Sonntag, 15. April 2012

2. Motherwell






In Carlisle stieg ich in die Virgin-Rail nach Glasgow um. Als der Express vor der Mündung des Solway-Firth den River Eden überquerte, reizte mich wohl eine der Anwandlungen von Einsamkeit, die Schöne in einen Gedankendialog zu verwickeln, in welchem ich sie Mary nannte. Ich gab mich der Stimmung rückhaltlos hin und kam mir dabei überhaupt nicht verrückt vor. Diese sentimentale Anwandlung - nicht die Geschichte der Mechanisierung, welche mir in Workington eingefallen war - veranlasste mich die Fahrt zu unterbrechen, um New Lanark aufzusuchen. Ausserdem  war es ein wunderbarer Tag. Möglich, dass ich meine Ankunft in Glasgow und die Ungewissheit, der ich entgegenreiste, hinauszögern wollte. Man sollte nicht am heitern Tag in Glasgow ankommen, sagte ich mir, sondern nachts. Dafür gab es auch andere als sentimentale Gründe. Ich stieg also in Motherwell - was für ein symbolischer Name! - auf den Local-Railbus um und wanderte vom  ländlichen Städtchen in die Clyde-Schlucht hinunter.

Das Rauschen in der Tiefe des üppig bewaldeten Tals löste meine Ueberreizung. Ich ging, manchmal auf Mauern balancierend, den Wasserkanälen nach, die den Mills ihre Antriebsenergie zugeführt hatten. Die vor etwa einem halben Jahrhundert restaurierten Fabrikanlagen und Gebäude des Model-Village, in welchem Robert Owen seine Kooperative begründet hatte, zerfielen. Ich erblickte indessen ein riesiges Schaufelrad, welches sich immer noch drehte. Als ich es in der ebenso aussichts- wie gedankenlosen Absicht seinen Schwung zu verzögern anrührte, spürte ich staunend den unwiderstehlichen Drehimpuls. Ein Rinnsal klammerte sich an den versinterten Lauf und spritzte von einem Vorsprung in die modernden Holzschaufeln. Doch das Rad drehte sich, von der Last dieses Nichts in Schwung versetzt, lautlos in den eisernen Widerlagern seiner Achse.

Ich war in der Clyde-Schlucht keinem Menschen begegnet. Als ich mit einem zögernden Erschrecken, das ich nicht ergründen konnte, über die Rampe der Mill blickte, hörte ich von oben ein metallisches Rasseln und gleichzeitig ein Jauchzen von Kinderstimmen. Da die Treppe im Erdgeschoss zerfallen war, gelangte ich über einen beschwerlichen Umweg zur gedeckten Brücke, welche die Mill mit dem ehemaligen Verwaltungsgebäude verband. Ich stieg zu ihr hoch, als mir an einer Laufschiene eine Hängekabine entgegenpendelte und auf eine zweite krachte, welche bereits auf einem Stapel weiterer Kabinen festgefahren war. Darauf blieb es still. Der Katastrophenkurs, der vielleicht angezettelt war, pflanzte sich nicht mit der ihm eigenen unaufhaltsamen Zufallslogik fort. Falls Kinder ihn in Gang gesetzt hatten, dann mussten sie mich gesehen oder gehört und das Weite gesucht haben. Als ich atemlos auf der oberen Plattform ankam, waren sie jedenfalls  verschwunden.

Ich folgte der Laufschiene durch einen verwinkelten Korridor, in welchen durch wenige Mauerluken Licht drang. Es handelte sich, wie mir schien, um eine Art von Geisterbahn, welche längst nicht mehr im Gebrauch war. Der Boden des Korridors war von bunten Glasscherben übersät - ich fühlte mich wie im Inneren eines Kaleidoskops! - und zwischen den Scherben zerstreut lagen abgetrennte Köpfe, Glieder, Leiber von Kinderpuppen. Einzelne halb versehrte Puppen waren nackt, andere trugen noch Tülltrachten, Schnürschuhe und Rollocken aus dem Jahrhundert Robert Owens und Sir Richard Arkwrights.

Eilends durchschritt ich auf der Suche nach den Jungs, deren Stimmen ich vernommen hatte, die Fabrikhallen der Mill. In einem niedrigen Raum sah ich zerbrochene Holzwebstühle und verzetteltes Garn. In einem andern stand eine Dampfmaschine mit riesigen Schwungrädern, doch sie war geplündert und teilweise zerstört. Im Treppenhaus fand ich ein Plakat. Es war zur Hälfte abgerissen und hatte, wie ich dem Text entnahm, einmal Besucher über die Geschichte des Ortes orientiert. World Heritage stand darunter. Ein Lanark Conservation Trust hatte das Plakat im Jahr 2001 unterzeichnet.

Halb war ich ausgetrocknet und spürte entsetzlichen Durst, als ich aus der Schlucht nach Lanark hinaufstieg. Das Klima war feucht und heiss und der Wald spendete, obwohl es gegen Abend ging, kaum Abkühlung. In Lanark schnitten die Landhausbesitzer ihre Gartenhecken. An der Hauptstrasse stand ein Haufen Schulkinder in dunkelblauen Uniformen auf dem Pflaster vor der Pizzeria. Im Kiosk servierte grinsend ein Schwarzer. Er kommandierte die drängelnden Schüler mit dröhnender Stimme in eine Warteschlange und die Rangelnden an ihren Schwanz. Sie gehorchten, wenn auch maulend, und er bediente sie der Reihe nach.

Ich fragte drei Jungs am Ende der Schlange, ob sie wüssten, wer Robert Owen wäre und wo ich ihn finden könne. Sie stiessen sich frech grinsend mit den Ellenbogen und einer, dem ich auf die Stirne tippte, drückte beide Hände aufs Maul und zog, den Ahnungslosen markierend, die Achseln hoch. Doch ein Mädchen vor ihm kehrte sich um und sagte kichernd: He was a guy. He moved away, guess, years ago. Ein zweites Mädchen, das eine grosse schwarzrandige Brille trug und auch ohne die Harry Potter glich, den die Kinder noch heute wahrscheinlich besser kannten als Robert Owen, sagte mit schlauem Gesicht und einer übertrieben belehrenden Stimme, als ob sie ihren Kommentar auswendig gelernt hätte:

In den Büchern steht, dass er die Kinderarbeit abgeschafft habe. Aber die Knaben sagen immer, er habe die Mädchen vergewaltigt.

Wo denn, fragte ich, und sie antwortete: Down there, in the Mill.

Darum wagen sich die Mädchen nie dort hinunter, diese Schisskatzen, sagte der Junge von zuvor und erhielt vom ersten der Mädchen einen Puff, was sogleich wieder ein Gerangel absetzte. Der Schwarze raunzte beissend von der Theke und nahm anfeuernd Partei: Wehrt euch, Girls! Gebt’s ihnen!

Ich fragte arglos, ob ich dann also den Mann nicht finden könne. Warum nicht, sagte das Mädchen mit dem Harry-Potter-Gesicht, vielleicht doch, wenn ich drunten bei den Mills anzuklopfen wage, wo sein Haus stehe. Im Buch habe er zwar ein strenges Gesicht, und man könnte meinen, er wäre böse. Aber sie glaube nicht, was die Knaben sagten, sie glaube, was sie gelesen habe.

Eben wollte ich fragen, ob man alles glauben könne, was man lese, als ein Einsatzwagen des regionalen Blutspendediensts vor dem Kiosk stoppte. Der Fahrer zwängte seinen schweren Körper aus dem Kasten, stellte sich mit seinem Begleiter an die Theke, wo der Schwarze sofort für sie Platz machte, und bestellte zwei Hotdogs , ein Bier und eine Chink-Cola.

Rot oder weiss? fragte der Schwarze.

Weiss natürlich, antwortete der Fahrer. Und die Würste brodelheiss mit Senf.

Kein Ketchup? fragte der Schwarze hinter dem Dampftopf zurück.

Der Fahrer knurrte.

Ich angelte mir ein Büchsenbier und gesellte mich zu ihnen in der Hoffnung, dass sie nach Glasgow oder zumindest nach Motherwell fahren und mich mitnehmen würden. Ich hatte Glück, sie sagten, sie müssten ihr Material im Motherwell-Hospital abgeben.

Der Schwarze reichte die Hotdogs heraus und fragte: Blutiger Tag?

Der Fahrer zerdrückte seinen Hotdog und sagte kauend: Kids müssen nicht alles mithören.

Die sind abgebrüht, gab der Schwarze zurück.

Eben. Ich habe in meiner Pubertätsphase genug Blutiges in mich eingesogen.

Bist du etwa darum heute so zartfühlend?

Ich sag dir, Mann, ich scheiss auf das zartfühlende Geschwätz über Autorität und Verantwortung. Familienpolitik! Wo ist da noch Mittelstand? Vorbilder? Im Konsumschlick erstickt. Die Wahrheit ist: Sie wollen die Kontrolle und auf einmal sagen alle zartfühlenden Eltern im Chor ja zur Zensur. Dabei dreht es ihnen den Magen um.

Schau mich an! Ich hatte Zeit, mich an die Verhältnisse zu gewöhnen. Hab einen starken Magen. Kids habe ich keine. Das sind meine Kinder! sagte der Schwarze und zeigte mit der Linken in die Runde. Dabei bediente er zwei Jungs und kassierte zugleich. Glaub mir, fügte er grinsend bei, sie sind  weder schlimm noch dumm!

Die sind gesund! Aber werden sie mal ihren Job haben? Hast du einen Job, dann brauchst du kein schlechtes Gewissen zu haben. Aber die an den Strippen schaffens, dass du eins hast.  Wer hat noch einen sicheren Job? Trotzdem sag ich Dir jetzt: Gehört nicht alles ans Wäscheseil gehängt. Vor Kids nicht! Bin einer von der Sorte. So denke ich einmal.

Die zwei griffen sich ihre Dosen, legten einen Schein hin und gingen zu ihrem Wagen.

Im Fond der Ambulanz war ein wildes Durcheinander von Schläuchen, Ständern, baumelnden Flaschen und Kisten mit leeren Konserven. Auf dem Boden lagen Scherben in einer Blutlache und über der Pritsche blutgetränkte Decken. Der Begleiter hatte dort einiges zu ordnen, ich setzte mich in die Kabine neben den Fahrer.

Ich wartete, bis der Fahrer seinen Hotdog verzehrt, seine Chink-Dose in drei mächtigen Schlücken geleert und den Motor gezündet hatte. Dann stellte ich fest:

Sieht da hinten wie nach einer Schlächterei aus.

Er drehte den Wagen und sagte, während er heftig ausholte: Vielleicht haben wir ein paar Leben gerettet.

Wie viele?

Meinst du die wären schon gezählt? Sie hatten in Spadedam selber nicht genug Reserven, darum haben sie die regionalen Dienste aufgeboten. Daraus kannst du was ableiten.

Ein Unfall?

Sie haben einen Stoff aufs Testgelände transportiert. Der Helikopter ist über den Hangars explodiert. Da war auch die Kantine… Ein Desaster.

Kannst du mich informieren?

Ich fischte meinen Journalistenausweis, der nichts mehr wert ist, aus der Zigarettentasche meines Vestons. Aber der Fahrer warf nur einen missfälligen Seitenblick auf den Fetzen und sagte:

Du bist vielleicht ein hergelaufener Journalist. Aber du bist nicht autorisiert. Ich habe dir eh schon mehr gesagt, als du morgen selbst in der Zeitung lesen kannst.

Du hast einen Job, hast du gesagt. Du hast einen Fahrausweis und bist autorisiert zu fahren, Buddy. Ich hab einen Journalistenausweis und soll nicht autorisiert sein zu schreiben, wo das mein Job ist?

Meinst du, ich will meinen Job verlieren, wieder zu trinken anfangen, wo ich mich herausgearbeitet hab? Du weißt so gut wie ich, musst du ja wissen: Wenn du die Lizenz nicht hast, ist der Ausweis nicht mehr wert als ein privates Schmuckstück. Deiner ist vielleicht sogar weniger wert. Arbeitest du überhaupt für eine Zeitung?

Ich spürte, dass ihm schwer beizukommen war und sagte: Klar. Für mehr als eine.

Dann bist du ja keinesfalls Mitglied einer Redaktion. Na, ja, für mich bist du deswegen nicht weniger wert, wenn sie dich aus einer Redaktion rausgeschmissen haben.

Ich habe ein besseres Gewissen, solange ich frei arbeite.

Solange? Wie lange noch?

Wir zweigten eben in die E5 ab. Der Fahrer hielt sich ohne das Tempo zu steigern an die Randspur und blickte kurz zu mir hinüber. Dann sagte er: 

Ich will dich ja nicht verletzen, ich meins nicht persönlich.

Buddy, fragte ich, wie ist dein Name?

Bowles. Wie bowl.

Bowles, was du heute gesehen hast, das hast du nicht gerne gesehen. Du wirst davon träumen.

Ich träume nicht.

Tut jeder. Aber vielleicht schläfst du schlecht. Ist für den Job nicht gut.

Verdammt noch mal, was für  m e i n e n  Job gut ist, weiss ich besser.

Ich will dich nicht belehren, spreche auch nur von mir: Es ist besser die Dinge zu sehen und die schlechten Träume nicht in den Müllsack zu stopfen. Vielleicht sind sie nämlich gut, weil du sie brauchst, wenn’s dir schlecht geht.

Wie heisst du?

Jake.

Jake, ich erzähle dir was: Mein Vater diente auf einer schwimmenden RAF-Base. Sie flogen damals Einsätze im Irak und in Afghanistan. Mein Vater war Flugnavigator. Er hatte auch den Job, diese Dinger abzufeuern, die intelligenten Raketen, du weißt, die Sprengköpfe hatten eine verheerende Wirkung. Auf Befehl natürlich. Time, abdrücken, los! Das war sein Job. Er sagte zu mir: Es ist gut einen Job zu haben, Joey. Das war mein Kosename. Er sagte das zu mir, weil ich ihn selten sah und er darum vielleicht ein schlechtes Gewissen hatte.

Er kam vier oder fünf Mal in den Jahren auf Urlaub. Er spielte mit uns Fussball und nahm uns manchmal zu einem Match mit oder zum Meer. Ich war sieben oder acht und scharf wie Mustard auf Geschichten. Er erzählte nicht zu viel. Zum Beispiel vom Mannschaftswettkampf auf der Landepiste der Canberra. Einmal erzählte er eine Geschichte, die ich nicht mehr vergessen habe: Sie hatten in der Luft aufgetankt und jetteten dann im Feindesland tief über die Wüste hin. Der Pilot rief: Teufel, was ist das über der Nase? Auf der blendenden Ebene unter ihnen war ein schwarzer Fleck wie ein Oelteppich. Sie hatten keine Zeit auszumachen, worum es sich handelte und platzten darüber weg. Es war eine riesige Ziegenherde. Mein Vater sagte zu mir: Ich bin sicher, die Beduinen rannten Stunden in der Wüste herum, um die Herde wieder zusammenzutreiben.

Nach einem Überholungsmanöver fuhr Bowles fort:

Ich dachte mir andere Geschichten aus, die er mir erzählen könnte. Aber ich hatte zu wenig Fantasie. Dann kam er nicht mehr auf Urlaub und ich war mit meinem bisschen Fantasie allein. Ihr Bomber war im Hindukusch zerschellt. Es hiess, sie wären getroffen worden und noch ausgestiegen. Doch man hat sie nie gefunden.

Fielen sie in Gefangenschaft?

Sie hätten sie herausgeholt. Für militärische Geiseln hätten sie damals alles getan und ich denke, sie taten auch das Nötige.

Bowles machte eine Pause, dann sagte er:

Vielleicht machten sie darum auch keine Geiseln mehr. Ich habe immer noch genug Fantasie, um mir ein paar Geschichten auszudenken. Aber die einzige, die wahre, habe ich nie erfahren.

Welches ist die schlimmste Deiner Geschichten?

Bowles zögerte kurz, bevor er antwortete:

Dass er Sekunden, bevor sie getroffen wurden, die Bordraketen auf ein Dorf abgefeuert hat.

Ich dachte: Seinen Vater nicht zu kennen ist schlimm. Doch wenn man ihn erst gekannt hat und weiss, dass er umgekommen ist! Mein Gott, ein Leben lang keine genaue Antwort auf die Frage zu finden, wie es geschehen ist, wenn man ihn gekannt hat, ist schlimmer.

Als da und dort die grauen Häuserzeilen von Motherwell auftauchten und die Wohntürme der City am Horizont aufragten, da fragte ich:

Sag mir: Wenn ihr von Spadeadam hergefahren seid, dann habt ihr einen Abstecher gemacht. Warum seid ihr von der National nach Lanark abgezweigt, doch nicht wegen einem Hotdog? Im Uddington Mot-Service hättet ihr was Besseres gekriegt.

Bowles deutete mit dem Daumen nach hinten, wie ein Anhalter es tut, und antwortete: 

E r  hat in Lanark seine frühere Frau. Sie sind auseinander. Er wollte die Kinder sehen. Aber die Frau liess ihn nicht rein, sie hatte die Haustür mit einer Kette gesperrt.

Warum?

Ach, eine der vielen dummen Geschichten. Dabei liebt er sie noch, möchte eigentlich zurück. Jetzt räumt er da hinten die blutige Geschichte auf.

Warum sind sie auseinander?

Wenn Joe trank, wurde er aggressiv. Wir kannten uns schon, waren in Joker früher Nachbarn und Kumpels gewesen. Ich trat in die New Harvest Congregation ein und schaffte es, vom Alkohol wegzukommen. Meinst du, ich hätte  d i e s e n  Job ohne den Kredit der Congregation gekriegt. Ich verschaffte Joe eine Anstellung als Beifahrer. Doch er kam nicht davon los. Kaum hatte er frei, hatte er Rückfälle. Seit sie auseinander sind, ist es schlimmer. Er verliert seinen Halt. Es geht nicht mehr, er verliert auch seinen Job.

Als wir im grauen Hof des Motherwell-Hospitals neben den Abfallcontainern geparkt hatten und die Ladetüre auftaten, sahen wir Joe zwischen den Schläuchen und in den blutigen Scherben am Boden liegen. Er hatte sich übergeben. Bowles machte keine Umstände und forderte mich auf ihn an den Beinen zu packen. Machen wir rasch, bevor ihn einer von der Administration zu sehen bekommt, sagte er, und hob ihn unter den Achseln hoch. Wir legten ihn vorn auf das Fahrerpolster und zogen eine noch saubere Decke über ihn.

Hilf mir, sagte Bowles. Wir haben zu räumen und sortieren den Kram zur Übergabe. Dann reinigen wir den Wagen. Wenn wir damit fertig sind, bringen wir Joe nach Hause. Uebrigens, falls du die Nacht nicht in einem Hotel verbringen willst, fahren wir zusammen nach Joker. Einverstanden? Mary wird uns ein Nachtessen kochen. Ich habe Kippers mitgebracht. Ein Bett haben wir auch.

Mary. So hiessen alle Frauen. Rätselhafte Schönheiten, Mütterliche, Mannstolle. Es war ein Sonnabend. Bevor ich wieder mein Dachzimmer im Hotel bezog, würde ich eine oder zwei Nächte in Joker bei Bowles und Mary unterschlüpfen. Wir würden in der Küche essen, die zugleich das Wohnzimmer war. Bowles würde seine Mary „Mom“ nennen. Eine altertümliche schwarze Pendule würde sonor auf dem Sims neben der Nische ticken, wo der Herd stand. Es würde nach Hering und gebratenen Zwiebeln riechen. Wir würden reden und ein Bier trinken. Dann fernsehen.

Fast genauso verlief der Abend. Auf der Nussbaumkommode schlug eine Bracketclock alle Viertelstunden. Wir gossen dem Hering einen Stout nach und vergassen beim Reden sogar den Fernseher, der freilich lief, bis Bowles das nervende Hetzgebrüll eines Windhundrennens wegklickte. Mary war allerdings nicht die mütterlich lächelnde, etwas füllige Ehefrau, welche meine Erwartung zu Bowles gesellte. Ihre Backen hatten nicht den Rosateint. Und die Fältchen, welche sich in ihrem Alter um die Augen bilden, hatte sie nicht wegmassiert. Ihre Haut war fahl, ihr Körper hager. Ihr Gesicht wirkte zwar nicht verhärmt, aber aus ihren stumm forschenden Augen sprach eine Trauer wie bei Frauen, welche mit einem schwierigen Leben fertig werden mussten. Sie beobachtete mich, wie wenn sie mich in ihr Gedächtnis einprägen wollte. Und wenn sie einen Satz einwarf, dann war er kurz und ihre Stimme hart, als ob sie unser Reden mit der Bemerkung quittierte: Ihr glaubt doch selbst nicht, was ihr sagt. Bowles lachte jeweils gutmütig und sagte: „Du hast recht, Mom“ oder „Wie du meinst, Mom.“

Bowles sagte zum Beispiel: „Nein, Mom, Lord Owen ist schon zweihundert Jahre tot. Aber auf den alten Bildern sieht er wie ein Gespenst aus und nur die Kinder glauben, dass er da unten noch lebt.“ Einmal belehrte er Mary: „Natürlich ist er ein gescheiterter Kommunist. Aber nicht von der Sorte, wie die Leute glauben. Wäre es nach ihm gegangen, Mom, dann gäbe es die Bombe nicht, weil die Menschen sich lieben würden. Das glaubst du doch auch.“ Aber Mary antwortete: „Der war doch herrschsüchtig, wie alle Männer, welche die Welt verbessern wollen.“

Mary machte Ordnung in der Küche und zog sich früh zurück.

Als unser Gespräch über den verrückten Job und Joes Alkoholsucht eine Weile verstummte, anvertraute mir Bowles:

Mary ist eigen, wie du merkst. Sie hat den Jungen in unsere Ehe gebracht. Damals war ihr Leben schlimm und sie trank. Ich war davon los und nahm beide zu mir. Wir heirateten nicht, weil sie nicht wollte. Da lernte ich die Congregation in Wahrheit kennen, als sie mich bearbeiteten, erfolglos natürlich, und ächteten. David aber geriet mit sechzehn an die Drogen. So alt war er, als wir zusammenzogen. Ich war mit der Ambulanz zu jeder Zeit und Unzeit unterwegs und meist geschafft, so dass ich es nicht rechtzeitig merkte. Die Ordnungsmacht war scharf. Nach einer Razzia, welcher eine Quartierbande in die Fänge geriet, kam er nicht wieder. Erst eine Woche danach kam der Bescheid. Dave hätte nach einer Überdosis einen tödlichen Kollaps erlitten. Sie brachten ihn. Mehr erfuhren wir nie.

Ich blieb übers Wochenende in Joker. Als ich weg ging, umarmten wir uns.


Beim Aufstieg nach Lanark hatte ich auf das Industriedorf am Grund des Flusses zurückgeblickt. Ich trage die Notiz nach, welche ich beim Zwischenhalt eintrug: „Das Modelldorf ist eine Museumsruine. New Harmony und New Moral, die Projekte des Industrie-Romantikers Owen waren schon damals gescheitert. Ohne die Peitsche kann man den Menschen nicht lieben, sagte am Ende jenes betriebsamen Jahrhunderts ein deutscher Philosoph.






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