Im steilen Treppenhaus eines Appartementblocks am Alpenquai von Luzern, Gründerzeitarchitektur, absolut diskrete Adresse, wurde die Leiche eines dänischen Ingenieurs aufgefunden. Seine Penthouse über der 7.Etage hatte einen direkten Liftzugang mit Sicherheitsschlüssel und Code. Der Tote war an einer Hirnblutung gestorben, die er sich beim Sturz über die Stufen am geschliffenen Gotthardgranit zugezogen hatte. Ein Jahr später starb der Neffe und Alleinerbe seines grossen Vermögens an Alkohol und einer Überdosis von Medikamenten im ererbten Appartement an derselben Adresse.
Der Ingenieur hatte eine Untersuchung der schweizerischen Behörden auf sich gezogen, weil sein Name auf einer Liste im Zusammenhang mit unerlaubten Lieferungen von Zündmechanismen für Mininukes an ein asiatisches Land aufgetaucht war. Die Zünder waren vom Konzern im Auftrag eines Rüstungsbetriebs hergestellt und mit offizieller Konzession Grossbritanniens an eine verbündete Macht geliefert worden.
Damals war ich Redaktor des renommierten Londoner Blattes SCAN. Längst war ich nicht mehr der blutjunge Reporter und Mitbegründer der Blog-Zeitung, welche sich vor Jahren unter demselben Namen einen zwielichtigen Ruf erworben hatte. Wir hatten unser E-Journal zu einem Spottpreis an SUN verkauft. Das Boulevardblatt integrierte uns in seiner Redaktion. Jill sicherte sich die Mehrheitsrechte an SUN und schnappte unseren Namen SCAN für ihren innovativen Brand, weil sie den aktuellen Marktwert unserer Schöpfung erfasste. Mich übernahm sie mit unserem SUN-Team für Spezialaufgaben. Doch die Ressorts wurden umgeordnet und wir bekamen ihren Stil schnell zu spüren: Im Karussell der Teams sass jeder in einem Schleudersitz.
Unser Team hatte noch unter der SUN-Direktion herausgefunden, dass der dänische Ingenieur, dessen Schweizer Firma mit Steuersitz in Zug an der Entwicklung der Zündmechanismen beteiligt war, sich auf Venture-Deals eingelassen hatte. Bei den folgenden Recherchen gingen wir von der Annahme aus, dass im Zusammenhang mit der angelaufenen Untersuchung zwei möglicherweise in die Sache verwickelte Parteien ein Interesse an seinem Tod haben konnten: eine vom Geheimdienst im Umkreis des Ziellandes gedeckte Organisation und eine mit Spezialgeschäften betraute Personengruppe innerhalb des Konzerns.
Mein Team-Kollege Mike war als Reporter ein gewiegter Equilibrist. Ich kannte ihn als Freund und wusste, dass er von einer Spielsucht losgekommen war. Mike hatte in seiner Schublade einen Thriller und war auf der Jagd nach Stoff. Bei seiner Arbeit als Sonderreporter lief er in Grenzsituationen Gefahr, die Kontrolle über seine Emotionen zu verlieren. Dann tat sich ein schwindelndes Loch auf und er begann Fantasie und Realität zu verwechseln. Das Risiko konnte einem Journalisten den Kopf kosten. Er anvertraute sich mir und ich hielt Wort, ihm im Notfall beizustehen. Wir teilten uns in die Recherchen, ich war sein Blaulicht. Mikes Kombinationsgabe war allerdings umwerfend. Wenn er einmal eine Spur gesichert zu haben glaubte und den Tritt fand, dann verfolgte er sie mit passionierter Akribie und einer hohen Erfolgsquote. Jill, unsere Chefin, steigerte seinen professionellen Eros zu kombinatorischen Höchstleistungen. Doch Mike war blind für das andere Risiko, in eine von Jills Schlingen zu tappen.
Jill hatte das aus der Liquidationsmasse von SUN herausgefilterte Redaktionskorps verjüngt und die Geschlechter numerisch und sozial - unabhängig von ihrem Ressort - gleichgestellt. Sie setzte voraus, dass wir alle fähig waren in möglichst vielen Ressorts abwechselnd Einsatz zu leisten, um unsere Erfahrung zu erweitern und unsere Aufträge im Kollektiv kritisch zu diskutieren. Das gefiel uns. Sie trieb uns an. Mit den Tentakeln ihres Charmes umwarb sie uns einzeln im Separée täglicher Informationskontakte, die sie systematisch arrangierte. Genau gesagt: sie kokettierte wechselweise mit jedem. Die Fleurts waren ihre perfide Strategie, die Kontrolle über ihr Personal zu intensivieren. Wer sich auf ihre Avancen einliess, sich als Grünschnabel im fallenreichen Gelände eine Karriere versprach und den Kopf verlor, was leicht geschah, erlebte mit der öffentlichen Abfuhr an der nächsten Redaktionssitzung seine Kaltstellung. Jill war knallhart. Wies sie einer Redaktionskraft eine krasse Fehlleistung nach, dann bedeutete das den gnadenlosen Rausschmiss.
Wir nannten Jill wegen ihrer Ambiguität im Flüsterton Sirene oder Klippenmonster. Das taten wir im vertrautesten Umkreis, doch wem war zu trauen? Mit besonderer Leidenschaft verfolgte Jill Paare, meist arglose Teammitglieder, die sich verknallt hatten, oder Erfahrenere, denen es trotz Vorsicht nicht geglückt war ihre Beziehung zu verheimlichen. Das bekam ich, obwohl nicht mehr naiv, im vierten Jahr unter ihrem Regime zu spüren. Laura und ich gingen uns in den Redaktionsräumen aus dem Weg, tarnten unsere Zuneigung hinter pflichteifriger Miene, gaben uns wechselseitig an Redaktionssitzungen spöttischen Statements preis, über die wir uns dann heimlich amüsierten. Alle reizvollen Tarnungsspiele nützten nichts. Jill musste was gewittert und uns ertappt oder ausspioniert haben. In jenem politisch und meteorologisch heissen Sommer, in dem Mike gefeuert wurde, war die Stimmung in der Redaktion aufs äusserste gereizt. Doch privat lebte ich in einem emotionalen Spannungshoch, das meinen Antrieb im Job stimulierte. Ich hätte meine Beförderung erwartet, hätte es eine Chance gegeben, und rechnete daher wenigstens mit einem Spezialauftrag, als Jill mich zu einem persönlichen Aperitif in ihr Büro rief.
Sie empfing mich charmant und der eisgekühlte Veuve Cliquot perlte in zwei hohen Kelchgläsern auf ihrem spiegelschwarzen Bürotisch, als sie aus einem halben Meter Höhe gezielt einschenkte und bemerkte, sie sei sicher, dass ich den Aufenthalt in einem kälteren Breitengrad bei der Hundehitze als Wohltat empfinden würde, welche mir mein anspruchsvoller Beruf biete. Ich erwartete das Aufgebot zu einer Mission in einem der lukrativen Offshore-Oelbohrfelder unter dem arktischen Eis, wo die Konkurrenz um territoriale Ansprüche und Stützpunkte eine politisch kritische Situation heraufbeschworen hatte. Doch sie fragte:
Hast du dir je Gedanken über die Fortpflanzungsrituale der Robben im Eismeer gemacht?
Das war nicht die Art der Prüfungsfragen, welche darauf zielen dich hereinzulegen, wenn du dir vornimmst dümmlich mit Wissen zu brillieren. Daher antwortete ich:
Ich hoffe nicht, dass du mich zu Beobachtungszwecken in das klimatisierte Eisterrarium des Londoner Zoos einsperren willst.
Als Student hatte ich bei Interviews für eine Zooreportage erfahren, artgerechte klimatische Bedingungen leisteten Gewähr, dass sich eine Robbenpopulation im Zoo reproduziert. Da einzelne Robbenarten ausstarben, war das von unschätzbarer Bedeutung und man hatte damals, nachdem man schon Regenwald-Biotope unter Glaskuppeln kopiert hatte, keine Probleme, sich die Mittel für einen gigantischen Arktis-Biotop und die kostspielige Klimaregulierung zu beschaffen.
Nein, antwortete Jill, sie habe für mich das grösste denkbare Freigehege ausgesucht, in welchem die durchsetzungsstärksten Männchen noch Harems mit fetten Weibchen um sich versammelten. In der Zoozucht würden Geschlechtspartner selektiv gepaart. Die künstlichen Bedingungen gäben für eine spannende Filmreportage kaum was her. Der wahre Lebenskampf und die unerbittlichsten Paarungskämpfe fänden am 80. Breitengrad statt.
Jill hatte eine Karte der Arktis über den Tisch ausgefaltet und unsere Champagner-Gläser aufs Eismeer gestellt. Ihre perlmuttene Nagelspitze wies auf einen Winzling in der riesigen Kreisfläche nördlich des letzten Breitengrads, deren Atlasblau sich von jenem der Irischen See oder der Aegäis nicht unterschied. Dann sagte sie:
Auf der Insel leben auch Eisbären und es gibt da eine mit dem nötigen Komfort ausgestattete Station, auf welcher ein wunderbarer Mensch namens Chris schon seinen dritten Sommer verbringt.
Und sie begann von Chris witzigen Robben- und Bärengeschichten zu schwärmen, als ob sie letzte Nacht in einer Bar hinter einem glutfarbenen Whisky an seinen Lippen gehangen hätte. Topkarriere, sagte sie dann und schlug übergangslos ihren sachlichen Tonfall an:
Chris wünscht, dass wir uns journalistisch für sein Projekt einsetzen und ich wünsche es auch. Ich versprach ihm meinen besten Journalisten zu schicken. Dein Flug nach Oslo ist für übermorgen gebucht und von dort ist alles arrangiert.
Ich erfuhr sprachlos, dass ich drei Monate zusammen mit Chris verbringen würde und dass das Projekt vom UNO-Umweltfonds finanziert werde, in dessen Forschungsprogramm es erste Priorität habe. Das sagte sie alles in einem Satz und dann: Alles klar?
Ich war mir unbestimmt bewusst, dass ich - meine sofortige Kündigung ausgenommen - ihrem Bannstrahl nichts entgegenzusetzen hätte. Trotzdem deutete ich an, dass die Eisbären mit mir Probleme haben könnten und ich Hemmungen hätte die biologische Harmonie zu stören. Ich wagte sogar zu argwöhnen, dass es sich bei Chris wohl um einen aufs Eis gelegten Eliteforscher handle. Doch ich kam bös damit an. Wäre es so, sagte sie, dann würde ich als ein aufs Eis gelegter Elitejournalist mit ihm bestens harmonieren.
Ich kannte die Konsequenz von Widersätzlichkeiten. S i e war der Chef und sie hatte ausserdem die Aktienmehrheit an der Zeitung. Meine Befürchtungen wegen der Eisbären bewahrheiteten sich in jenem arktischen Sommer ebenso wie Jills Meinung über Chris. Letzteres zum Glück. Als ich im Herbst zurückkehrte, hatte Jill den Verkaufsvertrag mit Mardock unterschrieben. Kurz nach den Ereignissen des folgenden Jahrs übernahm die Finanzgruppe des Konzerns durch den Erwerb der Mehrheitsrechte die Kontrolle über den Medienriesen. Das bedeutete für mich und die grosse Mehrheit der Kollegen unserer Redaktion das Aus. Die Eiswüste. Das war bloss logisch, wie wir uns stoisch trösteten.
Jill war indessen nicht die Sorte Topmanager, sich mit irgendeiner Macht zu arrangieren. Sie hatte mit Mardock im letztmöglichen Augenblick ein blendendes Geschäft gemacht. Sie kaufte sich in ein unabhängiges Medienunternehmen (gab es das noch?) mit Sitz auf Malta ein. Ich traf sie ein Jahr später bei einer Kunstauktion von Christies in London. Gilbert und George waren dort anwesend, hochbetagt. Sie bewegten sich vornübergebeugt an zwei silbernen Stöckchen und ihre Reid and Taylor Anzüge waren von tadellosem Glanz wie eh, nur etwas schlampig. I c h ging dort bloss meinem Job nach, doch Jill war jetzt der Chef und Hauptaktionär des Malteser Unternehmens und arrondierte bei Christies ihre Sammlung smarter Neowilder. Sie bot mir einen Posten an - ich halte ihr das zugute -, aber da hatte ich mich an das Leben im Freigehege schon zu sehr gewöhnt. Ich erinnerte sie:
Du hast Mike rausgeworfen. Mir hast du wenigstens die übrigens gut bezahlte Chance gegeben, das Leben in Freiheit zu üben. I h m nicht. Wie du weißt, hat er den Uebergang nicht geschafft.
Mike war nach Thailand verreist. Ich brauche Stoff, hatte er gesagt. Das war zweideutig. Und Ruhe, hatte er ergänzt. Dort sei beides billig zu haben. Wir hörten nichts mehr von ihm, unsere Mails blieben auf der Strecke. Nach dem heimtückischen zweiten Tsunami galt er zuerst als verschollen. Das war im Winter nach meiner Rückkehr aus der Arktis. Ich setzte mir in den Kopf nach Thailand zu fliegen und zu recherchieren. Doch dann traf ein an mich gerichtetes Paket mit Poststempel und Absender aus Thailand ein. Es enthielt das unfertige Manuskript des Romans und einen kurzen Brief, in welchem mir Mike mitteilte, dass er aus freier Entscheidung sein Leben beenden werde. Die Kopie einer Todesbescheinigung, welche ich bei der Nachfrage auf dem Einwohneramt seines Londoner Wohnbezirks erhielt, lautete kurz: Diseased.
Im Postskript von Mikes Brief war eine kurze Mitteilung an mich gerichtet: Mein Vater in Sheffield wird dir persönlich ein Dokument aus meinem Nachlass aushändigen.
Mikes Vater war ein pensionierter Kohlenmineur. Die Kohle war seit ihrem Niedergang im letzten Jahrhundert wieder rentabel geworden. Ihre Verbrennung galt als clean. Auch der Stahl wurde unter indischer Leitung wieder konkurrenzfähig. Doch sein Vater habe andere Zeiten erlebt, erzählte mir Mike. Aus einem Schenkelbruch im Stollen hatte sich nach der Operation eine Entzündung entwickelt. Eine erforderliche Transplantation lief schief. Trotzdem fiel eine Teilrente, auf die er Anspruch hatte, dem Cut zum Opfer. Ein Test erklärte ihn für vollarbeitsfähig. Jahrelang ging er hinkend in den Stollen. Als der indische Konzern die Zeche übernahm, wurden 2000 Kumpel mit einer symbolischen Rente entlassen, auch er.
Der alte Mann kam hinkend zur Türe. Er drückte meine Rechte mit seinen beiden knochigen Händen und zog mich, ohne loszulassen, in die Stube, deren girrende Polstermöbel nach Mief und Tabak rochen.
Wir sassen im Halbdunkel am Tisch. Da hatte Mike als Kind gesessen. Zwei Fotos von ihm standen ordentlich eingerahmt auf der Kommode. Die grössere zeigte ihn als College-Studenten: Verschmitzt grinsend hatte er in der steifen Haltung eines königlichen Gardisten sein Gratulationsbukett in der rosa Glanzfolie wie ein Gewehr über die Schulter gelegt und hielt in seiner linken Hand das Abschlusszeugnis hoch. Die kleinere zeigte ihn mit krummen Beinchen als Knirps an der Hand seiner Mutter auf dem Strand von Brighton. Ich machte zwei Schritte zur Kommode hin, um sie genauer anzuschauen. Die Mutter trug einen schwarzen Kübelhut mit einer aufgesteckten Feder. Halb zum Kleinen hinabgebückt, blinzelte sie mit schelmischen Augen in die Kamera.
Mit einer stummen Geste beider Fäuste, welche er an den Hals legte, deutete der alte Mann auf meine zögernde Frage an, wie Mike es getan hatte. Mit roten Augen schüttelte er den Kopf. In einem Hotelzimmer in Phuket, sagte er nach einer Weile. Ich sah, wie sein dürrer Adamsapfel krampfhaft zuckte. Dann zog er stumm eine Schublade und entfaltete aus einem zerrissenen Stück Packpapier ein Paket. Er habe mich erwartet, Mike habe ihm viel von mir erzählt, sagte er. Mir das Paket zu übergeben, betrachte er jetzt, nach dem was unabänderlich geschehen sei, als den letzten Auftrag seines Sohnes. Mike habe ihm, bevor er verreist sei, eingeschärft, dass es in keine Hand gelangen dürfe - ausser in meine!
Das schmale Dossier, doppelt in dicke Plastikfolie verpackt, welche mit schwarzem Klebband vermacht war, enthielt neben technischen Details zu den Mininukes und Zahlenmaterial zum nuklearen Brennstoffkreislauf offensichtlich verschlüsselte Hinweise auf den Inhalt einer Reihe von Besprechungen zwischen dem dänischen Ingenieur und Lucies Vater. Die Codes ihrer Namen waren rot markiert und am Rand hatte Mike ihre Identität notiert. Die letzte Besprechung hatte in London gerade vier Tage vor dem merkwürdigen Tod des Dänen stattgefunden. Das Datum war ebenfalls rot markiert, zweifellos wollte Mike meine Aufmerksamkeit darauf ziehen. An den Rand hatte er einen Pfeil gesetzt, welcher nach oben wies. Die Daten früherer Treffen, einige mit anderen Vertretern des Konzerns, fielen alle in die Zeit vor dem Beginn der Nachforschungen durch die Schweizer Justizbehörde. Bevor diese anliefen, war der Kontakt offenbar abgebrochen worden.
Mike musste sich nach seinem Rausschmiss aus der SCAN-Redaktion, ganz auf sich allein gestellt, gefährlich nahe an eine Fährte herangearbeitet haben. Wie das Dokument zwischen seine Finger geriet, konnte ich nicht nachvollziehen. Wahrscheinlich war er untergetaucht, um zu recherchieren. Seine bevorstehende Abreise hatte er vorgetäuscht. Aus den Angaben seines Vaters schloss ich, dass er erst Monate später nach Thailand abgeflogen war. Vielleicht hatte er London zu dieser Zeit fluchtartig verlassen, um seine Spur zu verwischen. War das am Ende nicht gelungen? Das Dokument in den Händen, begann ich mir ernstlich Gedanken zu machen, ob Jill, als sie mich in die Arktis schickte, wohl nichtsahnend verhindert hatte, dass mein eigenes Leben in Gefahr geriet.
Die Life-Projektion schwebte gigantisch über dem Podest. Sein Gesicht stach lila gegen den luzidblauen Hintergrund ab. Das Spiel seiner Sprechmuskeln und die fleischige Hakennase wirkten zyklopisch. Er artikulierte die Akzente präzise und seine rechte Hand schleuderte gefiederte Wurfpfeile in den Saal. Eingeübte Pantomime rhetorischer Performance. Ein seidener Glanz schimmerte auf dem blauen Brustteil seiner Krawatte. Demonstrativ wie eine Faust wuchtete ihr roter Knoten unter seinem schick abgefederten Kehlkopf. Im Flutlicht kniff er seine Augen zu, zwei gebogene Schlitze zwischen wulstigen Lidern. Doch die Brauen hatte er hochgezogen: kühn ihr Schwung und imponierend die Flucht der breit gewölbten Stirn. Das etwas ruppige, mit Spray gezähmte Haar schlug eine flache Welle; es war links gescheitelt, hinter den Ohren locker zurückgekämmt und wucherte buschig in seinem Nacken.
Lucie wird damals etwa zwölf Jahre alt gewesen sein.
Das Original von Lucies Vater, bei seinem Auftritt von Kamerablitzen umflackert, stand als winzige Halbbüste vorn am schlanken Katheder. Er war Direktor der Forschungs- und Entwicklungsabteilung und gehörte zur Konzernspitze. Hinter ihm, über dem Elfenbeinschimmer ihrer Pultfront, waren im Viertelrund die massgebenden Coachs und Experten des Konzerns versammelt. Einer fehlte. E r trat schon damals im Rahmen von Medienanlässen kaum je an die Öffentlichkeit.
Mike würde die erste Frage stellen, so hatten wir es vereinbart. Der Ablauf war streng geregelt. Wir hatten wie vorgeschrieben drei schriftlich formulierte Fragen eingegeben. Damit waren wir als Gäste registriert. Es war vorgesehen, dass wir unsere Fragen im Anschluss an die Medieninformation über strukturelle Veränderungen und Projekte des Konzerns der Reihe nach stellen durften. Wir waren mit den Usanzen vertraut. Wenn das Thema einer Frage bereits behandelt war, dann wurde sie kurzerhand übergangen. Verbindlich war ihre Beantwortung ohnehin nicht. Nachfragen waren grundsätzlich nicht gestattet und wurden nur ausnahmsweise akzeptiert.
Unsere Hauptfrage betraf Spekulationen über den Deal mit den Zündern für die Mininukes. Das asiatische Zielland des legalen Exports war in die Koalition eingebunden. Doch führte eine Spur über die Tigerstaaten und ein Emirat auf das Territorium der islamischen Vormacht. Mike legte los. Er war nervös, seine Stimme verriet seine nur mit Not unterdrückte Erregung.
Die Antwort des Forschungsdirektors auf dem Podest liess das internationale Netz der technischen Kooperation strikt aus dem Spiel. Die Behörden kontrollierten, wie der Redner zur Kenntnis gab, den Ablauf des legalen Exports. Jedes Einzelteil sei deklariert und jede Sendung würde auf dem gesamten Transportweg minutiös überprüft. Die Erfüllung der rigorosen Vorschriften würden zudem von der Kommission Schritt für Schritt überwacht. Falls es irgendwo eine Lücke gäbe, dann müsste man den Schluss ziehen, dass die Durchsetzung der politischen Vereinbarungen im Zielland nicht gewährleistet wäre. Der erwähnte Fall entzöge sich aber dem Verantwortungsbereich des Unternehmens und sei ausserdem zu dieser Zeit hypothetisch. Sofern das Thema substanziell werden sollte, richte sich die Frage nicht an den Konzern, sondern an die Träger der politischen Verantwortung.
Damit war unsere erste Frage vom Tisch. Ich war aufgefordert, die zweite Frage zu stellen. Doch Mike legte schnell seine Hand auf meinen Arm, schoss auf und stellte die Nachfrage. Er kontrollierte jetzt seine Spannung, weil er die Emotion zuliess, er fragte kurz und präzise:
Hat die Konzernleitung die politischen Interessen der indischen Teilhaber gründlich analysiert, als sie ihr Kapitalangebot annahm? Auf Mr. Khoy ist bekanntlich ein schwerer Verdacht gefallen. Hat der Konzern mit Mr. Khoy, welcher ein Jahrzehnt in Grossbritannien an Projekten mitarbeitete und später für entscheidende Jahre Direktor des indischen Atomprogramms war, nicht einen Dr. No an Bord genommen?
Die Pointe war eine kleine Stinkbombe. Es war, als ob Lucies Vater mit einer wegwerfenden Geste den Rauch eines Knallers vor seinem Gesicht fortwedelte. Dann antwortete er mit einem entwaffnend sanftmütiger Herablassung:
Mr. Khoy trägt einen Reid and Taylor Anzug wie Mr. Bond. Sie werden nicht bestreiten, dass Scotch Quality heute auch in Indien das beeindruckende Merkmal eines Gentlemans ist. Ich persönlich schätze an Dr. Khoy, soweit ich ihn durch langjährige Zusammenarbeit persönlich kenne, das saubere Denken und die Gewissenhaftigkeit an der Grenze der Selbstaufgabe, welche ich in der Medienbranche vermisse. Ich erwarte die nächste Frage. SCAN hat noch eine Frage übrig.
Die Ausnahmebehandlung war schätzenswert. Ich musste mich schnell entscheiden. Statt das - trotz aktueller Daten, mit welchen ich aufwarten konnte - leicht angegraute Thema der verschwundenen Plutoniummengen aufzuwärmen, fragte ich:
Die multinationale Verzweigung der Konzernaktivitäten hat, wie wir heute erfahren, eine neue Dimension erreicht. Sie zwingt einem Unternehmen, welches in einer so subtilen und militärisch relevanten Branche agiert (ich imitierte bei der Aussprache seinen Tonfall), eine nahezu übermenschliche Verantwortung auf. Wenn ich sage „nahezu“, so ist das eine Untertreibung. Die politische Verantwortung ist in der Tat übermenschlich und könnte auch das Entscheidungskollektiv des Konzerns überfordern. Sind sie als projektverantwortlicher Direktor absolut sicher, dass sämtliche an einem Projekt beteiligten Unternehmen und Personen ihre Verantwortung in loyaler Abstimmung mit rechtsstaatlichen Verträgen wahrnehmen?
Lucies Vater zog die Brauen zusammen, so dass eine tiefe Falte seine Stirn teilte, und erwiderte:
Die Frage ist durch meine Ausführungen im Grunde bereits beantwortet. Aber ich will der ernst gemeinten Besorgnis der Presse die Achtung entgegenbringen, welche der Konzern auch der politischen Behörde zollt. Ja, ich bin aufgrund der umfassenden Sicherheitsmassnahmen, welche der Konzern sich selbst in sorgfältiger Abstimmung mit den Verträgen auferlegt, restlos davon überzeugt. Doch n u r Gott kann ihnen - ein Lächeln zauberte die Falte weg - eine absolute Gewähr geben, dass eine nach menschlichem Ermessen unwahrscheinliche Abweichung auch niemals eintritt. Im Uebrigen will ich ihnen zu unserer wissenschaftlichen Betrachtungsweise noch eine Beispiel geben und damit zugleich auf die zweite Frage ihrer Eingabe antworten: Der Verlust bestimmter geringer Mengen an hochradioaktiven Substanzen liegt bei komplexen technischen Verfahren dieser Art innerhalb der theoretischen Wahrscheinlichkeit. Daran ändern angesichts der gesteigerten Umsätze auch die neuesten Zahlen nichts.
Das war Pastorenmoral auf heissen Reporterkäse. Wir hatten nichts Griffiges in der Hand. Der Schluss war purer Hohn, aber das änderte an unserer blamablen Abfuhr nichts. Wenn Mike kurz die Kontrolle über seine Emotionen verlor und der Antwort in den Raum unaufgefordert die Frage nachrief, was „in Abstimmung mit den Verträgen“ im Fall der Proliferation von Zündern konkret bedeute, so durfte der Redner sie unbedenklich ignorieren.
Seit meinem Besuch beim pensionierten Kohlenmineur hatte ich etwas in der Hand. Doch es war die Hinterlassenschaft eines Toten, den ich dazu nicht mehr befragen konnte.


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