORTANT NOTICE endet, klatscht der Saloon, auch aus dem Dunkel der Hallen kommt zustimmend vereinzeltes Klatschen. Ich blicke im Fortgehen amüsiert auf die Bühne zurück - mit der Gewissheit, dass Jusuf den definitiven Post-Post-Pop verkörpert. Bloss eine Sekunde lang ist mein Blick von Anas verlorenen Augen gefangen und ein Schock durchfährt mich, als ich ihren ausgezehrten Körper unter dem chinesischen Seidendessus wahrnehme. Im gleichen Moment laufe ich Rudy Youngblood fast gerade in die Arme. Er hat mich mit beiden Händen an den Schultern ergriffen. Seine spontane Abwehrgebärde ist im nächsten Augenblick, als ich ihn erkenne, zur Umarmung geworden. Ich blicke ganz nahe in sein zerknittertes Gesicht. Dahinter lodert der Urwald. Sein langes graues Haar ist jetzt zum Knoten aufgebunden. Seine starken Brauenwülste und Backenknochen sind das indianische Erbmal. Die dunkeln, nahe nebeneinander liegenden Augen schauen scharmant und doch immer etwas entsetzt aus ihren Höhlen.

Du hier - angenehm überrascht! sagt er mit seiner schnarrenden Automatenstimme. Weißt Du, ich habe dich eigentlich erwartet. Das ist kein Widerspruch. Doch fürs erste kurz, wir werden noch miteinander über die Ereignisse reden, denke ich, aber ich soll dir mitteilen: Du bist welcome in der Lounge und zwar gerade jetzt.

Rudy leidet an Kehlkopfkrebs und hat sich nach der Operation der Behandlung eines Schamanen anvertraut. Wir sind Freunde besonderer Art. Rudy ist kein Schwätzer. Niemand weiss, warum es ihn vor vielen Jahren nach Liverpool verschlagen hat. Mir hat er seine private Geschichte anvertraut, doch ich musste ihm mit einem Eid bekräftigen, dass ich sie niemals erzählen würde. Alle nennen Rudy Pranke. Er hat vor einem Leben in einem Film von Mel Gibson den Häuptlingssohn Pranke des Jaguars gespielt. Der Film hiess Apocalypto, hat mir Rudy erklärt, und erzählte vom Niedergang der Maya-Kultur. Der Prinz eines versteckt von Maniok und Affenfleisch lebenden Stamms ist von einer Kriegerhorde der Mayas verschleppt worden und soll zur Versöhnung ihrer zornigen Götter auf der Tempelplattform ihrer Pyramide geopfert werden. Doch er entkommt der rituellen Schlachtung, weil genau zum vorgesehenen Zeitpunkt eine Sonnenfinsternis eintritt. Niemand hat den Film je gesehen, er liegt vermutlich in einem Tiefkühllager Hollywoods eingemottet und ich weiss nicht, ob Pranke von den Maya-Göttern begnadigt wurde oder, die Panik der Priester und seiner Bewacher ausnützend, an einer Liane über den Teich der heiligen Krokodile hinweg in den Dschungel absaust. Doch Lianen konnte es damals keine geben, da die Mayas den Urwald um ihre Megastädte längst total abgeholzt hatten.

Nun solltest du aber gehen, mein Sohn, mahnt Rudy. Welcome hiess in solchen Fällen: Ich werde erwartet, die Sache ist dringlich. Die Lounge hiess auch: Theke 5.

Rudy merkt, dass meine Augen Ana suchen. Ich spüre seinen Griff um meinen Oberarm und höre ihn  sagen: Sie stirbt, ihre Seele ist bei den Göttern, let her die!

Als der Glitzerglasturm in Manchester unter einer Bombe hochging, wurde Ana in seinen fliegenden Trümmern herumgeschleudert. Sie war Model einer japanischen Agentur und damals schon brandmager. Ihr Lover, ein Ringboxer, kam ums Leben, sie überstand das Desaster mit zerschnittenem Körper. Als sie aus dem Koma erwachte, hatte man ihre Wunden zusammengenäht. Ich besuchte sie mit einem ihrer Freunde, einem Fotojournalisten bei Osaka Sun. Ihr unversehrtes Gesicht strahlte, sie hatte den schmerzerhabenen Blick eines süchtigen Cherubs. Ich werde über die Laufstege der Welt staksen und das neueste Design präsentieren, sagte sie, und schlug das Bettlaken zurück. Der merfenrot bemalte Körper war mit Geraden, Winkeln und Kreuzen tätowiert. Ein Dutzend schwarzer Wundnähte hielt das Fleisch über ihrem Gerippe zusammen. Man hatte ihr Morphium gespritzt. In einem japanischen Art-Magazin erschien später eine Serie von Aktporträts. Ein gescheiter Text reflektierte das Verhältnis von Anexorie, Aesthetik und Perversität. Die Fotos waren in Tokio und New York ausgestellt und wurden in Galerien teuer gehandelt. Ana kam vom Morphium nicht los. Aber das Ende ihrer Karriere war zuvor schon absehbar gewesen. Ana schaut jetzt zu uns hin.

Sie erinnert sich an einen wie dich, sagt Rudy, aber sie weiss nicht an wen. Ihre Zeit steht still. Geh zur Theke 5! Bis später.

Im Korridor sind die smarten Carts, welche vor zwanzig Jahren noch im Keller herumröhrten,  Reifen an Reifen geparkt. Sie werden für die Oldtimer Carts Parties poliert und gewartet. Bei einer exaltierten Macbeth-Inszenierung kamen im letzten Sommer ein Dutzend Carts zum Einsatz, die adligen Gäste fuhren in ihren schillernsten Farben zum Hoffest auf. Die Party endet mit der Erscheinung des ermordeten Banquo. Doch jetzt ist nicht Partytime. Die Leute stehen in Gruppen im Korridor herum und versperren den Durchgang. Eine Debatte ist im Gang, Zigarettenrauch reizt meine empfindlichen Schleimhäute. Ich benötige einen starken Grog, weil meine Kieferhöhlenentzündung die Zahnwurzeln peinigt.

Als ich die Lounge betrete, komme ich mir vor wie in einer Sportsbar nach einem Fussballtreffen. Meine Nase blutet wieder, darum suche ich die Toilette auf und puste eben einen roten Schleimpfropfen in die Schüssel, als mich Craigs Grimasse über dem Rücken im Spiegel angrinst: Merkst du, wie Blut riecht? Du wirst dich daran gewöhnen. Die Schlagader unter den kalten Hahnen, dann stockts!

Ich habe das Gesicht schon zwei Minuten unter den Strahl getaucht. Während ich mich mit zurückgeworfenem Kopf an die schwarzen Porzellanfliesen stelle und den Handballen gegen die Stirn presse, beobachte ich, wie Craig an der Schüssel nebenan sein Besteck präpariert, dann eine Kapsel zwischen zwei Finger klemmt und eine Spritze füllt, indem er mit der andern Hand den Kolben zieht. Luxus, diese Toilette: Tisch und Schüsseln kompakt, in schwarzem grau geädertem Marmor. Auf dem Bildschirm des Monitors an der Rückwand hockt Jusuf, ins Spiel versunken, der Lautsprecher überträgt seine Stimme sanft aber ganz nah und mit Raumton: All the time that I cried, keeping all the things I knew inside, its hard, but it is harder to ignore it.

Medizin, sagt Craig, als er zusammenpackt. Ich folge ihm die Treppe hinauf. Wir schieben uns durch das Gedränge am Tresen, wo der Fernseher läuft und ein Streit im Gang ist. Foolish, stösst einer zwischen aufgeworfenen Lippen heraus, und greift einem andern, der zurückweicht und nervös seine Haarsträhnen aus der Stirn streicht, mit dicken Fingern in den Kragen. Listen, you're a stuck-up Londoner, so you tell your stories in Pimlico or Chelsea! Wir werden von einem sich rasch bildenden Ring abgedrängt und schaffen drauf den Ausgang durchs Office zum Bunker fast reibungslos.




Zwei Bewacher drücken die Betontüre auf. Sie fällt mit einem Pfeifton hinter uns ins Schloss. Das Durcheinander der Stimmen ist ausgesperrt. Der Raum ist schalltot, das Licht schmerzt, erinnert an Verhörräume. Sektierertum geht mir auf den Wecker. Der von der Normalität umgebene Ausnahmezustand des Bunkers hat für mich etwas Dünkelhaftes, was mich jedesmal nervt, darum lege ich los, bevor sich meine Augen und Ohren daran gewöhnt haben:

Im Allerverborgensten hört nur mit, wer auf eurer Seite steht, Craig. Das bildet ihr euch jedenfalls ein.

Stimmt, höre ich Drummer Andrews trockene Stimme im Raum. Ihr seid überhaupt ziemlich gruftig, euch einzubilden, dass Gott in diesem Bunker auf eurer Seite ist.

Ich schaue noch halb blind in die Richtung aus der die Unterstützung kommt.

Craig ist mit seiner Antwort schnell: Gott entscheidet schon gar nicht, ob uns da einer aushorcht, ist auch gleichgültig. Die Ereignisse entscheiden, was wir tun. Und wer was tut, auf den kommt es an!

Doch Andrew ist unbeirrt. Die Ledermütze sitzt wie eine Häuptlingskrone auf seinem zottelumfransten Kopf und sein Blick ist wie Astor-Granit, weich und dunkel. Der Stirnbuckel wölbt sich, von einer tiefen Kerbe gespalten, über der Nasenwurzel.

Andrew argumentiert: Du lüftest gerade euer frisiertes Weltbild. So beschönigt irgendeine Fraktion irgendwelchen Aktionismus. Kurzsichtig! Ihr würgt die Solidarität ab und rennt in die Spiesse. Das ist echt kindisch.

Craigs Pupillen verraten, dass er zum Stoss zielt: Klassensolidarität? Klasse, was ist das! Du hast Marx nie gelesen, Andrew, aber er serviert dir noch die Worthülsen, du glaubst an Schrott.  Der Postmarxismus ist unter den Trümmern verkorkster Sozialpolitik und korrupter Gewerkschaften begraben. Ein Elefantenfriedhof im Busch. Und die islamistische Revolution frömmelt in vergammelten Moscheen dahin. Ihre Aktivisten haben sich abgespalten. Mit der Scharia haben wir nichts mehr am Hut.

Die Schönheit meiner Tanten wandelt hinter das Augengitter ihres Tschadors gesperrt durch Birminghams Strassen, sekundiert Deniz unter der Kapuze seines schwarzen Dufflecoats. Wir haben es nicht mehr nötig, uns mit Koranversen zu schmücken und unseren Verstand mit dem Turban zu umwickeln.

Craig hält die Fahrt: Wir lieben die Poesie. Aber die Pracht der Bücher zerfällt, wenn du sie bloss anrührst,  zu Staub und die eingedrehten Verse sind dem Muhadschedin eine unnütze Bürde. Richtig ist: Wir glauben an die Geschichte und die ereignet sich  j e t z t .  Wir sind nicht zum Palavern im Bunker zusammengekommen. Wir sind hier unter uns, Kassandra anzuhören.

Ich schaue mich um. Andrew und Deniz von der Band sind da, Jesse vom Management und drei oder vier Aktivisten, die ich nicht einmal mit Namen kenne. Ausserdem nur Craig und ich. Nicht viel mehr als ein halbes Dutzend Leute, handverlesen oder zufällig. Männer nur. Wozu? Von Zusammenkunft kann man nicht reden und mit Vollzähligkeit ohnehin nicht rechnen - was heisst das schon! Und warum soll  i c h  schon dabei sein?

Die Luft im Bunker ist ein süsslicher Duftmix von Leder und Jet-Ink. Auf der Metallablage neben dem Schnelldrucker stehen Stapel von frisch gedruckten Flugblättern. Craig geht in die Kniehocke und ich erkenne erst jetzt, eingerollt in eine Wolldecke, einen menschlichen Körper, welcher sich am Boden wälzt. Gay, sagt Craig zu mir hin, zieht die Spritze aus einer Tasche seiner Camel-Weste und schlägt die Wolldecke zurück.

Gay sieht kraus und elend aus. Ein Träger ihres dünnen schwarzen Shirts ist abgerissen, Schlangen und Tierköpfe wachsen aus ihrer linken Brust über die Schulter, ihr Körper zittert. Ihr Blick ist von nichts fixiert. Eine Nasenmuschel ist aufgetrennt und blutverkrustet. Seit Windscale ist ihr Haar zu einer rotblonden Bürstenfrisur nachgewachsen, welche sich über der Stirn zu einem Wirbel aufstellt. Craig hat ihren Unterarm zwischen seine Knie geklemmt und die Spritze angesetzt. Das Heroin flutet durch ihre Gefässe, weitet ihre Augen, glättet ihr Gesicht.

Sie richtet sich auf, zieht ihre Beine an den Körper und hockt stockstumm mit geschlossenen Augen da. Langsam fängt ihr Körper an zu beben, aus den Schenkeln steigt das Schütteln in ihre Brust. Sie krümmt sich, zieht ihren Kopf mit den Armen an die Knie. Als sich der Körper wieder beruhigt, kommt in Wogen die Sprache, einzelne Worte zuerst, wie Erbrochenes, dann Sätze. Am Anfang macht sie lange Pausen. Das Schütteln kommt wieder, in kurzen Intervallen, dann drehen sich ihre Augen nach innen, der Kopf stösst an die Knie.

Gay berichtet:

Sie foltern mit Elektroden, an der Nase, an den Brüsten, zwischen den Beinen. Sie haben mich gepiesackt, auf die perverseste Art. Wie lang, ich weiss nicht. Aber sie haben mich nicht gelöchert, nicht mit Fragen. Sie waren nicht geil auf News. Dabei wäre ich eine anständige Chatterbox gewesen, hätten sie mir bloss Stoff abgegeben.

Ein heiseres Lachen, ein Husten eher flattert aus ihrer Kehle und das Schütteln packt sie.

Kombinierte, die wussten schon alles. Aber dann hätten sie trotzdem gefragt, nur um mich mehr zu quälen, weil sie sich einbilden konnten, sich einbildeten, ich würde lügen. Ich hätte auch Plunder aufgetischt, um sie geiler zu machen. Jeden Plunder. Aber sie waren verdammt korrekt, hielten sich an ihr System. Später habe ich kapiert. Sie haben mich vorbereitet, dann haben sie mich auf die Strasse gesetzt: Ich bin ihre Kriegserklärung.

Wir werden sie morgen aufmischen, höhnt Craig. Korrekt gewesen? Sag das, Gay. Zeig deine Brustwarzen, deine Schamlippen.

Du bist wohl geiler als sie.

Wo ist Lucie geblieben?

Herrgott, wo ist Lucie? Keine Ahnung. Lucie habe ich nicht gesehen. Nicht   e i n m a l , seit Joshuas Verschwinden nicht. Das letzte Mal zuvor. Beide hatten sich, wie schon oft, kurz bevor Joshua als vermisst galt, getrennt. In jenen Tagen traf ich Lucie.

Und wie ging es ihr da? Hat sie eine Andeutung gemacht? Was Joshua betraf?

Andeutungen! Meinst du, Craig, sie sprach mit mir bloss in Andeutungen? Du schnüffelst wie ein angelernter Kommissar im Film.

Draussen drücken sich die Bullen herum. Sie haben dich laufen lassen. Als Kriegserklärung, sagst du.

Das heisst noch lange nicht, dass ich ihre Erfüllungshelferin hergebe. Und deine schon gar nicht, falls du mich dazu programmieren willst.

Wir fragen wegen Joshua. Alle hier sind interessiert. Information ist vital, das heisst: es geht um die Connection. Dich haben sie gefoltert, sie stellen die Scharfschützen auf.

Andrews tiefe Drummerstimme schafft sich im Bunker Raum:

Scharfschützen! Dass du den Kopf nicht verlierst ist vital, Craig. Und dass Lucie lebt. Lass Gay erzählen. Gay!

Andrew, sagt Gay, du bist Joshuas bester Kumpel gewesen. Bleibst es immer.

Gay schaut zu Andrew hin. Und zugleich durch ihn hindurch in ein Nirgendwo, in dem sie sich ausfindet.  Und sie erzählt:

Joshua war manchmal unausstehlich. Wir hatten auch Streit. Manchmal habe ich ihn gehasst. Ich hab ihn ja in den Tagen selbst erlebt. An einem Morgen hat er seine Matratze,  einen schweren Ständerspiegel, seine vierzig Anzüge und alle bunten Shirts auf den Rasen  hinaus geworfen. Er kam splitternackt zum Frühstück und löffelte sein weiches Ei. Dann ging er rauf und tobte. Joshua wusste, denke ich, dass er ihnen nicht entgehen würde. Er war so zerstört, das kann ich selbst bezeugen. Ich bin Lord Niemand, hat er gesagt, und hat sich die Kleider vom Leib gerissen, hat Lucie erzählt. Er wollte keine Kleider mehr, fast wir der König im Märchen. War ja auch ein Märchenprinz. Aber er war durchgeknallt am Ende. Da war ich dabei. Aber Lucie sagte nichts. Sie war bloss todtraurig und ich wurde nicht schlau aus ihm. Ich erklärte mir die Ausfälle mit seinem Temperament oder dem Stoff. Ich kam nicht drauf, dass er zum Beispiel ein echtes Problem mit seiner Identität haben könnte.

Identität! ruft Craig in die Runde. Bist  d u  über die Gründe schlau geworden?

Gay öffnet die Klammer ihrer Hände, lässt die Knie los und geht mit verschränkten Beinen in die Hocke. Ihr Körper ist biegsam, sie rutscht nach vorn in die aufrechte Stellung und blickt jetzt mit triumphierenden Augen in den Halbkreis, den die Männer um sie gebildet haben. Sie atmet tief. Alle spüren, die Woge trägt sie, ist jetzt leicht wie die flimmernde Luft über einer Insel. Spott ist in ihrem Gesicht. Sie wirft den Kopf zurück. Dann legt sie los:

Lucie! Ihr Vater ist der König.

Sie mimt einen vertrottelten König, indem sie den Kopf wiegt und ihre Augen grimmig kreisen lässt.

Die Tochter verknallt sich in den schwarzen Prinzen und der verschwindet mit ihr. Der König schickt den Geheimdienst aus. Der König will den Kopf des Kidnappers, aber er ist schon wahnsinnig. Das spielt nicht auf der Heide, sondern in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie, wo man ihn einsperrt. Versenkt. Was wisst ihr schon über den Wahnsinn und über Lucie. Sie ist keine verträumte Ophelia, wie sie die Männer wünschen. Die Geschichte ist überhaupt viel schlimmer. Craig, wenn du glaubst du kannst mich verhören, ich bin dir nichts schuldig. Ich schulde diese Geschichte allein Lucie, die nicht hier ist. Du kümmerst dich kein bisschen um Lucie, ihr alle nicht, Andrew ausgenommen.

Craig lächelt etwas dümmlich. Gay erzählt:

Wir waren nach ihrer Trennung Tage zusammen in ihrem Appartement und ich schlief bei Lucie, da sie allein war und das Leben nicht mehr aushielt. In jener Nacht erzählte sie von ihrem Vater. Der war, was ich wusste, durchgedreht. Vor zwei Jahren hatten sie ihn in die psychiatrische Klinik eingeliefert. Lucie verriet mir, was ich nicht wusste und was bestimmt niemand erfahren sollte. Bis dahin jedenfalls nicht, jetzt aber lebte sie von Joshua getrennt. Ihr Zustand war grauenhaft. Nach der Überführung des Vaters in die Klinik hatte sie heimlich sein Tagebuch entwendet. Sie begann, als sie es las, seine Krankheit zu verstehen. Die war ja keine gewöhnliche Demenz, so alt war er nicht. Jetzt kommt die böse Geschichte.

Gay macht eine Pause. Sie schaut auf die Bunkerwand. Dann auf Andrew, auf ihn nur:

Lucie verriet mir, ihr Vater sei vor einem halben Leben die Schlüsselfigur bei einem geheimen Deal des Konzerns gewesen. Der Deal hat die Welt verändert. Er hat die Verhältnisse durcheinander geworfen. Als Lucie das Tagebuch ihres Vaters las und sich erinnerte, kapierte sie die Zusammenhänge. Sie sah was sie auf die Strasse getrieben hatte, damals, als sie siebzehn war. Lucie erzählte und zeigte mir Fotos: das pieknoble Reihenlandhaus in der Suburb, die keimfreie Aircondition der Salons, die schnieken Fauteuils aus weissem Velours, die Magnolienbüsche und die blühenden Obstspaliere an der Gartenmauer, welche das Glashaus abschirmt, die Rosenrabatten im makellos gepflegten Rasen, deren Parfum das Leben darin umhüllt. Da ist: die Antiquitätenpassion und das kotzlangweilige Teeparty-Zeremoniell der Frau, welche der Vater aus purer Konvention geheiratet hat, weil sie eine Partie war, die seine Karriere förderte. Und da ist: auf dem Kiesplatz geparkt der silberne Rolls-Royce mit dem Chauffeur an der Wagentür, der Vater beim Einstieg nach vorn gebückt im Profil, Diskretion und Etikette, die Abwesenheit des Vaters, seine Abwesenheit selbst wenn er zuhause weilt. Das abgefederte und geregelte Leben, der wöchentliche Raumreinigungsplan, das Wellnessprogramm, der Diätplan, der Ajurweda-Therapieplan, die Austern- und Trüffelkur, die wöchentliche Tantra-Massage als  Dienstleistung zur Sublimierung der abgestorbenen Libido, die sorgfältig geplante Erziehung der beiden Töchter in exklusiven Internaten und all der Quatsch. Eines schönen Tages sperrt die vorzeitige Pensionierung den Vater hinter die lackierten Türen. Seine Depression darf kein Thema sein! Seine verdüsterte Anwesenheit und die süssliche Fröhlichkeit, welche die Mutter um sie verbreitet, beides ist gleich unerträglich. Wenn aber von Hass die Rede ist, Lucie hasste nicht den Vater, sondern die Mutter. Sie war im Sommer vom Internat heimgekehrt. Die Menage zu viert - Lucies Schwester war zwei Jahre jünger - kotzte sie an. Lucie verspürte einen physischen Ekel vor dem Perlmutterglanz, welcher das Monströse kaschierte, womit der Vater beschäftigt gewesen war. Damals hatte sie bloss eine beklemmende Ahnung davon und sie kriegte einen Weinkrampf, als sie davon erzählte. Was wusste die Dame in ihrem Seidencocon, welche ihre Mutter war, von den verschlungenen Verpflichtungen hinter der Spiegelfassade des Konzern-Centers und dessen Forschungsabteilung. Lucie las ein paar Seiten aus dem Tagebuch vor: Es verschloss eine Selbstanalyse, hirnrissig und skrupelhaft, wie nur Lucies Vater sie schreiben konnte. Er war gegen sein Gewissen loyal gewesen. Er hat, sagte mir Lucie, die Wahrheit zur Währung gemacht. Er hat sie gegen eine Karriere getauscht, in welche er hineingezogen wurde, obwohl er sie als Wissenschaftler an der Spitze der Kernforschung nicht anstrebte. Der Deal, für den er sich mit seiner Reputation hergegeben hat, veränderte die Welt, merkt euch das!

Gay hält inne. Dabei schaut sie mir ins Gesicht. Vielleicht spürt sie, dass ich eine Frage stellen will. Ich habe Lucies Vater gekannt. Lange bevor Lucie aus diesen Verhältnissen ausbrach.
  
Lucies Vater ist eine lebende Mumie, sagt Gay. Was hat Joshua mit seiner Vergangenheit zu tun, fragt ihr. Mit Joshua hat Lucie das Geheimnis geteilt. The lethal secret!

Sagt das Tagebuch etwas darüber? frage ich.

Nein. Das Tagebuch enthielt wenig Präzises oder dann waren die Hintergründe und Namen eben verschlüsselt. Lucie erklärte mir, dass es um die Lieferung nuklearer Anlagen an eine Macht ging. Was weiss ich davon? Wenn Lucie mehr wusste, dann verschwieg sie es. Wir sprachen nicht darüber. Aber ich  weiss jetzt: Joshua hat damals „Contamination“ geschrieben. Das Geheimnis, oder etwas, was ätzend daraus in ihr Leben einfloss, hat sie auseinander gebracht. Und das endgültig. Sie haben Joshua ermordet. Sie müssen herausgefunden haben, dass er von der Sache wusste. Ich habe diese Ahnung, weil Lucie es mich merken liess ohne etwas zu sagen. Gerade, weil sie nichts sagte.

Da hatten sie mehr als bloss eine Ahnung, schaltet sich Craig wieder ein. Die Villa war verwanzt. Und ausserdem war ihnen nicht entgangen, wessen Tochter unter Joshuas rosa Taftlaken geschlüpft war. Sie müssen auf Lucie besonders scharf gewesen sein.

Gott, ich weiss nicht wo Lucie ist. Nach Joshuas Tod war sie in der Villa. Ich wollte zu ihr, weil sie mich brauchte. Lucie ist von Joshua schwanger. Auch das hatte sie mir in jener Nacht anvertraut und wir hatten Schweigen vereinbart, doch jetzt …! Ich wollte mit meinem Verdacht zu ihr, mit meinem ganzen Hass auch. Ich dachte, es wäre gut, Lucies Trauer in Wut zu verwandeln. Ich war mir sicher, sie wäre zu jeder Aktion bereit gewesen. Wir hatten eine Sache vorbereitet. Ich wollte mit ihr die Flugblattaktion besprechen und vieles ausserdem. Als ich zur Villa kam, hatte die Kriminalpolizei das Haus und das Gelände abgesperrt. Sie schnappten mich mit den Flugblättern. Ich fragte höflich nach Lucie, aber sie sagten, das gehe mich nichts an. Ich tobte. Ich hätte einem glatten Kriminaler die Augen ausgekratzt. Sie warfen mich in einen Kommandowagen und brachten mich ins Kommissariat.

Und dort haben sie dich gefoltert, sage ich.

Gay hat den Kopf auf ihre Arme gesenkt. Sie ist erschöpft. Sie hebt den Kopf und starrt mich an, nein, ihre Augen sind durch mich hindurch auf etwas anderes gerichtet.

Sie wollten von dir gar nichts erfahren, Gay, haben keinerlei Frage gestellt? will ich wissen.

Sie schüttelt den Kopf.

Sie haben dich überhaupt nicht verhört. Trotzdem haben sie dich gefoltert. Vielleicht haben sie dich zu Angriffen provoziert?

Gay fährt auf mich los: Journalistenfrage! Keine Ahnung, wie ein Elektroschock sich durch die Eingeweide frisst! Sie haben mich präpariert. Ich bin die geköpfte Truthenne, die sie vor eure Türe schmeissen.

Craig grinst: Sie können sich’s leisten. Sie brauchen gar keinen Grund. Nicht einmal mehr für einen Mord bräuchten sie einen Grund. Und wir leisten uns den Luxus, zerbrechen uns den Kopf und gestehen ihnen grosszügig irgendwelche faustdicken Gründe zu, auch wenn wir sie nicht kennen. Wirklich? Jedem Kid in den Slums ist klar: Es ist Krieg und keiner hat’s begriffen!

Andrew drückt seine Ledermütze auf den Stirnbuckel: He, Craig, bleib cool und brauch deinen Gripskasten! Wenn sie die Macht haben, dann können sie sich’s genauso gut leisten, etwas zu unterlassen, was wir ihnen in die Schuhe schieben. Sie warten bloss drauf, dass wir es tun. Wenn sie dann den Beweis springen lassen, haben sie die Macht, auch unsere Credibility zu zerstören. Und das werden sie tun, öffentlich, kannst beide Augen darauf wetten. Es ist Krieg, ja, aber das hat System: Sie heben die Banden aus.

Die mächtigste Gang schafft immer ihre Konkurrenz aus dem Weg. Machst du da einen Unterschied? Es geht doch um das Monopol. Um den letalen Dildo.

Craig hebt seine Alebox und blickt höhnisch in die Runde. Deniz leistet Support: Willst du aus Angst ewig die Strapse über deine Palme stülpen, Andrews, und ihren Dingsbums adorieren?

Andrews Lachen dröhnt durch den Bunker: Du bist der rechte Angstficker, wenn’s draufankommt. Wer die globale Strategie hat entscheidet den Krieg.

Die haben  w i r  wenn es um den sozialen Frieden geht, gibt Craig zurück.
   
Rudy ist in den Bunker getreten. Er hat den Schluss des Diskurses gehört und sagt ruhig:

Ihr wollt auftrumpfen. Aber das letale Ding schafft ihr nicht aus der Welt, schon gar nicht, wenn ihr es auf Gewalt anlegt.

Unsere Fraktion hat entschieden. Die Nacht wird heiss. Wenn sie unsere Forderung nicht erfüllen, locken wir sie auf die Dächer.

Craig sieht aus wie einer, der Kampf-Helikopter mit  Windmühlen verwechselt.

Kommst du, sagt Rudy zu mir.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen