Die Glasgow-Wynds enthalten eine fluktuierende Masse, fünfzehn bis dreissigtausend. Contain: fassen, festhalten. Militärsprachlich: fesseln, einschliessen. Menschen! Ich sitze bei schlechtem Licht bis über die Ohren zwischen englischen Dokumenten. Es gab sie in Menge, die Wynds, lese ich im stockfleckigen Monthly-Report aus der Mitchell Library. Endlose Labyrinthe enger Gassen, in welche zwischen hochgetürmten Häusern Höfe und Sackgassen einmünden. Die Häuser, nach Raumbedarf aufgestockt, sind schlecht ventiliert und wasserlos. Obwohl sie verfallen, sind sie vollgedrängt von Bewohnern. Drei, vier Familien hausen je Stockwerk und viele Zimmer, als Schlafstellen vermietet, enthalten aufeinander gepackt zwanzig Personen. Quellen furchtbarer Epidemien, Container! Ich blättere Seiten mit grau-schmuddeligen Rändern, die sich aus dem Band lösen, und compiliere.
Die Mitchell Library enthält unter ihrer neoklassizistischen Kuppel 4 Millionen Dokumente. Industrieluft und Meersalz haben eine grüne Patina über die Kupfersegmente geworfen. Die Portale krönen Puttenfriese. Schlanke Säulen mit Akanthuskapitälen tragen die Decken der Säle. Die sitzende Allegorie der Weisheit im stillen Hof hält eine steinerne Schriftrolle auf ihrem Schoss entfaltet. Wissen lagert in den Bibliotheken wie die aus der Erdrinde geschlagene Fossilien in den Vitrinen naturhistorischer Museen. Ihre Bände dokumentieren eine post-diluviale Epoche: die Geistesgeschichte, solange es sie, als etwas Deutbares und Zusammenhängendes, noch gab. Als etwas Lebendiges, bevor sie von Frost überzogen zu erstarren begann.
Im Ausleihesaal stehen, zwischen Zettelkästen aus Eichenholz und düsteren Gestellen, welche mit endlosen Jahrgangsreihen bibliographischer Enzyklopädien angefüllt sind, moderne Arbeitstische, deren schwarze Glastafeln platingraue Bildschirme spiegeln. Hinter einem altertümlichen Pültchen in der Mitte der hohen Fensterfront sitzt, über eine mechanische Schreibmaschine gekrümmt, ein zerbrechlicher Mann. Sein seidenweisses Haar ist zu einer gepflegten Mähne zurückgekämmt und er trägt eine viel zu weite hellgraue Strickjacke, als ob er in diesem Saal sein privates Wohnzimmer eingerichtet hätte, in dem er sich den Spleen einer Schreibmaschine leisten kann. Seine Nase ist zierlich und vornehm gebogen.
Als ich ihm, noch etwas unsicher über die geltenden Vorschriften, mein Bestellformular zur Visierung vorlegte, blickte er mit fragenden Aeuglein durch seine schwarzrandige Brille in das Gesicht eines Ratsuchenden. Dabei reckten sich seine Backen und Kinnfalten aus dem steifen Kragen und ich sah, dass sein Rücken einen Buckel bildete, starr wie ein Panzer. Mit einem Bleistiftstummel deutete er auf die Zeile des Formulars, wo der Zweck der Ausleihe zu deklarieren ist. „Research“ hatte ich dort eingetragen. Ich wusste, dass ich die Forschungsabsicht spezifizieren musste: Entweder forschte ich privat oder im Auftrag einer Institution. Das Attribut „privat“ kann alle möglichen Interessen umschreiben, welche die Aufmerksamkeit zentraler Stellen auf sich ziehen. Die Institution ist dagegen genau zu bezeichnen. Der alte Mann hatte Erfahrung und spürte mein Dilemma. Ich solle doch einfach „scientific“ dazuschreiben, auch wenn es sich dabei um einen Pleonasmus handle, riet er mir aufmunternd mit einem leisen Zwinkern. Dann sagte er und beugte sich schon wieder über seine Schreibmaschine: „Sie wundern sich mit Grund über unsere Umständlichkeit.“ Und plötzlich erhob er sich, indem er ein Blatt von der Walze zog, und schäkerte: „Doch betrachten sie die Usancen als einen Dienst an den Büchern, mein Herr. Gewiss trifft zu: das Buch ist nutzlos geworden. Aber es ist greifbar. Der Mensch wird immer wie zufällig ein Buch aufschlagen und in seine Tiefe hineinsinken wollen.“ Dann schob er das Blatt auf einen Stapel, den er rollte und in die Rohrpost steckte.
Bücher seien greifbar, aber nutzlos geworden, hatte er gesagt. Er sass wohl seit dem letzten Jahrhundert hinter dem Nussbaum-Pültchen und klapperte auf seiner Underwood. Im ersten Jahrzehnt seit der Jahrtausendwende war es definitiv geworden: Das NET löste die Bibliothek ab. In den Quantenspeichern des NETS lagert zwar heute, in Bites gemessen, hunderttausendmal mehr Information als in den grössten Bibliotheken des 20.Jahrhunderts. THE NET CONTAINS: eine Mega-Enzyklopädie, fluktuierend, global, von der Basis der Nutzer laufend produziert. Es hiess: Das NET sei die Erfüllung der Aufklärung als Progress. Die Information sei nicht mehr fremdbestimmt, lautete die Werbung, sondern in das Eigentum aller übergegangen, permanente Kommunikation. Aber die Schockwelle dieses Evolutionssprungs war vor den Marmorstufen der ehrwürdigen Mitchell-Library verebbt. Sie drang nicht in die Nische, in welcher das Wissen des kleinen Ausleihebeamten unentbehrlich blieb.
Ich hatte das Bestellformular ergänzt und reichte es dem alten Herrn zur Visierung. Da murmelte er, wie wenn er meine Gedanken gelesen hätte: „Die Information ist kommunisiert - und kommun! Und die Geschichte ist in diesem Kommunikationskreis zu Ende wie die verwegene Fahrt der Gallonen im Gallertmeer. Sie wissen“, fügte er bei und hob dabei wieder seinen Kopf, „damals, am Ende des Mittelalters, als die Schiffe in eine ungewisse See stachen und der Buchdruck in Europa gerade erfunden wurde.“
Wozu brauche ich die Bücher? Ich kann zwar im NET herumzappen, mich in die Beliebigkeit der Totalität abstürzen lassen. Verfolge ich aber einen Weg, dann ist kein Schritt mehr dem Zufall überlassen. Das SYSTEM ist die Abschaffung des dialogischen Prinzips. Es hat sich, ohne dass wir es merkten, zur ultimativen Ratio in ihrer hybridesten Gestalt aufgebläht (technische Perfektion purer Hochstapelei!). Ich brauche die Bücher und die Zeitschriften, damit mir das System den Zweifel nicht raubt, damit es aus meinem Leben die Beschwerlichkeit des Zufalls nicht extrapoliert. Ich brauche sie auch deshalb, weil ich der Authentizität ihrer virtuellen Kopien misstraue. Und ausserdem mache ich mir keine Illusionen: Das SYSTEM kontrolliert jede Bewegung, es registriert meinen Weg, es durchfiltert meine Welt, um sie zu absorbieren.
Es herrscht eine feuchte Hitze in meinem Dachzimmer. Ich bin durstig. Das bräunliche Rinnsal aus der Leitung riecht faulig. Wahrscheinlich ist wieder ein Pumpwerk ausgestiegen. Die Wasserversorgung ist korrupt. Das ist ein alltägliches Geheimnis. Die Wahrheit hat keine Lobby. Angst besetzt ihren verwaisten Platz.
Ich habe einen Pot of Tea bestellt. Ein schwarzes Zimmermädchen trägt ihn auf einem Plastiktablett herein und bleibt zögernd stehen, weil mein Tisch mit Zeitungen und Büchern belegt ist.
Das Mädchen hat einen schwarzen, kaum knielangen Pli-Jupe an. Sie hat eine adrette Schürze umgebunden und trägt eine weisse Bluse mit frisch gestärktem Kragen. Der Glamour eines Grand-Hotels der vorletzten Jahrhundertwende erstrahlt in meinem miesen Zimmer bei ihrem Erscheinen wie in einem alten Film. Das Rascheln der gesteiften Wäsche ist bloss in der Vorstellung hörbar. Es ist möglicherweise die Uniform der Bedienten und ihr jugendliches Zögern, welche einen Anflug pädophiler Begierde in mir wachrufen. Weit mächtiger ist jedoch mein Erstaunen über ihren hochgewachsenen, grazilen Körper und den Ewigkeitsblick ihrer ägyptischen Mandelaugen, welche jetzt vom königlichen Emblem einer aufgeschlagenen Zeitschrift und von den Schnörkeln des mit ihm verwirkten Titels, wie vom Anblick eines exotischen Tiers, gefangen sind: THE ROYAL MORNING POST.
Auf mein Kopfnicken stellt sie das Tablett auf meinem ungemachten Bett ab. Sie stammt aus Darfour. Wahrscheinlich hat sie die Heimat ihrer Eltern, welche selbst in England aufgewachsen sind, nie gesehen. Was ist überhaupt Heimat? Gibt es Darfour noch auf der Landkarte?
Der letzte Gentleman unter den Gästen dieses heruntergekommenen Hotels ist vor etwa einer Generation ausgestorben, damals, als die Zimmer an Dauermieter vergeben wurden. Vermutlich war er ein verarmter Kaufmann oder pensionierter Dozent für Elektronik indischer Abstammung. Ich bin kein Gentleman, nicht einmal ein britischer Bürger. Ich bin ein Fremder mit britischen Wurzeln. Mein Visum weist mich als Journalist aus. Ich habe das Zimmer auf unbestimmte Zeit gemietet.
Der Tee ist nicht bernsteinfarben, duftet nicht nach Jasmin. Er hat auch kein Crown-Signet und kein berühmtes Label, das für ihn wirbt. Er ist schmutzigbraun wie das Leitungswasser und wässerig, aber wenigstens heiss und gezuckert geniessbar. Und er hält mich wach. Ich notiere.
Gott bedeutet: Cotton und Stahl. Progress: Hochdruckkessel, Treibriemen, Mechanik, System, Eisenbahn, Flotte, Militärmacht, Kapital. Und Wohlstand: Upperclass-Arroganz, Manorhaus, Gestüt, Clubs mit Marmortoiletten. Indern, welche das Tuch nicht kaufen, sondern selbst spinnen wollten, wurden die Daumen abgehackt.
Die Assoziierten zogen die Kesselventile, legten Brände und Bomben, erschlugen die Knot-sticks. Doch die Plug-Plots brandysüchtiger Baumwollspinner sind gegen den Fortschritt so hilflos wie die puritanischen Waffen des Glaubens, die engines of wonder. John Bunyans Zion, das Endziel des progress of salvation, ist: die City, die Planstadt, die automatische Produktions- und Konsummaschine und die Metropole aller Börsen, das British Empire.
There is no way out of the city of destruction. Kapital zieht Kapital an. Und die Fabriken aus der Namenlosigkeit provinzieller Hörigkeit: Menschen. Dunkle Sklaven aus dem Kongo, aus dem Kamerun, aus Darfour; dann Hochländer, Juden, Iren; dann Asiaten und Afrikaner aus den Kolonien und aus dem Commonwealth. Ihrem Boden entfremdete Mäuler, ihrer hölzerner Räder und Stühle beraubte Arbeitssubjekte, agglomeriert unter der Botmässigkeit des Kapitals.
Was Tätigkeit des lebendigen Arbeiters war, wird Tätigkeit der Maschine. So tritt dem Arbeiter grob-sinnlich die Aneignung der Arbeit durch das Kapital - die lebendige Arbeit in sich absorbierend, als hätt es Lieb im Leibe - gegenüber.
Die auf der Viktorianischen Insel in Gang gekommene neue Glorious Revolution befreite die lebendige Produktivkraft von der Botmässigkeit des Bodens, um sie im System mechanischer Automaten zu absorbieren und ihrer Lebendigkeit zu entfremden. Doch diese Glorious Revolution hatte etwas hinreissend Tänzerisches und verdrehte dem Barmer Fabrikantenspross die Augen, als er vom Kontinent übersetzend die Themse hochfuhr: „Nichts Imposanteres als die Häusermassen, Werfte, Schiffe, immer dichter und dichter, alles zusammengeschlossen, grossartig, massenhaft. Weltstadt! schrieb Engels damals.“
Auf dem Kontinent indessen schossen Cavaignacs Tireurs die zu einem Zweckbund vereinigten Republikaner und Proletarier zusammen, fegte die wrangelsche Strassenkehrmaschine Barrikaden und Nationalversammlung mit preussischer Intransigenz weg und entlarvte die Solidarität im Namen der Freiheitsrechte als Hohn. Marx rekapituliert in London die Pariser Ereignisse: Revolutionäre Erhebung der französischen Arbeiterklasse, Weltkrieg! Das lächerlich verstiegene Wort zu seiner Zeit spiegelt hochgespannte Erwartungen. Es maskiert die Resignation nur schlecht! Zwei wirkliche Weltkriege wurden im folgenden Jahrhundert um koloniale Märkte, Kohle, Erdöl, Ressourcen, Mythen und Macht geführt. Nicht um soziale Gerechtigkeit: Die Weltrevolution wurde zur Luftspiegelung.
Als über der Clydebank vor einem Menschenalter, das sind fast genau hundert Jahre, die Destillery von Dalmuir aufflackte, steckte sie den Himmel über Glasgow in Brand. Denn über diese Signalfackel peilten die deutschen Bomber die Docks an und klinkten zeitgenau ihre Last aus. Diese stampfte die Werft des Empires in den nebelverhangenen Fluss. Die Bomben rissen die Arbeiterquartiere in Trümmer und verkohlten die Hoffnungen. Blau züngelten die Lagerreserven des creamy-smooth tasting Auchintoshan den Kanal hinab in das Inferno, welches erst nach sieben Tagen verrauchte. Zehntausende zogen fort, der Niedergang der Schwerindustrie hatte begonnen.
Der geteilte Weltfriede verlängerte ihre Agonie. Keine Friedensmassnahme wechselnder Regierungen stoppte die Serie der Pleiten. Die Zukunft Glasgows wollte in der Mündung seines Flusses verschlicken. Aber der Zusammenbruch und die Aussicht auf einen neuen Krieg war die Stunde des Konzerns. Dem Kalten Krieg folgte der Krieg um die sogenannte liberale Weltordnung. Es war d e f a c t o der Krieg um die Herrschaft über die Reserven des Wohlstands. Der Crescent der Jahrtausendwende war die Revolution der digitalen Vernetzung, der integrierten Systemtechnologie, wie eines der Reizworte lautete, welches die Manager des Aufschwunges in Umlauf brachten. In den Top-Etagen dachten sie in Plusminus-Kategorien wie shares, profit accounts, bites. Die Technologen konzipierten die nanomuskels, stealth-shape-vehicles, tripple-head-missiles, vacuum-bombs und die Perversion der intelligenten Munition.
Der Kapitalismus entfaltete seine alles mitreissende Gravitation nocheinmal am Ende des zweiten Jahrtausends. Die am Anfang des dritten durch die Attacke des Terrors unter ihrer Masse implodierten Zwillingstürme auferstanden als schwindelnde Brillantnadeln über Manhattan. Neue Megapolen griffen mit stählernen Krallnägeln nach dem Himmel. Doch während die Broker die Gewinne hochtrieben, versank der Techno-Krieg gegen den reaktionären Terror der Glaubenskrieger in blutigen Schlächtereien. Der Einsatz atomarer Missile gegen die revolutionäre Vormacht der Weltarmut hob die Weltgeschichte aus den Angeln, setzte die Dialektik ausser Kraft. Die Detonation der Sprengköpfe über den Engines der Weltrevolution, über dem Aufschrei der fanatisierten Massen enthauptete die Metropole aller Börsen selbst. Die schmutzigen Nukes waren die Antwort. Und der vorbereitete Angriff auf Sellafield aus der irischen See.
Der Weltmarkt brach ein, die Produktion wurde gedrosselt. Das soziale Netz zerriss. Unter der globalen Depression zerfielen die Gemeinschaften, teilten sich die Städte in Ghettos. Ihre Bewohner, arbeitslos, von Strassengangs beherrscht und terrorisiert, leben im permanenten Aufstand gegeneinander und gegen die Polizeimacht. Konkurrierende Konzerne haben das staatliche Sicherheitsmonopol aufgespalten. Die Regierung ist der auswechselbare Arm des tiefen Staats. Zwischen Militärs, Polizei und paramilitärischen Verbänden schwelt ein Machtkampf. Das ist der Zustand dieses elenden geschichtslosen Jahrhunderts.
Ich habe den Bogen des Berichts notiert. Aber ich werde ihn nicht ausführen und niemals zu Ende bringen. Sein Material ist in meinem Kopf nicht druckfertig geordnet. Mir fehlt die Passion, welche die Schraube der ökonomischen Analyse an die Verhältnisse setzte.
Damals waren die Verhältnisse real. Marx konnte die Childrens Employment Commission zitieren: Nichts ist das Produkt ihrer Beschäftigung in Geldwert verglichen mit der Verwüstung von Lebenskraft. Und die Verjagung der Highland-Aborigines aus den öden Mooren und Gebirgsweiden des Herzogtums Sutherland zur Förderung der Schafzucht, einer schottischer Woll-Monokultur, erregte den Denker. Doch er verliess sich auf gedruckte Berichte. Weder fasste er ein Herz, die Glashütten und Spinnereien von innen zu inspizieren, noch erwanderte er je das schottische Ödland. Den Sporen des Elends der Glasgow-Wynds gab er keine Chance, in die Windungen ökonomischer Systemkritik einzusickern und sein Denken zu kontaminieren. Die revolutionäre Theorie hielt ihre bildungsbürgerlichen Erzeuger nicht davon ab, ihre Domestiken zur englischen Weihnachtsfeier Truthahn, gekochten Schinken, Plumpudding auftragen zu lassen. Die Verhältnisse waren für Marx gerade so real, dass er sich nicht scheute, das Geld für solche Köstlichkeiten auszuleihen, falls es erforderlich war.
Die Realität ist einerseits verhältnislos geworden, entzieht sich - als Ganzes - der Abstraktion sozialer oder ökonomischer Theorien. Andererseits erleichtert das Angebot des NETS die Verdrängung; es steigert die Versuchung, sich der Herausforderung der Realität zu entziehen. Wer begreifen will, muss sehen. Das heisst aber nichts anderes, als dass er hineingeht, sich dem erosiven Sog der Wirklichkeit aussetzt. Er wird sein Seelenheil riskieren. Und sein Leben. Zweifel holen ihn ein, bevor ihn vorgefasste Konzepte erleuchten. Wenn er Durst hat, kann er sein Wissen nicht verdrängen, dass atomarer Fallout und Arsen das Wasser vergiftet. Durst ist eine Voraussetzung des Lebens. Ist seine Stillung ein Menschenrecht? Kann es Dinge geben, die wir nicht wissen sollen?
Physisch real ist in der Glasgower Nacht das Hundegebell. Sein Echo in den Gallowgates bohrt sich, den Gehörnerv sezierend, ins Hirn. Die Pakistaner halten die verwilderte Rasse in den öden Höfen zwischen den gigantischen Hochhauszeilen ihrer Satellitenghettos zum Selbstschutz. Und sie züchten sie für die Kampfarenen. Mit Wetten ist Geld zu machen. In den neuen Ascots peitschen farbige Jokeys halbwilde Heidepferde. Staub und Schweissgeruch der Pferde sättigen die feuchte Meerluft. Spleenige afrikanische Damenhüte und Turbans schwärmen im Gedränge um die Wettstände. Drogen im freien Handel, Bier und billiger Sekt putschen die Gewinne der Veranstalter auf und die bleierne Trance belebt die Geschäfte der Buchmacher. Für sie werden die Pferde gnadenlos zu Tode geritten. Wetttickets für Hippodrome und für die blutigen Hundekämpfe sind so gefragt wie Konjunkturprognosen und Börsentipps. Die Städte sind ausgebrannt. Der Belagerungszustand ist permanent. Merry Christmas wird nicht mehr gefeiert. Aber die Protzvillen in den Wohlstandsghettos demonstrieren den Reichtum einer korrupten Oligarchie. Die Börsen bestätigen unbeirrbar das Recht neu emporwachsender Märkte. Gerüchte von Uebernahmen und vereitelten Putschversuchen schaukeln die Aktienwerte hoch. Die Finanzjongleure haben die Welt im Griff, sie haben ihre sattelfeste Lobby, sie sitzen in der Regierung.
Vier Wochen lang habe ich jede Nacht Tee bestellt. Seit drei Tagen bringt das Zimmermädchen den Tee ungefragt nachts um elf auf mein Zimmer. Ich finde dies nicht ungewöhnlich, da das Personal besserer Hotels bei Zeitmietern auf individuelle Wünsche achtet, worauf sich gewisse Förmlichkeiten einspielen. Jedoch überrascht mich die Tatsache, dass der Tee seit vorgestern einen intensiven Jasminduft verströmt. Ausserdem halte ich mein Hotel nicht für eines der besseren.
Meine Notizen füllen pocketgrosse Hefte bis zu den Rändern. Datenlose Eintragungen, Entwürfe oder besser Vorsätze eines Entwurfs. Dieser wird vielleicht einmal vom Netz aufgefangen und mit anderen Entwürfen an virtuellen Ufern angeschwemmt werden. In Fragmente und Partikel aufgelöst wird er dann ins Gegenstandslose abtreiben. Die Halbwertzeit seines Fallouts wird im Vergleich zu jener von Plutonium und Cäsium verschwindend sein.
Ich verdiene mein schlechtes Geld unehrlich mit dem Verfertigen von Reportagen, die in meist zweifelhaften Wochen- und Monatszeitschriften erscheinen. Sie zahlen mir die Honorare unter der Hand für den heissen Balllauf. Die Linien sind verwischt, die Richter bestochen. Ich grabsche nach den zerknitterten Scheinen unter flüchtig hingestreckten Händen und riskiere meine Selbstachtung. Ich lauere wie meine Gegner, die mir zwischen die Beine fahren, auf den Coup. Den verkauft man teuer, vielleicht um das Leben. Das miese Leben eines freien Reporters. Meine Form von Recherchen hat keine Konjunktur. Ich gebe aus Trotz nicht auf, notiere. Die Not macht einen wie mich pathetisch. Vielleicht warte ich ja auf die Gelegenheit mich abzusetzen - wohin? Aber ich halte mich daran, dass abzubrechen sinnlos wäre.
Der Jasminduft widert mich schon am dritten Abend an. Der Tee riecht nach Vorzugsbehandlung. Ich würde bald mit weiteren Vergünstigungen rechnen können und einmal - zu spät wohl - merken, dass ich dafür bezahlte. Nicht mit Geld. Abgesehen von diesem Unbehagen ziehe ich den herben Gunpowder dem süsslichen Jasmin ohnehin vor. Inzwischen kenne ich den Vornamen des Zimmermädchens. Ich habe sie nach ihrer Herkunft befragt und sie sprach von ihren Eltern. Sie sind aus Gorbal nach East End gezogen und leben in einem Schachtelblock hart am Motorway-Kreuz. Die meisten Bewohner ihres Blocks sprechen arabisch. Als Joe gestern den Tee bachte, fragte ich sie, woran sie gemerkt zu haben glaube, dass mir der Jasmintee besser schmecke. Ich dachte, sie wäre verlegen. Sie antwortete bloss, die teure Sorte sei zwar rar, aber das Hotel könne sie beschaffen. Ich fragte, ob sie der Direktor beauftragt habe, mir meine Wünsche von den Lippen abzulesen. Sie lachte und zeigte ihr weisses Gebiss. Wenn es so wäre, dann würde sie mir weiterhin Gunpowder bringen. Sie habe mich wohl richtig eingeschätzt, aber der Direktor bestehe auf Jasmin. Uebrigens würde sie mir noch heute in der Küche Gunpowder holen, falls ich es wünsche. Da ich die billige Sorte nur halbherzig wünschte, sagte ich nein. Doch heute Abend servierte sie mir Gunpowder. Pur, von der feinsten Qualität. Ich hatte keine Chance mehr, die Liebenswürdigkeit ihres Chefs auszuschlagen. Vielleicht war mein Eindruck subjektiv. Ich roch es, fühlte es im Gaumen, im Magen: Auch das Wasser war einwandfrei, Quellwasser aus dem Spey-Tal, weich, torfhaltig, rein. Es wurde seit der Katastrophe von der Company in Tankwagen nach Glasgow transportiert, aber nur für eine Sonderkundschaft, welche dafür seinen Preis zahlte. Inzwischen hat die Company die Brennereien an der Whiskystrasse in den Highlands aufgekauft. Mit britischem und australischem Kapital. Ich bin schon in Liverpool in den Filz eingedrungen. Es roch darin nach Whisky und Plutonium. Die Spur zerrann, sie wurde vom Filz aufgesogen. Aber ich wusste, wer das seidenglänzende Garn spann.
In der Mitchell-Library habe ich inzwischen die Recherchen wieder aufgenommen. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, aber ich tat es so beiläufig wie möglich. Gestern hat mir der bucklige Beamte im Ausleihesaal mit anscheinend unverfänglichem Datenmaterial über internationale Joint Ventures in der Textilbranche einen Zettel zugeschoben, auf den er einen Satz gekritzelt hatte, den ich als Warnung auslege: „Chain smokers burn their fingers.“
Das Aufleuchten einer Koinzidenz veranlasst mich eine biografische Randnotiz anzuhängen. Vor dem Einschlafen nachts um eins entdecke ich auf dem Deckglas meines Nachttischs ein Flacon. Auchintoshan. Joe wird es hereingeschmuggelt haben. Gestohlen? Macht sie mich auf diese Weise zum Teilhaber kleiner gemeinsamer Geheimnisse? Stellt sie mich auf eine Probe? Die Probe ist kostbar, ich öffne und rieche. Und koste sie ohne Zögern auf der Zunge: echt!
Ich war wohl siebzehn gewesen, als Alphege uns in Lüttich aufsuchte. Unangekündigt, unvermutet. Er gab sich als der jüngere Bruder meines Grossvaters aus, war mein Grossonkel aus Glasgow, von dem ich nichts wusste. So erfuhr ich, woher mein Grossvater kam, meine Mutter hatte darüber nie geredet, ihren Onkel, wenn sie von seiner Existenz wusste, auch nie gesehen. Alphege war bei der Invasion nicht dabei gewesen. Er hatte von der Kunst gelebt und die Royal Army setzte ihn im Krieg an der Heimatfront ein.
Joes Flacon erinnert mich an den Geruch, der über der Wilderness und über dem Dalnottar-Cemetary hängt. Besonders intensiv bei Nebel, draussen in der Umgebung der Destillerie am Rand von Glasgow, wo ich Jahre nach Alpheges Besuch in Lüttich hinzog. Und er erinnert mich an die Erzählung meines Grossonkels.
Als die Destillerie während des Kriegs lichterloh brannte und die deutschen Nachtbomber über blaue Flammen die Glasgower Werft anpeilten, schlugen auch über London und Coventry deutsche Bomben versengend nieder. Alphege peilte mit seinem Stift die lodernden Skelette der getroffenen Gebäude Londons an, denn die Royal Army hatte ihm den Auftrag erteilt, auf Londons Dächer zu steigen, um den Brand der City zu malen.
Alphege, der mir diese Geschichte erzählte, hatte die Kränkung weggesteckt, dass die Militärverwaltung über die unter der Emphase des riskanten Kriegsabenteuers entstandenen Produkte seiner Kunst verfügte. Er erwähnte wie beiläufig, die Aquarelle seien heute im Commenwealth War-Museum von Canberra archiviert. Sie waren also in registrierten Ziehschubladen in irgendwelchen klimatisierten Kellerräumen des Museums an der pazifischen Küste versorgt, um dem öffentlichen Blick entzogen zu vergilben. Ich spürte, dass ihn der Entzug schmerzte, wo er doch gezwungen war, den konventionellen Geschmack der Londoner Gesellschaft zu befriedigen, sofern er von der Kunst leben wollte. Dieses nächtliche Experiment aber hatte ihn zu einer Werkserie befreit, welche den dokumentarischen Charakter kühn verleugnete.
Mein Grossonkel hatte als Reporter auf seine Weise den Krieg, den er künstlerisch dokumentieren sollte, überlebt. Ich sollte ihn nicht wieder sehen. Als ich nach dem frühen Tod meiner Mutter, sie starb an Gebärmutterkrebs, nach Glasgow zog, war Alphege bereits tot. Er hatte sein kleines Atelier in East-Dalmarnock mit einem Restbestand an Bildern liquidiert und mir ein kleines Vermögen vererbt, das ich für meine Ausbildung brauchte. Ausserdem vermachte er mir ein Ölporträt seiner Mutter. Und einen Brief meines kriegsverschollenen Grossvaters, welchen ich seither immer bei mir trug.




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