Wenn jemand einen Schlüssel hatte, den Schlüssel mit dem Code, dann war es Lucie. Lucie war der Schlüssel zum Labyrinth eines Zusammenhangs, dem ich mit Mike damals erfolglos auf der Spur war.
Gay hatte Lucie nach Joshuas Tod nicht mehr getroffen. Sie wusste nicht, was mit Lucie geschehen war und geschah. Die Organe der Security hatten Gay auf dem Areal von Joshuas Villa festgenommen, jedoch nicht verhört. Sie folterten Gay. Lucies Name wurde während ihrer Haft überhaupt nicht erwähnt. Ein Verhör Gays war für die Durchsetzung ihrer Ziele nicht einmal relevant. Sie verfolgten mit ihr, wie es schien, ein besonderes Ziel.
Joshua war tot. Es gibt über Joshua Legenden. Es gab sie schon lange vor seinem Tod. Jetzt entstehen Varianten einer neuen Legende. Eine davon ist: dass Joshua lebt. Eine andere verfestigt Gerüchte: dass Craig ihn umgebracht habe, um an sein Vermögen zu gelangen, welches, wie man zu wissen glaubte, von Joshuas Bodyguard und zwei Vertrauten seiner engsten Umgebung verwaltet wurde. Eine dritte: dass Joshua sein gigantisches Vermögen, von dem er einen Teil in den Unterhalt des Clubs investierte, welcher den Namen Connection trug, im Fall seines Todes ganz an den Club vererbt haben würde. Es handle sich um eine dreistellige Zahl von Millionen, wurde kolportiert. Um eine Milliarde gaben andere zu wissen vor.
Wie der Club zerschlagen wurde, der Clan sich zersetzte, bevor er zerfiel und sich unter dem Druck der Security partikulierte, darüber gibt es widersprüchliche Berichte. Der Club existiert nicht mehr, der Zusammenhang hat sich radikal aufgelöst und die Rekonstruktion des Vorgangs ist da, wo ich heute mit wenigen Zeugen überlebe, nicht oder nur fragmentarisch möglich. Mit der Schuld des Unwissens, mit dem in der Ungewissheit aufkeimenden Gefühl der Schuld, welche wir mit uns tragen, verhält es sich wie mit der Kontamination durch radioaktive Partikel, dem Outfall des Terrors. Die Situation, in der wir uns befinden - Übriggebliebene, Versprengte an der atlantischen Küste, vom Atlantik umgeben - ist schwer einzuschätzen. Ich rekonstruiere, zeichne auf. Das Verrückte ist, dass die Zeit sich an diesem Ort aufgelöst hat. Oder dass unser Bewusstsein sie unter den veränderten Bedingungen in eine andere Dimension transponiert.
Wir versuchen diese Situation zu verstehen, um damit fertig zu werden. Die Auflösung der Zeit, wie wir das Phänomen unserer Wahrnehmung bezeichnen, verfolgen wir zurück. Es begann mit der Auflösung der Connection. Mit dem finalen Drama, ja. Doch wenn ich genauer überlege, setzte sie lange zuvor ein. Sie begann mit dem Übertritt in das innere Exil, wie ich es nennen will. Zuerst schleichend, dann, in gewissen Momenten als bewusste Wahrnehmung eines Akts. Als Entscheidung. Wir trafen sie dann, wenn wir etwa im Wasser eines Flusses standen, der unsere Füsse umspülte, und zu einer Autobahn hochblickten, welche über uns den Fluss sechs- oder auch achtspurig überbrückte. Wir traten aus dieser Zeit, welche wir bisher als geteilte wahrgenommen hatten, allmählich aus. Der Prozess dauerte lange Zeit, doch er war unwiderstehlich. Der Rhythmus der Musik drang in uns ein. Die Ohrclipse brauchten wir nicht mehr dazu. Der Rhythmus hatte seine Macht in uns entfaltet. Die Musik war in uns.
Dass die reale Macht und ihr bewaffneter Arm, die Security, existiert und sich um ihre Fortsetzung so wenig zu kümmern braucht wie um uns, stellt keiner von uns in Frage. Nicht jetzt. Aber die Dialektik der Geschichte ist unter uns Gegenstand einer theoretischen Diskussion, die uns geistig wach hält, während wir die praktischen Probleme des täglichen Überlebens regeln. Eine Übung, deren Verrichtungen sich schnell und selbstverständlich eingespielt haben.
Die folgenden Aufzeichnungen, welche das Drama der Auflösung festhalten, sind aus der Erinnerung verfasst. Die Zeugenschaft von Gay und Andrew sind für mich eine inspirierende Hilfe. Das Manuskript entwickelte sich ähnlich wie die literarische Auseinandersetzung mit einem Traum. Sein Thema ist denn auch ein im Gedächtnis eingegrabener Alptraum. Wie könnte ich die Ereignisse sachlich dokumentieren, also strikt dokumentarisch verfahren, wo sich die Einzelheiten, so klar sie das Gedächtnis speichert, in einem Zusammenhang entziehen, welcher sich - jedenfalls unter den gegenwärtigen Bedingungen - nicht mehr bruchlos rekonstruieren lässt. Und wo die Stimmung allein so übermächtig nachwirkt, dass sie die nötige Abstraktion nicht zulässt? Die Präsenz der Stimmung ist der Grund, welcher mich veranlasst, die Wiedergabe der Ereignisse im Präsens zu verfassen. Dies ist mein Zeugnis:
Als wir durchs Gedränge im Korridor der Connection-Lounge zur Bar gehen, schaut Rudy über die Schulter zurück. Sein Mumiengesicht ist zu einem Lachen verzogen, schmerzlich und triumphierend, beides. Sein Lachen bleckt die Zähne bis auf ihre vom Zahnfleisch entblössten Hälse. An seinen Schläfen treten die Adern hervor.
Craigs Leute sind bereits in Aktion. Braggart, sagt Rudy, und schnappt sich mit drei Fingern eines der Flugblätter.
Am Tresen schiebt er mir das Flugblatt zu, das er schon kennt. Seine Augen brennen in ihren tiefen Höhlen. Ich lese:
FUNERAL-CONCERT.
ÜBERFÜHRUNG VON JOSHUAS LEICHNAM VOM ZENTRUM ZUR MALLOWER STREET
Darunter das Datum. Morgen. Ich schaue zweimal, muss mich fast kneifen, so surreal scheint mir die Sache. Das liegt vielleicht an der gruftigen Bunkerluft. Oder am Brabumm in den Ohren. Die Bar dröhnt wie immer. Morgen, sage ich vor mich hin wie: Okay. Aber okay ist nichts.
Im Stadtzentrum ist das Innenministerium mit dem Criminal-Departement. Und das Gerichtsmedizinische Institut, der Ort wo Joshuas Leichnam mutmasslich tiefgekühlt aufbewahrt wird. Eine Zusage des Ministeriums gibt es nicht.
Wir finden einen Stehplatz auf der Rückseite des Bar.
Rudy weiht mich in Craigs Plan ein:
Sie wollen ihn mit seinem silbernen Bentley überführen. Sie montieren den Prunksarg nicht aufs Dach. Der Bentley ist der Punksarg. Sie werden ihn mit Girlanden aus weissen Rosen bekränzen. Hinterher rollt die Band im schwarzen Jaguar und der Clan mit brummenden Motoren. Craigs Idee. Morgen früh werden sie vor dem Criminal-Departement aufziehen. Dort fordern sie Joshuas Leichnam und den Bentley heraus. Der ist nicht in der musikbeschallten Garage der Villa parkiert, sondern im Keller des Departements natürlich, neben der Leichenhalle. Vornehm unterkühlt.
Ich frage: Und wenn das Innenministerium den Leichnam nicht herausgibt?
Denkst du etwa, sie lassen die Motoren aufheulen und machen ein Yamahakawasaki-Konzert?
Sie werden, wenn sie überhaupt ans Ziel kommen, in einem Anfall von Infantilismus die viktorianischen Glasfenster des Departements einwerfen, errate ich.
Steinwurf! Die kommen nicht einmal auf Sichtdistanz an das Departement heran. Die Security wird die Flugdrohnen einsetzen und sie mit Hochfrequenz-Attacken zerstreuen.
Das Ganze ist ein Flop.
Nein, sie kreieren den Mythus. Die Security soll Joshuas Leichnam auf dem Granitblock von Dartmoor den Geiern aussetzen wollen. S i e aber werden das Recht fordern ihn zu begraben. Auf welcher geheiligten Schädelstätte? Wenn es nach Craigs Kopf geht und das ist im harten Kern der Connection beschlossene Sache, dann werden sie Joshua aus seiner Villa nach Harris überführen. Auf der Insel soll in drei Wochen das finale FUNERAL CONCERT steigen. Sie nennen es auch das HARRIS CONCERT. Dort werden sie Joshuas Leichnam dem Meer übergeben. Sie werden ihn in seinem rollenden Sarg von der Tornsay-Cliff in den brandenden SOUND OF TARANSAY hinunter stossen.
Rudy schaut mich mit durchtriebenen Augen an.
Ich denke an APOCALYPTO, den Film, und an die Opferrituale auf den Maya-Pyramiden. Ich sage: Das ist ein filmreifes Script oder ein Witz!
Rudy zieht die Brauen hoch und schaut micht mit übergrossen Augen an: Das ist der Geheimplan, sagt er. Kein Anfang ohne Mythus. Du weißt, dass Kriege mit einem Mythus anbrechen. Immer.
Wenn es nach Craigs Kopf geht, sagst du. Craig hat seine Synapsen mit Crack vollgepumpt. Der Plan ist eine Halluzination.
Ein anderes Flugblatt landet auf dem Tresen. Schwarz auf Rot, Blutrot:
MISSING:
LUCIE BARENBOIM and GRANT BROWN
Der folgende Aufruf beginnt mit der Frage:
WARUM?
Ich lese, Lucie, Joshuas Lebenspartnerin, und Grant, Joshuas Bodyguard, seien seit dem mutmasslich gewaltsamen Tod Joshuas spurlos verschwunden. Es gebe keine Zeugen. Die Polizei verweigere die Auskunft. Dann steht:
WE CALL TO ACCOUNT!
WE WON’T ACCEPT NO COMMENT!
Das Personal schiebt eilig eine Menge leerer Flaschen und Gläser über den Tresen zurück. Es klirrt, Gläser zerbrechen, einige Flaschen knallen auf den Boden, rollen fort. Harasse werden geladen und über den Boden hinter die Theke geschleift. Am Durchgang zum Saloon geht ein Krawall los. Die schweren Tische dröhnen. Zwei Parteien gehen aufeinander los.
Was denkst du, zerfällt der Clan? frage ich Rudy, dessen Augen die Szene im Spiegel verfolgen, welcher sich zwischen den Teaksäulen der Bar in der Runde wölbt und einen Überblick über das Geschehen bietet, wie ihn keiner von denen gewinnt, welche neugierig auf Stühle und Tresen steigen.
Doch mein Blick bleibt an einem Gesicht mir gegenüber hängen. Ich brauche einige Sekunden, um mich zu versichern, dass ich nicht das Spiegelbild sehe, sondern Anas körperliche Gegenwart. Sie sitzt in einem der Fenster zwischen den gedrechselten Säulen auf der Gegenseite der Bar. Ihr Gesicht reflektiert das Rot des Flugblatts, welches sie im Spotlight der Theke lesend in ihrer Hand hält. Sie liest und ich denke: Der Lärm erreicht sie nicht. Ich sehe die Büste einer schwerhörigen Lesenden und würde ihren Ausdruck nicht als schmerzerhaben bezeichnen, denn ihr Cherubsgesicht lächelt beinahe verzückt. Ana lächelt wie eine junge Frau, welcher die beste Freundin eben eine erbauliche Geschichte zum Lesen zugeschoben hat, eine Geschichte, welche nichts weniger als traurig ist. Eine gälische Lügengeschichte über die parallelen Love-Affären eines BBC-Entertainers. Oder den Omax-Fragebogen mit Comic Strip: Lovers are you satisfied every time? Sie liest:
MISSING LUCIE
Ich bin schon ganz eingetaucht in ihren Anblick, als Rudys Automatenstimme antwortet:
Der Clan, was ist das? Was war das je? Mythologie wie alles um Joshua und die Connection. Der Clan, falls es ihn überhaupt gibt und falls seine Genealogie auf eine Insel im Atlantik zurückgeht, war immer schon gespalten. Hat in einer Spaltung seinen Ursprung! Taransay? Ein unbewohnbares, verseuchtes Eiland.
Rudys Augen schauen wie abwesend in den Spiegel und seine Stimme schnarrt:
Jetzt spüren einige, die sich dazuzählten: Der Aufruf könnte ihnen eine Entscheidung auf Leben und Tod abfordern. Sie fangen an der Sache zu zweifeln an. Das Ganze ist vielleicht eine Erfindung. Niemand hat sie als Zeugen gefragt. Jemand hat immer an ihrer Stelle entschieden und sie haben mitgemacht. Sie selbst haben sich nie entschieden.
Was wir im Spiegel gerade sehen, ist unerbaulich. Eine Gruppe, eher ein Haufen, drängt eine andere in den Korridor. Sie gehen mit zerbrochenen Flaschen auf einander los. Wir erkennen, dass sich Schwarzhemden unter die Leute gemischt haben. Die Doorkeepers. Und wir wissen genau, dass sie bewaffnet sind.
Rudy faltet das rote Flugblatt zweimal, als ob er es in seine Vestontasche stecken will, doch er zerreisst es und lässt die Streifen auf den Boden flattern.
Dann sagt er: W H Y? und sein Lachen scheppert in den anschwellenden Lärm hinein.
Jetzt dreht er sich auf dem Barstuhl zu mir und fordert mich sanft auf: Bitte erzähle mir deine Version der Geschichte!
Über den Backenknochen ist seine lederne Haut gespannt, aber Stirn und Wangen sind fahl und zerknittert. Die Gruben und Fältchen um Augen und Mund verzweigen sich, sind nicht zu deuten. Hieroglyphen einer Inka-Inschrift. Rudy schaut mich mit leicht geöffnetem Mund von unten an, so wie er immer schaut. Doch lauert im gewohnten Entsetzen seiner Augen eine Neugier. Ich sehe die Augen des Jaguars. Sein Rollenname schiesst mir durch den Kopf: Pranke! Hollywood hatte sein Talent für einen Ethno-Thriller missbraucht. Ich kannte zwar Rudys wirkliche Geschichte, doch war Rudy nicht sein wirklicher Name. Rudy war mit seinem Actor-Pseudonym verkuppelt. Youngblood nannte ihn Hollywood, bevor es ihn vergass. Gonzales hiess wahrscheinlich seine Mutter. Doch seinen indianischen Namen verriet er nicht einmal mir und nie sprach er von seinem Vater. Vielleicht hatte er mir nur Bruchstücke aus einer Lebensgeschichte verraten, welche ganz anders verlief, als ich erriet. Gewiss war: Es gab eine Geschichte v o r und eine n a c h Hollywood.
Rudy, antworte ich auf seine Bitte, in jeder Geschichte stecken viele mögliche Geschichten.
Doch e i n e wirst du für wahrer halten als alle andern, nicht?
Ja, aber ich bin misstrauisch, wenn mir die Frage nach ihrer Wahrheit gestellt wird. Vielleicht spiegelt sich in ihr bloss irgendeine Stimmung.
Ich habe dich nach deiner Version gefragt, nicht nach der Wahrheit. Die Stimmung kann die Wahrheitsprobe entscheiden.
Rudys Gehör ist schärfer als meines. Vielleicht liest er meine Lippen. Jedenfalls muss ich mich im Gegensatz zu ihm vorbeugen, um ihn zu verstehen, obwohl seine Automatenstimme die Vokale mit klirrender Schärfe ausspricht, so dass man eine Hühnerhaut bekommt, wenn man ihm zum ersten Mal zuhört.
Du kannst deine Stimme unterdrücken, sagt er. Du kannst auch deine Gedanken unterdrücken und sogar deine Gefühle. Kannst du. Aber nicht eine Stimmung! Sie ist es, die dich trägt, wenn du es nicht merkst.
Ich erinnere mich an Lucies Stimme, als sie mir am Telefon sagte, dass sie schwanger sei. Wenn sie noch lebt, ist Lucie in höchster Gefahr, sage ich, weil sie zusammen mit Joshua etwas von den Beschlüssen erfuhr oder ahnte, welche an der Konzernspitze in einem entscheidenden Augenblick der Geschichte gefällt wurden. Ich denke, die Security hat Lucie verschleppt und auch das Tagebuch ihres Vaters in die Finger gekriegt.
Rudy beugt sich jetzt ebenfalls zu mir vor. Ich höre seine Stimme ganz nahe am Ohr. Weißt du, ich habe eine schreckliche Stimme, sagt er, aber sie kann dir sagen: Lucie lebt!
Ich sehe seine verwegen zugespitzten Lippen. Ich höre und lese Rudys Satz zugleich von den Lippen des Indios, der mich mit seinem Blick durchdringt.
Wenn du so viel weißt, Rudy, sage ich, dann weißt du auch wo Lucie ist.
Ja. An einem Ort, wo ihr Leben sicher ist.
Wir hocken am Kreis des Bar-Tresens wie im Auge des Hurrikans. Die Leute darum stehen dicht. Der Druck des Handgemenges hat sich in den Korridor entladen, aber Schutzsuchende drängen sich in den Saal. Es gibt kein Durchkommen mehr. Jene, welche auf die Hocker und den Tresen gestiegen sind, klettern wieder herunter. Der Lärm der Randale tönt noch im Hintergrund, das Palaver um uns ist dagegen aufgeregt und kippt an der Ecke der Bar in neuen Streit um, der nur dank der witzigen Besonnenheit eines Barkeepers nicht in eine neue Schlägerei ausartet.
Rudys Hände liegen auf seinen Schenkeln. Er sitzt kerzengerade, doch mit locker hängenden Schultern neben mir. Seine Augen sind geschlossen. Er sitzt unbeweglich, wie zu Stein geworden, scheinbar abwesend, an der Erregung unbeteiligt.
Weit weg, vielleicht im Saloon oder in den Aufgängen der Halle, fallen Schüsse. Unwirklich fern, dumpf. Keine Regung verrät, dass Rudy sie gehört hat. Ana blickt, ihren schmalen Kopf zwischen die aufgestützten Hände geschmiegt, aus ihrem Fenster ins Leere. In ihre Ewigkeit! Ihr blau gefärbtes Haar glitzert, sie erinnert mich an einen zarten Tänzer aus Tschaikowskys Nutknacker-Suite. Im Augenblick, als die Schüsse fallen, denke ich an Jusuf.
Ein Tatooman, schwer wie ein Schrank, rudert aus der Lounge mit ruppigen Schlägen zur Bar. In der Mitte des Haargestrüpps, das seinen massigen Schädel umkränzt, ist eine Tonsur. Er stellt sich hinter dem Tresen auf und ruft mit seinem schnalzenden Midland-Cockney in die Menge:
Sie werden die Ausgänge besetzen, Kids! Das ist nicht gut, bedeutet Personenkontrolle. Schaut, wie Ihr da so rasch wie möglich da rauskommt. Die hinteren Notausgänge sind alle offen!
Die Leute verstummen für ein paar Sekunden. Dann hagelt es Fragen:
Was ist drüben passiert?
Ne dämliche Ballerei! Könntet mal erwachsen werden.
Es reicht! Ihr braucht nicht zu raten, wer den Finger mit dem schmutzigen Nagel am Abzug hat! Wo ist Craig?
Ahnung!
Wohl hinten raus!
Erwachsen werden heisst die Sachen so drehen, dass man sie richtig sieht: S’ gibt die
a n d e r n , die feuern emotionslos.
Die Provokateure.
Wie weiss ich, dass d u keiner bist? Hat’s drüben Tote abgesetzt?
Passt auf, schätze mal ja! Besser ihr verzieht euch hier. Rasch!
Ich sehe im Spiegel, wie die Menge im Hintergrund sich schon zur Lounge hin in Bewegung setzt.
Rudy. Ich tippe ihn an die Schulter. Sein Körper bleibt regungslos, aber seine Metallstimme antwortet:
Das Paradies hatte einen Notausgang. Wohin?
Der Saal leert sich. Wenn man vor ihm Angst macht, ist der Teufel schon da, denke ich.
Das Licht erlischt eine Sekunde. Oder eine Ewigkeit.
Als die Lampen wieder flimmern und die Schreie verstummen, und als Rudy seinen Blick hebt und auf den Spiegel richtet, sind um die Bar und im Raum nur noch einzelne Gruppen versammelt, die sich zu beraten scheinen. Doch die meisten lösen sich auf.
Drüben in ihrem schwarzen Rahmen erblicke ich Ana. Sie lacht zu mir herüber, laut kichernd.
Dann ist das Bar-Licht wieder weg. Nur der Flash an der Wand drüben leuchtet. Rudy führt sein geschwungenes Glas an die Lippen, er sitzt auf dem Barstuhl mit übergeschlagenem Bein. Vor dem hellblauen Licht krümmt sich sein Körper schlangenhaft und ich sehe den leuchteten Bierschaum in seine Kehle rinnen. Er setzt das Glas ab, umfasst es mit beiden Händen am langen Hals und beginnt er versonnen zu reden:
Wenn ich im Hof unseres Hauses, in Tepicala, an meinen Skulpturen meisselte, die Hühner pickten um meine Beine im Staub und die Kinder spielten mit den glänzenden Splittern, dann hörte ich Corazon, immer wenn sie das Abendessen in die Teller schöpfte, meinen Namen rufen. Ich setzte meinen Meissel ab und schaute meine Arbeit an, in der untergehenden Sonne leuchtete der Stein in einem samtenen Blau. Es konnte sein, dass ich mein Werkzeug nochmals ansetzte, um eine Stelle auszubessern. Doch dann trat ich ins Haus, bevor mich Corazon, ungeduldig geworden, ein zweites Mal rufen musste. Manchmal, wenn ich in die Arbeit vertieft war, glaubte ich ihre helle Stimme rufen zu hören, doch ich hatte mich getäuscht. Sie war vielleicht rüber zur Nachbarin oder in den Garten gegangen, um ein Gewürzkraut zu holen. Dann kehrte ich zur Arbeit zurück. Als ich in Tamaulipas war, im Porto de Altamira jobbte, im Herbst, während der Zeit der Stürme, hörte ich ihre Stimme. Sie tönte wie damals, als sie mich wegen einer Schlange in den Garten rüber rief. Sie rief mich. Ich wusste, dass ich mich nicht getäuscht hatte und kehrte zurück in die Berge. Das Dorf war abgebrannt. Das Haus verkohlt, der Garten niedergetreten, die Skulpturen zerschlagen. Die Leichen lagen mit Macheten niedergemacht auf einer Anhöhe und verbrannt in den Ruinen. Alle Bewohner waren tot. Auch Corazon.
Das Bar-Licht geht wieder an. Ich erfasse sofort, dass Anas Fenster leer ist. Wir müssen uns um Ana sorgen, bemerkt Rudy und gleitet vom Hocker herunter. Sein alternder Körper ist so wendig, als ob er jeden Tag das Fitnessstudio besuchen würde. Aber er geht nicht einmal joggen. Der Leerlauf einer Maschine sei ein Luxus, sagt er, und die Zeit zu kostbar, als dass er ihn seinem Körper zumuten wolle. Und er fügt bei: Weshalb für mechanische Routine noch eine Maschine benutzen? Auf meine Frage, ob er denn den Körper für eine Maschine halte, sagte er einmal und fasste mich dabei um die Schulter: Ja, wenn wir ihn dazu machen. Ich war damals perplex und fragte zurück, ob er glaube, ich laufe Gefahr es zu tun. Er gab mir eine rätselhafte Antwort: Wenn du eine Fährte verfolgst und nicht alle Glieder, jedes deiner Organe aufgerufen und befragt hast, ob sie mit dir gehen wollen, dann bist du in Gefahr. Ich ahne, dass Rudy bei einer Entscheidung nicht nur die Organe und Glieder seines Körpers, sondern auch die Toten befragt. Doch darüber spricht er nie. Wir umrunden die Bar und gehen zum Korridor. Der grüne Cocktail in Anas Kelchglas ist halb ausgetrunken. Ana ist nirgends. Am Eingang des Korridors kommt uns von der Lounge her ein Barkeeper entgegen. Raus, zischt er im Verübergehen. Dicke Luft, riecht ihr nicht? Ob er Ana gesehen habe, ruft Rudy ihm nach, doch er hört nicht mehr, die Drehtür der Kabüse schwenkt hinter ihm zu.
Weg, sagt Rudy.
Jetzt riech ich’s. Öl ist irgendwo ausgelaufen.
Craig hat den Öltank miniert, sagt Rudy ruhig.
Wie kannst du es wissen?
Sein Notfallplan. Er machte sich damit wichtig. Doch im Bunker nahm ihn keiner ernst.
Als wir zu einem der Notausgänge abbiegen, fegt der Blast durch die Lounge. Rauch schiesst hinter uns her. Wir folgen den Lüftungsrohren.
Die Security ist schon in den Backyard eingedrungen. Ein Einsatzwagen steht mit offenen Flügeln zur Tür. Aus ihm tauchen fünf Mann mit übergezogenen Rauchmasken und Tactical Launchers in den Gang. Sie rennen an uns vorbei, wir raus ins Freie.
Scheisskerl! tönt Rudys Metallstimme im Hof. Braggard!
Hustend drängen Flüchtende aus dem Loch hinter uns nach.
An der Ecke der Yard-Lane bleiben wir stehen.
Ein Helikopter hängt über der Mallower-Street in Position, sein Scheinwerfer pendelt über uns. Ein zweiter kreist in einem weiten Bogen über dem Quartier. Ihr Lärm übertönt das Gesumme der Robocopter im dunkeln Himmel. Keiner ist sichtbar, doch wir vernehmen das kurze Schnurrpfeifen, wenn sie wie Mücken wegzucken.
Durch die Lane heult jetzt ein gepanzertes Feuer-Einsatzkommando auf den Hof zu. Die Alarmsirene pfeift, Blaulicht blitzt, Metall schurrt an Metall. Sie schieben sich an einer Kette von Abfallcontainern lang. Einer davon kreischt und poltert durchs Gestänge in das Treppenhaus eines Kellers.
Craig hat Recht, es ist Krieg, sage ich. Aber die andern schreiben das Script.
Krieg? knurrt Rudys Stimme. Das ist ein Showdown. Craig und seine Leute spielen die Helden. Aber es gibt kein Script. Craig ist ab durch die Hintertüre. Weg von der Screen.
In der Lane geht ein Abfallcontainer hoch.
Wir gehen um die Ecke zum anderen Notausgang. Ein smarter Mensch im grauen Anzug kommt daher, Bankertyp. Er hat eine Frau untergefasst, die sich an seine Schulter hängt. Schleppt sie halb. Ihr mohnrotes Taftkleid ist klatschnass und durchsichtig. Sie deliriert, ist stockbesoffen und hat einen Schock. Hinterher kommt eine Gruppe. Einige haben Taschentücher vor der Nase. Jemand schreit. Alle gehen runter zu den Docks. Bewaffnete Security-Leute haben auch an den anderen Notausgängen Posten bezogen. Von Ana keine Spur.
Vielleicht hat ihr Engel einen Flügel um sie gelegt, sagt Rudy. Die Security hat ihre Befehle. Der Personenschutz ist eine zivile Sache. Lasst uns zur Bold-Street gehen.
NO PARKING hat einer an eine schwarze Brickwand gesprayt. Im Hof daneben brennt ein Wagen.
NO SUN, NO BUS RUN, NO LIFEGUARD, NO LEAFGREEN. Der Takt hämmert in meinem Kopf. Ich erinnere mich, dass hier einmal eine der roten Telefonkabinen stand, von der ich auf die Redaktion anrief. Mein Handy war ausgestiegen und es hatte einen Überfall gegeben. Ein Moslem war in das Womens Support Centre eingedrungen. Seine Frau hatte dort Zuflucht gesucht. Er kam und erschoss sie. Ich war ein Grünschnabel und verstand nicht, dass das Personal sich strikt an die Vorschrift hielt: Wir garantieren komplettes Vertrauen, keine Information ist öffentlich, hiess es. Ich war vor der Polizei dort. Die Frau lag in ihrer Blutlache im Hof. Die kleine Kurdin hatte einen schwarzen Schleier um den runden Kopf gebunden und trug einen weiten Rock, dessen blutgetränkte Rüschen zu den Knöcheln reichten. Die Ärztin des Centers, welche ihren Tod festgestellt hatte, verweigerte jede Information. Alle roten Telefonkabinen der City waren inzwischen abgeschafft, auch jene, in der ich damals telefonierte. Sie stand fünfzig Meter vom Center entfernt. Ich wollte, dass die Redaktion die linke Lobby einschaltete, weil die Konservative Partei zu der Zeit Druck für ein Sonderdekret setzte. Wozu? Sie hatten keine andere Absicht als einen Artikel zum Schutz ethnischer Minderheiten zu Fall zu bringen. Das war sein Zweck gewesen.
Wo die rote Kabine gestanden hat, ist eine Loch und daneben ein Schutthaufen. Die abgerissenen Kabel wachsen wie die Luftwurzeln einer geköpften Orchidee aus der rostroten Erde.
Es gibt keinen Minderheitenschutz mehr. Die Menschenrechte sind in den Treibsand geschrieben, der Rechtsschutz ist ausser Kraft, die Debatte abgewürgt. Die Erinnerung an das Rot der Telefonkabinen hat mein Staunen darüber geweckt, dass wir uns an den Zustand gewöhnt haben. Das Staunen ist untermischt von einem Entsetzen, dass die Gewohnheit wie Curare über die Blutbahn ins Gewissen eindringt. Das Verbrechen ist nicht monopolisiert, es ist allgemein. Ich spüre, ich könnte nicht einmal mit Gewissheit sagen, ob das Notstandsrecht eine Folge oder die Ursache dieses Zustands ist.
Wir gehen im Halbschatten einer Plakatwand entlang, welche eine Baugrube abschirmt. Über uns erscheint im grellen Schlaglicht die Fleischfarbe übereinander geschlagener Schenkel. Riesenhaft liegt die nackte Frau auf einer stahlgrauen Tischplatte. Sie stützt eines ihrer in schwarze Stiefeletten gekleideten Beine locker auf das Knie des anderen. Die Fussspitze zeigt glitzernd in die Luft. Einer ihrer Arme liegt auf dem Unterbauch. Ihre glasfibergepanzerten Brüste recken sich hoch, während ihr Kopf rückwärts über die Tischkante hängt. Sie dehnt sich in gelöster Pose, doch der über ihren Kopf angewinkelte Arm richtet das Visier einer Lady-Pistole auf ein unsichtbares Ziel hinter ihr. Ihr Zeigefinger spannt den Abzug. Eine Lady aus der Vanilla Suburb.
Genau unter der Pistole bleibe ich stehen. Ich schlage mit der Faust gegen die Wand. Wie zur Probe. Das Blech vibriert. Die Baugrube verstärkt die akustischen Wellen wie ein tönerner Klangkörper. Der liegende Akt scheint zu wogen. HER PENGUN PENETRATES… Die Buchstaben darüber tanzen. PERFECTLY! Der dumpfe wippende Sound macht uns Spass. Auch Rudy haut gegen die Wand und lässt seinen Schlag verhallen. Dann legt er seinen Zeigefinger auf meine Lippen, duckt sich und klopft mit den Knöcheln den Rhythmus des CONTAMINATION -Songs. Langsam, nicht zu laut, die Stossakzente kräftiger. Ein leises Beben fährt über das Metall. Seine Lippen formen die Wörter, doch er flüstert sie nur:
LORDS PRAYER WAS NUCLEAR
HE GAMBLED WITH WARFARE
SMOOTH WAS HIS GLARE
BUT HE NURSED US WITH FEAR
Tollste Buschtrommel für Joshua, sage ich. Wird er gehört haben, bin gespannt auf die Antwort. Hinter der tönenden Wand, da war doch mal das Women Support Centre, nicht? Da müssten Ana und Lucie Schutz gefunden haben, Rudy, meinst du ich bin da richtig mit meiner Vermutung?
Du lieferst den Beweis, dass sie die Stadt in unseren Köpfen nicht platt walzen können.
Du hast nicht nur die Strophe im Kopf, Rudy. Du hast den Sound und den Rhythmus in deinem Körper drin. Spür ich. Vielleicht hat Lucie den ganzen Text. Weißt du: das Manuskript. Sag mir’s endlich: Wo ist Lucie!
Die Rotoren des Helikopters knattern wie die Einschläge eines Maschinengewehrs über die Fassaden hin und der Lichtkegel flitzt über die Strasse. Wir zwängen uns rasch in eine Kabelnische unter der Plakatwand.
Du wirst sie sehen, schreit Rudy, um den Lärm zu übertönen. Bald!
Als das Knattern am rauchvernebelten Himmel sich in andere Strassenzüge verzieht, klimmen wir aus dem Loch und klopfen im Weitergehen den Zementstaub von den Hosenbeinen und Aermeln.
An der Ecke zur Wood-Street steht ein alter Obdachloser. Er hat eine Wollmütze über den Kopf gestülpt und ihren Saum über die Brauen seiner entzündeten Augen gezogen. An seinen schmächtigen Schultern hängt ein Cape mit zerbogenem Kragen. Ein schwarzer Handschuh umklammert den Stockknauf. Die Knie seiner gürtellosen Hose sind ausgebeult. Unter dem Faltenwulst ihrer überlangen Beine leuchten zwei weisse Adidas-Schuhe in der Nacht. Ich schaue ihm ins Gesicht, nahe genug, um ihn zu erkennen. Seine verklebten Lider heben sich, lang genug, mir zu verraten, dass sein Gedächtnis, nachdem sein Blick wieder auf das Pflaster gesunken ist, einem dumpf bewussten Zusammenhang nachgrübelt.
Weißt du? frage ich.
Er bleibt stumm. In seinem Leben hat er gelernt sich zu verstellen. Sich taubstumm zu stellen. Doch wahrscheinlich hat er damals keinen Grund gefunden, mir dankbar zu sein, dass ich ihn im letzten Bruchteil einer Sekunde von der Strasse zurückriss, als er in die Fahrbahn eines Lastwagens torkelte. Kein Zweifel, der Aufprall hätte seine Knochen zermalmt. Er erkennt jemanden in meinem Gesicht, den er irgendwann gesehen hat, aber meine Person bleibt der unsichtbare Engel, den nichts als der Zufall damals genau an die Stelle geschickt hatte, wo ihn der Tod erwartete. In seinem Delirium dürfte er nicht erfasst haben, welcher Gefahr ich ihn entrissen hatte. Und ich begriff nicht, weshalb meine beiden Arme im Bruchteil jener Sekunde seinen Arm packen mussten. Doch die Wucht der Bewegung, welche mich selbst in Gefahr brachte, hat sich als Schock in meinem Gedächtnis festgesetzt. Ihr Schwung warf mich auf den Gehsteig, während e r , wie durch eine Ironie der Physik, auf seinen wackligen Beinen zu stehen kam.
Der Bus, weißt du noch?
Der Alte schaut mich verständnislos an. Das heisst, er schaute mir nicht direkt ins Gesicht. Sein Kopf war nach vorn geknickt und sein linkes Auge irrte immer nach links ab, während sein rechtes stumpf geradeaus starrte.
Von der Renshaw-Street herüber nähert sich inzwischen ein rhythmisch anschwellendes Gegröhle. Rudy tippt mich auf die Schulter. Das Signal ist deutlich. Der Terror ist auf der Jagd: Während die Security den Komplex der Connection durchkämmt, haben die Hallowgangs draussen freie Hand. THE LEFT HAND OF ORDER. Sie zelebrieren ihr Bonfire.
Rudy drängt. Come on! raunt er dem alten Mann ins Ohr. Der ist nicht taub. Er schaut mit offenem Mund, sein linkes Auge glotzt verängstigt seitwärts auf Rudy, als dieser ihn am Arm mitzieht. Ich hake ihn unter seinem andern Arm ein. Er hinkt, aber er ist auch nicht beinlahm, sondern trippelt schnell mit uns fort.
Er hat furchtbare Angst, sagt Rudy, und führt uns nach links in eine schmale, schlecht beleuchtete Gasse hinein.
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