Montag, 9. April 2012

1. Der Song vom Verschwinden der City of Glasgow







Ich kam von Black Liverpool herauf nach Glasgow. Reiste über Cumberland, Cumberland ist abgebrannt, an den River Clyde. Bis Sellafield fuhr ich mit einem röhrenden Pulk von Honda- und Harvey-Oldies. Der Gang aus dem Ghetto auf der Seite der Princess Road brachte die Liverpooler Synthese von High-Techno und Deep Blue Soul an das Openair-Festival von Windscale. Aber das Besondere war da immer die Tradition aus den Zeiten des Widerstands: der Slam.

Das Gelände war wie immer weit herum abgesperrt. Eine Armee von Schwarzhelmen mit schusssicheren Vestons bildete eine tief gestaffelte Bereitschaft. Ihre Stärke konnte man nicht ausmachen, denn sie war diskret getarnt. Jenseits des Doppelzauns breitete sich der Zelt- und Planencamp über die versteppte Landschaft, welche von einem Netz zerfallender Feldmäuerchen und verkümmerter Hecken überzogen war, bis zum Fuss der Cumbrian Hills aus. Wir parkten unsere Hondas und Harleys. Es regnete und man sah hinter dem Regenschleier und dem Doppelzaun den Betonsarkophag und drüben das Ende der Bucht.

Joshua legte bei unserer Ankunft auf dem schaukelnden Sattel seines Harley einen Stepdance hin. Das galt als Begrüssungsritual und Erklärung der Friedensabsicht an die benach-barten Clans auf dem Camp. Er ritt einen höllischen Wespen-Rodeo. Die Leute klatschten den Rhythmus, während Joshua ohne abzusetzen seine giftgrünlederne Kampfjacke und das Hemd vom schwitzenden Körper riss und schliesslich in den Morast absauste.  

Wir verkrochen uns vor dem Regen unter die Planen. Ich teilte eine Raketen-Tarnplane mit Joshua, Lucie, Gay und mindestens zehn anderen von unserem Pulk. Wir tranken den Cocktail aus billigem Highgrade-Whisky und Ale, der hier überall als Cumbrian Wodka angeboten wurde. Es hiess, er schütze gegen die radioaktive Strahlung. Und wir hockten im Kreis. In der Mitte hatten wir eine 60-Watt Akku-Taschenlampe hochgestellt. Die Plane spannte sich über unsere Köpfe und wir hatten den Woodoo-Look. Ich aber gehörte nicht zur Gang und hatte als einziger graue Haare. Das Trommeln des Regens auf der Plane und das Tosen der Brecher, die schäumend heranjagten, war das Konzert!

Joshua sang den Slam von den Afro-Slaves, welche von Liverpool über den Atlantik verfrachtet wurden, und vom Mann, der da in Toxteth hängen geblieben war, von sich selbst, dem hanging man, der immer herumhängt und in einer ausgebrannten Bude lebt, die mit Wellblech vernagelt ist, in einer vernagelten Strasse Babylons, durch welche die Rauchschwaden schwelender Abfallbrände ziehen.

Lucie, die aus guter Familie stammt, ihr Vater ist Quantentech-Ingenieur in Portsmouth, lachte ihn aus, weil er so viel Selbstmitleid habe und eine Story erzähle, die gar nicht stimme, denn er sei selber ein Sklavenhalter und lasse sich von seinen Gefolgsleuten und Fans in einer Vorstadtvilla aushalten. Alle im Kreis gröhlten, als sie eine hysterische Szene vorspielte: Er sei überhaupt ein undecent muddy guy, a sort of golem. Er habe überall seine schmutzigen Finger im Spiel und solle sich hüten, sie anzugrapschen. Joshua hockte und blökte wie ein Schafsbock. Er stemmte dabei beide Daumen an die Schläfen, rollte seine Finger zu Widderhörnern und die cumbrische Erde verkrustete auf seiner Haut.

Gay aber schmiegte ihren kahlen Kopf, auf einen ihrer zerstochenen Arme abgestützt, an seine Schulter, zeichnete mit einem Zeigefinger ein grosses R und darum eine strahlende Sonne in die Mudkruste auf seiner Brust und sagte, er sei radioaktiv und sie wünsche sich nichts sehnlicher als kontaminiert zu werden. Joshua streichelte ihre Brust und plärrte schräg zu Lucie hin, er werde die Hörner, die sie ihm aufsetze, diese Nacht noch abstossen. 

Der Pulk grinste, dass die Tarnplane schüttelte. Da riss einer von draussen eine Ecke hoch und schrie hinein: Gosh folks! The sun is exploding! Wir krochen an die Luft. Die Regenwand war aufgerissen, die Sonne warf ihre Glut in den Spiegel der Wogen, die Gischt stob und perlte im lodernden Gegenlicht grün.

Joshua war wieder einmal zu spät, die Moonrooters aus Glasgow hatten die Bühne erobert und legten los. Der Metalsound von Broken Glass knirschte in der salzigen Brise. Aber schon nach einer halben Stunde poohten die Liverpooler die Band von den Brettern und Joshua stieg mit den Dockslaves hoch.

Schlammbedeckt sang er zuerst „LIUERPUL“ und die Glasgower poohten, sie sollten sich verpissen. Es war aber das Lied vom schwarzen Phönix, der sich aus Schlamm und Brack puddelt, und weil Joshua das mit Faxen und schlacksigen Windungen seines Körpers vor-machte, hatte er die Lacher für sich. Darauf trug er die traurig-poetische Ballade von der LOST  CITY  OF  GLASGOW  vor. Ein Trupp walisischer Dudelsackbläser aus dem grauen Harlech begleitete ihn stöhnend, martialische Glyndwrs. Nur der Drummer der Band blieb auf der Bühne und setzte zu den lakonischen Kehrreimen den schroffen Akzent: They never ever returned!


Die Ballade zählte die Verschollenen auf: 

1. Madam Bloom, Elaine, living lonesom on Lleyn, followed her fucking husband to Maine

2.  Yoshua shipwright, tempted by virgin honey and leaves of ergin, tempted his fate to leave for Virginia 

3. Captain Morrison, reckless and lured by Blue Ribbond, chanced the short cut, wrecking their hopes 

Und so fort und am Ende:

My parents, leaving me fed up with grief, when left for Detroit, promised to send for me later


Doch dann fegte die schwarze Wand wieder heran und der Regen peitschte auf die speckigen Bretter.

Und Yoshua kommentierte:

Nobody ever heared a sigh, when the waves closed over the steamer, and there was not yet  an atlantic wire nor wireless and no witness and no remains.


Als Joshua nach einem Drum-Combo ansetzte, um die Strophe von Mr.Inman, who always ever returns, zu singen, poohten alle. Die schier endlose Strophe war eigentlich eine Ballade für sich, sie erzählte die makabre Erfolgsgeschichte der Liverpooler Reederei, welche die unglückliche City of Glasgow und eine Flotte eleganter Schraubendampfer bei Thomson in Glasgow bauen liess und auf der Atlantikroute nach Philadelphia betrieb. Das Missfallen der Menge galt eigentlich nicht Joshua, sondern Mr.Inman und seiner Company, der Inman Line, welche sich 1886 mit dem grössten Schiff der Welt, einem 8415 BRT-Steamer mit drei Kaminen überfrass und Pleite ging. Trotzdem musste Joshua von der Bühne runter. Er hatte sich wieder einmal verrechnet und kam mit seinem jüngsten Titel  CONTAMINATION  zu spät. Die Glasgower Toxitoys landeten indessen ihren ausgeleierten Hit  NIRVANA  und über Sellafield war es pouring with radio-active dogs!


Viele unter den rootless folks in Liverpool behaupteten wie Joshua in der letzten Strophe seines Songs, ihre great-grandparents oder deren Eltern hätten um 1854 herum das Unglücksticket für zwei Plätze im Zwischendeck der City of Glasgow gezogen, weil sie jung verheiratet oder verliebt die Absicht gehabt hätten, drüben ein neues Leben zu begründen. Die 481 Opfer des schlanken Schiffs, das vermutlich bei Neufundland an einem Eisberg zerschellte, hätten Tausende von Bankerts und Waisen auf der Insel zurückgelassen, wenn nur ein Bruchteil der traurigen Romanze stimmen würde.

Als ich in Liverpool war, begann ich mir die Story selbst einzureden, denn wenn einem so wenig Erinnerung an seine Abstammung oder Liebesglück seiner Vorfahren überliefert wird, dann muss die kleine romantische Lebenslüge zur Sucht werden. Ich bin mit mir darin einig geworden: Selbst wenn eine vollständige Passagierliste der Inman Lines existierte, ich kann die Mär nicht widerlegen, denn ich kenne nicht einmal die Namen meiner englischen Vorfahren.

Soviel weiss ich: Mein Grossvater kam aus Glasgow und zeugte mit einer Wallonin aus Lüttich eine Tochter. Seit der Ardennen-Offensive ist er verschollen. Vielleicht hatten deutsche Panzerraupen seine Knochen zermalmt. Falls seine Gebeine je ausgescharrt wurden, dann liegen sie im Grab des Unbekannten Soldaten. Meine Grossmutter, erzählte meine Mutter, kannte nur seinen Vornamen, Joe. Sie wartete, als sie spürte, dass sie guter Hoffnung war, vergeblich auf ein Lebenszeichen, bis sie dieses einzige bekam, welches sie nie mehr loswerden wollte: meine Mutter. Da war der Krieg vorbei.  M e i n e n   Vater lernte ich so wenig kennen wie meine Mutter den ihren. Er soll ein berühmter Rapper gewesen sein. Vielleicht habe ich mir das später so ausgemalt. Sie gebar mich mit vierzig, seinen Namen nannte sie nie, sie sprach nicht über ihn bis zu ihrem Tod.




Im unerträglich klaren Frühlicht rollte ich mich aus der Motorraddecke, welche mir Joshua geliehen hatte, als nach Konzertende das grosse Zähneklappern begann. Die meisten hatten sich vor Tagesgrauen in ihre Schlafsäcke verkrochen. Ich verfügte nicht über einen derartigen  Luxus, betrachtete es aber als Ehre, mich in die silberbeschichtete weiche Kautschukhülle von Joshuas originalem Harley kuscheln zu dürfen.

Meine Gelenke schmerzten, das Gras war nass. Ich fischte den Fahrplan der Northernrail. org. aus meinem Rucksack. Ganz nahe waren zwei kahlköpfige Leiber wie durch ein flexibles Scharnier aneinandergekoppelt. Sie warf den Kopf zurück und stiess ihren Bauch gegen seinen Penis. Ein stummer Tanz, schlangenhaft wiegend. Rittlings bewegte sich ihr Körper, sanft und selbstvergessen, aber unaufhaltsam, während in der Ferne ein bleigraues Meer rauschte, wie wenn mit diesem Morgen die Ewigkeit anbrechen würde. Ein Güterzug rollte entlang der Küste von Süden heran. Das monotone Schlagen der schwer belasteten Räder auf den lockeren Schienenstössen hallte, durch das Rauschen gedämpft, über dem dösenden Camp.

Zwischen Tiefschläfern, Delirierenden, Kaffeekochern, Weidemauern, Hecken und Sperrzäunen suchte ich den endlos verzweigten Weg in der ungefähren Richtung Seascales. Ich hatte den süsslichen Duft von Leibern, Schweiss und Malzbier in der Nase. Als sich allmählich das freie Feld auftat, weckte mich der raue Geruch des Meers.

Joshua hatte vor zwei Wochen wie zufällig in die Saiten gegriffen und in der  CONNECTION- Bar zur Probe ein paar Takte seines Songs  CONTAMINATION  vorgetragen. Ein kleiner Kreis von Zuhörern war dabei gewesen. Wir hatten gespürt, dass er mit sich unzufrieden war. Er hatte die erste Strophe wiederholt, dann den Takt variert, schliesslich bloss nervös den Rhythmus des Worts  RA-DI-O-AC-TI-VE auf dem Holz gehämmert, indem er mindestens zehnmal den Akzent und die Off-Beats verschob. Ich erinnerte mich, dass er mit einem sägenden Akkord abbrach und mit pathetischer Selbstverachtung sagte: We need some introversion, friends. The sound is contaminated. Even the sound, yah, not only the sea, not only our bodies!

Während ich durchs taunasse Gras ging, versuchte ich den Text der ersten Strophe zu rekonstruieren. Wir hatten sie alle zum ersten Mal gehört. Als ich mich dem Ziel näherte, hatten sich die vier Verse gefügt. War das die Strophe? Und war sie die erste des Songs? Die Flut schmiss die Wogen an den Damm. Dann rauschte der angeschleppte Kies zurück. Ich hörte die Wucht der Stossakzente und das Rollen der langen Silben. Das war Tanz, war Joshuas Sound. Ich wiederholte, ich probte selbst.


                                           LORDS PRAYER WAS NUCLEAR
                                           SMOOTH WAS HIS GLARE
                                           BUT HE GAMBLED WITH WARFARE
                                           AND NURSED US WITH FEAR


Der kleine Küstenort war nicht mehr bewohnt. Es gab nur die Station zur Versorgung der Garnison in der Nähe und zum Transport der Equipen, welche in kurzen Schichten mit Robotern den atomaren Müll in den Thorp-Sheltern verbunkerten und die technischen Schutzeinrichtungen des strahlenden Reaktors überwachten. Nach der Attacke hatte die Firma eine Roboterbrigade in den leck bombardierten Mailer kommandiert. Weite Teile Cumbrias waren verstrahlt, aber sie hatten es geschafft, den Mailer einzusargen und die Thorp-Anlage zu sanieren. So retteten sie das lukrative Reprocessing- und Entsorgungsgeschäft über den GAU hinweg. Sie nannten das Ereignis „limited nuclear leak“. Als „limited“ deklarierten sie darauf die Verstrahlung der verlagerten Arbeitsbereiche. Limited durch eine hermetische Sperranlage war auch das Gelände des Kraftwerks, limited durch Sperrzäune die Railbus-Stationen, die nicht-spezifizierten Gefahrenzonen und die strategischen Areas. Dazwischen erstreckten sich, von uralten Steinmäuerchen und Hecken gesäumt, die verwilderten Felder und Weiden. Die Landkarte Cumbrias war kompliziert. In die Schar der Einfamilienhäuser Seascales mit ihren verwachsenen Gärten drang allmählich der Zerfall ein. Der Ort war staubgrau und erschien mir, als ich zwischen den Häusern durchging, schrecklich vereinsamt. Seascale kam mir als das zeitgemässe Abbild der Hölle inmitten der verlorenen Schönheit der Welt vor. Der Konzern würde diese Hölle, welche er ihren ehemaligen Eigentümern abgekauft hatte, wohl nach einer Karenzzeit des geschuldeten Respekts mit Baggern beseitigen und den Ort auslöschen.

Ein Häufchen früher Schlachtenbummler hatte sich vor dem Checkpoint versammelt. Schwarzuniformierte kontrollierten die Ausweise und das Handgepäck. Vier starkknochige Typen aus Kilmarnock, welche blassen Bergarbeitern glichen, lagen auf ihrer halben Tonne Gepäck. Sie wollten ihre ganzen Soundgeräte in den Railbus verfrachten, aber es hiess, da handle es sich nicht um Handgepäck, sondern um Fracht. Diese müsse deklariert werden, aber zur Abfertigung sei jetzt keine Zeit. Die Band wollte sich von ihrem Tonwerkzeug nicht trennen. Die Leute waren zu müde um zu protestieren. Shit! Sie würden ihren Auftritt in der Glasgower „Cavern“ am Abend verpassen. Sie waren wegen einer Schikane aufge-schmissen. Wer im Schacht stecken blieb, dachte ich, konnte seinen Taglohn abschreiben.

Ein Dutzend Verwundete und durch Drogenschock Traumatisierte stiegen mit ihren Begleitern in den Zug und verwandelten den ihnen zugewiesenen Triebwagen in ein Lazarett. Ich nahm mit ein paar Schlafsüchtigen und einem Trupp Sicherheitsbeamter des Konzerns im mittleren Wagen Platz und schaute durch die zerkratzte und überdies schmierigbraune Scheibe aufs Meer. Ein betrunkener Camper kotzte, die violette Brühe floss lautlos aus ihm auf den Boden. Zwei der Beamten packten ihn an den Oberarmen und schleppten ihn rasch aus dem Zug. Ich sah, dass ihm auf dem Bahnsteig die Kraft nicht reichte sich aufzurappeln.

An der kambrischen Küste fuhr nie mehr ein Fischerkutter hinaus. Als sich der Railbus in Bewegung setzte, sah ich den ummauerten Hafen, in welchem ein Atomfrachter mit japanischer Flagge lag, und den Eingang des Tunnels zum Kraftwerk. In Sealsfield selbst, unterhalb des Werks, stoppte die Northern Rail nicht. Es war ein namenloser Ort. Wir passierten zwischen dem Erddamm und einer verdrahteten Betonmauer, hinter welcher der Konzern das gespenstische Vermüllungssyndrom der Menschheit absonderte und behandelte.





Whitehaven, Workington. Ich fuhr durch Geisterstädte. Meine Schilddrüse brannte seit meiner Ankunft an dieser Küste. Die Bessemer Birne fiel mir ein, als ich das angesrostete Bahnschild von Workington sah. Die Gleise des Umschlagbahnhofs waren abmontiert. Wildnis eroberte das Gelände der lange vor dem Blast stillgelegten und gesprengten Steelworks und die Trümmerberge. Ein Teil der Werke, welche damals nicht einem neuen Produktionszweck dienstbar gemacht wurde, war als Industrie-Archäologie ins dritte Jahrtausend hinein konserviert worden. Das Ganze, auch die inzwischen neu gebauten Industrieanlagen, war seit der Katastrophe den Leichenfledderern preisgegeben, welche das Brauchbare aufkauften und abräumten. Wilde Plünderer hatte man während des ersten Chaos erschossen.

In Whitehaven setzten sich zwei Männer im graugrünen Overall mir gegenüber auf die Bank.
Sie blickten erst stumm aufs Meer. Regenfronten. Der Leuchtturm über der mächtigen Hafenmauer verlor sich am Horizont. Da begann einer:

Williams gesehen? Gehört, er treibe sich wieder in Workington herum.

Vielleicht zurückgekehrt.

Genug Wohnraum da.

Freie Auswahl. Für krumme Geschäfte, passt wohl zu ihm.

Weiss nicht. War doch totkrank.

Hm, kaum. Kümmert sich in der Zone keine Seele um Halbtote. Sonderbewilligung abgeschafft. Wer da lebt, dealt mit Ware. Zollbehörde schnuppe.

Erinnerst dich, als wir ihn aus der Schlickröhre zogen, damals. Seine Stiefel waren geschmolzen.

Rote Klumpen an den Füssen.

Verstrahlt. Palliativstation, sagte der Schichtleiter.

Leichenhalle! Wer dort nach drei Tagen nicht abging, haute auf seinen Füssen ab und verschwand aus den Registern. Machte sich ne Menge Scheintote wieder auf die Socken.

Hm.


Steilküste, niedliche Dörfchen in traumverlorenen Buchten. Dann Stacheldrahtverhaue. Ich machte in mein kleines Notebook Einträge zu meinem Bericht. Es entging mir nicht, dass zwei der Beamten mich ins Visier genommen hatten, da ihre Blicke jedesmal von mir losliessen, wenn ich dazwischen kurz aufschaute. Einer von ihnen hatte ein braunes, schwammiges Ekzem an der Schläfe. Bulliger Nacken. Der Railbus fuhr trödelnd durch das Gleisnetz des Bahnhofs. Die graugrünen Overalls verliessen den Zug.

Ein alter Herr war in Workington eingestiegen und setzte sich mir gegenüber. Der Railbus fuhr rüttelnd weiter. Tauben, sagte der alte Herr, und zeigte zum Dach eines Gebäudes, auf welchem jemand Holzverschläge aufgestellt hatte. Brieftauben, sagte er. Wir hatten in Workington schon immer den Brieftaubenverein. Jetzt haben wir dort oben eine Taubenfreiheit eingerichtet. Ich besitze auf dem Dach einen Schlag.

Nach einer Pause, in welcher der Zug über eine Doppelweiche schlingerte, fing er an zu erzählen. Wissen Sie, die Gleise haben wir noch in der Foundry gegossen. Die British Rail hat hier auch den Railbus geordert. Lange her. Jetzt hat die Northern hier noch das Ersatzteillager. Ich war bis zur Pensionierung der Chef. Ich würde heute zum Biggest Liar gewählt, wenn ich behaupten würde, das Lager reiche noch für drei Jahrzehnte. Denn in Cumbria wissen alle: Es ist leer. Blank! Aber die Zukunft ist nicht meine Sorge. Wir lassen die Brieftauben fliegen. Jeden Tag fahre ich nach Workington, bringe das Futter und hole die Post. Er blinzelte mich lachend durch die dicken Brillengläser an, welche seine grünblauen Augen vergrösserten, und klopfte mit der schütteren Hand auf seine Ledermappe. Dann erzählte er von seiner Scheidung und von zwei Söhnen und deren Kindern in Dublin. Sie waren ausgewandert. Die Jüngsten seiner Enkel hatte er noch nie gesehen.

Als der klapprige Zug sich in seinem für die Verhältnisse ziemlich übersetzten Tempo Maryport näherte, sagte er: Die Northern hält zwischen Workington und Carlisle, sofern nicht irgendwo unterwegs in der Heide eine Achse oder Welle bricht, nur noch auf Verlangen. Dann erhob er sich mit dem letzten Ruck des bremsenden Zugs - den Halteknopf hatte er schon beim Einsteigen gedrückt - und stieg aus.


Ich dachte noch über die merkwürdige Logik seines Konditionalsatzes nach, als eine ausgesprochen schöne Frau das Coupé betrat. Eine Schönheit, sage ich, wie man sie nur im schwarzen oder roten Lackglanz der Designermode, etwa auf den Seiten von Harpers, zu sehen bekam. Doch sie trug keinen der modischen Panzer mit Accessoirs und keine Spur von Make-up, sondern einen hellgrauen Jupe, eine leichte dunkelblaue Bluse und Perlohrklipse. Ihre Erscheinung hatte nichts Aufgesetztes. Sie kam locker und zielbewusst herein ohne sich umzuschauen und setzte sich auf einen freien Fensterplatz.

Gab es so was, hier in Maryport? Mir pochte für zwei Sekunden das Blut in der Halsader. Die Schläfer schliefen weiter, doch das inzwischen lautstarke Geschwätz der Beamten ver-stummte und erreichte erst gegen Wigton wieder seinen normalen Pegel.

Einer der beiden Beamten, die mich beobachtet hatten, erzählte den Witz von der Sekretärin, welche die Stelle kündigt, nachdem der Chef ihr ein Angebot auf Lohnerhöhung gemacht hat. Einen Monat später habe  s i e  die Firma geleitet, sagte er lakonisch. Wieso? Ein Konkurrent habe eben inzwischen die Firma unfreundlich übernommen. Was es dazu zu sagen gebe? Nichts. Na also, jeder könne sich die Hintergrundstory selber ausdenken, schloss er und warf einen vielsagenden Blick zur Frau hinüber. Cherchez la femme, kommentierte er mit angelsächsichem Schleifakzent. Ich fand das peinlich. Die Schöne sass mit Blick zum Fenster und gab nicht zu erkennen, ob sie zugehört hatte.

Hei, Burns, fragte ein anderer und lachte etwas dreckig: War der Konkurrent ein Inder?

Wieso?

Dann kennst du sicher die folgende Geschichte nicht: Ein indischer Tourist spricht in der White-Horse-Pub in Glasgow eine Dame an. Als er herausfindet, dass sie eine Kaderbeamtin der Bank of Scotland ist, sagt er: Ich bin zwar kein Banker, aber ein Inder. Wir zwei könnten flotte Geschäfte machen.

Hat er mit ihr die Geschäfte gemacht?

Die vier prusteten vor Lachen und einer erriet: Was meint ihr, der Konkurrent könnte auch ein Russe gewesen sein!

Ein anderer warf ein: Oder ein Chink! Doch weshalb nicht ein Schweizer?

Nein, denn dann wäre er mit Sicherheit ein Banker gewesen, sagte ein Dritter.

Wer? Der Konkurrent?

Nein, der Inder.

Ein Banker? Du meinst doch den Schweizer? Oder den Chinesen!

Ja, warum sollte der Banker nicht ein Chink sein. Wäre doch logisch.

Er war ja eben kein Banker!

Aber der Konkurrent könnte ein Banker gewesen sein. Wäre genauso logisch.

Wie immer! Wenn jemand das Geschäft gemacht hat, dann war es in beiden Fällen die Frau.

Wie kommst du darauf?

Weil die Frau sich mit jedem einlässt, sofern etwas herauszuholen ist.

Stimmt, dafür haben Frauen ein angeborenes Gespür.

Du hast den Fehler, dass bei dir nichts herauszuholen ist, Burns.

Alle lachten und einer gröhlte: In Carlisle trinken wir darauf einen japanischen Whisky, einverstanden?

Worauf, auf die Frau oder den Witz? Oder etwa auf Burns Pleite, was?

Nein doch! Auf die britischen Sicherheitssysteme, worauf denn sonst?

Alle brüllten wie Fussballfans, wenn die Mannschaft es dem Gegner wieder einmal richtig gezeigt hat.


Es gab über die Art von Logik nicht viel nachzudenken. Sie spreizte sich jedem wie ein frisch aufgeleimtes Plakat ins Gesicht. Ich stiess ein paar Tage später auf ein aphoristisches Notat von früher: Die primitive Paarung von Rassismus und Frauenfeindlichkeit hat vermutlich etwas mit der Paranoia der Sicherheitssysteme zu tun. Der Mann suhlt sich in der Illusion, verlorenes Terrain zurückzuerobern. Indessen zerrinnt es ihm wie Flugsand unter dem sportlichen Sohlenprofil.

Ich erinnerte mich nicht einmal an den Umstand, der mir diesen Aphorismus in die Finger gespielt hatte, und erfasste mit einer inneren Schamröte, wie fahrlässig ich ins Moralisieren glitt. Vielleicht hatte das etwas zu tun mit meiner zunehmend quälenden Vereinsamung.


Nach Wigton quietschten hinter meinem Rücken zwei Kids über ihren Playpads. 







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