Montag, 2. Juli 2012

8. Anafolie







Ich suche nach dem Schlüssel von Mikes Hinterlassenschaft.

Das in Plastikfolie verpackte Dossier enthält kodierte Hinweise auf Besprechungen. Beweisen sie eine Verbindung zwischen Lucies Vater - dem Konzern! - und dem dänischen Ingenieur?

Mikes Manuskript ist das Fragment eines Romans. Habe ich es als Dokument zu lesen? Belegt es einen Zusammenhang mit dem Gegenstand unserer damaligen Recherchen?

Was den merkwürdigen Unfalltod des Ingenieurs und die Todesumstände seines Neffen in Luzern anbelangt, so wurde von Seiten der Schweizerischen Staatsanwaltschaft keine Mordanklage erhoben. Die Autopsie der Leichen erbrachte keine Verdachtmomente auf Fremdeinwirkung, wie es damals hiess. Die Todesursache galt offiziell in beiden Fällen als natürlich. Fragen blieben zwar offen, aber weitere Kommuniqués waren nicht erforderlich gewesen. Die Staatsanwaltschaft gab wahrscheinlich nicht so viel preis, als sie wissen konnte. Der Verdacht war nicht auszuräumen, dass sie offiziell nicht mehr wissen durfte. Ein unabhängiger Insider, der sich in den Gesetzen amtlicher Verschwiegenheit auskannte, sagte zum Fall: Spuren möglicher Zusammenhänge entziehen sich im Umkreis einer Grauzone. Juristenjargon. Undurchsichtige Sache, hätte er sagen können. Oder: transnationale Filzetage.

Bis heute rätsle ich über das Romanfragment. Ist die Erzählung über Mowles Beziehung zu Rob und ihr beklemmendes Ende authentisch? Da mir Mikes Craziness vertraut ist, halte ich sie für realitätsnahe. Ich nehme an, dass er die letzten Kapitel verfasste, nachdem er sich von Grossbritannien abgesetzt hatte. Zu verschwinden hatte er einen triftigen Grund, da bin ich mir sicher. Der Umstand, unter dem die Bekanntschaft mit dem Physiker der Forschungsabteilung zustande kommt, wecken Erinnerungen. Die Redaktion schickt Mowles zur Reportage über eine Klatschhochzeit. Weil er den Yellowjob dem Schicki von Worldsweek anhängt und im Austausch an die Hightech-Performance des Konzerns geht, begegnet er Rob. Kaum ein purer Glücksfall. Ist das Fiktion?

Schon gut ein Jahr bevor sie Mike auf die Strasse und mich auf das Eismeereiland setzte, hatte Jill angefangen uns die heikeln Recherchen zu entziehen. Sie überliess uns auffällig konsequent die Glamour-Events. Nicht dass unter dem irisierenden Firnis von Galaparties keine politisch brisanten Beziehungen gepflegt wurden, Lobbyisten ihr Garn auslegten und Leute (auch hochkarätige Politiker) auf glattem Parkett in Fussangeln traten, wie ein Chicki sich verschrieb. Die Metapher vom klebrigen Parkett wurde eine kurzen Sommer lang in die Quatschrunde geworfen. Doch der Ausdruck sticky machte das Rennen. Einfach so. Es liess sich beliebig verbinden, ersetzte Sätze. Mardock war ein Synonym. Er verkörperte und war, als Comicschurke, Mr. Sticky. Im Dunst des Medientycoons mottete der Stoff zukünftiger Affären, welche wir uns gerne unter die Finger gerieben hätten. Doch Jill bediente den Boulevard, wie uns auffiel, zunehmend selektiv und beschickte die special events mit Leuten, die ihr besonderes Vertrauen genossen. Events und Stoff jeder Sorte gab es indessen mehr als genug.

Es war die exzentrische Zeit des Dschungelbase, des Label-Fetischismus und des schrägen Designs, als die Miet- und Immobilienpreise hochschossen, obwohl verschwenderisch viel Raum mit Absicht leer stand. Dieser Raum wurde aus Protest und Lust von umtriebigen Leuten besetzt, welche die irrwitzige und gehätschelte Kulturszene inspirierten. Die Squats waren chick, denn sie galten als Provokation der Politik, welche sich in eine schmierige Liason mit dem Finanzdschungel eingelassen hatte. Aber sie waren illegal und wurden nach einer Kraulkarenz kriminalisiert. Bei der Gelegenheit eines Events der Szene lernte ich Ana kennen. Der Grieche, Stavros hiess er, setzte das Motto des Showbooms in Umlauf: God safe the fashion! Ana trat zusammen mit Charlie de Mindu in einem langen Kleid aus Fingernägeln und Menschenhaar auf den Laufsteg. Ihr eigenes Haar hatte sie geopfert, sie war kahl, aber ihr blasses Gesicht trug eine indianische Kriegsbemalung: Schlitze in Ocker, Gelb und Blau. Zwischen schwarzen und weissen Monden blitzten ihre gesprenkelten Pantheraugen. Ihr Porträt erschien auf der Frontpage von Harpers.

Die Form, in welcher ich Anas Geschichte damals aufzeichnete, war nicht zur Publikation bestimmt. Weder im Scan noch bei Harpers. Ich traf sie zu einem Interview in einem abseitigen Off-Pub von Soho, welches wenig frequentiert und daher ruhig war. Ana erzählte. Ihr Blick suchte einen Horizont, der mir, ihrem Zuhörer, verborgen blieb. Sie hatte, als sie abgeschminkt in einem unauffälligen schwarzen Seidenkleid neben mir an einem runden Tischchen sass, den Ewigkeitsblick ägyptischer Totenporträts. Sie war beides zugleich: vollkommen anwesend und träumerisch abwesend. Manchmal zauberte eine Vorstellung ein entzückend-mädchenhaftes Lachen in ihr Gesicht und sie kicherte drauflos, legte dabei ihre Hand auf meinen Arm. Erzählte sie, liess sie sich durch keine Frage unterbrechen. Das Interview kam nicht zustande und ich liess es zu. Sie blieb auf Fragen stumm, weil es in ihrer Grammatik Fragen nicht gab. Ich hörte ihr fasziniert zu, denn was sie erzählte, war rückhaltlos eigensinnig und privat, doch zugleich von ungewöhnlicher Poesie. Ich zitiere wörtlich:


Die Wellen spülten über den glitzernden Sand wie eine Schaumcreme, Tiramisu Chinois. Weißt du: süss und gelb. Pausenlos diese langweilig singende Musik. Das schmelzende Vibrato kam von der Bar auf der Terrasse herauf. Ich sah das Meer durch den Spalt der Vorhänge aus schwerem Velours. Ich sass immer im Halbdunkel und blickte auf das Meer. Sein Spiegel morgens Purpur, mittags Jade, zur Teezeit Bernstein, dann gegen Abend Lila und Purpur. Auf den Felsbänken unter dem Spiegel spannten die Muschelkolonien ihre klebrigen Fäden und die Purpurschnecken bohrten mit Säure speichelnden Kiefern Löcher in ihre Schalen, um die Muscheln, sofern sie sich im klebrigen Netz nicht tödlich verfingen, in sich zu saugen.   

Ich dachte, ich wollte mir die Pulsadern - ein Schnitt, weißt du, dann wäre nichts mehr ausser das in den Höhlen schwabbernde Meer, die Muschelbänke, der tanzende Tang, der gelbe Sand. Doch abends ging draussen ein Sturm vorüber. Da sah ich den Kopf im Wasser auftauchen, verschwinden, auftauchen. Der Schwimmer. Jeden Abend um dieselbe Zeit kam er, warf sich mit beiden kreisenden Armen vorwärts, verschwand in der Richtung der Kowlon-Inseln. Und kam nie zurück. Aber ich wusste, er musste zurückkehren, denn er kam ja wieder, schwamm durch die Bucht, jeden Abend. Ich wartete auf ihn. Und ich tat es nicht. Ich hielt mich an der Spur meines Lebens fest und fing am Tag an zu lesen, um die Zeit des Wartens zu überbrücken.

Nach sechs Tagen ging ich auf den Lido. Als ich zur Teezeit, den blendenden Spiegel im Rücken, über die Terrasse des Repulse-Hotels ging, kam mir vom Entrée ein Japaner im weissen Bademantel entgegen. Sein Teint war bronzen, er zog den Bademantel vor der Treppe aus und legte ihn auf einen der Korbstühle. Dann ging er über die Treppe zum Strand hinunter, watete ins Meer und schwamm in der Richtung, die ich kannte. Ich blieb an einem der runden Tischchen sitzen, sog an einem Tequila-Halm und las. Ich las einen Roman über einen chinesischen Knaben in Nanking, dessen Eltern von den japanischen Invasoren abgeschlachtet werden. Der Knabe muss mit dem Trauma dieses Mordes leben, den er nicht versteht. Eine Geisha erweicht das Herz eines hohen Besatzungsoffiziers, nimmt den Jungen mit nach Nippon und adoptiert ihn.

Ich sass lesend und der weisse Bademantel hing über der Korbstuhllehne. Der Himmel dunkelte schon purpurn, als der Japaner zurückkehrte. Er kam zu Fuss den Lido herauf, ich hatte das Buch geschlossen und sah ihn von weitem kommen. Er stieg über die Treppe herauf, warf sich den Bademantel über die Schulter. Ausser ihm und mir war kein Mensch mehr auf der Terrasse. Der Stoff seines Mantels leuchtete im Dunkeln weiss und er kam direkt auf mich zu und fragte ohne sich vorzustellen, ob ich für ihn Kleider tragen wolle, welche er herstellen lasse.


Genau so hat mir Ana an jenem ersten privaten Abend im Pub von Soho die Geschichte ihrer Begegnung mit dem japanischen Designer Yokoshima erzählt. Als sie innehielt, weilte ihr Blick lange auf einer chinesischen Meerlandschaft aus der frühen Mandschu-Dynastie, welche zwischen den roten Papyruslaternen an die Rückwand der Bar kopiert war. Auf einmal begann sie zu kichern und stellte mir eine Frage, welche auf keine Antwort wartete: Hast du jemals den Tangtango tanzen sehen? fragte sie, darauf summte sie die Verse aus Paul McCartneys Song: Good day Sunshine, we take a walk, the sun is shining down, then we lie beneath a shady tree. An diesem Abend liess sie mich beschwören, dass ich ihre Geschichte nicht publizierte. Wir trafen uns im selben Jahr jener verrückten Zeit und noch im letzten vor meinem heissen Sommer im Eismeer oft. Ich begleitete sie und lernte ihre Lebensgeschichte kennen.

Ana war mit fünfzehn Jahren bei einem Model-Wettbewerb, den ein Shopping-Center anbot, vom Laufsteg weg für Modeaufnahmen in Kleiderkatalogen und Jugendzeitschriften engagiert worden. Drei Jahre später verpflichtete sie sich bei einer mediokren Modeagentur in Chelsea für gelegentliche Modeschauen und Fotoshootings, doch die Honorare reichten nach Abzug der Spesen kaum zum Leben. Sie jobbte und studierte nebenbei Kunstgeschichte und englische Literatur. Ihre Eltern waren geschieden. Der Vater war Vertreter einer Maklerfirma. Er lebte vom Honorar lukrativer Vertragsabschlüsse. Obschon er während der globalen Krise am Offshore-Investment flottierender Milliarden aus den Krisenländern glänzend verdiente, zahlte er Ana, nachdem sie zwanzig geworden war, keinen Cent an ihr Studium.

Kunstgeschichte studierte Ana, weil sie das Gefühl hatte, eine Art von Alibi zu benötigen. Ihr Freund war nämlich in das Geschäft mit der Kunst eingestiegen und wollte so eine sexy Galerie aufbauen, wie er sich ausdrückte. Doch er war dabei ziemlich erfolglos, weil er die Sache nicht ganz machte. Sie spürte es und sagte ihm: Du musst dein Leben dafür hingeben. Weil chinesische Kunst, besonders Design, hoch trendig war und er damit ins einträgliche Geschäft zu kommen hoffte, nahm er Ana nach Hongkong mit. Doch er liess sie mit ihrer Depression tagelang allein in dem Drittklasshotel sitzen, wo sie durch den Spalt zwischen den Velours-Vorhängen aufs Meer hinausblickte und die marternde Musik von der Terrasse drunten nicht ausblenden konnte.

Sie hatte damals während Wochen nur genippt, war hyperschlank, hochgewachsen und hatte den Gazellenschritt. Yokoshima war eines seiner Models ausgefallen. Am selben Abend, als er ihr das Angebot machte, bestach Ana auf dem Laufsteg des Repulse-Hotels vor den Gästen eines Mode-Kongresses. Sie blieb in Yokoshimas Team und zog nach Tokio. Ein Jahr darauf flog sie mit dem Team und ihrem neuen Freund, einem japanischen Ringboxer, nach London.

Nach dem Terrorblast in Manchester zahlte Yokoshima drei Millionen, um ihren zerbrochenen Körper wieder herzustellen. Das Chirurgenteam einer Londoner Luxusklinik implantierte im Lauf zahlloser Eingriffe Nanotechnologie und Genmaterial. Sie ersetzten Haut und Knochenteile, Sehnen und Muskelfasern, verschweissten Nerven, modelten ihr Gesicht, ihre Glieder, ihre Brüste. Nach zwei Jahren Therapie war ihr Körper geschmeidig wie eine Raubkatze, ihr Schritt nicht schlaksig, sondern weich und federnd. Ihre Linie und Masse waren ideal und ihre Narben galten als schön, denn Realo-Tatoo war zu der Zeit Kult. Sie war das Robot-Model, von dem Yokoshima träumte. Aber ihre Seele hätte er auch mit drei weiteren Millionen nicht in ihren Körper zurückzaubern können. Ihr zerstörtes Selbst, das sich ins Innerste ihres Körpers zurückgezogen zu haben schien, konnten die Chirurgen nicht reparieren, die Therapeuten nicht wieder beleben.

Die zielgerichtete Selbstkontrolle über zwei Dutzend Laufsteglängen war nicht anzutrainieren. Ana war nicht mehr laufstegtauglich. Doch Yokoshima liess sie nicht fallen, er zahlte ihr eine Rente. Missgünstige Konkurrenten streuten das schnöde Gerücht, Yokoshima habe für sich die ideale Maitresse kreiert. In Wahrheit aber - das weiss ich von seinem britischen Biografen - nannte er nach ihr eine seiner techno-futuristischen Kreationen, in welcher sich platinfarbene Faserlamellen mit Hilfe von integrierten Mikromotoren von selber bewegten und verwandelten. Diese durch den Samurai-Look inspirierte Kollektion taufte er: Anafolie. Das war alles.

Die chicke Yellow-Fiktion ihrer Lebensgeschichte für Harpers oder Scan habe ich nie verfasst. Nach meiner Rückkehr vom Eismeer besuchte ich Ana häufig in der Klinik. Ihr Zustand veränderte sich oft im Wechsel von Stunden und Tagen. Eines Tages blieb sie stumm. Sie schaute mir mit ihrem Ewigkeitsblick ins Gesicht. Ihre Präsenz schien völlig verinnerlicht. Trotzdem schenkte sie mir ein Zeichen, dass sie mich erkannte, denn sie summte auf einmal ohne äusseren Anlass die Melodie von Good Day Sunshine. Ich erinnerte mich in diesem Moment an einen Satz Jim Warboys. Als ihn ein Reporter fragte, was er jetzt gerade für den heissesten Trend im United Kingdom halte, antwortete er: Darkness glowing with hope.

Ana lebt mental in einer anderen Zeit. Sie war seit ihrer Rekonvaleszenz immer unter uns. Doch die Zeit ist in ihr selbst verrückt.

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