VIDENDUM ERAT
Ein zerfingerter Joint im Aschenbecher verströmt seinen Dunst. Glasgow musste man gesehen haben, sagt das kohlgelbweisse Gesicht. Videndum erat. Gerundivum Präteriti, denke ich. Wann?
V i d i ! Ich habe es gesehen, sage ich. Postindustrielle Planstadt, keine dieser Betonlawinen! Ein aesthetischer Wurf, jedoch keine Gigakopie der architektonischen Prospekte aller Städte, die man gekannt haben musste, als sie der Big Bang erwartete. Die untergehende Zeit hat in der Tiefe des Firth of Clyde wie im Schutz einer Gebärmutter überlebt. Das steigende Meer leckt an den schlammverkrusteten Kronen der alten Quaimauern, nicht am Fuss blendend neuer, mit wuchtigen Schleusen versehener, welche gegen die Springfluten aufgezogen wurden. Anders als Liverpool ist Glasgow kein Pfeiler im Meer, kein anderes Boston oder New York. Nein. Glasgow ist ein Stück Kopenhagen, London, Prag oder Wien an der Altweltküste des grossen Teichs; postmoderne Architekturkonserve und zugleich Museum der kolonialen und industriellen Vergangenheit. Das ist Glasgow.
Am Quai hinter dem Damm ragt die monumentale Glaskopie der Kopenhagener Carlsberg-Glyptothek, 27 Stockwerke auf Stahlpfeilern, ein Museum für das Kriegsarsenal der letzten zweihundert Jahre.
Nautilius ist vom Meer in die riesige Dockhalle eingefahren worden, nicht Jules Vernes widerborstiges Monstrum - auch dieses lagert niedlich in einer filmhistorischen Nische -, sondern der atomgetriebene, dreihundertmal mächtigere Nautilius aus der Epoche des Kalten Kriegs. Die Besucher umschreiten auf Rosten den Stahlrumpf und mustern die ausgefahrenen Periskope und Antennen. Vor dem Einstieg berühren sie die Wandung des schlanken Turms. Dann steigen sie durch den Bauch an der Bleiisolierung des verstrahlten Reaktors vorbei in den Maschinenraum und achtern durch die Heckschleusen zur Steuermechanik. Bugwärts dringen sie durch die Offiziers- und Mannschaftsmesse zu den Silos der Raketenbatterien vor und erreichen durch doppelt gepanzerte Schleusen das Magazin und die Abschussanlage der Torpedos, wo jeden Platzangst befällt wie im steinernen Labyrinth des Kastells von Mantua. Das Arsenal öffnet befangenem Staunen den Blick in die ausgefeilten Eingeweide: die ausfahrbaren Schrauben, die Wellen und geschmeidigen Gelenke des elektronisch gesteuerten Antriebs. Glatt wie Kalmare jagten die eingelagerten Torpedos mit Gasdruck zum Ziel. Elf Minuteman-Torsos schmiegen sich in ihre Rohrkatapulte, ihre schlanke Schnellkraft ist nicht mehr dazu bestimmt, die Wasserhülle in einem Gischtkranz zu perforieren. Sie sind ihrer nuklearen Potenz beraubt, gegen die Salzluft geölte, tote Könige. Mumien.
In der Dockhalle liegt auch der schlanke Stealthleib desType-4S-Destroyers in seiner musealen Verankerung. Sein Schlachtturm ragt mit dem Sampson-Radardom so hoch wie die Spitze der Nelsonsäule. Auf Deck ist eine Flotte Merlin-Helikopter zum Start für den Kampfeinsatz formiert. Unter dem virtuellen Geheul der Rotoren und Alarmsirenen stürmt ein dramatisch arrangierter Verband bewaffneter Marins-Puppen, in die Schlacht geworfene Kampfmaschinen, über die Bordrampen in ihren Rumpf.
Auf den unteren Etagen der gläsernen Architektur stehen Vierer-Formationen britischer und amerikanischer Bomber des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs. Wie poliertes Altsilber glänzen ihre Rümpfe. Die Jagdbomber, in den gespritzten Tarnmustern ihrer letzten Einsätze, sind wie auf einem Flugzeugträger schräg in Linie eingedockt: die raue Sandfarbe mittelöstlicher Wüstenkriege wechselt in Kombinationen mit Hindukuschgrau und Dschungelgrün. Eine Sonderkategorie aeronautischer Entwicklung ist hinter einer Abschirmung präsen-tiert: die Stealth-Bomber, stahlgraue Flugrochen. In den aufgeklappten Waffenbuchten ihrer Achseln sind die Raketen gestapelt. Batterien zielprogrammierter Sprengladungen, welche sich durch Fels in Höhlensysteme bohren. Die Sesamformeln des Zagros und des Hindukusch sind in ihre tollwütigen Reptilienhirne eingestanzt.
Die Sturmflut vor dem grossen Dammbau hat an der Küste versandete Panzer aus der Invasionsschlacht des letzten Krieges freigefegt. Eine Sandspirale wehte mit den Windhosen Wheel und Wizzy hundert Kilometer landeinwärts. Auch die zurückgeworfenen Panzer lagern eingemottet in diesem neo-viktorianischen Glassarg, schwarze Stahlfiberpanzer asiatischer Fabrikation, geduckte Jäger mit Sehschlitzen in den Kanülen ihres stromlinienförmigen Bugs, turmlos, mit Raketenpfeilen, die aus mundgrossen Düsen schlüpften, bestückt. Sie lauern, in ein eiszeitlich anmutendes Licht getaucht, neben bulligen Shermans mit gusseisernen Türmen, Schlachtpanzern mit massigen Turmpagoden, vollgepackt mit Radaranlagen und Munition aus der Epoche des Kalten Kriegs.
Man traut ihnen nicht, den eingemotteten trojanischen Pferden, in der Stadt Glasgow. Die Anschläge fünfter Kolonnen, welche die Invasion vorbereiteten, die Aufstände und die Panik in den Cities, der Angriff auf Sellafield und der atomare Blowup, haben sich in der Erinnerung eingegraben. Die Antwort auf die Angriffe war grausam. Der Belagerungszustand, der sich im dritten Jahrzehnt dieses Jahrtausends über die Städte herabgesenkt hat, dauert fort. Er erzeugt das hässliche Bewusstsein der Geschichtslosigkeit. Das Kriegsmonument ist kein Aufschrei gegen ihre Aufhebbarkeit. Die Riesenarchitektur dokumentiert den monströsen Preis einer Sicherheit, welche die Seele der Menschen gespalten und die Gesellschaft in Ghettos hineingetrieben hat.
Der Whisky ist faul. Der Whisky der Stadt, die man gesehen haben, den man getrunken haben musste, bibendum erat, der Whisky ihrer Pubs ist nicht, wie die Werbung vortäuschte, als es Werbung noch gab, aus Gerstenmalz, welchen man über Torffeuern darrte, und Hochmoorwasser gebraut und er wird nicht jahrelang in der Eiche gelagert, der unsterbliche Glenfiddish damals noch ausgenommen, aber heute - mit seinem Moorfeuerglanz ist auch sein Name erloschen. Alles Legende. Wer weiss noch, wie er geschmeckt, wie sein glühender Tentakel gerochen hat, bevor die Städte das Wasser aufsogen und die Moore verdorrten?
Rauch quillt aus dem kohlgelbweissen Gesicht, aus den Nasenlöchern, dem Lippenspalt, seine Lider sind geschlossen. Der blaue Dunst und die weisse Mähne umkräuseln seine entspannte Stirn. Er lässt sich in die erste Welle des Highgefühls fallen. Er kennt das Geheimnis seines Geschmacks, weil es ihn noch gibt, den Glenfiddish, als eine Rarität, als unbezahlbaren Luxus, der die Legende in spleenigen Schottenhirnen nährt, welche vom Hörensagen wissen und mit glühenden Augen behaupten, dass es ihn noch gebe, unter verwunderlichen Namen, welche ihnen ihre Sehnsucht eingibt. Das reicht, denn das Gerücht ersetzt die Werbung, wenn e r das Kloakenwasser unter dem Namen „Trusty strong“ oder „True Old Scotch“ in den Billigwarenhäusern, auf den Strassenmärkten und in den heruntergekommenen Pubs anbietet. Er kennt ausser dem Rezept des gentle-smoky Glenfiddish das Staatsgeheimnis, welches den unerschöpflichen Reichtum seines Clans begründet hat. Sein Helikopter landet auf dem Dach des höchsten Geschäftshauses der Stadt, die man gesehen haben musste, wenn er von der Insel draussen in der irischen See herkommt, wo er in seiner Ranch Rennpferde züchtet und Schafe, die im Hochland ausstarben, weil ihre Zucht nicht mehr rentierte. In diesem Geschäftshaus gibt es unter dem Landeplatz ein kreisendes Restaurant und auf sieben Etagen Schuhe und Accessoires aus dem feinstem Leder, Lambswool-Anzüge, echten Harris-Tweed und den berühmten Old Reidn’-Taylor Stoff, in dessen seidigem Gewebe die Farben der Regenbogenforelle schimmern. Masschneidereien bedienen eine verwöhnte Kundschaft, sie offerieren Zigarren und den Glenfiddish. Polster zum Herumsitzen stehen in Menge auf den teuren weissen Spannteppichen. Hinter den Geschäften laden Bars ein mit Separees, die das Schönste zu exorbitanten Preisen anbieten, bei denen keiner der Kartenkunden mit der Wimper zuckt. Und eine private Geheimpolizei überwacht diskret alle Eingänge. Es gibt auch Waffenläden mit schalldichten Schiessanlagen. Und Geschäftsräume, in denen man Autos mit Sondereinrichtung oder Helikopter mit hochgezüchteter elektronischer Steuerung und Laserortung einkaufen kann. Immer die letzten Modelle zu verhandelbarem Ausstattungspreis.
Ich kenne ihre Aromen, die ardent harshness des Glenfiddish, die heather-honey sweetness des Dalwhinnie, geläutert durch den unlimited supply of fresh spring water aus den windswept Grampian Mountains.
Ich h a b e sie geschmeckt. B i b i , sage ich. In seinem Mundwinkel zuckt ein Lachen. Schlecht gezügeltes Grinsen oder Ausdruck von höhnischer Herablassung? - nicht zu entscheiden. Er schlägt seine Augen nicht auf. Sein Blick wäre lasziv. Jetzt aber ist er ein Meditierender. Es ist für das Interview die falsche Zeit. E r hat die Gigakopie der Carlsberg-Glyptothek gestiftet. Um darin seine megalomane Sammlung zu präsentieren. Ueber den Stiftungszweck wollte ich etwas erfahren. Ich wollte dabei unter die glatte Oberfläche von offiziellen Redensarten oder statutarischen Reglementierungen dringen und die Leidenschaft der Analyse provozieren. Ich hatte eine Theorie oder besser eine Ahnung. Die Panzer, die Nautilius, die Stealth-Bomber gibt es nicht mehr. „Gipfel des humanitären Fortschritts“. Die Dinosaurier muss man demonstrieren: eingemottet, fossile Monster. Man muss beweisen, dass es sie nicht mehr gibt. Die Leute glauben nur was sie sehen. Was aber ausser Hellsichtigen unter ihnen niemand glauben will, dass zum Beispiel das Trinkwasser versiegt, muss man nicht demonstrieren. Denn sie gewöhnen sich an den Geschmack des fauligen Wassers mit dem Schuss Chlor wie an den Whisky aus getrocknetem Tang und etwas Chemie. Dass der Krieg, die hybride Kreuzung von Rassen- und Klassenkampf, sich ins Fleisch der Gesellschaft einfrisst, unausrottbar und global, muss man ihnen ebenso wenig beibringen. Zeigen muss man ihnen vielmehr die zerstörten, erbeuteten und öffentlich gebannten Waffen vergangener Epochen, um sie in der Illusion zu bestärken, dass der Rohstoff zukünftiger Kriege unter sieben Siegeln eingefroren, gesperrt, verbunkert, versenkt sei. Das war der offizielle Zweck der Stiftung.
Natürlich war das Carlsberg-Museum die plumpste Farce der Geschichte, das war jedem denkenden Menschen klar. Die Geschichte hatte ihre Exempel: Wenn eine Macht die Streitkräfte in eine Region schickte, um geheime Waffenarsenale zu zerstören, von denen sie den Weltfrieden bedroht zu sehen vorgab, dann musste sie die erbeuteten Arsenale auch vorweisen. War der Kriegsgrund ein Bluff, dann verloren die Bürger den Glauben an die Gerechtigkeit des Kriegs. Wenn ein Krieg führender Staat sich als Friedensmacht aufspielte, musste er die Autorität gewinnen, um eine Friedensordnung durchzusetzen. Es lag aber jenseits der Natur, dass er den Widerstand gegen einen aufgezwungenen Frieden mit Gewalt besiegte. Die Menschen durchschauten den Bluff und ihr Zweifel an der Gerechtigkeit des Friedens begann die Grundpfeiler der Ordnung zu erodieren. Doch da blieb die heimliche List der Vernunft: Die menschliche Seele war gespalten und daher empfänglich für ihre Wirkung. Die Verunsicherung stärkte die Befürworter der Sicherheitssysteme. Sie trieben die Aufrüstung mit entwaffnender Offenheit voran und bekannten sich ehrfurchtsvoll zu ihrer humanitären Verantwortung. Ja, sie unterwarfen ihr Handeln der Kontrolle einer von ihnen berufenen Ethikkommission. Doch zugleich zogen sie den Deckmantel der Geheimhaltung über ihre Geschäfte und die relevanten Details ihrer Systeme. Das Carlsberg-Unternehmen war ein trojanisches Pferd. Eine riesige Verblendungsmaschine. Es propagierte nicht wie es vorgab den Frieden, sondern erzeugte den Wahn jeden zukünftigen Krieg erfolgreich führen zu können.
Ich wollte ihm durch geschickte Fragen eine Falle stellen. Dabei war ich mir bewusst, was ich riskierte: Er würde sich weder auf eine Argumentation einlassen noch mir meine Theorie nachsehen. Nie hätte ich ausschliessen wollen, dass sie nicht stichfest wäre. Doch ich bin nach allen Erfahrungen überzeugt, dass ich die egalisierende Wirkung der Propaganda, der simplen Wiederholung von Sätzen auf das Bewusstsein, nicht überschätzte. Die Menschen würden eher der Lüge nachgeben als die Ungewissheit in Kauf nehmen. Sie waren mit Versprechungen zu ködern. Was sie beunruhigte war die Gefahr, ihren Arbeitsplatz, ihre Versorgung, ihre persönliche Sicherheit einzubüssen. Die Idee ihrer Veranlagung zur Mündigkeit war ein philosophischer Traum, eine romantische Unterstellung. Sie erlagen bald wieder der Magie chirurgisch präziser operierender, eleganterer und schlagkräftigerer Waffensysteme. Die Archetypen gewannen wieder Macht über sie: das Blitzende, Blitzähnliche. In ihrer Faszination war die Angst eingefroren. Das ahnte ich. Damals war ich in einem Anfall wahnwitziger Naivität entschlossen ihn zu provozieren und den Sinn der Stiftung oder die Ehrbarkeit seiner Motive in Zweifel zu ziehen. Ich war darauf gespannt, ob sein trainiertes Gesicht einen Augenblick der Unsicherheit nicht zu verbergen wüsste, durchschaut worden zu sein.
Ich erlebte, dass er den Stoff, den er sich eindrehte oder spritzte, wirklich brauchte, genauso wie er die Geschäfte brauchte, die ich ihm nicht nachweisen kann: nicht bloss das Geschäft mit dem Trinkwasser oder dem Whisky und nicht nur jenes lukrative mit der gefährlichsten Sorte des Mülls, sondern auch jenes mit der Geschichtslüge. Vielleicht musste ich dankbar sein, dass er mir am Tag unserer einzigen Begegnung die Gelegenheit durch das Interview meine Zweifel zu applizieren nicht bot. Inzwischen hatte er die Zeitung aufgekauft, bei der ich als Sonderkorrespondent beschäftigt gewesen war. Es war nicht einmal nötig, dass die Zeitung einen Reporter ihrer Reputation opferte, ich wäre nicht der erste gewesen. Sie hatte ihre Reputation selbst in den Handel gegeben, weil sie keine andere Chance mehr hatte.
Letzte Nacht hatte ich mich mit Schlaflosigkeit gequält. Ich knipste die Nachttischlampe an. Wo gab es so etwas noch? Und erst den mit Rosenknospen gemusterten Schirm! In seinem rauchigen Schein sah ich ihn. Da lag er, vom Deckglas des Tischchens gespiegelt, wie eine Erleuchtung. Hatte ich doch am Abend die Taschen meiner Jacke gekehrt, den Pult mit den Manuskripten auf den Kopf gestellt. Joe wird meinen Stealth-Pen aufgelesen haben von wo er nicht hingehörte - etwa vom Fussteppich? Sie hatte ihn wohl sorgsam da hingelegt, wo ich ihn nachts um drei wieder fand.
Auf dem säuberlichen Tischtuch unter dem geöffneten Dachfenster meines überhitzten Hotelzimmers liegt die rot gebundene Quäkerbibel. Die Müdigkeit dieses Lebens in Heiligkeit und Gerechtigkeit, die ihm gefällig ist, hat mich überfallen. Vielleicht ist auch der Alkohol schuld. Ich schreibe meinen Bericht. In den Höfen der Hafenzeile kläffen die Bandogs.


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen